Bevor wir den Schülerinnen und Schülern zu Beginn der Projektwoche grundlegende Kenntnisse über die griechischen Götter vermitteln konnten, mussten auch wir uns zunächst intensiver mit den einzelnen Gottheiten auseinandersetzen. Dafür haben wir uns mit unterschiedlicher Fachliteratur beschäftigt, um über die bloßen Grundkenntnisse hinaus ein fundierteres Verständnis der Figuren zu entwickeln. Besonders Aphrodite gehört zu den bekanntesten und vermutlich auch für Schülerinnen und Schüler besonders interessanten Göttinnen. Bei meiner Beschäftigung mit ihr ist mir dabei ein wissenschaftlicher Beitrag besonders im Gedächtnis geblieben: „Aphrodite in Proclus’ Theology“ von Tuomo Lankila (Universität Helsinki). Der Beitrag beschäftigt sich mit der Stellung und Bedeutung Aphrodites in der Theologie des spätantiken Neuplatonikers Proklos und zeigt dabei eine deutlich komplexere Perspektive auf die Göttin, als es ihre häufige Reduktion auf Liebe und Schönheit zunächst vermuten lässt.
Der Beitrag untersucht – wie bereits erwähnt – die Bedeutung und Stellung der Göttin Aphrodite innerhalb der Theologie des Neuplatonikers Proklos (412–485). Ausgangspunkt ist die Frage, wie eine einzelne Gottheit in Proklos’ hierarchisch gegliederter Metaphysik auf unterschiedlichen Ebenen der Wirklichkeit präsent sein kann. Anhand von Proklos’ Kommentaren zu Platon sowie seiner Interpretation homerischer und orphischer Mythen zeigt sich, dass Aphrodite nicht auf Liebe, Sexualität oder körperliches Begehren reduziert werden kann. Vielmehr verkörpert sie eine göttliche Kraft der Vereinigung, Schönheit und Harmonie. So beschreibt Proklos ihre kosmische Funktion als die Fähigkeit, „to bind and adjust that which has been separated“ (S. 29) – das Getrennte miteinander zu verbinden und in ein harmonisches Verhältnis zu bringen.
Diese Funktion zeigt sich auf verschiedenen Ebenen: Aphrodite wirkt als kosmische Kraft der Zeugung und Vereinigung, als Vermittlerin zwischen gegensätzlichen Prinzipien und als Ursprung der Hinwendung der Seele zur göttlichen Schönheit. Besonders deutlich wird dies in Proklos’ allegorischer Deutung der Beziehung zwischen Aphrodite, Ares und Hephaistos, in der Aphrodite für Vereinigung und Harmonie, Ares für Trennung sowie Gegensatz und Hephaistos für die ordnende Gestaltung der sinnlichen Welt stehen. Auch erotische Mythen und kultische Praktiken erhalten dadurch eine tiefere Bedeutung: Sie verweisen symbolisch auf metaphysische Prozesse und auf den Aufstieg von der sinnlichen zur göttlichen Schönheit. Aphrodite erscheint somit als eine zentrale göttliche Vermittlungskraft, durch die die Vielheit der Wirklichkeit in Beziehung, Harmonie und letztlich in die Einheit des Göttlichen zurückgeführt wird.
Literaturnachweis:
Lankila, Tuomo: Aphrodite in Proclus’ Theology. In: Journal for Late Antique Religion and Culture 3 (2009), S. 21-43.