{"id":138,"date":"2018-06-20T18:50:43","date_gmt":"2018-06-20T16:50:43","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/mlu1968\/?p=138"},"modified":"2018-11-26T17:35:46","modified_gmt":"2018-11-26T16:35:46","slug":"repression-und-alltag-an-einer-problemfakultaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/mlu1968\/repression-und-alltag-an-einer-problemfakultaet\/","title":{"rendered":"Repression und Alltag an einer &#8222;Problemfakult\u00e4t&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Als religi\u00f6se Einrichtungen waren die theologischen Fakult\u00e4ten von vornherein Fremdk\u00f6rper im Staatsapparat der atheistischen DDR. Da die evangelische Kirche in den 40ern noch \u00fcber gro\u00dfen R\u00fcckhalt verf\u00fcgte und mehrheitlich staatskritisch war, versuche die SED sie zu schw\u00e4chen und zu kontrollieren. Die theologischen Fakult\u00e4ten spielten dabei eine wichtige Rolle, da auf sie als staatliche Einrichtungen starker Einfluss genommen werden konnte. Regimetreue, sogenannte \u203afortschrittliche\u2039 Theologen wurden gef\u00f6rdert, das Ministerium f\u00fcr Hoch- und Fachschulwesen (kurz MHF) mischte sich zu diesem Zweck rigoros in die Besetzung der Lehrstellen ein, w\u00e4hrend die Stasi die n\u00f6tige \u00dcberwachungsarbeit leistete.<\/p>\n<p>Bis Mitte der 60er wurde diese repressive Politik an den theologischen Fakult\u00e4ten betrieben, danach f\u00fchrten personelle Wechsel im Ministerium zu einem R\u00fcckgang der Einmischung und einem verringerten Einfluss der Stasi. Eine vergleichbare Tendenz zu mehr Freiheit und Gestaltungsm\u00f6glichkeiten l\u00e4sst sich, wenn auch zeitlich etwas versetzt, in den 60ern f\u00fcr die DDR-Gesellschaft insgesamt beschreiben. 1968 brachten ein neues Strafgesetzbuch, eine neue Verfassung und die dritte Hochschulreform allerdings gerade f\u00fcr Kirchen und Theologie neu staatliche Eingriffe mit sich. Gab es deswegen Protest und Widerstand?<\/p>\n<p>Der Eindruck: <a href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/mlu1968\/\">\u201eDa war doch nichts los\u201c<\/a> l\u00e4sst sich f\u00fcr die Theologische Fakult\u00e4t Halle 1968 in gewisser Weise best\u00e4tigen. In Jena, Berlin, Leipzig und Greifswald \u00fcbten Studierende bzw. Lehrende Kritik an der neuen Verfassung. In Leipzig protestierten beide Gruppen erfolglos gegen den Abriss der Universit\u00e4tskirche. Die Niederschlagung des Prager Fr\u00fchlings rief ebenfalls Protest hervor, w\u00e4hrend \u203afortschrittliche Theologen\u2039 den Einmarsch als Abwehr gegen aggressive Politik des Westens deuteten.<\/p>\n<p><strong>Die III. Hochschulreform \u2013 Engagement als \u203aDisziplinierung von oben\u2039<\/strong><\/p>\n<p>In Halle hatte jedoch von den verschiedenen gr\u00f6\u00dferen Ereignissen und Entwicklungen des Jahres 1968 nur die III. Hochschulreform nachweisbare Auswirkungen. Im Fakult\u00e4tsrat und bei diversen Veranstaltungen war sie Kernthema. Es wurden Arbeitsgruppen aus Studierenden, Lehrenden und Forschenden gebildet. Der Studentenwettstreit 1968 wurde als wichtiger Wegbereiter f\u00fcr die Reform verstanden, sollte diese doch gerade auch das Engagement der Studenten steigern, oder wie es der Dekan der Theologischen Fakult\u00e4t am 23. Mai 1968 formulierte: \u201eDas studentische Engagement [\u2026] das [\u2026] nicht nur auf die von sich aus Interessierten beschr\u00e4nkt bleiben darf.\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Engagement war hier nicht freie Entscheidung, sondern von oben verordnet, sowohl in Bezug auf die Mitgestaltung der Reform als auch in Bezug auf die politisch-ideologische Ausrichtung: es bedeutete letztlich Loyalit\u00e4t zum Staatssozialismus.