Zwischen Kunst und Künstlichkeit: Wo fängt Entmenschlichung an und wo hört Kreativität auf?

Das 21. Forum neuer Musik des Deutschlandfunks in diesem Jahr widmet sich der Frage: „Wollen wir den Tod überwinden?“ Leitgedanken und -themen hierzu umfassen vor allem trans- und posthumanistische Perspektiven; aber auch Künstliche Intelligenz und Musikwandel. Aufgrund der Corona-Pandemie findet das Festival ausschließlich online und als Radiofestival statt. Entstanden sind dabei insgesamt sieben Wort- und Hörbeiträge, die dem journalistischen und künstlerischen Bereich entstammen.

Vor allem Anna Schürmers Hörstück „Neue Musik jenseits des Menschen“ greift dabei den Aspekt des Menschen und des Künstlichen in der Musik auf – und verdeutlicht die Fusion der beiden Ebenen im neuen Musikzeitalter. Hierbei wird der Eindruck einer neuen Musikära vermittelt, die gerade erst begonnen hat: Ist Menschlichkeit nicht ein zentraler Aspekt, der Musik ausmacht? Kann diese Menschlichkeit von Maschinen und Technologie überwunden werden? Und was macht das mit der Musik?

All dies sind Fragen, die Anna Schürmer in ihrem Hörbeitrag „Neue Musik jenseits des Menschen“ stellt. Dort werden post-, trans- und dehumane Positionen aufgegriffen und ihr Wesen in neuer Musik erkundet. Dabei stehen vor allem die Interaktion zwischen Mensch und Maschine, die Verbindung von Natur, Kultur und Kunst sowie der Wandel neuer künstlicher Musikpraktiken im Vordergrund.

Musik jenseits des Menschen – diese Form der Kunst ist im modernen Zeitalter zur häufigen Praxis geworden. Anna Schürmers Beitrag erkundet zum Teil befremdlich wirkende Klangbeispiele wie Beethovens Symphonie, die mit Hilfe künstlicher Intelligenz vollendet wurde; oder Roboter-artige Musik der Band Kraftwerk, die dem Uncanny Valley in mehreren Hinsichten sehr nahe kommt. Sowohl eine technisierte Stimme als auch das täuschend echte Aussehen zwischen Robotern und Menschen bringen einen unheimlichen Aspekt mit sich.

Jedoch sind solche künstlichen, menschenähnlichen Technologien auch im alltäglichen Leben zu finden: Die Sprachassistenz Siri, die an dieser Stelle als zusätzliches Beispiel für menschenähnliche, technisierte Stimmen genannt werden kann, agiert in vielen Hinsichten wie ein menschlicher Gesprächspartner und kann durch Algorithmen perfekt abgestimmte Antworten auf sämtliche Fragen liefern.

Doch wie wird die Überwindung des Todes im musikalischen Sinne umgesetzt? Anna Schürmer nennt für diesen posthumanen Ansatz verschiedene Beispiele der modernen Musikkultur. So kamen die Mitglieder der Band ABBA fast 50 Jahre nach ihrer großen Erfolgswelle erneut zusammen, um noch einmal auf Tournee zu gehen. Anders ist diesmal jedoch, dass sie online durch Avatare repräsentiert werden, die sie jünger erscheinen lassen. Sie überwinden damit scheinbar jegliche zeitliche und menschliche Grenzen, und stehen damit dem natürlichen Alterungsprozess des Menschen entgegen.

Posthumane Positionen stellen den Menschen als kreatives Wesen in Frage – und doch bieten sie innovative Möglichkeiten und künstlerische Perspektiven, die neue musikalische Praktiken ermöglichen. Doch können Technologien wie KI den Menschen wirklich ersetzen? Anna Schürmer greift hierbei die Fehlerhaftigkeit des Menschen auf, die eine perfektionistisch programmierte Maschine nicht aufweist. Das Menschliche, das eben von kleinen Makeln ausgemacht wird, verschwindet mit perfektionierten Algorithmen. Es ist also fraglich, inwiefern moderne Technologien tatsächlich den Menschen als künstlerischen Schöpfer ersetzen können.

Posthuman: nach dem Menschen… – bezogen auf die Musik bedeutet das Unsterblichkeit und Unüberwindbarkeit, doch was bleibt dann noch vom Menschen übrig? Das Forum neuer Musik 2021 versucht Antworten auf diese Frage zu finden und den Diskurs rund um das Thema Unsterblichkeit und Tod in der modernen Musikkultur zu eröffnen. Anna Schürmers Beitrag hat gezeigt, dass transhumane und posthumane Perspektiven den heutigen Musikpraktiken sehr nahe kommen – jedoch auch, dass immer wieder die Frage nach Menschlichkeit und Entmenschlichung gestellt werden muss.

4 thoughts on “Zwischen Kunst und Künstlichkeit: Wo fängt Entmenschlichung an und wo hört Kreativität auf?

  1. Danke für das reflektierte Hören meines Beitrags zum Forum neuer Musik! Der Bericht enthält formal alle Bestandteile, die eine Rezension benötigt (also Anlass, Verortung, etc.). Formal etwas unruhig wird der Text durch die vielen Flatterabsätze – hier habe ich etwas eingegriffen. Davon abgesehen: schön 🙂

  2. Die Überschrift ist sehr interessant und hat sofort mein Interesse geweckt. Auch das Thema und die Beispiele, die du dazu im Text angeführt hast sind super und veranschaulichen deinen Beitrag.

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