Guter Marxismus zum Jahresanfang

Antikapitalismus, Politische Theorie

Ich genoss gerade die Lektüre eines hervorragenden marxistischen Aufsatzes, den ich allen Lesern als mutmachende und den Widerstand gegen unsere katastrophale Welt (oder in den Worten Jean Zieglers „kannibalische Weltordnung“) anfachende Lektüre empfehlen möchte. Der Aufsatz heißt Von der Notwendigkeit der Utopie in finsteren Zeiten und ist geschrieben von Thomas Metscher.

Einige Auszüge hier:

[…]

  1. Alltägliches Bewusstsein und Bewusstseinsindustrie

Zu konstatieren ist auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Seins: der Verlust begriffener Zukunft als Teil des Verlusts von Geschichtlichkeit ist so universal geworden, dass er sich ins alltägliche Leben und im Bewusstsein des Alltags bis zur Unerkennbarkeit eingenistet hat. Er ist factum brutum des Alltags – Tatsache alltäglichen Lebens – geworden, Teil dessen, ‚was der Fall ist’ und deshalb doppelt schwer auszumachen. Er durchdringt die Poren des Alltags in einer Weise, dass er als etwas Selbstverständliches erfahren wird, die Menschen seiner Allmacht kaum mehr bewusst sind. Die Welt ist schlecht, klagen die Leute, die Politiker korrupt, die Kapitalisten geldgeil, die Banker omnipotent, doch was ist dagegen zu machen? Selten geworden ist bei den gewöhnlichen Leuten die Haltung, die Verhältnisse, so wie sie sind, für richtig zu befinden. Doch werden sie als unabänderlich erlebt. Die Verhältnisse sind wie sie sind, und sie sind nicht zum Guten zu wenden. Was einst die Götter waren, ist heute das Kapital. Es ist das Schicksal. Krisen ereignen sich wie das Wetter, Kriege wie Orkane, Sturmfluten, Tsumanis. Charakteristisch deshalb die Resignation, nichts tun zu können.

[…] Was dem alltäglichen Bewusstsein also mangelt, ist die Erkenntnis, dass die Welt, in der wir leben, ihre Dinge, ihre Relationen, die Weltverhältnisse von Menschen gemacht sind und von Menschen verändert werden können – vielleicht verändert werden müssen bei Strafe des Untergangs. Verstellt ist das Erkennen der Wirklichkeit des Vergangenen wie der Wirklichkeit des Möglichen und damit das Denken konkreter Zukunft. Verstellt ist das Erkennen des Künftigen im Gegenwärtigen, mit Walter Benjamins griffiger Formulierung.[1] Solche Art von Erkennen ist gemeint, wenn ich von begriffener Zukünftigkeit spreche und die konkrete Utopie als einen Modus der Wissenschaft und der Künste verstehen will. Für diese Überlegung wesentlich ist, dass solche Utopie im Leben und Bewusstsein des Alltags ihre Wurzel hat oder haben muss und nichts ihm Aufgesetztes sein kann – deshalb hier auch die Reflexion auf ihn. Der Begriff von Zukunft, dies ist zu erkennen, gehört zu den elementaren Bedingungen menschlich-kultureller Reproduktion.

Im alltäglichen Bewusstsein nun ist, wie wir erkennen müssen. der Begriff von Zukunft deformiert. In ihm ist Zukunft auf Horizonte eingeschmolzen, die allein noch den Bereich des Privaten betreffen: Beruf, Karriere, soziale Beziehungen, Familie, Freizeit. Nur in den seltensten Fällen wird im gegenwärtigen Alltagsbewusstsein der Horizont des Privaten überschritten und aus Politisch-Geschichtliche hin erweitert. Zwar gibt es immer wieder politischen Widerstand und sozialen Protest, es gibt Ansätze zur Entwicklung selbstbestimmten Bewusstseins (und dass es sie gibt, ist stets ein Hoffnungszeichen), doch bleibt die Revolte punktuell und fällt folgenlos in sich zurück. Dass eine andere Welt möglich sei, erklingt wie ein Aufschrei, und in ihm hörbar werden Stimmen von Zukünftigkeit. Sie fügen sich jedoch nicht mehr zu einem Ganzen, bleiben ohne Perspektive und Folgerungen, enden in Rückfall und Resignation. Auch gibt es Ansätze von Zusammenschluss und Organisation, doch sind sie noch nicht stark genug, um die Vereinzelten zum Ganzen einer Bewegung zu formen, und sie haben, wie es im Fidelio heißt, „mächtige Feinde“ – die herrschenden Mächte, ihre Vertreter, Agenturen, Institutionen. Jeder Versuch der Befreiung stößt auf sie, zumal dann, wenn die Agenturen der Macht das Gespenst wieder auftauchen sehen, das sie tot und beerdigt glauben, den Kommunismus.

