The Backrooms – Liminalität in ihrer Reinform

Als ich Anfang des Jahres auf YouTube prokrastiniere, wird mir auf meiner Startseite ein Video angezeigt. Der Titel: „The Backrooms (Found Footage)“. Das Thumbnail sticht innerhalb der Startseite stark heraus, also klicke ich. 

Der körnige VHS-Effekt, gepaart mit dem leichten, unterschwelligen Rauschen des Videos erregt direkt Spannung in mir. Was hat es mit dem Video auf sich? Was kommt da auf mich zu? Und warum scheint dieses Video aktuell im Trend zu sein?

Zu Beginn des Videos drehen ein paar Jugendliche einen Amateurfilm. Die Szene ist fertig gefilmt und der Kameramann wird angewiesen, nochmal von etwas weiter weg zu filmen. Plötzlich ein Cut. 

Der Kameramann scheint samt Kamera aus dem Nichts durch den Boden in einen anderen Ort gefallen zu sein. Nachdem sich die Tiefenschärfe langsam erhöht und das Wort „Backrooms“ eingeblendet wird, stellt sich bereits eine unheimliche Atmosphäre ein: der Ort wirkt verlassen und fremd. Der Teppichboden ist gelb, ebenso wie die Tapete an den Wänden und die für Großraumbüros typischen Kacheln an der Decke. Das Surren der Leuchtstoffröhren erinnert unangenehm an alte Büros und an die Stadtbibliothek, in der ich früher manchmal war. Cut.

Der Kameramann ist aufgestanden. Das unendlich monotone Surren der Leuchtstoffröhren ist lauter geworden. Hello? Nichts. Es scheint sich um eine Art verlassenes Großraumbüro ohne jegliche Einrichtung zu handeln. Hello? Immer noch keine Antwort. Cut. 

Ein langer, dunkler Gang. Der Aufbau des Büros scheint keinem Sinn zu folgen. Es gibt weder Türen noch Fenster, nur gelben Teppich, gelbe Tapete und das Surren der Leuchtstoffröhren. Der Kameramann dreht sich um: war da jemand? Oder etwas? Die langsame Kameraführung in der Drehung gepaart mit dem Blickpunkt macht mich nervös. Steht gleich etwas vor ihm? Surren. Rauschen. Dumpfe Schritte auf Teppichboden. Cut.

Ein dünner Spalt in der Wand. Auf der anderen Seite? Ein unendlich lang wirkender Gang. Am Ende: Dunkelheit. Gelber Teppich, gelbe Tapete, gelbe Decke, Leuchtstoffröhren. Surren. Cut.

Eine Leiter, die in eine quadratische Öffnung in der Wand hineinführt. Das Rauschen und die VHS-Effekte verbessern die Atmosphäre kein bisschen. Auf der  anderen Seite der Öffnung? Ein dunkler Durchgangsraum, welcher zwei Öffnungen verbindet. Das Licht scheint bedrohlich durch die Öffnungen und ich wünschte mir, er würde nicht weitergehen. Cut.

Ein dunkler Flur, nur durch einige wenige Deckenlichter erhellt. Die mit Surren untermalte Stille wird durch den Kameramann durchbrochen. Can anybody hear me? Hello? Die Stimme verhallt. Keine Antwort. „Sei doch lieber leise“ denke ich mir. Der Ort wirkt beklemmend und scheint weder Anfang, noch ein Ende zu haben. Der Aufbau folgt auch keiner menschlichen Logik. In alle Richtungen erstrecken sich Gänge, Räume und freistehende Säulen. Manche Räume sind beleuchtet, manche bedrohlich dunkel. Cut.

Inmitten des eintönigen Labyrinths entdeckt der Kameramann zwei schwarze Pfeile an den Wänden. Sie weisen in eine Richtung. Auf einer breiten Wand schließlich finden sich schwarze Zeichnungen und Gekritzel. Zwei pechschwarze Augen, darüber ein gemaltes Fenster mit einer Sonne, welches in diesem fensterlosen Ort fast zynisch wirkt. Nachdem er die gekritzelten Worte „don’t move, stay still“ liest, ertönt auf einmal ein grässliches Geräusch. Er dreht sich um und am Ende des Ganges erscheint eine dürre, große, schwer definierbare schwarze Gestalt, welche sich rasend auf ihn zubewegt. 

