{"id":76,"date":"2018-05-31T09:31:26","date_gmt":"2018-05-31T07:31:26","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/mlu1968\/?page_id=76"},"modified":"2019-04-17T12:11:17","modified_gmt":"2019-04-17T10:11:17","slug":"1968-erste-eindruecke","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/mlu1968\/","title":{"rendered":"Relative Ruhe? &#8222;1968&#8220; an der Martin-Luther-Universit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center\"><span style=\"color: #993300\"><strong>&#8222;Da war doch nichts los&#8230;&#8220;<\/strong><\/span><\/p>\n<p>&#8230; diese Bemerkung fiel bei einem unserer Besuche im Universit\u00e4tsarchiv in Halle &#8211; sie formuliert einen Eindruck, der sich uns bei der Suche nach der Geschichte von &#8222;1968&#8220; an der Martin-Luther-Universit\u00e4t Halle-Wittenberg immer wieder aufdr\u00e4ngte. Ein Grundton relativer Ruhe pr\u00e4gt bis heute die Erinnerungen an dieses Jahr in der DDR. Dies gilt umso mehr, wenn man nach jenen Entwicklungen fragt, die das Gesicht von &#8222;1968&#8220; im Westen pr\u00e4gten: etwa nach einer studentischen Protestbewegung und lautstarker Systemkritik, nach brennenden Barrikaden und gewaltsamen Konfrontationen mit der Polizei, nach scharfen Generationenkonflikten oder nach Schaupl\u00e4tzen libert\u00e4rer Selbstverwirklichung.<\/p>\n<p>Dies alles gab es im Osten nicht &#8211; oder? Gab es vielleicht doch vergleichbare Entwicklungen &#8211; oder ganz andere, weniger sichtbare Transformationserfahrungen? Wof\u00fcr steht dieses zur Chiffre geronnene Jahr in der Geschichte der DDR und, spezifischer, in der Geschichte der Martin-Luther-Universit\u00e4t in Halle? War im Osten alles anders &#8211; oder war die hallesche Universit\u00e4t ein Ort jenes &#8222;anderen 1968&#8220;, das unterdessen auch im Westen immer mehr entdeckt wird?<\/p>\n<p>Diesen Fragen haben sich die Recherchen unserer kleinen studentischen Projektgruppe \u00fcber mehrere Monate im \u201eJubil\u00e4umsjahr\u201c 2018 gewidmet. Das Ergebnis ist\u00a0kein einheitliches Bild, sondern ein Einblick in unterschiedliche Ebenen und Orte der Geschichte dieses Jahres &#8211; einige Schlaglichter auf die gebrochenen Lebensl\u00e4ufe einzelner Studierender, die internen Strukturen und Konfliktzonen der Universit\u00e4t und die (Nicht)Repr\u00e4sentation der Transformationserfahrungen dieser Zeit in der universit\u00e4ren Au\u00dfendarstellung.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><span style=\"color: #993300\"><strong>Die Stadt Halle um &#8222;1968&#8220;<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Die Stadt Halle machte ihre pr\u00e4gende Protesterfahrung nicht 1968, sondern bereits f\u00fcnfzehn Jahre zuvor &#8211; am 17. Juni 1953 war sie eines der Zentren des Volksaufstandes. Auf dem Hallmarkt fand eine Kundgebung mit mehreren Zehntausenden Menschen statt, an der Strafanstalt &#8222;Roter Ochse&#8220; kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen. Diese Aktionen gingen mehrheitlich von der Arbeiterschaft aus, nicht von Intellektuellen oder Studierenden. Und doch war ein Doktorand der MLU unter den drei Toten, die am Ende der gewaltsamen Konfrontationen zwischen Demonstranten und Polizei der Staatsmacht zum Opfer fielen.<\/p>\n<p>Nach dieser kritischen Phase waren die 1960er Jahre in der Stadt Halle wie in der gesamten DDR eine Zeit der gezielten sozialistischen Z\u00e4hmung der Gesellschaft und der verordneten &#8222;Modernisierung&#8220;. Dies betraf nicht zuletzt die Universit\u00e4ten, die zum Objekt einer umfassenden Hochschulreform gemacht wurden, die auf die Verdr\u00e4ngung kritischer Wissenschaftler und die Durchsetzung sozialistischer Erziehungsideale abzielte.