Die Agenturen der Macht sind wohlorganisiert. Eine ganze Bewusstseinsindustrie arbeitet daran, den weltgeschichtlichen Status quo zum finalen Geschichtszustand zu erklären. Dazu gehört, die Erinnerung an alternative geschichtliche Formen auszulöschen, mit ihr jeden Ansatz einer begriffenen Zukunft, die zukünftige Formen erkennbar machen könnte. Mit der Erinnerung an die Vergangenheit werden auch die Bilder der Zukunft liquidiert. Die Bewusstseinsindustrie weiß sehr wohl, dass im geschichtlichen Wissen Zukunft und Vergangenheit zusammengeschweißt sind. So liegt der Sinn in der Diskreditierung der ersten Versuche des Aufbaus einer sozialistischen gesellschaftlichen Ordnung gerade darin, den Blick auf eine zukünftige zu verstellen. Denn ginge es auch nur dem Ansatz nach um ein wahres Geschichtsverständnis, so wären Widersprüche auszumachen, Falsches wäre neben Richtigem zu stellen, zu den beträchtlichen Fehlern träten Leistungen, die schwierigsten Bedingungen abgerungen wurden. Aus einem solchen Geschichtsverständnis könnte für die Zukunft gelernt werden – ein neues Bild der Zukunft könnte entstehen. Doch genau dies soll nicht sein. Zementiert wird das oktroyierte Bewusstsein. Verhindert werden Lernen und Lernfähigkeit. Konstituiert wird, was in der Aufklärung ‚Vorurteil’ hieß, und gegen das diese die Kraft der Kritik richtete.

[…] 3. Empirische Befunde und die Folgerung daraus: der Imperialismus als kannibalische Weltordnung

In einer Reihe von Büchern hat der schweizer Soziologe Jean Ziegler, von 2000-2008 Sonderberichterstatter der Uno für das Recht auf Nahrung, eine Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Weltordnung vorgelegt, die in den Resultaten nicht verheerender sein kann. Dabei ist zu beachten, dass Ziegler kein Kommunist ist (eher Kritiker des Kommunismus), doch bezieht er sich positiv auf Marx und Brecht, den er häufig zitiert. Seine geistige Herkunft ist, seiner Selbstaussage nach, einmal die angelsächsische Kulturanthropologie, zum anderen die Frankfurter Schule, die er den „deutschen Neomarxismus“ nennt. Es ist dies zu erwähnen, weil er in der Analyse der Gegenwartsgesellschaft zu den exakt gleichen Ergebnissen kommt und die gleichen Schlussfolgerungen zieht wie nur die konsequentesten Kommunisten unter uns, dabei nicht, wie ansonsten üblich, als leninistischer Ideologie abgetan werden kann. Die Gegenwartsgesellschaft, der Imperialismus (Ziegler verwendet nicht diesen Begriff, was aber nichts zur Sache tut) ist für ihn eine „kannibalische Weltordnung“. Der Begriff korrespondiert sehr genau mit Peter Weiss’ Kennzeichnung des Imperialismus als „die höchste Form der Brutalität“,[2] wie auch die Folgerungen beider die gleichen sind: „ändere die Welt!“. Es ist dies dann auch der Titel von Zieglers meines Wissens bislang letzten, 2014 erschienenen Buchs.[3]

