Detailanalyse der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt

Wahlen

Nun möchte ich auf Basis der Stimmenanteile in den Wahlkreisen etwas genauer darstellen, wo die großen Parteien Stimmen gewonnen oder verloren haben. Dazu erst einmal die Parteien-Mittelwerte und die Standardabweichungen (in %):

CDU LINKE SPD FDP Grüne NPD
Mittelwert 32,48 23,87 21,50 3,89 6,79 4,72
Standardabweichung 3,20 2,56 1,97 0,87 2,81 1,19
Minimum 25,22 18,74 18,34 2,52 3,83 1,94
Maximum 42,77 31,45 26,57 6,24 19,97 8,43

 

Man sieht an diesen Zahlen, dass bei der FDP die Streuung relativ gering war, bei CDU und LINKE dagegen recht groß. Wenn man sich allein die Ergebnisse von CDU und LINKE ansieht, dann kann man erkennen (siehe Grafik), dass in den Wahlkreisen, in denen die CDU große Stimmenanteile erreichte, die LINKE schwächelte und umgekehrt. Daran kann man erkennen, dass CDU und LINKE noch immer am stärksten polarisieren und unterschiedliche Milieus ansprechen. Bei keiner anderen Konstellation wird dies so klar. Es gibt zwar noch die Tendenz, dass in starken LINKEN-Wahlkreisen die NPD eher schwächer und die Piratenpartei eher überdurchschnittlich abgeschnitten haben, allerdings nicht statistisch signifikant.

 

Wo sind nun die Hochburgen der Parteien?

Ich habe nun als Hochburg definiert solche Wahlkreise, in denen die Parteien ihren Mittelwert um 1,5 mal Standardabweichung übertrifft; Bsp. SPD: eine SPD-Hochburg ist ein Wahlkreis mit (21,5 % + 1,5 mal 1,97 % =) 24,46 %.

 

CDU Wolmirstedt 37,9 Wittenberg 42,8 Jessen 37,7
LINKE Halle I 31,5 Halle IV 28,4
SPD Eisleben 26,6 

Oschersleben 25,5

Hettstedt 24,8 Magdeburg I 24,6
FDP Bitterfeld 6,2 Querfurt 5,9 Saalekreis 5,4
Grüne Halle III 20,0 Magdeburg II 13,8 Halle II 13,5
NPD Nebra 8,4 Naumburg 6,7 Hohenmölsen 6,7

 

Die CDU hat in Wolmirstedt (Direktmandat: H. Stahlknecht) und Wittenberg (Direktmandat: R. Haseloff) ihre Hochburgen, die LINKE bleibt in Halle eine starke Kraft, in Halle-Neustadt (Halle I) holt sie wie bei der vergangenen Wahl das Direktmandat (U.-V. Köck). Die SPD kann in Eisleben (J. Bullerjahn) ihr einziges Direktmandat holen und hat ihre Hochburgen eher im südwestlichen Sachsen-Anhalt. Bei den Grünen ist alles wie immer: nur auf Grund ihrer vielen (studentischen?) Wähler in den Universitätsstädten kommt sie in den Landtag. Die FDP hat nur in 5 Wahlkreisen die Fünfprozenthürde geknackt, man darf gespannt sein, ob Cornelia Pieper ihren Landesvorsitz behalten darf.

Die NPD konnte in 17 Wahlkreisen die Fünfprozenthürde überwinden; sie hat sich vor allem im Süden und Südwesten verbreitet. In den Großstädten ist sie unter 5 %.

Die Freien Wähler haben in immerhin 4 Wahlkreisen die Fünfprozentmarke, in weiteren 7 Wahlkreisen die Vierprozentmarke übetroffen. Die meisten Stimmen holten sie in Wanzleben (6,5 %), Zerbst und Wittenberg. Die Piratenpartei war in den Großstädten am stärksten: 3,1 % in Halle II und Halle III, 2,8 % in Magdeburg II. Sie sind dort stark, wo auch die Grünen gut sind.

 

Wo waren die Parteien besonders schwach?

 

Analog zur Hochburg-Definition geht es hierbei um Wahlkreise, in denen die Parteien um 1,5 Standardabweichungen unter ihrem Mittelwert liegen.

