„Mit eigenen Augen“ oder die Romantisierung der völligen Überarbeitung

Am 08. Dezember 2021 gingen wir mit unseren Kurs gemeinschaftlich ins Kino, um den Film „Mit eigenen Augen“ mit anschließendem Gespräch mit Regisseur Miguel Müller-Frank zu schauen. Hierbei begleitete der Filmemacher drei Wochen die Redaktion des „Monitor“, von Sendungskonzeption bis zur heißen Phase des Drehs und bis zur Ausstrahlung. Zurück blieben angehende Medienschaffende und Journalist*innen mit einem nüchternen Eindruck davon, was es wirklich heißt in einer Redaktion zu arbeiten.

Eindrucksvoll und ohne Vorwarnung wirft einen die Dokumentation Müller-Franks in die triste Bürokulisse der Kölner WDR-Räumlichkeiten des Magazin „Monitors“. Die moderne technische Ausstattung, die als Durchgangsbüros getarnten Arbeitsplätze, die semi-hippe Kleidung der Redakteur*inenn (Anm. d. A.: wohlgemerkt ist der Großteil männlich, mittelalt und weiß), das alles täuscht die nicht geübten Zuschauer*innenaugen über ein fundamentales Problem der Medienbranche hinweg: der Standard der Überarbeitung, die Romantisierung von Überstunden, die Ausbeutung von Leidenschaft und Arbeit.

„Hier wird noch richtig Herzblut ins Handwerk Journalismus reingesteckt“ suggestieren die Aufnahmen. Verstehen Sie mich jedoch nicht falsch: ich liebe Vollblutjournalist*innen und Reportagen, die nur so von Tiefe und Recherche triefen. Deswegen kann ich auch nicht anders, als vor den dokumentarfilmenden Müller-Frank meinen imaginären Hut zu ziehen. Mehrere Jahre zog sich der Prozess von Filmkonzeption, bis zum Kennenlernen verschiedener Redaktionen, über Dreh und Schnitt hin, wie sich im anschließenden Gespräch herrausstellt.

Dennoch – der einbrennenste Moment des Films blieb nicht die Bewunderung der Redakteur*innen vom Monitor (oder der Arbeit Müller-Franks), sondern das dunkle Büro, indem Georg Restle allein nur durch eine Schreibtischlampe beleuchtetes Gesicht konzentriert mit dem heißen Atem der drohenden Deadline, erkennbar überarbeitet seine letzten Arbeiten abschließt. Der Regisseur berichtet uns zum Ende des Films von stetig steigenden Stunden pro Arbeitstag je näher die Sendung rückt, in der letzten Woche vor Ausstrahlung wird gerne mal 14 Stunden das Büro zum neuen Lebensmittelpunkt.

Es gilt allerdings auch zu betonen, dass die nüchterne Art der Dokumentation lauter abweichende Interpretationen von möglichen Rezipient*innen möglich macht. Für mich ein Punkt die Machart des Films an dieser Stelle zu loben. Es ist nämlich auch durchaus möglich (und nötig!) den Film als Zeugnis für die Wichtigkeit von unabhängigen, investigativen und qualitativen Journalismus zu rezipieren. „Monitor“ gilt als Garant für einen solchen Journalismus. Das wird einen bewusst, wenn man die Tragweite der Entscheidung begreift eine ganze Sendung umzuschmeißen und neu auszurichten, nachdem der Rechtsextrimist Stephan E. den CDU-Politiker Walter Lübcke am 1. Juni 2019 erschossen hat.

Wiederum enthüllt die Nüchternheit von „Mit eigenen Augen“ eindrucksvoll, wie auch noch in den besten Redaktionen Deutschlands unfaire Machtgefälle bestehen. Im letzten Drittel des Films wird eine weibliche Redakteurin andauernd unterbrochen und kann nur gequält und irritiert lächelnd ihren Kollegen beim Lachen zuschauen. Auch hier fängt die an die Kamera gewöhnten Journalist*innen ungeschont eine Situation ein, wie sie wohl zu tausenden in den Redaktionen der Bundesrepublik ablaufen.

Zum Ende bleibt festzuhalten, „Mit eigenen Augen“ ist einfach empfehlenswert, für jede Person die sich auch nur annähernd für Journalismus interessiert, drei Aspekte die für mich den Film ausgemacht habe, habe ich Ihnen hier dargelegt, suchen Sie dennoch nach neuen, die sie begeistern, ich bin mir sicher, dass noch neue zu finden sind. Denn die fast zwei Stunden Länge spürt man kaum, die kleine Zahl am unteren linken Rand, die den Zuschauer*innen die Tage bis zur Sendungsausstrahlung verrät halten die Spannung bis zur Ausstrahlung. Miguel Müller-Frank ist mit dieser Dokumentation wohl ein fast einmaliger Blick hinter die Kulissen gelungen, wagen Sie den Blick ruhig.

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