Auf der Flucht vor der Kreatur und dem von ihr ausgehenden Lärm rast der Kameramann durch die gelben Gänge. Ich spüre, wie meine Waden verkrampfen und meine Hände nass werden – Verfolgungsszenen kriegen mich immer. Beim Umdrehen sieht er, dass ihm die Kreatur immer näher kommt. Stolpernd eilt er durch die Gänge. Schließlich kommt er in einen Raum, in dem sich ein quadratisches Loch befindet. Da ihm nichts anderes übrig bleibt, springt er hinein. Cut.

Die Atmosphäre ist nun ruhiger. Keine Kreatur mehr, keine Leuchtstoffröhren mehr  mit ihrem endlosen Surren. Stattdessen erstreckt sich am Ende des Raumes neben einer Holztür und einem kleinen, hellblau beleuchteten Raum eine Holztreppe. Er geht die Treppe hoch und schaltet das Licht erst aus, dann wieder an. Nochmal aus und wieder an und wieder aus. Keine Kreatur, kein Surren. Stille. Cut. 

Ein anderer Ort. Keine gelben, sondern weiße Wände, dunkler Boden, weißes kaltes LED Licht. Dieser neue Raum erinnert an ein modernes, schlicht gehaltenes Museum. Neben einem Stuhl an der rechten Wand endlich: ein Fenster. Lässt sich jetzt vielleicht klären, wo sich dieser Ort befindet? 

Das Fenster eröffnet die Sicht auf einen Innenhof, wie man ihn aus Plattenbausiedlungen kennt. Nach oben hin allerdings ist er nicht offen, sondern durch eine Betondecke abgeschlossen. Kein Himmel in Sicht, kein Sonnenlicht. Einige der Fenster an den anderen Wänden sind beleuchtet, viele sind es nicht. Keine Menschen. Es ist ein unbekannt-bekannter Anblick. Irgendwie Unheimlich. Cut. 

Nachdem er sich umgesehen hat, kommt er erneut in einen langen Gang, in welchem links und rechts verteilt graue Aktenschränke stehen. Auf der rechten Seite schließlich befindet sich ein Notausgang, hinter welchem eine kurze Treppe zu einer anderen Tür führt. Hat er es geschafft? Er steigt die Treppe herauf und öffnet die Tür. Wie ein Albtraum offenbart sich erneut das gelbe, leere Großraumbüro mit seinen surrenden Leuchtstoffröhren. Nachdem er beim Durchschreiten der Gänge erneut auf die Kreatur stößt und sich auf der Flucht durch einen engen Spalt in einen kleinen Raum rettet, wird er schließlich von der Kreatur erwischt. Seine Kamera fällt durch eine quadratische Öffnung im Boden. In der letzten Szene fällt sie vom Himmel zurück auf die Erde. Die Kamera liegt im Gras und nimmt das Zwitschern der Vögel auf.

Ich bin völlig begeistert von den knapp 9 Minuten, die ich mir gerade angesehen habe. Vor allem aber stelle ich mir zwei Fragen: warum habe ich mich gerade 9 Minuten derartig gefürchtet? Und wo kommt diese Idee her?

In den Tiefen des Internets

Ihren Ursprung haben „The Backrooms“auf dem kontroversen Imageboard „4chan“. In einem Beitrag von 2019 fragte ein User nach unheimlichen bzw. beunruhigenden Bildern. Eine anonyme Person antwortete daraufhin mit einem Foto eines fensterlosen Büroraumes mit gelbem Teppich, gelber, gemusterter Tape und bürotypischen Leuchtstoffröhren als Lichtquelle. Als ein anderer User eine Geschichte zu dem Bild erfand, die von einem unendlichen Bürokomplex handelt, in welchem unheimliche Kreaturen umherwandern, war die Idee der Backrooms geboren.

Weitere Geschichten und Theorien entstanden und so manifestierten sich die Backrooms als feste Größe im Feld der sog. „Creepypastas“, also im Internet verbreiteten Grusel- und Horrorgeschichten. Allen Creepypastas bzgl. der Backrooms ist gemein, dass es sich um ein endloses Büro-Labyrinth handelt. Charakteristisch ist dabei der Geruch von nassem, muffigem Teppich, monochrom gelber Tapete und den surrenden, für Großraumbüros typischen Leuchtstoffröhren. Je nach Version der Backrooms gibt es verschiedene „Level“, in die man  gelangen kann. Bei dem gelben Büro handelt es sich um Level 0. Weitere Level umfassen z.B. riesige, verlassene Schwimmbäder („The Poolrooms“) oder unendliche Parkhäuser.

