Initiative Lehramt@digital zu Besuch in Estland

personalisiertes oder entpersonalisiertes Lernen mit digitalen Medien?

In der letzten Woche hat unsere Kollegin Claudia das digitale Vorreiterland Estland besucht und dort an einer Summer School zum Thema „Educational Change in Times of Rapid Technological Innovation“ teilgenommen.

Estland wird gerne auch als E-Estonia bezeichnet – und das zu Recht. Im Jahr 2000 wurde die elektronische Steuererklärung eingeführt, die mittlerweile 96% der Esten nutzen. Seit 2005 können die Einwohner des baltischen Staates bei Wahlen digital ihre Stimme abgeben, 2014 wurde die elektronische Staatsbürgerschaft implementiert. Die WLAN-Abdeckung im öffentlichen Raum beträgt 99%. Der Vorstoß in Richtung Digitalisierung begann schon 1997 mit dem Programm „Tigersprung“, in dessen Zuge unter anderem alle Schulen an das Internet angeschlossen wurden. Mittlerweile ist das digitale Klassenzimmer längst Alltag. Das interaktive Whiteboard hängt an der Wand, die Schüler nutzen schuleigene Tablets oder die persönlichen Geräte. Überall lassen sich Steckdosen finden, um das Smartphone zu laden. Die digitalen Möglichkeiten sollen aber nicht nur beim Lernen helfen, sondern auch den Unterricht effizienter machen. Seit 2002 nutzen dafür die Lehrkräfte ein digitales Klassenbuch, in das auch die Eltern Einsicht haben.  Das heißt aber nicht, dass der gesamte Unterricht nun digital abläuft.  Ziel ist es, die Schüler zu einem sinnvollen Umgang mit den technischen Geräten zu befähigen. Deshalb wurde bereits 2014 die digitale Kompetenz als eine von acht Grundkompetenzen in das estländische Curriculum aufgenommen.  Auf dem Stundenplan steht beispielsweise schon in der zweiten Klasse das Rechnen mit Hilfe von Mini-Robotern, in der dritten Klasse bauen die Kinder eigene Lego-Roboter und in der vierten Klasse wird die Sicherheit im Netz angesprochen. Neben der technischen Ausstattung und dem Curriculum gibt es aber noch einen weiteren Unterschied zu deutschen Schulen – eine digitale Gesamtstrategie der Schulen, verbunden mit Offenheit und Experimentierfreude der Lehrkräfte sowie deren Unterstützung durch Bildungstechnologen, die an den Schulen angestellt sind und digitale Lernszenarien entwickeln (hier gibt es noch mehr Infos zum digitalen Estland und wie beispielsweise mit dem Datenschutz an Schulen umgegangen wird).

Welches Land eignet sich also besser, um 10 Tage lang in einer internationalen Gruppe intensiv über Fragestellungen des Bildungswandels zu diskutieren?

Die Summer School zielte darauf ab, eine differenzierte und kritische Sichtweise auf Bildungstechnologien zu entwickeln, sich die aktuellen Unterrichtspraktiken neu vorzustellen und Ideen für eine Transformation der Bildung zu entwerfen (Stichwort: re-thinking education). Dazu wurden verschiedene Themen aus der Bildungsforschung präsentiert, aktuelle Trends in der Bildungstechnologie ausprobiert, innovative Wege zur Implementierung technologiegestützter Aktivitäten im Bildungswesen vorgestellt und in Gesprächen mit Praktikern/Schulbesuchen über Probleme und Chancen von digitaler Bildung diskutiert.

Die große Frage, mit der sich die 10 Teilnehmer*innen aus aller Welt in verschiedenen Programmpunkten beschäftigt haben, lautete deshalb:
What is a meaningful use of educational technology?

