Darf man Israels Politik kritisieren?

Was sonst noch in der Welt passiert

Oder müsste die Frage nicht vielmehr lauten: Muss man die Politik Israels gegenüber den Palästinensern kritisieren? Dies sind innerhalb der deutschen Linken scheinbar hoch problematische Fragen. Vor allem der BAK Shalom innerhalb der Linkspartei scheint jede klitzekleine Kritik an Israel als Antisemitismus zu verstehen. Aus meiner Sicht ist das eine erschreckende verkürzte Sicht auf die Nahost-Problematik. Wer hat denn wen vertrieben? 1948 wurden Millionen von Palästinensern aus ihrer Heimat vertrieben – heute wird ihnen nicht einmal ein eigener Staat neben Israel (Zwei-Staaten-Lösung) zugesprochen.

Ich möchte hier einen Beitrag von Abraham Melzer (Herausgeber der Zeitschrift „Der Semit“) aus der Jungen Welt vom 27.03. zitieren, um allen Lesern zu verdeutlichen, dass Antizionismus kein Antisemitismus ist:

„Antisemitismus und Antizionismus sind zwei grundverschiedene Probleme, die unverantwortlich immer wieder vermischt werden. Antisemitismus läßt sich mit einem Satz definieren: Es ist der Haß auf andere Menschen, nur weil sie Juden sind. Natürlich ist das zu verurteilen, aber letztlich bleibt es Privatsache eines jeden, ob er Juden mag oder nicht – auch Juden mögen nicht alle Menschen. Wenn die Abneigung in Haß umschlägt, der die Gesetze verletzt, muß sich die Polizei darum kümmern.

Ich möchte nicht gehaßt werden, nur weil ich Jude bin, ich möchte aber auch nicht geliebt werden, nur weil ich Jude bin. Letzteres nennt man Philosemitismus, es ist aber nur die andere Seite derselben Medaille, die Antisemitismus heißt.

Antizionismus hingegen richtet sich gegen eine Ideologie, aus der eine faschistoide, rassistische und kolonialistische Politik geworden ist. Dagegen zu polemisieren ist genauso legitim, als wenn man gegen Kommunismus, Kapitalismus oder Rassismus ist. Wenn ich z.B. gegen den Nationalsozialismus eintrete, bin ich noch lange nicht gegen Deutsche: Und wenn ich etwas gegen den Zionismus habe, bin ich noch lange nicht gegen Juden.

Der BAK Shalom liebt solche Differenzierungen nicht. Als ihren Guru betrachtet diese Gruppe offenbar den jüdischen Rechtsaußen und Haßprediger Henryk M. Broder. Dieser ebenso talentierte wie charakterlose Spiegel-Reporter macht immer wieder genau das, was er seinen Gegnern vorwirft, nämlich den Holocaust für eigene Zwecke zu mißbrauchen.

Broder und Co. loben Israel als demokratisches Vorbild für den Nahen Osten. Das wäre es aber nur, wenn man ausschließlich Syrien, Jordanien oder Saudi-Arabien als Bezugspunkt nimmt – einen Vergleich mit der Schweiz, England, den Niederlanden und gar Deutschland würde Israel nie bestehen.

BAK Shalom und Broder kämpfen an vielen Fronten. Mal ist es Irans Präsident Ahmadinedschad, den sie »Hitler des 21. Jahrhunderts« nennen, mal ist es die Hamas, die angeblich »zur Vernichtung der europäi­schen Juden« aufruft. Diese Positionen, die selbst rechte Israelis nur unter Vorbehalt äußern, werden in Deutschland aber von dem sich links verstehenden BAK Shalom ebenso vertreten wie von den rechten »Christen für Israel«. Die peinlichen Auftritte dieser Gruppen und ihre Anmaßung, uns Juden Moral zu predigen, machen uns nur zornig.“

Gefunden auf: http://www.jungewelt.de/2010/03-27/054.php (letzter Zugriff: 28.03.2010)

5 Comments

5 Comments

  1. Sebastian  •  Mrz 31, 2010 @11:36

    Es scheint so, dass du, um nicht selbst Position zu beziehen und argumentieren zu müssen, Melzer zitierst. Deine angesprochene „verkürzte Sicht“ muss dir zurückgegeben werden, denn deine Frage „Wer hat denn wen vertrieben?“ und die folgenden Sätze vernachlässigen die historischen Hintergründe bis zum Jahr 1948, gerade in der Region Palästina. Also: Wenn schon kritisieren, dann richtig!
    Zum Beitrag Melzers: Es ist natürlich richtig, dass Antisemitismus und Antizionismus differenziert werden müssen, nur leider kommt es häufig vor, dass auch Vertreter der sogenannten „Linken“ in einer antizionistischen Argumentation bestimmte Stereotype und Verallgemeinerungen benutzen, die im Kontext antisemitischer Polemiken stehen. Das ist ein Problem. Die Grenzziehung zwischen Antizionismus und Antisemitismus ist verschwommen, da sich Antisemiten dem Antizionismus bedienen und Umgekehrt.

