Das wahre Ausmaß der Arbeitslosigkeit (November 2015)

Antikapitalismus, Was sonst noch in der Welt passiert
Tatsächliche Arbeitslosigkeit* Offizielle Arbeitslosigkeit Nicht gezählte Arbeitslose gesamt davon älter als 58
Januar 3.788.810 3.031.604 757.206 170.015
Februar 3.816.102 3.017.003 799.099 168.869
März 3.745.322 2.931.505 813.817 167.935
April 3.638.060 2.843.000 795.060 167.298
Mai 3.565.807 2.762.000 803.807 166.973
Juni 3.501.522 2.711.187 790.335 166.563
Juli 3.524.695 2.773.000 751.695 165.498
August 3.523.110 2.796.000 727.110 164.575
September 3.449.797 2.708.000 741.797 164.010
Oktober 3.418.539 2.649.000 769.539 162.905
November 3.427.083 2.633.000 794.083 162.703
Veränderung zum Vormonat 8.544 -16.000 24.544 -202

 

offene Stellen (Bund) Langzeit-arbeitslose erwerbsfähige ALG I- und ALG II-Empfänger
Januar 485.172 1.074.000 5.299.000
Februar 518.890 1.060.000 5.274.000
März 542.049 1.049.000 5.221.000
April 551.595 1.054.000 5.152.000
Mai 557.000 1.041.000 5.133.000
Juni 572.000 1.037.000 5.086.000
Juli 589.000 1.041.000 5.110.000
August 597.000 1.036.000 5.115.000
September 600.000 1.031.000 5.018.000
Oktober 612.000 1.023.000 4.953.000
November 610.000 1.013.000 4.960.000
Veränderung zum Vormonat -2.000 -10.000 7.000

Quellen: Monatsbericht Oktober der Bundesagentur für Arbeit, DIE LINKE

Die tatsächliche Arbeitslosigkeit ist im November um 8544 Personen (0,2 %) gestiegen, dies ist der erste Anstieg der Arbeitslosigkeit seit Juli. Die propagandistisch verbreitete „offizielle“ Arbeitslosgikeit sank genauso wie die Langzeitarbeitslosigkeit. Alles keine Gründe, stolz auf die Leistungsstärke der deutschen Wirtschaft zu sein. Einerseits sind auch 2,6 Mio. Arbeitslose eine Schande für einen Sozialstaat. Andererseits ist zu lesen, dass immer mehr Erwerbslose in größere Finanznöte geraten:

„Die finanziellen Sorgen erwerbsloser Menschen in Deutschland nehmen zu. 19,1 Prozent der Erwerbslosen (590.000 Personen; + 62.000 im Vergleich zu 2013) hatten im Jahr 2014 Probleme, die Miete oder Rechnungen für Versorgungsleistungen rechtzeitig zu bezahlen (Gesamtbevölkerung 5,4 Prozent). 18,4 Prozent (565.000 Personen) konnten die Wohnung nicht angemessen heizen (Gesamtbevölkerung 4,9 Prozent).

Unerwartete Ausgaben (in Höhe von mindestens 980 Euro) aus eigenen Finanzmitteln zu bestreiten, stellte für 84,4 Prozent (2,58 Millionen Personen; + 68.000 im Vergleich zu 2013) der Erwerbslosen (Gesamtbevölkerung 33,1 Prozent) ein Problem dar und 34,6 Prozent (1,07 Millionen Personen; + 48.000 im Vergleich zu 2013) hatten finanzielle Schwierigkeiten, jeden zweiten Tag eine vollwertige Mahlzeit einzunehmen (Gesamtbevölkerung 7,9 Prozent).

Das geht aus einer Statistik zur so genannten „Materiellen Entbehrung“ hervor, die von Sabine Zimmermann, stellvertretende Vorsitzende und arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag, vom Statistischen Bundesamt angefordert wurde.

