Von einem, der auszog, das glücklich-sein zu lernen.

Raus aus der Stadt, weg von der Zivilisation, kein Konsum mehr, zurück zur Natur – es wirkt zuweilen so, als ob sich immer mehr Menschen dem Konsum und unserer Gesellschaft entsagen und sich zur Natur und einem einfachen, urtümlichen Lebensstil besinnen wollen. Vermutlich gibt es Aussteiger:innen schon seit dem Aufkommen der ersten Gesellschaften. Doch in den letzten Jahren gerät das Thema immer häufiger in den Blickwinkel verschiedener Medien.

„Into the Wild“ erzählt die reale Geschichte des US-Amerikaners Aussteigers Christopher McCandless alias „Alex Supertramp“, der mit 22 Jahren eine zweijährige Reise quer durch die USA antritt. Sein Ziel: in der Wildnis in Alaska leben – fern von Gesellschaft, Zivilisation, Materialismus und vor allem seinen Eltern. 

Der eigentlich aus einer wohlhabenden Familie stammende Christopher ist geprägt von Schriftstellern und Philosophen wie Leo Tolstoi, Henry David Thoreau, Ralph Waldo Emerson und Jack London. Seinem Vater – Radartechniker und Angestellter bei der NASA – begegnet er häufig mit Ungehorsam und lehnt dessen Ideale, dem Streben nach einem perfekten Studium und einer glänzenden Laufbahn, ab. Die häusliche Gewalt seines Vaters gegenüber seiner Mutter scheint ihn ebenfalls sehr zu prägen. Nach dem Abschluss seines Studiums und einer Spende seines verbleibenden Studienetats über 24.000$ tritt er eine Reise quer durch die USA an. Dabei hinterlässt er keine Spuren und sorgt somit dafür, dass seine Eltern ihn nicht finden können.

Nachdem er sein Auto in der Wüste stehen lässt, macht er sich nur mit seinem Rucksack und einer goldenen Armbanduhr auf den Weg. Auf seinem Weg trifft er verschiedene Personen, zu denen er unterschiedliche Arten von Beziehungen aufbaut. Dennoch lässt er sich durch keine dieser Beziehungen davon abhalten, weiter zu ziehen. Für ihn ist es nicht die (menschliche) Gesellschaft, sondern die Einsamkeit, die glücklich macht.

Das absurde System, welchem er entfliehen will und welches den Zuschauenden präsentiert wird, offenbart sich an dem Punkt, an dem er mit einem Kajak auf einem Fluss in den Süden der USA fahren möchte. Der örtliche Polizist erklärt ihm auf seine Nachfrage, wo man am besten in den Fluss einsetzen könne, dass er für das Befahren des Flusses erst eine Genehmigung und einen Termin brauche. Der nächste freie Termin zum Befahren dieses Flusses: in 12 Jahren.

Irgendwann scheint er „genug Sand gefressen“ zu haben, weshalb er nach Los Angeles kommt. Als er dort in einem Obdachlosenheim übernachten will, durch die Stadt zieht und sieht, wie das Leben in der Stadt aussieht, merkt er wieder, weshalb er weg wollte – und begibt sich wieder auf seine Reise. Nachdem er einen alten Veteran kennenlernt, der ihn sogar adoptieren möchte, kommt er schließlich nach Alaska, wo er einen alten Bus findet. 

Dieser Bus wird sein neues Zuhause in der Wildnis. Er führt Tagebuch, liest Bücher und geht mit seinem Kleinkalibergewehr bewaffnet jagen. Seine Ernährung besteht aus Reis, den er mitgebracht hat, Fischen und dem gejagtem Wild. An diesem Punkt fragt sich der/die Zuschauer:in, wie jemand mit einer derart spärlichen Ausrüstung auf die Idee kommen könnte, tatsächlich in der Wildnis von Alaska überleben zu wollen.

Nach seinen anfänglichen Jagderfolgen verlässt ihn irgendwann sein Glück, weshalb er sich von Wildpflanzen ernähren muss. Nachdem er wegen einer Verwechslung giftige Pflanzen verzehrt, findet er sich geschwächt und gelähmt in seinem Bus wieder. In seinen letzten Augenblicken scheint er seinen Eltern zu vergeben und gelangt zu der Erkenntnis, dass Einsamkeit doch nicht zu Glück führt, da man Glück teilen muss, um glücklich zu sein.

Der Film versteht es, durch seine Bilder eine Sehnsucht nach der Natur zu erschaffen. Immer wieder werden Bilder gezeigt, die schon fast etwas romantisierendes haben – auch das einsame Leben in Alaska wirkt teilweise stark romantisiert. So sehnt sich – in Teilen durch den Film und seine großartigen Bilder geblendet – der:die Rezipient:in schon fast danach, einen Rucksack zu packen und in die Wildnis zu ziehen.

Durch das Ende scheint der Film den Rezipient:innen aber dann doch deutlich machen zu wollen, was er bislang kaum getan hat: bei aller Schönheit ist die Natur vor allem eines – erbarmungslos und unwirtlich. Auch wenn er insgesamt nicht abschreckend wirkt, gibt er Zuschauer:innen damit zu verstehen, dass er nicht dazu einladen möchte, derart unvorbereitet in die Wildnis zu ziehen und es Supertramp gleichzutun.

2020 wurde der Bus aus Alaska entfernt und einem Museum zugeführt. Grund dafür: zum Bus pilgernde Tourist:innen verunglückten immer wieder bei dem Versuch, die Bilder, die der Film zeichnet, selbst zu erleben. Dabei könnten sie ja auch einfach auf die Erkenntnis zurückgreifen, die Supertramp tragischerweise mit seinem Leben bezahlen musste: Glück findet sich weder in der Einsamkeit, noch im Materialismus – sondern im Teilen von Erfahrungen und Erlebnissen.

One thought on “Von einem, der auszog, das glücklich-sein zu lernen.

  1. Super Einstieg – sprachlich, v.a. aber, weil hier ein Thema eröffnet wird, das weit über den eigentlich beschriebenen Film hinausreicht! Das hätte durchaus konsequenter durchgezogen werden können, also: die Thematik des Films wirklich nur als Aufhänger zu nutzen… Insgesamt ist das für eine Kurzkritik natürlich zu lang – und man hätte durchaus auch hier und da etwas straffen können, gerade zugunsten der Metaerzählung: dem Aussteigen. Schön auch, wie der Bogen am Ende geschlossen wird.

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