Was er mit ‚kannibalischer Weltordnung meint, erörtert ein bereits erschienenes Buch, Wir lassen sie verhungern. Massenvernichtung in der Dritten Welt. Es sind schiere Fakten, die er benennt, empirische Befunde (sonst von den bürgerlichen Soziologen so hoch geschätzt, hier in der Regel ausgeblendet): Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren, hunderte Millionen anderer leiden an Unterernährung und deren physischen und psychischen Folgen. Dabei wäre die Weltlandwirtschaft heute in der Lage, zwölf Milliarden Menschen ausreichend zu ernähren, fast doppelt so viele wie auf der Welt leben. Die Massenvernichtung ist alles andere als schicksalhaft. „Das Leiden hat ein Gesicht, die Unterdrückung trägt einen Namen“. Es sind „die dramatischen Folgen einer Wirtschaftsordnung, die den Profit über das

Wohlergehen der Menschen stellt“. „Die erdumspannende Macht der transkontinentalen Agrokonzerne und der Hedgefonds – der Fonds, die auf Nahrungsmittelpreise spekulieren – übersteigt die der Nationalstaaten und aller zwischenstaatlichen Organisationen. In den Führungsetagen dieser Unternehmen wird über Leben und Tod der Bewohner unseres Planeten entschieden.“[4] Als Motto für sein großes Buch wählt er einen Text von Brecht:

„Und wer von uns verhungert ist,/Der fiel in einer Schlacht./Und wer von uns gestorben ist,/Der wurde umgebracht.“ Das Buch von 2014 benennt weitere Fakten: dass nach den Weltentwicklungsindikatoren 2013 der Weltbank 16 Prozent der Weltbevölkerung über 83 Prozent der Vermögenswerte auf dem Planeten verfügen; dass der Anteil der 42 ärmsten Länder am Welthandel 1970 1,7 Prozent betrug, es 2014 nur noch 0,4 Prozent waren; dass die 374 größten multinationalen Konzerne heute Finanzreserven von zusammen 655 Milliarden Dollar besitzen, eine Summe, die sich seit 1999 verdoppelt hat. Ziegler nennt viele Fakten mehr. Seine Schlussfolgerung ist unausweichlich: Das durch Unterernährung und Hunger verursachte Massaker an Millionen Menschen ist heute, zu Beginn des dritten Jahrtausends, ein skandalöser Ausdruck des Kampfs der Reichen gegen die Armen, eine Ungeheuerlichkeit, eine Absurdität, die durch nichts zu rechtfertigen und durch keine Politik zu legitimieren ist.

Es ist ein unzählige Male wiederholtes Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“[5] In solchen Tatsachen gründet die Notwendigkeit und Möglichkeit der Utopie heute.

[…] Dem technologischen Fortschritt entspricht proportional der Prozeß progredierender Re-Barbarisierung. Sein Analogon hat die Zerstörung der kulturellen Ressourcen in der Zerstörung der Ressourcen der Natur. In die Zerstörung hinein gerissen ist der Stoffwechsel von Mensch und Natur: die Basis aller Kultur. Damit aber gerät der gesamte Prozeß der Zivilisation in die Krise. Zu konstatieren ist die „Agonie ganzer Kontinente“ (Seppmann). Die Elendszonen der Erde reichen heute in die Zentren der Metropolen, so in die urbanen Elendszonen us-amerikanischer, mittlerweile auch europäischer Großstädte hinein. Solchen Gründen entsteigen die bekannten und neuen Gestalten der Gewalt, der Aggression und des Hasses, entsteigen Rassismus, Sexismus, Sadismus, die Disposition zu Terror und Krieg. Der Imperialismus ist Zustand permanenten Kriegs, aktuell oder potentiell. Er ist „Epoche der Kriege und Revolutionen“ (Lenin), „Zeitalter der Extreme“ (Eric Hobsbawm). Er ist, wenn er eines ist, Epoche der Barbarei, der freigesetzten Gewalt.