In die Backrooms gerät man, indem man aus der realen Welt „noclipt“. Der Begriff „noclip“ kommt aus dem Gaming-Bereich und beschreibt den Umstand, dass ein eigentlich massives, also undurchschreitbares Objekt falsch programmiert wurde. In manchen Fällen fallen Spielcharaktere beim Betreten einer noclip-Zone durch den Boden der Spielwelt und können nicht mehr in sie zurück. Genau das passiert mit Menschen im Backrooms-Universum. 

Liminalität

Die Antwort auf die Frage, warum die Backrooms ein Gefühl des Unbehagens und der Furch transportieren, ist vielschichtig und komplex. Zudem ist die Wahrnehmung naturgemäß subjektiv. Dennoch gibt es bei den vielen Fans der Backrooms einen zentralen Nenner, den ich im Folgenden erläutern möchte.  

Die Rede ist vom Konzept der Liminalität. Die Bedeutung findet sich im Lateinischen „līmen“, was so viel wie „Schwelle“ oder „Türschwelle“ bedeutet. Liminalität wurde vor allem durch Victor Turner, einem Ethnologen aus dem 20. Jahrhundert,  geprägt. Er beschreibt damit einen Schwellenzustand von sozialen Wesen oder Gesellschaften in welchem sie sich befinden, wenn ein Bruch mit dem sozialen Alltag oder der gesellschaftlichen Ordnung auftritt. Auf dem Weg vom alten in einen neuen Zustand werden bestehende Gewohnheiten, gesellschaftliche Hierarchien oder Sozialstrukturen aufgebrochen. Gleichzeitig sind neue Strukturen noch nicht entwickelt. Dadurch mangelt es an Orientierungs- sowie Referenzpunkten. Für die Betrachtung der Backrooms ist aber vor allem das Konzept liminaler Räume interessant.

Ein liminaler Raum stellt analog zu Turners Betrachtungen einen Schwellen- bzw. Übergangsraum dar. Dieser fungiert niemals als Ziel, sondern nur als Station auf dem Weg zum Ziel. Zudem hat er meistens einen konkreten Zweck. Liminale Räume können z.B. Treppenhäuser, Flugplätze, Parkplätze oder (Schul-)Korridore sein – Orte, an denen man sich typischerweise nur temporär aufhält. Umheimlich werden liminale Räume dann, wenn sie verlassen und leer sind, also ihren Zweck nicht mehr erfüllen. Dies ist ein sehr wesentlicher Aspekt für das  unbehagliche Gefühl: Orte wie Flughäfen, Schulen oder Büros werden eigentlich mit Dingen wie der Anwesenheit von Menschen, Arbeit oder einer bestimmten Atmosphäre verbunden. Sie sind nicht dafür gemacht, leer zu sein und haben in den meisten Fällen auch keine eigene Identität, sind also oft nicht einzigartig. Marc Augé spricht bei liminalen Orten in städtischen Bereichen von Nicht-Orten, die „keine besondere Identität und keine besondere Relation, sondern Einsamkeit und Ähnlichkeit“ schaffen. 

Im Falle der Backrooms fehlt dem Büro quasi alles, was es in einem „klassischen“ Büro – so wie wir es kennen und wie es von uns Menschen konzipiert ist – geben sollte. Es gibt keine Menschen, keinen Trubel, keine Einrichtungsgegenstände, keine klingelnden Telefone, keine Dynamik, keine Atmosphäre. Es gibt nichts. Es gibt, wie es Augé sagt, nur Einsamkeit und Ähnlichkeit.

Point-of-View, Bezugspunkte, Kontexte und das Unheimliche

Aus meiner Sicht ist das Spannende an dem Konzept liminaler Räume vor allem, dass sich ihre Wirkung auf Betrachter:innen aus vielen unterschiedlichen Aspekten  zusammensetzt. Zudem hat jede:r einen Bezug zu liminalen Orten, da sie uns in der modernen Welt umgeben. So haben liminale Räume im Internet längst eine riesige Fanbase. Auf dem Internetforum Reddit tummeln sich unter „r/LiminalSpace“ inzwischen mehr als 500.000 User:innen auf einem eigens für Liminale Räume erstellten Forum. Hier posten sie Videos und Bilder von liminalen Räumen, die ihnen im Alltag begegnen. 