Sehr lesenswert ist diesbezüglich auch der folgende Artikel:Neil Selwyn Making sense of technology and educational change

Im Seminar zu digitaler Pädagogik wurde zuerst ein einheitliches Verständnis von digitalen Kompetenzen geschaffen und die Frage geklärt, wer ein „Digital Native“, „Digital Immigrant“ oder „naturalized digital“ ist. In diesem interaktiven Video wird die Unterscheidung gut dargestellt. Das Problem, das sich hieraus ergibt, liegt auf der Hand. Lehrkräfte sind aktuell eher den digitalen Immigranten zuzuordnen, sie können aber mit entsprechendem Wissen, Fähigkeiten und Haltungen auch „digital eingebürgert“ werden. Um digitale Medien sinnvoll zu nutzen, reicht das reine Wissen über Tools jedoch noch nicht aus. Entscheidend für den Einsatz sind vorhandene Konzepte! Wenn wir also über Lehrer*innenfortbildungen nachdenken, müssen wir vor allem die konkreten fachspezifischen Einsatzmöglichkeiten von digitalen Tools fokussieren und nicht nur deren Funktionen zeigen.

Eine andere Möglichkeit, Lehrkräfte für digitale Bildungstechnologien zu gewinnen, wurde anhand des konkreten Projekts „Robomath“ zur Verbindung von Mathematik und Robotik gezeigt. In Teams aus Lehrer*innen und Wissenschaftler*innen wurden gemeinsam Lehrinhalte entwickelt, durchgeführt und evaluiert. Die Lehrkräfte wurden von Anfang an mit ihren Ängsten, Ideen und Fragen einbezogen und auch während den Unterrichtsstunden begleitet. Die Ergebnisse sprechen für sich: die Robotikstunden hatten einen positiven Einfluss auf die mathematischen und sozialen Fähigkeiten der Schüler. Ein weiteres Ergebnis war: der Einsatz digitaler Medien bedarf eine Assistenzlehrkraft, die unterstützt.

Im praktischen Teil der Summer School wurden verschiedene Tools für Augmented und Virtual Reality ausprobiert. Von AR Objects und AR Storytelling Apps, Merge Cubes bis zu 360-Grad-Aufnahmen und VR-Anwendungen konnte so einiges getestet werden. Das Fazit war jedoch einheitlich: bislang existieren wenig Anwendungen, die so vielseitig in verschiedenen Fächern einsetzbar sind, dass sich die Anschaffung der teuren Brillen für Schulen lohnt. Meistens sind die Apps sehr spezifisch nur für ein Themengebiet geeignet. Trotzdem ist ein Blick in die App Sketchfab, JigSpace oder Civilisations AR lohnenswert (hierfür braucht man auch nur ein Tablet).

Spannend für naturwissenschaftliche Fächer ist auch die kollaborative Experimentierplattform GoLabz. Hier findet man zahlreiche virtuelle Experimente, interaktive Apps und Online-Labore, die Schüler*innen gemeinsam, aber an jeweils eigenen Geräten nutzen können.  Da kollaborative Problemlösung eine wichtige Fähigkeit ist, die in unserer heutigen Gesellschaft immer stärker verlangt wird (siehe auch PISA Framework for collaborative problem solving S. 12), bietet die  Go-Labz-Lernumgebung eine tolle Möglichkeit, Bildungstechnologien in kollaboratives Lernen zu integrieren. Im Workshop haben die Summer School-Studenten die Plattform selbst getestet und dabei die enorme Bedeutung von (digitaler) Kommunikation während der Kollaboration herausgestellt.

Neben der inhaltlichen Auseinandersetzung diente die Summer School natürlich auch dem kulturellen Austausch. Gemeinsam wurde das Stadtviertel Karlova mit seinen alten Holzhäusern entdeckt, das Science Centre AHHAA besucht oder eine Bootstour auf dem Fluss Emajogi unternommen. Ein Besuch in Tartu, der zweitgrößten Stadt in Estland lohnt sich! Das befand auch die Auswahlkommission der europäischen Kulturhauptstädte, die in der vergangenen Woche den Titel an Tartu übergeben hat: herzlichen Glückwunsch!

 

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