Der Imperialismus ist sterbender Kapitalismus, heißt: Er ist die Formation einer gesellschaftlichen Endzeit. Er ist eine Gesellschaft ohne Zukunft, wenn mit ‚Zukunft’ menschenwürdige Zukunft gemeint ist. So verstanden, ist er ohne Zukunft für die Masse der auf unserem Planeten lebenden Menschen, für die heute lebenden und die nach uns kommenden; ohne Zukunft auch für die toten, so paradox dies klingt. Denn seiner eigenen Rationalität nach ist er eine Gesellschaft, die weder Erinnerung noch Geschichte hat, weder Vergangenheit noch Zukunft kennt. Der Imperialismus ist seiner internen Logik nach eine Gesellschaft permanenter Gegenwart mit dem Akkumulationsmotiv als ihrem ersten Existenzgesetz, dem Geldgott als    dem ersten ihrer Götter. Der diagnostizierte Geschichtsverlust, mit ihm der Verlust begriffener Zukünftigkeit hat in der kulturellen Logik des Imperialismus seinen materialen Grund.

 

Zweiter Teil

[…]

  1. Begriffene Zukünftigkeit – Konstruktion des Möglichen: Denken einer neuen Kultur

Das Denken des Zukünftigen in einem so verstandenen Sinn bezieht sich also auf kein Jenseits der empirischen Geschichte, sondern gehört zu ihrem wissenschaftlichen Begriff. Dies gilt dann, aber nur dann, wenn sich dieses Denken auf das Konkret-Mögliche einer geschichtlichen Weltzustands beschränkt. Traumbilder der Zukunft, Phantasien des Wünschbaren mögen in den Künsten sinnvoll sein, dort gibt es ein Träumen nach vorn und hier sind der utopischen Phantasie keine Grenzen gesetzt. Teil eines wissenschaftlichen Weltbilds sind sie nicht und können sie nicht sein.

Halten wir fest: Ist der Marxismus nicht nur das Denken gegebener Wirklichkeit, sondern auch das Denken des Möglichen als Teil dieser Wirklichkeit, so enthält die Welt, die er in Gedanken fasst, zukünftige Welt im Sinn historischer Möglichkeit. Kernkategorie der zukünftigen Welt ist der Begriff einer neuen Kultur. Die Frage nach Utopie als begriffener Zukünftigkeit ist zu ergänzen durch die Frage nach den Konturen dieser neuen Kultur. Dabei ist zu erinnern an das, was oben gesagt wurde: Die neue Kultur der begriffenen Zukunft unterliegt in ihrer theoretischen Ausarbeitung den Kriterien des Notwendigen und Möglichen. Die Problemfelder, deren Lösung als weltgesellschaftliche Aufgabe ansteht, um die Zukunft zivilisierter Menschheit zu sichern, lassen sich in größter Abstraktion mit folgenden Stichworten markieren (die Reihung erfolgt ohne systematischen Anspruch und Anspruch auf Vollständigkeit): massenhaft Verelendung und Not, perennierender Krieg und freigesetzte Gewalt, Rassismus vielfältiger Spielart (aus historischen Gründen sei der Antisemitismus hier besonders hervorgehoben), die ungebrochene Fortexistenz sozialer Klassenherrschaft wie (in großen Teilen der Welt) des patriarchalischen Geschlechterverhältnisses, Planung und Kontrolle der Produktivkraftentwicklung, die Brechung der Herrschaft des Marktes mit dem Ziel der gemeinschaftlichen Kontrolle der ökonomischen Entwicklung, die praktische wie theoretische Durchsetzung menschlicher Gleichheit auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Seins, die reale Durchsetzung von Demokratie als Volksherrschaft, Aufhebung jeglicher Privilegierung im Bereich von Erziehung, Bildung, Wissen, Kultur, Abschaffung jeglichen Privilegs im Bereich medizinische Versorgung, die entsprechend des Stands der Forschung im vollen Umfang allen Menschen zur Verfügung stehen muss, Durchsetzung wissenschaftlichen Wissens und umfassender Information im Alltagsleben, weltanschaulicher Pluralismus und Erziehung zur Toleranz, die Bewahrung der Naturgrundlage unseres Planeten, der Aufbau einer universalen Rechtsordnung (‚Rechtsgesellschaft’), die für die Sicherung fundamentaler Rechte auf allen Ebenen Sorge trägt.