Materielle Entbehrung ist ein auf europäischer Ebene im Rahmen der Europa Strategie für das Jahr 2020 aufgenommener Indikator, der Personen benennt, deren Lebensstandard aufgrund fehlender Mittel stark eingeschränkt sind. Abgefragt wird, ob es Einschränkungen in folgenden Bereichen gibt: 1) Miete oder Rechnungen für Versorgungsleistungen, 2) Beheizung der Wohnung, 3) unerwartete Ausgaben decken können, 4) jeden zweiten Tag eine Mahlzeit mit Fleisch, Fisch oder gleichwertiger Proteinzufuhr, 5) einen einwöchigen Urlaub, 6) ein Auto, 7) eine Waschmaschine, 8) einen Fernseher oder 9) ein Telefon. Nach der EU Definition liegt „materielle Entbehrung“ oder eine „erhebliche materielle Entbehrung“ vor, wenn drei beziehungsweise vier der genannten Güter oder Aktivitäten aus finanziellen Gründen nicht finanziert werden können.

Im Jahr 2014 waren 30,9 Prozent aller Erwerbslosen in Deutschland von erheblicher materieller Entbehrung betroffen, damit ist ihre Situation prekärer als im Durchschnitt der EU-Länder. Dort traf das auf „nur“ 26,2 Prozent aller Erwerbslosen zu.

Sabine Zimmermann sieht die Hartz-Reformen als einen wesentlichen Grund für diese Entwicklung. „Die Befunde sind für den Sozialstaat Deutschland im wahrsten Sinne ein Armutszeugnis. Die Verarmung Erwerbsloser schreitet in großen Schritten voran. Die Bundesregierung verweigert ihnen eine angemessene Unterstützung. Das ist nicht länger hinnehmbar und ein Skandal. Die Absicherung im Fall von Erwerbslosigkeit wird immer brüchiger und schwächer.“

Zimmermann weiter:
„Seit den Hartz Reformen wird die soziale Sicherung für Erwerbslose überwiegend Hartz IV überlassen. Gut zwei Drittel aller Erwerbslosen bekommen keine oder unzureichende Leistungen der Arbeitslosenversicherung und sind daher auf Hartz IV angewiesen. Die notwendigen Konsequenzen liegen auf dem Tisch: Der Zugang zu ausreichenden Leistungen der Arbeitslosenversicherung muss erleichtert werden. Und: Das Kleinrechnen des Existenzminimums muss endlich beendet werden. Der Regelsatz ist kurzfristig auf 500 Euro im Monat anzuheben. DIE LINKE fordert grundsätzlich die Abschaffung des Hartz IV-Systems und dessen Ersetzung durch eine sanktionsfreie Mindestsicherung.“

(Quelle: linksfraktion.de, 23. November 2015)

Sabine Zimmermann, stellvertretende Vorsitzende und arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke im Bundestag, erklärte am Dienstag zum aktuellen Arbeitsmarktbericht der Bundesagentur für Arbeit:

Das Jahr der Einführung eines gesetzlichen Mindestlohnes neigt sich dem Ende zu, doch eine grundlegende Wende zu existenzsichernder Arbeit hat er nicht bewirkt. Noch immer sind viel zu viele Beschäftigte arm trotz Arbeit. 1,1 Millionen abhängig Beschäftigte sind auf ergänzende Hartz-IV-Leistungen angewiesen. 2,56 Millionen üben einen Zweitjob aus, 66.000 mehr als im Vorjahr. Der Mindestlohn muss schnellstmöglich auf zehn Euro die Stunde angehoben werden und ohne Ausnahmen gelten. Die Forderung nach weiteren Ausnahmen für Flüchtlinge ist strikt zurückzuweisen. Zudem muss systematische Niedriglohnbeschäftigung in Form von Leiharbeit oder über Werkverträge endlich unterbunden werden. Die nun geplanten Reformen sind keinesfalls ausreichend. Aber auch unfreiwillige Teilzeit- und Minijobs sind ein Grund für aufstockende Hartz-IV-Leistungen. Minijobs müssen in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung überführt werden. (…) Die Bundesregierung muss deutlich mehr Mittel zur Unterstützung von Erwerbslosen bereitstellen. Die Linke fordert die Schaffung eines öffentlich geförderten Beschäftigungssektors und einen Rechtsanspruch auf Weiterbildung. (Quelle: junge Welt)

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