{"id":12,"date":"2021-09-10T16:36:14","date_gmt":"2021-09-10T14:36:14","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/naturkundenwaschbaeren\/?page_id=12"},"modified":"2021-09-11T12:07:06","modified_gmt":"2021-09-11T10:07:06","slug":"vertiefung-waschbaeren-im-oekosystem","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/naturkundenwaschbaeren\/vertiefung-waschbaeren-im-oekosystem\/","title":{"rendered":"Vertiefung: Waschb\u00e4ren im \u00d6kosystem"},"content":{"rendered":"\n<p>Als Heimtier ist der Waschb\u00e4r also nicht geeignet. Auch in unserer Kultur scheint kein Platz f\u00fcr ihn zu sein und generell wird das zunehmende Ausbreiten des Kleinb\u00e4ren in Deutschland von allen Seiten kritisch betrachtet. Doch ist diese Perspektive \u00fcberhaupt gerechtfertigt? <strong>Richtet der Waschb\u00e4r tats\u00e4chlich einen solch gro\u00dfen Schaden in unserem \u00d6kosystem an? <\/strong>Diesen und weiteren Fragen soll in dem nun folgenden, letzten Abschnitt dieser Betrachtung Rechnung getragen werden, indem verschiedene Experten-Meinungen vorgestellt und gegeneinander abgewogen werden. Dar\u00fcber hinaus wird ein Blick auf den <strong>jagdlichen Umgang<\/strong> mit dem Tierchen geworfen sowie ein Zusammenhang zwischen seinem Einfluss auf das \u00d6kosystem und der Jagd auf Waschb\u00e4ren hergestellt.<\/p>\n\n\n\n<h4>Waschb\u00e4ren als Neozoon<\/h4>\n\n\n\n<p>Richtet der Kleinb\u00e4r als Neozoen, also als eine Art, die sich aufgrund von menschlicher Einflussnahme in einem Gebiet entwickelt hat, tats\u00e4chlich so viel Schaden in unserem \u00d6kosystem an, wie von vielen bef\u00fcrchtet wird? Oder gliedert er sich nahtlos in die vorherrschende Flora und Fauna ein und bereichert dar\u00fcber hinaus m\u00f6glicherweise sogar unsere Umwelt? Eine endg\u00fcltige Antwort auf diese und \u00e4hnliche Fragen gibt es im Anbetracht der <strong>mangelhaften Forschungsergebnisse<\/strong> im Moment noch nicht. Auch viele Experten sind sich uneinig. Die einen sehen Waschb\u00e4ren als \u201e[\u2026] ecological vandals upsetting the ecosystem, reducing biodiversity, and threatening rare species with extinction[.]\u201c<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a>. Erste Untersuchungen haben bereits belegen k\u00f6nnen, dass der Waschb\u00e4r Auswirkungen auf die im Raum Bernburg lebenden Vogelpopulationen, allen voran auf den Graureiher, hat.<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> Auch bezogen auf den Harz konnte festgestellt werden, dass mit der Ausbreitung des Waschb\u00e4ren \u201e[\u2026] massive Verluste an Gelegen, Jung- und Altv\u00f6geln bei einzelnen H\u00f6hlenbr\u00fcterarten [\u2026]\u201c<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a> einhergingen.<a href=\"#_ftn4\">[4]<\/a> Dar\u00fcber hinaus verlangen viele Stimmen, die Jagd nach Waschb\u00e4ren weiter zu intensivieren, da sie keine nat\u00fcrlichen Feinde besitzen. Auf der anderen Seite gibt es bisher keine Beweise daf\u00fcr, dass der Waschb\u00e4r einen ernstzunehmenden Einfluss auf die Flora und Fauna Deutschlands hat. So ist der R\u00fcckgang der angebrachten Vogelarten sicherlich in erster Linie auf den Verlust von Lebensr\u00e4umen zur\u00fcckzuf\u00fchren. Schlie\u00dflich verzehrt der Waschb\u00e4r als Allesfresser allen voran das, was ihm vor die Nase kommt und wenig Aufwand bedarf. V\u00f6gel oder andere Tiere, die er mit vergleichsweise viel Arbeit fangen m\u00fcsste, z\u00e4hlen dazu eher weniger. Au\u00dferdem stellt der kleine Bandit keine Konkurrenz in Bezug auf Nahrung f\u00fcr andere Arten wie F\u00fcchse dar.<a href=\"#_ftn5\">[5]<\/a> <strong>Ob durch den Waschb\u00e4ren tats\u00e4chliche negative Auswirkungen auf V\u00f6gel und andere Lebewesen zu verzeichnen sind, h\u00e4ngt letztlich von den betreffenden Gebiet sowie von der Populationsdichte des Waschb\u00e4ren darin ab.