<\/p>\n<p>Parallel wurde Halle zur &#8222;sozialistischen Bezirksstadt&#8220; und zum Zentrum der chemischen Industrie ausgebaut. 1963 beschloss die Stadtverordnetenversammlung die Gr\u00fcndung einer Wohnstadt mit circa 20.000 Wohnungen, gleichzeitig sollte die Altstadt saniert wurden. Die Grundsteinlegung f\u00fcr die sozialistische Vorzeigestadt &#8222;Halle-West&#8220; erfolgte im Juli 1964, drei Jahre sp\u00e4ter erhielt dieses Gebiet als Halle-Neustadt eigenes Stadtrecht. Dies war die gr\u00f6\u00dfte Stadtneugr\u00fcndung in der Geschichte der DDR.<\/p>\n<p>Die Zeit ab Mitte der 1960er Jahre war f\u00fcr die Stadt Halle also eine gewisse Bl\u00fctezeit, doch schon Ende der 1960er zeigte die sozialistische Fassade Risse. Der Aufbau von Halle-Neustadt und weitere Prestigeprojekte bedeuteten f\u00fcr andere Bereiche der Stadtentwicklung die Stagnation. Zugleich gestaltete sich auch in den neuen Vorzeigebezirken die Situation der Bewohner eher als &#8222;Leben im Unfertigen&#8220;, denn als Verwirklichung einer Utopie. Bereits bei der I. Parteikonferenz der SED in Halle-Neustadt 1967 mahnte der Sekret\u00e4r der SED-Ortsleitung daher die anwesenden Parteimitglieder, die bestehenden Unzul\u00e4nglichkeiten zu beseitigen. Anderenfalls bestehe die Gefahr, dass die angestrebte gro\u00dfe Sache durch ihre kleinen Schw\u00e4chen zu Unzufriedenheit f\u00fchre.<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><span style=\"color: #993300\"><strong>&#8222;Prager Fr\u00fchling&#8220; in Halle?<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Die &#8222;von oben&#8220; betriebene gesellschaftliche Ver\u00e4nderung in den 1960er Jahren brachte also auch Verunsicherungen und Konfliktzonen mit sich sowie das Bewusstsein f\u00fcr die Antastbarkeit des Sozialismus. Doch letztlich war es ein \u00e4u\u00dferes Ereignis &#8211; die gewaltsame Niederschlagung des &#8222;Prager Fr\u00fchlings&#8220; am 21. August 1968 &#8211; das zum Katalysator f\u00fcr Proteste in der DDR wurde. Der Einmarsch in Prag l\u00f6ste gr\u00f6\u00dfere Unruhe in der breiten Bev\u00f6lkerung aus und bef\u00f6rderte die intellektuelle Dissidenz. Deren l\u00e4ngerfristige Wirkmacht entfaltete sich allerdings erst in den 1970er und 1980er Jahren. Gleichwohl wurde der wachsende Unmut auch schon um 1968 in Halle und seiner Umgebung sichtbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/mlu1968\/files\/2019\/04\/BStU_MfS_BV_Halle_AU_3160_69_Bd_7_Bl_83-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-417 aligncenter\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/mlu1968\/files\/2019\/04\/BStU_MfS_BV_Halle_AU_3160_69_Bd_7_Bl_83-1-300x207.jpg\" alt=\"\" width=\"453\" height=\"313\" srcset=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/mlu1968\/files\/2019\/04\/BStU_MfS_BV_Halle_AU_3160_69_Bd_7_Bl_83-1-300x207.jpg 300w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/mlu1968\/files\/2019\/04\/BStU_MfS_BV_Halle_AU_3160_69_Bd_7_Bl_83-1-768x530.jpg 768w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/mlu1968\/files\/2019\/04\/BStU_MfS_BV_Halle_AU_3160_69_Bd_7_Bl_83-1-1024x706.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 453px) 100vw, 453px\" \/><\/a><em>Politische Losung am Halleschen Turm in K\u00f6then, 7. 