 

CDU Halle I 25,2 Magdeburg I 26,4 Halle IV 27,4
LINKE Halle III 18,7 Wittenberg 19,3
SPD Wittenberg 18,3
FDP Wittenberg 2,5 %
Grüne
NPD Halle III 1,9 Magdeburg II 2,1 Halle II 2,8

 

Die CDU ist in Halle und Magdeburg am schlechtesten, das ist seit Jahren die Schwäche der CDU. Die LINKE kann in der Innenstadt/ Paulusviertel naturgemäß wenig punkten, da das gehobene Bürgertum lieber Grüne wählt. Sowohl LINKE, SPD als auch FDP schwächeln in Wittenberg, dem Wahlkreis von CDU-Chef Haseloff und Ex-Ministerpräsident Böhmer. Die Grünen haben keine negative Hochburg im obigen Sinne, schlecht waren sie aber in Eisleben (4,1 %) und Hettstedt (3,8 %).

 

Wahlbeteiligung

 

Wie schon gehört war die Wahlbeteiligung für sachsen-anhaltinische Verhältnisse ganz ordentlich und die Steigerung zur letzten Landtagswahl beachtlich. Auch bei den anderen beiden Wahlen vom Wochenende waren die Beteiligungen größer als zuvor. Damit ergibt sich für mich die Schlussfolgerung, dass sich die höhere Wahlbeteiligung aus einer allgemein höheren Politisierung der Bürger ergibt. Es brennt ja auch an verschiedenen Orten (teils leider im wahrsten Sinne des Wortes): Reaktorkatastrophe in Japan, völkerrechtswidriger Krieg des Westens gegen Lybien/ Lybiens Regierung, Euro-/ Schuldenkrise, Atompolitikschwenkk unserer Regierung und in jedem Bundeland noch spezifische themen (Niedriglohnsektor, NPD, Stuttgart 21, Skandal um Nürburgring…). Wenn es viele Themen gibt, die politisch zu entscheiden sind, können die Bürger auch mobilisiert werden.

Allerdings schwankte die Wahlbeteiligung in Sachsen-Anhalt erheblich: am höchsten in Magdeburg und Halle (zwischen 55 und 61 %), am niedrigsten war sie in Staßfurt (43,3 %) und Merseburg (46,1 %). Aber auch Halle-Neustadt (Halle I) glänzte mit 47,3 % eher mit Abwesenheit. Und auch sonst sollten die Zahlen nicht zu allzu viel Euphorie verleiten: wenn die Hälfte der Menschen im Akt des Wählens keinen Sinn erkennen kann, dann stimmt etwas Grundsätzliches im politischen Handeln der Parteien und vielleicht auch im politischen System nicht!

Die Umfragen/Prognosen

Wer hatte die besten Wahlprognosen? Die folgende Tabelle gibt Aufschluss darüber:

  CDU LINKE SPD FDP Grüne Sonst.
Ergebnis 32,5 23,7 21,5 3,8 7,1 11,4
Infratest 33 25 24 4,5 5,5 8
  +0,5 +1,3 +2,5 +0,7 -1,6 -3,4
FG Wahlen 32 24 24 5 5 10
  -0,5 +0,3 +2,5 +1,2 -2,1 -1,4
Meine Prog. 32 27,5 24 4,8 5,3 6,4
  -0,5 +3,8 +2,5 +1,0 -1,8 -5,0

Am schlechtesten war meine Prognose; die Abweichungen ergeben in der Summe 14,6 %. Am zweitbesten war die Prognose von Infratest mit einer Gesamtabweichung von 10,0 %. Am besten hat die Forschungsgruppe Wahlen abgeschnitten mit einer Abweichung von 8,0 %. Zu erkennen ist, dass vor allem die SPD, aber auch die FDP ganz schön überschätzt und die Sonstigen unterschätzt wurden. Allerdings muss fairerweise zugestanden werden, dass alle Abweichungen noch im statistisch akzeptablen Niveau lagen.

Weitere Analysen siehe:

http://www.benjamin-hoff.de/article/3716.die-wahl-in-sachsen-anhalt-vom-20-maerz-2011.html

http://www.benjamin-hoff.de/serveDocument.php?id=745&file=3/d/642.pdf

 

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