Die Problemfelder müssen im Einzelnen spezifiziert und diskutiert werden, nicht zuletzt im Hinblick auf ihre praktische Lösbarkeit. Es könnte sich zeigen, dass die benannten Probleme bereits heute prinzipiell lösbar sind (wie es Ziegler am Beispiel des Hungers demonstriert hat), doch nicht unter den Bedingungen der gegenwärtigen, kapitalistisch verfassten Gesellschaft oder jeder Form einer Klassengesellschaft. Für die Lösung der angezeigten Probleme ist das Klassenverhältnis revolutionär aufzuheben (wie der Kommunismus meint), zumindest ist es demokratisch zu kontrollieren (dies die traditionell sozialdemokratische Lösung, die der Kommunismus für illusionär hält). In sozialistischer Perspektive, so viel sei hier gesagt, ist die neue Kultur eine solche, die auf dem gesellschaftlichen Eigentum an den Produktionsmitteln beruht, in der die große Mehrheit der Menschen, idealiter alle Menschen die bestimmenden Subjekte politischen Handelns sind, deren Geschichte durch kooperative Planung geregelt ist, die juristisch die Form einer universal geltenden materialen Rechtsgesellschaft besitzt (d.h. einer solchen, in der uneingeschränkt Rechtsgleichheit herrscht, die individuellen und kollektiven Rechte universal verwirklicht sind), in der Freiheit, Gleichheit, Solidarität als Grundkonsens menschlicher Gemeinschaft Gültigkeit besitzen – eine Gesellschaft, deren „Grundprinzip die volle und freie Entwicklung jedes Individuums ist“.[6] Eine solche Gesellschaft ist vorstellbar nur als Gesellschaft kultureller Individualitäten, einer Pluralität von Kulturen, deren Verhältnis zueinander durch gegenseitige Achtung, Rücksichtnahme und praktische Toleranz geregelt ist. Die neue Kultur ist nur als eine Welt ohne Krieg vorstellbar, als eine solche also, in der der Frieden als Prinzip der Kultur anerkannt und durchgesetzt ist, die Ursachen von Gewalt und Krieg beseitigt, die materiellen Bedingung kultureller Bildung gesichert sind, der gesellschaftliche Reichtum gerecht verteilt ist als Voraussetzung für die Reichtumsentfaltung individuellen Lebens Wissenschaft und Künste in historisch höchstmöglichem Maß gefördert, umfassende Bildung für jedermann gesichert ist, entsprechend den individuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen jedes Menschen, das Naturverhältnis ein solches der Erhaltung, Hegung und Pflege der Natur ist, auf der Basis der Kontrolle ihrer destruktiven Kräfte. Die Frage des Bewusstseins dieser Gesellschaft ist prinzipiell nicht prognostizierbar, doch ist davon auszugehen, dass, wie in der Geschichte in der Regel der Fall, das Bewusstsein dieser Gesellschaft ihrer objektiven materiellen Verfasstheit entspricht. Das würde eine hochgradige Individualität und Pluralität von Bewusstseinsformen bedeuten – auf einer wissenschaftlich orientierten Grundlage. Einer religiösen Orientierung ist dabei durchaus Raum gelassen. Das Prinzip der Toleranz in Bezug auf alle Weltanschauungsformen, die nicht selbst dem Prinzip der Toleranz und dem universalen Rechtsgedanken widerstreiten, hat dabei uneingeschränkte Gültigkeit.

  1. Grundelemente der neuen Kultur

Im folgenden abschließenden Teil nehme ich, mit dem Ziel einer Weiterführung der Diskussion, gekürzt und modifiziert Gesichtspunkte auf, die ich in einer früheren Veröffentlichung bereits dargelegt habe.49

Neue Kultur als Kultur einer sozialistischen Gesellschaft. Kommunismusbegriff

Der Marxismus ist, wir sagten es, nicht nur das Denken gegebener Wirklichkeit, sondern auch das Denken des Möglichen als Teil dieser Wirklichkeit. Die Welt, die er in Gedanken fasst, enthält als geschichtliche die Zukunft im Sinn historischer Möglichkeit. Daher ist der Marxismus, gerade weil er auf das Ganze einer historischen Welt geht, nicht allein Denken des Gegenwärtigen und Vergangenen, sondern auch Denken des Zukünftigen: antizipatorisches Denken im Sinn eines Denkens konkreter Utopie. Die Kernkategorie dieses

Denkens ist der Begriff einer neuen Kultur. Die Frage nach den Konturen eines zukunftsfähigen Marxismus ist also zu ergänzen durch die Frage nach den Konturen dieser neuen Kultur. Ja diese Frage gehört zu den Anforderungen, die an jeden zukünftigen Marxismus zu stellen sind. Dabei geht es um keinen Rückfall in einen utopischen Sozialismus, sondern um das Einbringen eines utopischen Moments in das marxistische Denken selbst.