<\/p>\n<p>Beim Universit\u00e4ts-Konzil von 1968, aus dessen Vorlauf das Zitat stammt, r\u00e4umte der Vertreter der Theologischen Fakult\u00e4t in seinem Redemanuskript beim Konzil Fehler ein, betonte aber die Fortschritte, die es bei der Umgestaltung des Studiums und auch beim Studentenwettstreit gegeben habe. Trotz der gestiegenen Beteiligung am Wettstreit blieb die theologische Fakult\u00e4t jedoch unterrepr\u00e4sentiert. Die Politik der III. Hochschulreform brachte Ver\u00e4nderung, jedoch noch nicht im staatlich erw\u00fcnschten Ma\u00dfe, wohl auch weil die Fakult\u00e4t nicht so an der Reform mitarbeitete wie die offiziellen Aussagen es vermuten lassen. Tats\u00e4chlich galt Halle als eine der Fakult\u00e4ten mit den geringsten staatlichen Einfl\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Halle \u2013 die Problemfakult\u00e4t?<\/strong><\/p>\n<p>In einer privaten Aussprache zwischen einigen leitenden Akteuren der Fakult\u00e4t und des MHFs am 21.11.1968 wurde dann auch eine intensivere Erziehung der Studenten \u201ezur Erh\u00f6hung ihres Staatsbewu\u00dftseins und ein st\u00e4rkeres Engagement der Lehrkr\u00e4fte dieser Fakult\u00e4t in diesem Sinn\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> die Hauptforderung an die Fakult\u00e4t. Auch das Fehlen von FDJ-Mitgliedern in der Studierendenschaft wurde angeprangert, denn die FDJ spielte eine \u00fcberaus wichtige Rolle bei der \u00dcberwachung der Mitglieder der Fakult\u00e4t.<\/p>\n<p>Von Seiten der theologischen Fakult\u00e4ten gab es ebenfalls Kritik. Auf Initiative des Berliner Dekans war eine ausf\u00fchrliche Stellungnahme gegen die angedachte Verk\u00fcrzung des Studiums auf vier Jahre entstanden, hinter die sich auch die Fakult\u00e4t Halle stellte. Auch die Umgestaltung zu Sektionen brachte Streitpunkte mit sich, bei denen das MHF der Fakult\u00e4t in der erw\u00e4hnten Aussprache sogar teilweise n\u00e4herkam. Doch die erzielte Einigung hielt nicht lange vor \u2013 der stellvertretende Minister des MHF verschob Anfang 1969 den offiziellen Abschluss der Reform an der Fakult\u00e4t, bis diese ihn sich \u201everdient\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> habe. Das entscheidende Problem d\u00fcrfte die ideologische Festigung und Erziehung gewesen sein.<\/p>\n<p><strong>Der Fall Bassarak<\/strong><\/p>\n<p>Um 1968 kam es an der Fakult\u00e4t au\u00dferdem zum kuriosen Fall Bassarak. <a href=\"http:\/\/www.catalogus-professorum-halensis.de\/bassarakgerhard.html\">Gerhard Bassarak<\/a> war ein fortschrittlicher, als IM \u203a\u203aBuss\u2039\u2039 von der Stasi gef\u00f6rderter Theologe, der 1967 pro forma in Halle Professor wurde. Als ich das erste Mal \u00fcber seine Ernennung las, war ich ziemlich erstaunt, denn im ganzen Schriftverkehr der Fakult\u00e4t und im Vorlesungsverzeichnis wird er nicht erw\u00e4hnt. Das liegt daran, dass Bassarak zwar bis 1969 eine Professur in Halle innehatte, allerdings nie an der Fakult\u00e4t t\u00e4tig war.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<div id=\"attachment_349\" style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-349\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-349 size-full\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/mlu1968\/files\/2018\/06\/800px-Gerhard_Bassarak.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"552\" srcset=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/mlu1968\/files\/2018\/06\/800px-Gerhard_Bassarak.jpg 800w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/mlu1968\/files\/2018\/06\/800px-Gerhard_Bassarak-300x207.jpg 300w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/mlu1968\/files\/2018\/06\/800px-Gerhard_Bassarak-768x530.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><p id=\"caption-attachment-349\" class=\"wp-caption-text\">Gerhard Bassarak 1967 bei einer Tagung<\/p><\/div>\n<p>Bassarak selbst wollte eigentlich eine Professur in Berlin; da dies \u201967 nicht m\u00f6glich war, erzwang die Stasi seine Berufung nach Halle. Dort war durch die Emeritierung des regimekritischen <a href=\"http:\/\/www.catalogus-professorum-halensis.de\/lehmann-arno.html\">Arno Lehmann<\/a> eine Professur freigeworden. Sie wurde nun unter Bassarak von einer missionstheologischen in eine \u00f6kumenische umgewandelt, was innerhalb der Theologie in der DDR eine Umwandlung von regimefern zu regimekonform bedeutete.