Um das Gefühl liminaler Orte auf Bildern und in Videos optimal festzuhalten, wird das Bild immer aus dem Point-of-View einer (imaginären) Person gemacht. Das Licht kommt selten von vorne und häufig wird als Stilmittel Bildrauschen eingesetzt. Dunkelheit sowie künstliches bzw. unnatürliches Licht bestimmen den Großteil der Bilder. Relevant sind zudem fehlende Bezugspunkte wie z.B. Ausgänge. Dies hat damit zu tun, dass man sich beim Betrachten eines solchen POV-Bildes häufig nur dessen bewusst wird, was man direkt sehen und erkennen kann: ist kein Ausgang erkennbar, ist es schwer, sich das Vorhandensein eines Ausgangs bewusst zu machen. Orte wirken abgeschlossen und unendlich. Die volle POV-Immersion entfaltet sich vor allem dann, wenn Bilder und Videos im Vollbildmodus betrachtet werden. 

Weiterhin sind Kontexte ungemein wichtig. Ergeben Bilder keinen Sinn oder wirken seltsam, weil Objekte darin nicht in ihre Umgebung passen, kann dies ein unheimliches Gefühl auslösen. Menschen denken logisch, rational und in Kontexten. Boote gehören für uns auf das Wasser oder in einen Hafen. Dort assoziieren wir, dass jemand das Boot  gebaut hat, jemandem das Boot gehört, und jemand das Boot ab und zu ausfährt. Es ist für uns nur logisch und gewohnt, dass in einem Hafen Boote liegen. Wenn wir aber ein intaktes Boot in einer Wüste sehen, stimmen Assoziation bzw. Kontext nicht mit dem überein, was wir kennen.

Besonders Spannend ist bei der Betrachtung liminaler Räume auch das Unheimliche. Durch Siegmund Freud im gleichnamigen Aufsatz behandelt, rührt das Unheimliche vom Heimlichen, also dem heimischen, vertrauten her. Somit bezieht es sich auf das Altbekannte und einst Vertraute und stellt eine Abweichung davon dar. Für Ernst Jentsch geht das Unheimliche aus einer Art „intellektueller Unsicherheit“ hervor, die gegenüber Fremdem oder Unvertrautem auftritt. Klassisch ist bei  ihm der Zweifel darüber, ob ein scheinbar lebloses Objekt (wie z.B. eine Puppe) nicht doch „beseelt“ sei. Freud sieht auch das nicht nachvollziehbare Auftreten von sich wiederholenden Dingen als Auslöser eines unheimlichen Gefühls an. So schildert er, wie er sich in einer kleinen italienischen Stadt verlief und immer und immer wieder an den selben Ort kam. War Freud für einen Moment selbst in einem Level der Backrooms?

Letztlich spielen auch ureigene Ängste von uns Menschen eine wesentliche Rolle bei der Wahrnehmung der Backrooms. Als soziales Wesen haben wir Angst, allein zu sein und niemanden um uns herum zu haben. Die Angst vor dem Unbekannten und der Unendlichkeit probieren wir zu umgehen, indem wir uns in bekanntem Umfeld bewegen und unsere Umwelt mithilfe von Bauten eingrenzen und damit greifbar machen. Zudem gehen wir bei verlassenen Orten, die sonst sicher oder belebt sind, davon aus, dass es richtig ist, dass diese Orte verlassen sind und dass dort etwas nicht stimmt. Gleichzeitig ist die Vorstellung davon, gefangen zu sein und verfolgt zu werden für die allermeisten sicherlich schon Grund genug, sich zu gruseln.

Wie reagieren die Zuschauer:innen auf die Backrooms?

Mittlerweile hat Kane Pixels bereits 13 Videos zu seiner Version der Backrooms hochgeladen. Insgesamt haben diese bereits über 100.000.000 Aufrufe gesammelt und erfreuen sich breiter Beliebtheit. Unter dem initialen Video „The Backrooms (Found Footage)“ zeigt sich in den Kommentaren, was Fans am meisten fasziniert und dass der Erfolg in der nahezu perfekten Umsetzung des Konzepts von Liminalität begründet ist. So schreibt der User „Mr. ET“: 

„Even without the monsters. The design of this place is genius. Absolutely terrifying because it’s so different yet still similar to the world.“ 

Ein anderer User, der in der Vergangenheit selbst als Wachmann gearbeitet hat, schildert: 

„I was sent to guard an empty semi-condemned building which looked a lot like this. Hard for me to explain how scared I was. Never again.“

Übrigens: der Innenhof aus dem Video ist keineswegs der Vorstellung Kane Pixels’ entsprungen, sondern existiert tatsächlich in ähnlicher Form im Heathrow Holiday Inn Express Hotel in London…

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