    Ausgereiftere Diefferenzierung ist zu wünschen. Danke.
    MfG
    Sebastian

  2. Stefan Dorl  •  Apr 1, 2010 @15:13

    in der Tat nicht verschweigen, dass die Ausgrenzung der Juden, die es nun schon tausende Jahre gibt – mit unterschiedlicher Intensität in den verschiedenen historischen Epochen -, nicht akzeptabel sind oder waren.
    Im Übrigen stimmt meine Meinung stark mit dem von mir zitierten Melzer überein, sonst würde ich ihn nicht ausführlich zitieren. Ich finde es wichtig, dass Antizionismus und Antisemitismus klar unterschieden werden. Natürlich gibt es auch Linke, die nicht klare Grenzen ziehen. Nur gibt es leider auch solche „Linke“ (sind für mich nicht wirklich welche), die jede Kritik an der Siedlungspolitik oder was auch immer für eine Politik Israels als Antisemitismus abstempeln. Das darf auch nicht sein. Wenn Israel Menschenrechte verletzt, z.B. im Gaza-Krieg 2008/2009, müssen diese auch so benannt werden dürfen (Goldstone-Bericht) und müssen entsprechende Sanktionen zur Folge haben. Die Maßstäbe, die man bei Nordkorea, Iran und früher Irak anwendet, müssen doch auch für Israel gelten!!

  3. Stefan Dorl  •  Apr 1, 2010 @15:27

    Da fehlte der erste Satz 🙂

    Ja, die Geschichte der Verteibung im Raum Palästina ist sehr lang und schwierig. Man sollte in der Tat nicht verschweigen, dass die Ausgrenzung der Juden, die es nun schon tausende Jahre gibt – mit unterschiedlicher Intensität in den verschiedenen historischen Epochen -, nicht akzeptabel sind oder waren.
    Im Übrigen stimmt meine Meinung stark mit dem von mir zitierten Melzer überein, sonst würde ich ihn nicht ausführlich zitieren. Ich finde es wichtig, dass Antizionismus und Antisemitismus klar unterschieden werden. Natürlich gibt es auch Linke, die nicht klare Grenzen ziehen. Nur gibt es leider auch solche „Linke“ (sind für mich nicht wirklich welche), die jede Kritik an der Siedlungspolitik oder was auch immer für eine Politik Israels als Antisemitismus abstempeln. Das darf auch nicht sein. Wenn Israel Menschenrechte verletzt, z.B. im Gaza-Krieg 2008/2009, müssen diese auch so benannt werden dürfen (Goldstone-Bericht) und müssen entsprechende Sanktionen zur Folge haben. Die Maßstäbe, die man bei Nordkorea, Iran und früher Irak anwendet, müssen doch auch für Israel gelten!!

  4. Benjamin  •  Apr 5, 2010 @17:54

    „Vor allem der BAK Shalom innerhalb der Linkspartei scheint jede klitzekleine Kritik an Israel als Antisemitismus zu verstehen.“

    Steht nirgends und ist schlichtweg gelogen. Der BAK Shalom hat in der Vergangenheit mehrmals deutlich gemacht, dass er sich genau davon distanziert. Natürlich ist nicht alles Antisemitisch was die Politik Israels kritisiert.

    Peinlich.

    Benjamin
    Sprecher BAK Shalom

  5. Stefan Dorl  •  Apr 6, 2010 @14:52

    Ok, ok, das stimmt. Aber ich hoffe mal, dass das auch alle Mitglieder des BAK Shalom so sehen und kein Schweißausbrüche bei Kritik an Netanjahu und Co. bekommen. Ich werde das weiter beobachten.
    Habe mir gerade mal die „Grundsatzerklärung des BAK Shalom“ durchgelesen: interessante Lektüre. Als überzeugter Sozialist kann man phasenwiese jedoch nur den Kopf schütteln. Im Grunde ein sehr graues Wischiwaschi und Sowohl-als-auch, niemand soll verletzt werden und alles toleriert werden.
    Heuschrecken und deren Verteufelung werden in Zusammenhang mit der „Trennung zwischen „raffendem“ und „schaffendem“ Kapital“ gebracht. Geht es euch noch gut? Wer (besonders unter Linken) hat denn bei der Kritik an Hedgefonds an Juden gedacht? Ich glaube ja kaum, dass bei den Hedgefonds überdurchschnittlich viele Juden als Investoren auftreten. Selbst wenn (ist mir aber egal wer so was betreibt), diese Art von Kapitalisten gilt es doch entgegenzutreten oder hat der BAK Shalom noch nie was von Unternehmen gehört, die von „Heuschrecken“ ausgequetscht wurden?
    Das einzige, was man zur Lösung des Nahostkonflikts liest, ist, dass man auf keinen Fall mit der Hamas sprechen darf. Super, aber Netanjahu, der ständig internationale Vereinbarungen, z.B. zum Stopp der illegalen Siedlungen im Westjordanland oder Ostjerusalem, ist die Solidarität von euch gewiss? Meine Meinung ist, dass politische Verhandlungen von Israel und Palästinensern ohne Tabus erfolgen müssen, die Hamas ist auch keine reine Terroristenbande, sondern auch(!) eine soziale Bewegung, die hilft, das durch Israels Besatzung verursachte Elend im Gazastreifen zu mindern. Überhaupt: welche Meinung hat der BAK Shalom zu der Besetzung des Westjordanlandes und zur Abriegelung der Grenzen zum Gaza-Streifen?
    Und zum Anti-Amerikanismus, herrje. Natürlich sind die USA nicht für alle Übel der Welt verantwortlich. Aber: die USA haben kein gottgegebenes Recht, als Welthegemon aufzutreten (oder?). Und die USA habe auch kein Recht und auch nicht die Pflicht, sich in alle regionalen Konflikte einzumischen und dabei ihr „Demokratie“-Modell zu vermitteln. Alle Menschen der Erde sind gleich und sollten (als Nation) das gleiche Selbstbestimmungsrecht haben. Ich bezweifle, dass die US-Politiker alle das auch so sehen.

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