<\/strong><br>Auch bezogen auf <strong>Krankheiten<\/strong> ist der Waschb\u00e4r sowohl f\u00fcr den Menschen als auch f\u00fcr andere Tiere in seiner Umgebung eher ungef\u00e4hrlich. Im Gegensatz zu den in Nordamerika lebenden Waschb\u00e4ren weisen die Exemplare in Deutschland generell weniger Parasiten auf. Lediglich der unter den Kleinb\u00e4ren verbreitete Waschb\u00e4rspulwurm kann beim Menschen in seltenen F\u00e4llen zur schwerwiegenden Erkrankung f\u00fchren. Obwohl Waschb\u00e4ren bei der Verbreitung der Tollwut in Europa keine Rolle spielen und bisher nur wenige F\u00e4lle mit infizierten Waschb\u00e4ren bekannt sind, ist trotzdem Vorsicht im Umgang mit den Tieren in freier Wildbahn geboten.<a href=\"#_ftn6\">[6]<\/a> Nicht zuletzt k\u00f6nnte die zuk\u00fcnftige Population des Waschb\u00e4ren in Europa von der Viruserkrankung Staupe negativ beeinflusst werden, wie es in Nordamerika bereits heute der Fall ist.<a href=\"#_ftn7\">[7]<\/a><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"683\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/naturkundenwaschbaeren\/files\/2021\/09\/oliver-pacas-SdUkQtbNTHw-unsplash-683x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-54\" srcset=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/naturkundenwaschbaeren\/files\/2021\/09\/oliver-pacas-SdUkQtbNTHw-unsplash-683x1024.jpg 683w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/naturkundenwaschbaeren\/files\/2021\/09\/oliver-pacas-SdUkQtbNTHw-unsplash-200x300.jpg 200w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/naturkundenwaschbaeren\/files\/2021\/09\/oliver-pacas-SdUkQtbNTHw-unsplash-768x1151.jpg 768w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/naturkundenwaschbaeren\/files\/2021\/09\/oliver-pacas-SdUkQtbNTHw-unsplash-1025x1536.jpg 1025w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/naturkundenwaschbaeren\/files\/2021\/09\/oliver-pacas-SdUkQtbNTHw-unsplash-1367x2048.jpg 1367w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/naturkundenwaschbaeren\/files\/2021\/09\/oliver-pacas-SdUkQtbNTHw-unsplash-scaled.jpg 1709w\" sizes=\"(max-width: 683px) 100vw, 683px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Bildnachweis:  Foto von <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/@oliverpacas?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText\">Oliver Pacas<\/a> auf <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/s\/photos\/raccoon?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText\">Unsplash<\/a><\/p>\n\n\n\n<h4>Die Eind\u00e4mmung der Waschb\u00e4rpopulation<\/h4>\n\n\n\n<p>Es ist festzuhalten, dass der Waschb\u00e4r in Deutschland \u2013 mit Ausnahme der Probleme in Siedlungsr\u00e4umen \u2013 <strong>keine bedeutenden \u00f6konomischen sowie epidemiologischen Sch\u00e4den verursacht.<\/strong> Nichts destotrotz wurden seit der ersten erfolgreichen Aussetzung der Waschb\u00e4ren die Stimmen, die seine Wiederausrottung forderten, immer lauter \u2013 unter ihnen auch der Waschb\u00e4rexperte schlechthin, Hans Kampmann, der noch im Jahre 1975 \u00fcberzeugt war, \u201e,[\u2026] dass wenn wir alle eifrige Waschb\u00e4rj\u00e4ger werden, wir das Waschb\u00e4rproblem doch noch in den Griff bekommen werden\u2018\u201c<a href=\"#_ftn8\">[8]<\/a>. Obwohl der Waschb\u00e4r ab 1956 zur Jagd freigegeben wurde und die Jagdstrecke in Deutschland auf mittlerweile \u00fcber 50.000 erlegte Tiere pro Jahr angestiegen ist, konnte der erw\u00fcnschte Erfolg der Zur\u00fcckdr\u00e4ngung nicht erreicht werden. Eher das Gegenteil ist der Fall, denn der Kleinb\u00e4r breitete sich in den vergangenen 70 Jahren kontinuierlich innerhalb Deutschlands aus und kommt mittlerweile in allen 16 Bundesl\u00e4ndern vor. Einer der Forscher f\u00fcr Wildtierforschung, Frank-Uwe Michler, von der TU Dresden hat errechnet, dass die Jagdstrecke um ca. 800% gesteigert werden m\u00fcsste, das entspricht 300.000 erlegten Waschb\u00e4ren pro Jahr, damit der jagdliche Eingriff einen reduktiven Charakter hat, oder wie Bruno Hespeler es ausdr\u00fcckt: <strong>\u201eGanz sicher aber wird es nicht mehr gelingen, ihn zu tilgen. Dieser Zug ist l\u00e4ngst abgefahren!\u201c<\/strong><a href=\"#_ftn9\">[9]<\/a>.