Leseprotokoll Digitale Arbeit (Teil 3)

Politische Theorie

Heute folgt der zweite Teil meiner Leseprotokolle, in denen ich Beiträge aus der aktuellen Ausgabe der Z. Zeitschrift für Marxistische Erneuerung zusammenfasse (zu Teil 1 hier). Aus meiner Sicht wichtige Aussagen sind wieder fett hervorgehoben. Heute geht es um zwei Beiträge, einmal um arbeits- und gesellschaftspolitische Perspektiven der Industrie 4.0 und zum anderen um zur aktuellen Verbreitung und Nutzung digitaler Arbeitsmittel

Butello/Engel: Industrie 4.0: arbeits- und gesellschaftspolitische Perspektiven, in: Zeitschrift Marxistische Erneuerung, H. 103/2015, S. 29-41

  • In Folge der Digitalisierung sei „qualitativer Umbruch in der Entwicklung der Produktivkräfte“ zu erwarten
  • Versprechungen der Ind. 4.0: 78 Mrd. Euro zusätzl. Wachstumspotenzial, 1,7 PP jährlich bis 2025; Erhalt industrieller Beschäftigung in Hochlohnländern; „humanorientierte Gestaltung der Arbeitsorganisation“ und mehr Selbstorganisation und Autonomie für Arbeitnehmer (S. 29)
  • Besondere Wirkungsweisen dig. Technologien nach Brynjolfsson/McAfee:
    • Exponentielles Wachstum ihrer Leistungsfähigkeit seit 1960er
    • Kostenlose Vervielfältigung v. Produkten und Nutzbarmachung einer fast grenzenlosen Datenmenge für best. Anwendungen
    • Auf ihr aufbauende Innovationen profitieren von vielfältiger werdenden Verknüpfungsmöglichkeiten mit vorhanden Technologien
  • Beide Autoren verbinden technolog. Euphorie mit skeptischem Gesellschaftsbild: befürchten, dass soz. Ungleichheit zw. Arm und Reich größer werde, Löhne sinken u. technolog. Bedingte Arbeitslosigkeit steige (31)
  • In Fn. (S. 31) Def. von Digitalisierung: „Prozess des sozio-ökonomischen Wandels […], der durch Einführung digitaler Technologien, darauf aufbauender Anwendungssysteme und vor allem ihrer Vernetzung angestoßen wird.“ (nach Hirsch-Kreinsen 2015: 10)
  • Ind. 4.0 kurz: „eine neue Stufe er Organisation und Steuerung der gesamten Wertschöpfungskette über den Lebenszyklus von Produkten“ (32)
  • Erwartet werden „Sprünge in der Automatisierung und Selbststeuerung von Produktionsanlagen“ sowie „Produktivitätsfortschritte durch die effizientere und flexiblere Prozessorganisation“ → dies möglich durch „cyberphysische Systeme“ (CPS)

  • Es finde eine „Vernetzung über die einzelbetriebliche Grenzen hinweg“ statt (32)
  • Aspekte der Digitalisierung, die häufig ausgeblendet werden:
    • Großes Ausmaß der Automatisierung macht drastische Reduktion von Beschäftigung wahrscheinlich → Studie (Frey/Osborne 2013): 47 % der Berufe in USA gefährdet; 59 % in Deutschland (S. 33)
    • Gegenmeinung: viele Tätigkeiten basieren auf Erfahrungen der Arbeiter, die nicht durch Routinen/Automatisierung ersetzt werden können (34)
    • Durch Crowdsourcing könnten externe Solo-Selbstständige und interne Mitarbeiter in Konkurrenz gesetzt werden; bei Amazon federn Beschäftigte Großteil der Flexibilitätsrisiken ab (Leiharbeit, Befristungen, 35)
  • Logistikbranche (Amazon, Zalando) ist Vorreiter bei Industrie-4.0-Technologien (34)
  • Neue Technologien per se nicht zu verdammen; aber Gefahr, dass sie zur Unterminierung von verbleibenden arbeitsrechtl. Regulierungen, genutzt werden

Zu den weitergehenden gesellschaftl. Folgewirkungen:

  • Kostenlose Vervielfältigung digitaler Produkte und neue Technologien (3-D-Druck) bescheren den Produzenten massive Probleme bei der Wertaneignung (37)
  • Verschärfung der internat. Konkurrenz sehr wahrscheinlich → daher wohl logisch, dass Projekt Industrie 4.0 bislang als rein nationales Programm gedacht wird
  • Die schon häufiger diskutierten „Grenzen des Wachstums“ spileen in diesem Programm keine Rolle
  • Es werden trotzdem Wachstumsversprechungen gemacht, die sich bestenfalls als Wachstum ohne Beschäftigungszuwächse herausstellen werden (Brynjolfsson/McAfee beschreiben Entstehung von „winner-takes-it-all-Märkten“, S. 37)
  • Technologisch bedingte Arbeitslosigkeit wachse dann neuerdings auch in den DL-Sektoren
  • „Es bedarf einer grundsätzlichen Umstruktierung des Verhältnisses zwischen Reichtumsgenerierung und -verteilung.“ – Industrie 4.0 predigt aber ein „Weiter so“ (38)
  • Fazit: „[…] die Diskussion über zunehmende Ungleichheiten und die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus [wird] durch einen sozialpartnerschaftlich geprägten Futurismus ersetzt […]“ (38)
  • „[…] verweist eine kritische Einschätzung der gesellschaftlichen Triebkräfte hinter Industrie 4.0 darauf, dass wir eine neue öffentliche Debatte über die Verteilung gesellschaftlichen Reichtums und einer möglichen Digitalisierungsdividende brauchen.“ (38)

 

Leisewitz, André: Zur aktuellen Verbreitung und Nutzung digitaler Arbeitsmittel, in: Zeitschrift Marxistische Erneuerung, H. 103/2015, S. 29-41S. 42-45

2002 setzten in BRD erst 71 Prozent der Unternehmen Computer ein, 62 Prozent nutzten das Internet; heute jeweils etwa 90 Prozent (2014: 91 Prozent Computer, 89 Prozent Internet

2014 nutzten 54 Prozent der in Unternehmen Beschäftigten einen PC mit Internetzugang (geschäftlich);

Verfügbarkeit von PCs und Internet unterscheide sich kaum nach Unternehmensbranchen; Unterschied aber in der Intensität der Nutzung (31 Prozent im Gastgewerbe, 93 Prozent im Bereich der Information und Kommunikation [der Beschäftigten mit berufl. Internetzugang) [S. 42]

RFID „ist eine Schlüsseltechnologie für das ‚Internet der Dinge‘. Sie ermöglicht die automatisierte und berührungslose Identifikation von Objekten und das Auslesen von Informationen, die ihnen auf einem Chip beigegeben sind, eine Voraussetzung für die ‚Kommunikation‘ zwischen Maschinen und Werkstücken.“

RFID wird 2014 von 14 Prozent aller Unternehmen eingesetzt, in Großunternehmen 44 Prozent; allerdings vorrangig für Zugangs- und Personenkontrolle (43)

Fast 45 Prozent aller Befragten (BAuA 2015) nennen den PC als wichtigstes Arbeitsmittel; für computergestützte Maschinen trifft das nur bei 1-2 Prozent zu

BAuA: Peter Wittig, Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, schriftl. Mitt. V. 02.06.2015

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