<\/p>\n<p>Bassaraks erzwungene \u203aScheinprofessur\u2039 war Ende der 60er einer von wenigen F\u00e4llen, zuvor waren staatliche Eingriffe bei Besetzungen jedoch normal gewesen. Die Fakult\u00e4t Halle hatte Gl\u00fcck ihre gro\u00dfe Emeritierungswelle um 1966 in einer Phase relativer Freiheit zu erleben; das erlaubte ihr, die R\u00e4nge der Fakult\u00e4t gr\u00f6\u00dftenteils autonom nachzubesetzen.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfen zeitgeschichtlichen Ereignisse von 1968 haben an der Theologischen Fakult\u00e4t in Halle insgesamt keinen Protest hervorgerufen. Stattdessen wurden in dieser Phase die ideologische Festigung der Lehrkr\u00e4fte und die ideologische Erziehung der Studierenden von staatlicher Seite vorangetrieben \u2013 allerdings nicht ohne den Widerstand der Fakult\u00e4t, die sich ihre relative Freiheit auch durch die Hochschulreform hindurch erhalten konnte. \u00d6ffentliche Opposition wagte die Fakult\u00e4t aber nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr Interessierte gibt es auch noch eine deutlich <a href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/mlu1968\/files\/2018\/06\/Repression-und-Alltag-an-einer-Problemfakult\u00e4t-Langversion.pdf\">detailliertere Version<\/a>\u00a0dieses Textes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Literatur und Quellen:<\/p>\n<p>Rainer Eckert, Mechthild G\u00fcnther u. Stefan Wolle: \u201cKlassengegner gelungen einzudringen\u2026\u201c. Fallstudie zur Anatomie politischer Verfolgungskampagnen am Beispiel der Sektion Geschichte der Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin in den Jahren 1968 bis 1972, in: Jahrbuch f\u00fcr Historische Kommunismusforschung (1993), S. 197\u2013225.<\/p>\n<p>Matthias Middell: 1968 in der DDR. Das Beispiel der Hochschulreform, in: Etienne Fran\u00e7ois u.a. (Hg.): 1968. Ein europ\u00e4isches Jahr, Leipzig 1997, S. 125\u2013146.<\/p>\n<p>Dietrich M\u00fchlberg: Wann war 68 im Osten? Oder: Wer waren die 68er im Osten, in: Berliner Bl\u00e4tter 18 (1999), S. 44\u201358.<\/p>\n<p>Friedemann Stengel: Die Theologischen Fakult\u00e4ten in der DDR. Als Problem der Kirchen- und Hochschulpolitik des SED-Staates bis zu ihrer Umwandlung in Sektionen 1970\/71, Leipzig 1998.<\/p>\n<p>Dorothee Wierling: Geboren im Jahr Eins. Der Jahrgang 1949 in der DDR. Versuch einer Kollektivbiographie, Berlin 2002.<\/p>\n<p>Bild: Nutzungsrechtsinhaber <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Benutzer:BrThomas\">BrThomas\u00a0 <\/a>Lizenzbedingungen:\u00a0<a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/de\/legalcode\">https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/de\/legalcode<\/a><\/p>\n<p>UAHW, Rep. 7 Nr. 1224.<\/p>\n<p>UAHW, Rep. 7 Nr. 1263.<\/p>\n<p>UAHW, Rep. 7 Nr. 1247.<\/p>\n<p>UAHW, Rep. 27 Nr. 301.<\/p>\n<p>UAHW, Rep. 27 Nr. 309.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> UAHW, Rep. 7, Nr. 1263, Brief des Dekans an den Rektor vom 23.5.1968.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> UAHW, Rep. 7, Nr. 1224, Aktennotiz \u00fcber Aussprache vom 21.11.1968.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> UAHW, Rep. 7, Nr. 1224, Aktenvermerk vom 10.01.1969.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Hier m\u00f6chte ich mich noch einmal f\u00fcr die erhellende Auskunft von Eberhard Winkler bedanken, der Ende der 60er Dozent an der theologischen Fakult\u00e4t war und mir die Scheinprofessur best\u00e4tigen konnte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als religi\u00f6se Einrichtungen waren die theologischen Fakult\u00e4ten von vornherein Fremdk\u00f6rper im Staatsapparat der atheistischen DDR. 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