10.1968 <\/em><em>(Q: BStU MfS V Halle AU 3160\/69, Bd. 7, Bl. 83)<\/em><\/p>\n<p>Angesichts solcher Vorf\u00e4lle lie\u00df Leo Stern, einer der einflu\u00dfreichsten DDR-Historiker und zeitweiliger Rektor der MLU in einem Beitrag f\u00fcr das <em>Neue Deutschland<\/em> seine Leserinnen und Leser wissen, dass der Einmarsch der sowjetischen Truppen nur den entsprechenden westlichen Invasionspl\u00e4nen zuvorgekommen sei.<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[2]<\/a> Strafrechtlich geahndete Aktionen, etwa demonstrative Proteste gegen den Einmarsch, gingen auch 1968 eher von Arbeitern als von Sch\u00fclern oder Studenten aus. Genauere Zusammensetzungen \u00fcber diese F\u00e4lle in Halle lie\u00dfen sich im Zuge unserer zeitlich begrenzten Recherchen nicht ermitteln. Immerhin kam es in Halle im Zusammenhang mit solchen Protestaktionen zu 36 Parteistrafen, 14 davon wurden mit einem Parteiausschluss verbunden (zum Vergleich: in Berlin waren es 37, in Magdeburg 44 und in Berlin 37 solcher Verfahren).<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/mlu1968\/files\/2019\/04\/BStU_MfS_HA_XX_AKG_Nr_804_Bl_33_Karte_Hetzschriften_1968.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-416 aligncenter\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/mlu1968\/files\/2019\/04\/BStU_MfS_HA_XX_AKG_Nr_804_Bl_33_Karte_Hetzschriften_1968-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"294\" height=\"416\" srcset=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/mlu1968\/files\/2019\/04\/BStU_MfS_HA_XX_AKG_Nr_804_Bl_33_Karte_Hetzschriften_1968-212x300.jpg 212w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/mlu1968\/files\/2019\/04\/BStU_MfS_HA_XX_AKG_Nr_804_Bl_33_Karte_Hetzschriften_1968-768x1089.jpg 768w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/mlu1968\/files\/2019\/04\/BStU_MfS_HA_XX_AKG_Nr_804_Bl_33_Karte_Hetzschriften_1968-722x1024.jpg 722w\" sizes=\"(max-width: 294px) 100vw, 294px\" \/><\/a><em>Vom MfS registrierte Flugbl\u00e4tter, anl\u00e4sslich der Ereignisse in Prag 1968\u00a0 (Q: BSTU MfS HA XX AKG Nr. 804, Bl. 33)<\/em><\/p>\n<p>Letztlich war 1968 wohl kein au\u00dfergew\u00f6hnliches Jahr in der Geschichte der DDR, sondern eher ein Normaljahr &#8211; auch in Bezug auf studentisches Protestverhalten. Doch wurden in diesem Jahr Prozesse in Gang gesetzt, die in den Transformationen des Herbst 1989 eine Rolle spielen sollten. Dies war aber keine breite &#8222;Bewegung&#8220;, sondern eher ein Zusammenspiel individueller Erfahrungen und unverbundener Str\u00f6mungen unterschiedlicher Art. Diese sollen auch in unseren schlaglichtartigen Fallstudien eine besondere Rolle spielen:<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><span style=\"color: #993300\"><strong>Schlaglichter: Erziehung, Reform, \u00d6ffentlichkeit um &#8222;1968&#8220;<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Was es bedeutet, sich in der sozialistischen Erziehungsdiktatur um 1968 auf das Lehramt vorzubereiten, zeigen <span style=\"color: #993300\"><a style=\"color: #993300\" href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/mlu1968\/bummelei-und-maennerbekanntschaften-disziplinarverfahren-gegen-lehramtsstudenten\/\"><strong>drei biographische Fallstudien<\/strong><\/a><\/span>. Mitte der 1960er Jahre hatte die Staatsmacht die ideologische \u00dcberwachung der Jugend versch\u00e4rft, abweichendes Verhalten &#8211; das nicht einmal politisch motiviert sein musste &#8211; wurde seither strengstens geahndet.