<a href=\"#_ftn10\">[10]<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Zit. Jernel\u00f6v, Arne: <em>The Long-Term Fate of Invasive Species. Aliens Forever or Integrated Immigrants with Time?<\/em>. Jarpas, Schweden: Springer 2017. S. 224.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Vgl. Helbig, Dirk: <em>Untersuchungen zum Waschb\u00e4ren (,Procyon lotor Linn\u00e9\u2018, 1758) im Raum Bernburg<\/em>. In: <em>Naturschutz im Land Sachsen-Anhalt<\/em> 48. Jahrgang (2011). S. 17-18. <a href=\"http:\/\/publikationen.ub.uni-frankfurt.de\/frontdoor\/index\/index\/docId\/31504\">http:\/\/publikationen.ub.uni-frankfurt.de\/frontdoor\/index\/index\/docId\/31504<\/a> (zuletzt abgerufen am 17.08.2021).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Zit. Tolkmitt, Dirk und Detlef Becker u.a.: <em>Einfluss des Waschb\u00e4ren ,Procyon lotor\u2018 auf Siedlungsdichte und Bruterfolg von Vogelarten \u2013 Fallbeispiele aus dem Harz und seinem n\u00f6rdlichen Vorland<\/em>. S. 44. <a href=\"https:\/\/www.zobodat.at\/pdf\/Ornith-Jber-Heineanum_30_0017-0046.pdf\">https:\/\/www.zobodat.at\/pdf\/Ornith-Jber-Heineanum_30_0017-0046.pdf<\/a> (zuletzt abgerufen am 17.08.2021).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> Vgl. Tolkmitt, Becker: <em>Einfluss des Waschb\u00e4ren ,Procyon lotor\u2018 auf Siedlungsdichte und Bruterfolg von Vogelarten. <\/em>S. 39-44.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> Vgl. Jernel\u00f6v: <em>The Long-Term Fate of Invasive Species.<\/em>S. 224-226.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a> Vgl. Hohmann, Bartussek: <em>Der Waschb\u00e4r<\/em>. S. 181 f.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref7\">[7]<\/a> Vgl. Jernel\u00f6v: <em>The Long-Term Fate of Invasive Species.<\/em>S. 226 f.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref8\">[8]<\/a> Zit. Michler, F.-U.: <em>Pr\u00e4datorenmanagement in deutschen Nationalparks?. Notwendigkeit und Machbarkeit regulativer Eingriffe am Beispiel des Waschb\u00e4ren (,Procyon lotor\u2018)<\/em>. <a href=\"https:\/\/www.projekt-waschbaer.de\/fileadmin\/user_upload\/Textbeitrag_Michler_Tagungdokumentation_Wildmanagement.pdf\">https:\/\/www.projekt-waschbaer.de\/fileadmin\/user_upload\/Textbeitrag_Michler_Tagungdokumentation_Wildmanagement.pdf<\/a> (zuletzt abgerufen am 19.08.2021). Zit. n. Hans Kampmann. S. 19.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref9\">[9]<\/a> Zit. Hespeler: <em>Raubwild heute<\/em>. S. 97.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref10\">[10]<\/a> Vgl. Michler: <em>Pr\u00e4datorenmanagement in deutschen Nationalparks?<\/em>. S. 16-20.&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Heimtier ist der Waschb\u00e4r also nicht geeignet. Auch in unserer Kultur scheint kein Platz f\u00fcr ihn zu sein und generell wird das zunehmende Ausbreiten des Kleinb\u00e4ren in Deutschland von allen Seiten kritisch betrachtet. Doch ist diese Perspektive \u00fcberhaupt gerechtfertigt? Richtet der Waschb\u00e4r tats\u00e4chlich einen solch gro\u00dfen Schaden in unserem \u00d6kosystem an? Diesen und weiteren [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4195,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/naturkundenwaschbaeren\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/12"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/naturkundenwaschbaeren\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/naturkundenwaschbaeren\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/naturkundenwaschbaeren\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4195"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/naturkundenwaschbaeren\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/naturkundenwaschbaeren\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/12\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":68,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/naturkundenwaschbaeren\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/12\/revisions\/68"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/naturkundenwaschbaeren\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}