Geschichten erzählen im Deutschunterricht. Eine Lese-Schreib-Projekt-Woche

Zwischen Mythos und Zumutbarkeit -Wie viel darf man Sechstklässlern erzählen?

Bei unserer Beschäftigung mit der griechischen Mythologie sind wir auf ein Problem gestoßen, das wir zunächst vielleicht etwas unterschätzt hatten. Die Geschichten der griechischen Mythologie sind nicht immer kindgerecht. Neben Göttern, Helden und spannenden Abenteuern finden sich zahlreiche Inhalte, die aus heutiger Sicht durchaus brutal, verstörend oder obszön wirken können.

Ein besonders deutliches Beispiel ist die Geschichte von Ödipus. Er ermordet seinen eigenen Vater und heiratet anschließend unwissentlich seine eigene Mutter. Auch andere Mythen enthalten sehr drastische Inhalte. Figuren werden beispielsweise vergewaltigt oder erleben andere Formen von Gewalt. Auch Suizid stellt hier ein schwieriges Thema dar. Damit stellte sich für uns die Frage, ob wir solche Texte tatsächlich unverändert an Schüler der 6. Klasse geben können.

Unsere Sorge bestand dabei nicht nur darin, dass die Inhalte für einige Schüler anstößig sein könnten. Vielmehr fragten wir uns auch, ob Sechstklässler bereits in der Lage sind, solche Darstellungen angemessen einzuordnen. Gerade bei sexuellen oder besonders brutalen Inhalten besteht die Gefahr, dass einzelne Aspekte vor allem aufgrund ihres Sensationscharakters wahrgenommen werden, während der mythologische oder erzählerische Zusammenhang in den Hintergrund tritt.

Daraus entstand die Überlegung, problematische Stellen in den Texten umzuschreiben oder zumindest abzuschwächen. Eine solche Bearbeitung hätte allerdings wiederum bedeutet, dass wir teilweise erheblichen Aufwand in die Anpassung der Texte investieren müssten. Letztlich haben wir uns gemeinsam dagegen entschieden, die Mythen grundsätzlich umzuschreiben.

Ein entscheidender Punkt für diese Entscheidung war der Gedanke, dass die Schüler durch Social Media und andere Medien bereits mit deutlich drastischeren Inhalten konfrontiert sein können. Das bedeutet natürlich nicht automatisch, dass jeder problematische Inhalt deshalb für den Unterricht geeignet ist. Es hat uns aber dazu gebracht, die Frage etwas anders zu betrachten. Vielleicht geht es weniger darum, sämtliche schwierigen Inhalte aus den Texten zu entfernen, sondern vielmehr darum, wie wir mit ihnen im Unterricht umgehen.

Gerade darin sehen wir eine interessante Möglichkeit für den Deutschunterricht. Die Schüler sollen die Geschichten nicht einfach unreflektiert konsumieren, sondern sich mit ihnen auseinandersetzen. Problematische Handlungen können zum Anlass genommen werden, über Figuren, Motive, Konflikte und die Vorstellungen der damaligen Zeit zu sprechen. So können auch schwierige Stellen in einen pädagogischen und literarischen Zusammenhang eingeordnet werden.

Unsere Diskussion hat uns deshalb gezeigt, dass bei der Auswahl der Texte nicht ausschließlich die Frage „Ist dieser Text kindgerecht?“ entscheidend sein sollte. Ebenso wichtig ist die Frage, „Wie können wir diesen Text mit einer sechsten Klasse behandeln?“. Die griechische Mythologie bietet schließlich gerade durch ihre teilweise drastischen und ungewöhnlichen Geschichten viele Gesprächsanlässe.

Für unsere Projektwoche bedeutete es, dass wir die problematischen Inhalte nicht einfach aus den Mythen herausfiltern wollten. Stattdessen fanden wir es wichtig, bei der Textauswahl genau hinschauen und zu überlegen, welche Geschichten sich für die Schüler eignen und an welchen Stellen eine begleitende Einordnung durch den Lehrer notwendig war. So bleibt die ursprüngliche Besonderheit der Mythen erhalten, ohne die Schüler mit den Inhalten allein zu lassen.