<\/p>\n<p>Doch konnte sich Disziplinierung gerade in dieser Phase auch als Modernisierung tarnen. &#8222;1968&#8220; stand in der DDR nicht zuletzt f\u00fcr die umfassende Reform des Hochschulwesens, die sich offiziell der Verwissenschaftlichung und Professionalisierung verschrieb, vor allem aber die ideologische Einhegung und technokratische Formung des universit\u00e4ren Lebens beabsichtigte. Die dadurch entstehenden Reibungsfl\u00e4chen und die Repressionsbem\u00fchungen der Staatsmacht zeigten sich an der MLU insbesondere im <a href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/mlu1968\/berwachung-und-alltag-in-einer-systemfernen-fakultaet\/\"><span style=\"color: #993300\"><strong>Bereich der Theologie<\/strong><span style=\"color: #000000\">.<\/span><\/span><\/a><\/p>\n<p>Nach au\u00dfen drang von solchen grunds\u00e4tzlichen Konfliktlinien wenig, denn auch die Universit\u00e4tszeitungen dienten vor allem der <a href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/mlu1968\/kopfdressur-die-unizeitung-der-mlu\/\"><span style=\"color: #993300\"><strong>&#8222;Kopfdressur&#8220;<\/strong><\/span><\/a> (Henrik Eberle) in der DDR-Gesellschaft. Die mediale Inszenierung des studentischen Alltags wurde hier mit der Kritik am amerikanischen &#8222;Imperialismus&#8220; oder der \u00f6ffentlichen Anprangerung von Fehlverhalten verschr\u00e4nkt \u2013 ein durchweg politischer Ton, den man in den medialen Selbstdarstellungen heutiger Universit\u00e4ten kaum finden wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Hinweis: Die auf diesen Seiten dokumentierten Recherchen wurden im Rahmen eines Master-Kurses durchgef\u00fchrt, der im Sommersemester 2018 an der Martin-Luther-Universit\u00e4t Halle-Wittenberg stattfand. Unsere Forschungen haben sich auf das Universit\u00e4ts-Archiv Halle konzentriert, es konnten aber auch einige Dokumente der Beh\u00f6rde des Bundesbeauftragten f\u00fcr die Stasi-Unterlagen (Au\u00dfenstelle Halle) einbezogen werden. Wir danken den Mitarbeiter_innen der beiden Institutionen f\u00fcr ihre Unterst\u00fctzung!<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>Die Projektgruppe unter Leitung von Dr. Stefanie Middendorf bestand aus folgenden Studierenden: <\/em><em>Jakob Elias Debelka, Carlo Maximilian Engel\u00e4nder, Salome Ludwig.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[1]<\/a> Albrecht Wiesner, Als die Zukunft noch nicht vergangen war &#8211; der Aufbau der Chemiearbeiterstadt Halle-Neustadt 1958-1980, in: Werner Freitag\/Katrin Minner (Hg.), Geschichte der Stadt Halle, Bd. 2, Halle 2006, S. 45-46.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[2]<\/a> Leo Stern, M\u00fcnchen 1938 ist Bonner Revancheprogramm. Zum 30. Jahrestag der faschistischen Aggression in der C\u0160R, in: Neues Deutschland, 28.9.1968, S. 5.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[3]<\/a> Ilko-Sascha Kowalczuk, &#8222;Wer sich nicht in Gefahr begibt&#8230;&#8220; Protestaktionen gegen die Intervention in Prag und die Folgen von 1968 f\u00fcr die DDR-Opposition, in: Klaus-Dietmar Henke\/Peter Steinbach\/Johannes Tuchel (Hg.), Widerstand und Opposition in der DDR, K\u00f6ln\/Weimar\/Wien 1999, S. 257-274, hier S. 264.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Da war doch nichts los&#8230;&#8220; &#8230; diese Bemerkung fiel bei einem unserer Besuche im Universit\u00e4tsarchiv in Halle &#8211; sie formuliert einen Eindruck, der sich uns bei der Suche nach der Geschichte von &#8222;1968&#8220; an der Martin-Luther-Universit\u00e4t Halle-Wittenberg immer wieder aufdr\u00e4ngte. 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