Neue Kultur meint die Kultur einer sozialistischen, in historischer Perspektive kommunistischen Gesellschaft, d.h. einer solchen, die auf gesellschaftliches Eigentum an den Produktionsmitteln aufbaut, in der die große Mehrheit der Menschen, idealiter alle Menschen die bestimmenden Subjekte politischen Handelns sind, deren Geschichte durch kooperative Planung geregelt ist, die juristisch die Form einer universal geltenden materialen Rechtsgesellschaft besitzt, in der Freiheit, Gleichheit, Solidarität als Grundkonsens menschlicher Gemeinschaft Gültigkeit besitzen – eine Gesellschaft, deren „Grundprinzip die volle und freie Entwicklung jedes Individuums ist“ (Marx).[7] Eine solche Gesellschaft ist vorstellbar nur als Gesellschaft kultureller Individualitäten, deren Verhältnis zueinander durch gegenseitige Achtung, Rücksichtnahme und praktische Toleranz geregelt wird.

Allen Vorurteilen und Entstellungen entgegen: Kommunismus meint eine friedliche, solidarische Welt; die Aufhebung von Ausbeutung und Unterdrückung, ökonomisch, sozial, kulturell, die Überwindung nicht zuletzt auch des patriarchalischen Geschlechterverhältnisses; Befreiung von materieller Not als Bedingung kultureller Bildung; gerechte Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums als Voraussetzung für die Reichtumsentfaltung individuellen Lebens; Individualität als Kernkategorie; Förderung von Wissenschaft und Künsten in historisch höchstmöglichem Maß; beste medizinische Betreuung und umfassende Bildung für jedermann – entsprechend den individuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen; Erhaltung und Pflege der Natur. Im Begriff einer solchen Kultur haben auch Ideen einer religiösen Ethik, sofern diese den Postulaten von Frieden, Gerechtigkeit, Toleranz, Bewahrung der Natur verpflichtet sind, ihren Ort. Die Frage des Bewusstseins dieser Gesellschaft ist vom gegenwärtigen geschichtlichen Standpunkt nicht prognostizierbar. Freilich ist davon auszugehen, dass das Bewusstsein dieser Gesellschaft, wie in der Geschichte in der Regel der Fall, ihrer objektiven materiellen Verfasstheit entspricht – also von einer hochgradigen Individualität von Bewusstseinsformen bei einer allgemeinen wissenschaftlich orientierten Grundlage. Ob und in welcher Form es religiöses Bewusstsein gibt, wird sich zeigen. Atheismus ist für eine solche Gesellschaft jedenfalls kein Glaubensprinzip. Dass eine solche Gesellschaft nur als Weltgesellschaft denkbar und realisierbar ist, liegt auf der Hand.

