Von der Endlichkeit der Existenz

»Wollen wir den Tod überwinden?« – So lautet das Thema des ›Forum neuer Musik‹ am Deutschlandfunk, das 2021 aufgrund von COVID-19 als reines Radiofestival ausgestrahlt wird. Sieben künstlerische und journalistische Beiträge bündeln verschiedene Perspektiven auf Sterben und (Un)Endlichkeit heute – einer davon ist die »Streitkultur« zwischen Juliane Vieregge und Volker Demut.

Wir können machen was wir wollen: Nur gesundes Essen, Sport in gesundem Maß, kein Tabak, kein Alkohol und auch sonst keine schädlichen Substanzen. Doch der Tod überkommt uns dennoch irgendwann. Die eigene Sterblichkeit ist eine Konstante unserer Existenz, denn da wo gelebt wird, muss auch gestorben werden.

Doch ebenso wie die Sterblichkeit ein Grundzug unseres Daseins ist, so ist dies auch unser Streben eben jene Sterblichkeit zu überwinden. Unsterblichkeit ist eine Fantasie, welche die Menschen über die Jahrtausende verbindet. So ist das, was wir heute als Science Fiction wahrnehmen, doch auch schon Thema in den Mythologien der Alten und Neuen Welt. Unsterblichkeit ist seit Jahrtausenden die Eigenschaft der Götter, die Überwindung des Todes wird somit zum göttlichen Akt erhoben. Unsterblichkeit das ist in fast allen kulturellen Räumen dieser Welt nicht nur eine Eigenschaft, sondern ein Versprechen, ja eine Verheißung auf das ewige Leben.

Aber ist dieses Versprechen wirklich so verheißungsvoll? Ist die Unsterblichkeit vielleicht nur eine fehlgeleitete Fantasie, die sich dann allzu dramatisch als Alptraum offenbart?

Mit der Frage, ob Unsterblichkeit erstrebenswert sei, haben sich sowohl Juliane Vieregge, als auch Volker Demuth auseinandergesetzt. Beide haben den Tod eines Elternteils erlebt und doch gänzlich unterschiedliche Schlüsse gezogen. Da wo Demuth nach Perfektion und Optimierung des Organismus strebt, um so eine Diskussion über das Sterben obsolet werden zu lassen, setzt sich Vieregge für einen aktiven Umgang mit der Sterblichkeit ein, für ein Bewusstsein über den Wert des Todes für das Leben.

Transhumanisten, das sind für Vieregge moderne Schreckgestalten, für Demuth aber Vordenker, ja Visionäre einer erstrebenswerten Zukunft des Menschen. Transhumanisten, dass sind Menschen, die den Menschen vom Menschsein lösen wollen, indem sie ihn von seinen biologisch determinierten Grenzen befreien. Jenseits des Menschen präsentiert sich das Transhumane als ein technisches Machwerk, ein Konglomerat aus Daten und Algorithmen, das derzeit noch an eine fleischlich-vergängliche Hülle gekoppelt ist. Kontrolle steht im Fokus. Kontrolle ist das Ziel und der Tod als Instanz des ultimativen Kontrollverlusts erscheint als großer Feind der Transhumanisten.

Doch da wo nach der Unsterblichkeit, der Unendlichkeit des Seins gestrebt wird, verliert das Vergängliche, das Sterbliche, das Endliche seine Bedeutung. In seinem Streben nach Kontrolle und Optimierung des eigenen Lebens, des eigenen Organismus, der eigenen Evolution führt der Transhumanismus doch letztlich dazu, dass das unbeständige wechselhafte Leben an Bedeutung verliert und letztlich nur zu einer leeren Hülle verkommt. Im Transhumanismus stehen dem Menschen alle Möglichkeiten offen. Er bietet die Verheißung einer Loslösung von Körper und Geschlecht, dem Wechsel von Körper und Geschlecht, ja sogar der Manipulation der Evolution und täuscht doch nur darüber hinweg, dass im Transhumanismus der Mensch verloren geht. Denn der Mensch, der nur noch Software ist, nur noch auf Selbstoptimierung zielt, auf kaltes technisches Wettrüsten, verliert seine Individualität zwangsläufig.

Dennoch ist es verlockend nach einer Überwindung des Todes zu streben, nach mehr Zeit, mehr Gelegenheiten, mehr Möglichkeiten. Die Verneinung einer solchen partiellen Überwindung des Todes scheint in einer Zeit von Chemotherapie, Penizillin und Antiretroviralen Medikamenten geradezu obszön. Doch der Transhumanismus gibt sich nicht mit der Heilung der Kranken und Schwachen zufrieden. Vielmehr wollen sie den Tod nicht nur hinauszögern, sondern überwinden.

Nicht nur bei den Transhumanisten scheint die Überwindung des Todes eine Möglichkeit eine völlige Freiheit und Individualität zu schaffen, bei dem jeden Mensch völlig selbstbestimmt und von der Natur unabhängig entscheiden kann, wann und wie er aus dem Leben scheiden möchte. Doch ist es nicht die Unberechenbarkeit des Lebens, die Unabsehbarkeit seines Endes, welches eben jenem Leben erst seinen Wert gibt?

Gefährlich ist laut Vieregge, dass der Mensch verleitet wird nach Unsterblichkeit zu streben, um so die Notwendigkeit eben jener unangenehmen Auseinandersetzung mit dem Tod aus dem Weg zu gehen. Das Transhumanistische Streben wirkt wie ein Kind das sich die Finger in die Ohren steckt und laut LALALA sagt, um die belehrenden Stimmen seiner Eltern auszublenden.

Der Transhumanismus will uns dazu verleiten, nach Perfektion zu streben, anstatt das Imperfekte zu akzeptieren. In der Unendlichkeit wird ein Segen gesehen, der den Tod als große Imperfektion des Lebens eliminiert. Aber was wäre Licht ohne Schatten? Was wäre das Leben ohne den Tod?
Nichts!

3 thoughts on “Von der Endlichkeit der Existenz

  1. Das ist eine schöne, philosophische Reflexion zum Thema ›Unsterblichkeit‹ unter Diskussion transhumanistischer Diskurse. Was etwas zu kurz kommt, um als journalistischer Text gelesen zu werden, ist der Aufhänger: Also wo, wie und von wem wird diese Reflexion ausgelöst? Sprich: Am Anfang müsste das Forum neuer Musik am Deutschlandfunk genannt und konkret auf die hier besprochene Veranstaltung hingeführt werden: Die Diskussionsrunde in der Sendereihe »Streitkultur« (Ich habe einen Vorschlag eingeschrieben, der gern auch noch angepasst werden darf 🙂

  2. Sehr spannende Gedanken, die wahrscheinlich im Klassenraum zu einer ausschweifenden Diskussion führen würden.
    Im weiteren Sinne geht dabei ja auch um den Sinn des Lebens und was wir eigentlich vom Leben erwarten…
    Ich finde den Text nachvollziehbar und angenehm zu lesen 🙂

  3. Den Menschen am Ende in Daten und Algorithmen einzuteilen und so zu konservieren finde ich gruseliger als den Tod selbst. Ich finde du hast das Problem sehr präzise benannt: Wir wollen das Imperfekte nicht akzeptieren und streben deswegen nach einer Überwindung des Todes (Perfektion). Aber vielleicht hält uns genau diese Inakzeptanz davon ab, wirklich zu leben?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.