[…] Individuum und Kultur. Nähere Erläuterung

Wenig ist bekannt, dass das Individuum eine Kernkategorie des Marxschen Denkens ist: als Grundprinzip der neuen Gesellschaft und bestimmender Faktor des Prozesses der Kultur. Marx’ Äußerungen dazu sind eindeutig. Sie reichen von den frühen Schriften bis zu den späten. So schreibt er, die Grundzüge seiner Geschichtsauffassung resümierend, in einem Brief an P.W. Annenkow vom 28. Dezember 1846: „Dank der einfachen Tatsache, dass jede neue Generation die von der alten Generation erworbenen Produktivkräfte vorfindet, die ihr als Rohmaterial für neue Produktion dienen, entsteht ein Zusammenhang in der Geschichte der Menschen, entsteht die Geschichte der Menschheit, die um so mehr Geschichte der Menschheit ist, je mehr die Produktivkräfte der Menschen und infolgedessen ihre gesellschaftlichen Beziehungen wachsen. Die notwendige Folge: Die soziale Geschichte der Menschen ist stets nur die Geschichte ihrer individuellen Entwicklung, ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht (meine Kursivierung, T.M.). Ihre materiellen Verhältnisse sind die Basis aller ihrer Verhältnisse. Diese materiellen Verhältnisse sind nichts anderes als die notwendigen Formen, in denen ihre materielle und individuelle Tätigkeit sich realisiert“.[8]. Von der kommunistischen Gesellschaft heißt es in der Deutschen Ideologie: sie sei die einzige, „worin die originelle und freie Entwicklung der Individuen keine Phrase ist“;[9] eine Auffassung, die im Kommunistischen Manifest ihr Echo findet. Dort wird die neue Gesellschaft als „Assoziation“ charakterisiert, „worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“.[10] Der Gedanke wird im Kapital aufgenommen, wenn dort kategorisch formuliert wird, dass die „volle und freie Entwicklung jedes Individuums“ das Grundprinzip der neuen, „höheren“ Gesellschaftsform sei.[11] Und in den Grundrissen steht, in anthropologischer Vertiefung dieses Gedankens, die „universal entwickelten Individuen“ seien das Produkt nicht der Natur, „sondern der Geschichte“, die neue Gesellschaft sei durch „freie Individualität“ charakterisiert, „gegründet auf die universelle Entwicklung der Individuen und die Unterordnung ihrer gemeinschaftlichen, gesellschaftlichen Produktivität“.[12]

Deutlicher kann es nicht gesagt werden. Freie Individualität, ihre selbsttätige Kraftentfaltung bildet das Grundprinzip der zukünftigen gesellschaftlichen Formation, die Marx als Möglichkeit des geschichtlichen Prozesses ins Auge fasst. Sie ist Resultat des Prozesses der Kultur – nicht im Sinne eines prädeterminierten teleologischen Geschehens (kein Missverständnis könnte größer sein), sondern im Sinn eines geschichtlichen Vorgangs, dessen Ablauf durch menschlichen Handeln bestimmt, dessen Ausgang offen ist – im Sinn also einer Wirklichkeit gewordenen Möglichkeit. Dieser Sachverhalt bildet zugleich den Grund einer politischen Ethik, aus der dieses Denken seine praktischen, weltverändernden Impulse schöpft. Der kategorische Imperativ der neuen Weltanschauung, alle Verhältnisse umzuwerfen, „in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist,[13] gewinnt Prägnanz erst vor dem Horizont des Möglich-Gewordenen, das den Umbau des deformierten Daseins in den mundus humanus der zur Heimat gewordene Erde gestattet.

Steht in dieser Konzeption des kulturellen Prozesses das Individuum als sein Resultat auf der einen Seite, so die Natur als seine Grundlage auf der anderen. Beide aber sind aufeinander bezogen. Kultur im Marxschen Sinn ist nicht das Andere zur Natur, sondern ist als menschliches Naturverhältnis zu denken. Die Spezifik des Kulturellen besteht gerade nicht (wie ein verbreitetes Vorurteil es will) in der Differenz zur Natur, sondern bestimmt sich in einem Verhältnis zu ihr, das historisch vermittelt ist. Menschliche Tätigkeit ist in einem grundlegenden anthropologisch-ontologischen Sinn stets Tätigkeit innerhalb eines umfassenden Naturganzen, und so sehr sich menschliche Welt von jedem ursprünglich Gegebenen differenziert, sie konstituiert sich nie jenseits der natürlichen Wirklichkeit, auf der sie beruht – es sei denn zum Preis der Selbstzerstörung (die heute, in Form einer ökologischen Katastrophe, gleichwohl historische Möglichkeit ist). In diesem Sinn ist menschliche Geschichte Teil der allgemeinen Naturgeschichte, menschliche Welt ein Sich-Einformen in ein umgreifendes Naturganzes. Menschliche Geschichte, so verstanden, bildet eine ‚zweite Stufe’ der Evolution, die von der ersten Stufe insofern unterschieden ist, als an ihr selbstätig handelnde Individuen als Akteure beteiligt sind. Die Unterscheidung von Kultur und Natur kann also nie eine andere sein als eine Differenz in der Identität.

So hält bereits die ursprüngliche Wortbedeutung des lateinischen cultura fest, dass es sich hier um ein Verhältnis handelt, das Veränderung, Veredelung, auch Pflege und Bewahrung von Natur einschließt. ‚Cultura’ heißt: Bearbeitung, Anbau, Ackerbau, Ausbildung, Verehrung, auch Anpflanzung und Ehrung, mit einem Bedeutungsfeld, das bis zu Kult und Religion reicht; festgehalten auch in den angeschlossenen Wendungen ‚animi culti’, ‚cultura animi’, ‚tempora cultiora’, ‚cultus literarum’; gerade in diesen Bedeutungen ist der Kulturbegriff in den europäischen Humanismus eingegangen. An diesem Bedeutungsfeld ist im Sinne einer Orientierung festzuhalten. Es gibt Kriterien für kulturelle Wertung wie für kulturelles Handeln an die Hand. Es erinnert, dass der kulturelle Prozess: die Produktion des homo humanus und seiner Welt nicht die Konstruktion eines total Neuen ist, sondern die Veränderung, Entwicklung und Formung eines von Natur aus Gegebenen, kulturelle Bildung unumkehrbar auf Natur bezogen bleibt. Die frühe Marxsche Formel der Humanisierung der Natur und der Naturalisierung des Menschen (Ökonomisch-philosophische Manuskripte) könnte für diesen Gedanken ein Stichwort sein.

Der kulturelle Prozess ist also ein Vorgang innerhalb der Natur und im Rahmen ihrer Gesetze, und dies gilt im vollen Umfang auch für gesellschaftliche Form, die wir hier unter dem Titel der Utopie diskutieren. Die Utopie, wie sie hier gemeint ist, kann nie eine Gestalt außerhalb der Natur besitzen – schon deshalb ist allen Vorstellungen der ‚Robokratie’ eine entschiedene Absage zu erteilen. Zu erinnern ist an Aristoteles’ Vorstellung, dass alles menschliche Herstellen entweder „die Gebilde der Natur nachbildet“ oder sie „zu einem Abschluss bringt“, „wo sie die Natur nicht selbst zu einem Abschluss zu bringen vermag“ (Physik, II, 8, 199a), menschliches Handeln außerhalb der Natur führt unwiderruflich zu Selbstzerstörung. In diesem Sinn ist auch Engels’ tiefsinnige Feststellung zu verstehen, dass „wir keineswegs die Natur beherrschen, wie ein Eroberer ein fremdes Volk beherrscht, wie jemand, der außer der Natur steht – sondern dass wir mit Fleisch und Blut und Hirn ihr angehören und mitten in ihr stehn, und dass unsre ganze Herrschaft über sie darin besteht, im Vorzug vor allen andern Geschöpfen ihre Gesetze erkennen und richtig anwenden zu können“.[14] Die „wirkliche menschliche Freiheit“ ist also nichts anderes als „eine Existenz in Harmonie mit den erkannten Naturgesetzen“.64

Der vollständige Artikel hier zum Download

[1] Vgl. J. Pelzer, „Das Künftige im Gegenwärtigen. Walter Benjamin zum 75. Todestag“, Junge Welt Nr. 224, 26./27. September 2015.

[2] R. Gerlach/M. Richter (Hg.), Peter Weiss im Gespräch. Frankfurt a.M. o.J., 186, 202.

[3] J. Ziegler, Ändere die Welt! Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen. München 6. Aufl. 2014.

[4] J. Ziegler, Wir lassen sie verhungern. Die Massenvernichtung in der Dritten Welt. München 3. Aufl., 2011, 17.

[5] Ziegler 2014, a.a.O., 49-51.

[6] Das Kapital I. MEW 23, 618. 49 Siehe Metscher 2013, a.a.O.

[7] Das Kapital I, MEW 23, 618.

[8] MEW 4, 548.

[9] MEW 3, 424.

[10] MEW 4, 482.

[11] MEW 23, 618.

[12] MEW 42, 91.

[13] MEW 1, 385.

[14] Dialektik der Natur, MEW 20, 453.

 

Keine Antworten

Deine Meinung dazu

XHTML: Diese Tags kannst du verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>