Browsing the archives for the 2012;Vortrag tag.


Vortrag über Prekarität und das angebliche Jobwunder

Was sonst noch in der Welt passiert

Was soll man erwarten, wenn man einen Vortrag der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung zum Thema „Arbeiten und Leben in gesicherter Existenz“ besucht? Besser nicht zu viel, damit man nicht wegen zu hoher Erwartungen enttäuscht wird. Leider konnte der eigentlich eingeladene Referent Prof. Dr. Klaus Dörre nicht kommen und musste durch eine Mitarbeiterin seines Lehrstuhls in Jena vertreten werden.

Der Flyer versprach eine Diskussion über das bedingungslose Einkommen und neue Modelle zur Existenzsicherung, die dem Problem der Erosion von Normalarbeitsverhältnissen auf dem deutschen Arbeitsmarkt entgegentreten sollen. Doch die Referentin war mehr eine Expertin für die (zunehmende) Prekarität von Arbeit und weniger für Lösungsansätze, sodass eine Diskussion um das Grundeinkommen leider nicht wirklich in Gang kommen konnte. In ihrem Vortrag griff sie das Märchen vom Jobwunder auf: Kaum ein Land in Europa sei so gut durch die Krise gekommen; über 41 Mio. Beschäftigten hatten wir noch nie und auch sozial-versicherungspflichtige Beschäftigung wuchs an. Das kennt man aus heute-journal und Tagesthemen. Die Kehrseite der Medaille wird seltener intensiv beleuchtet: Die Prekarisierung von Arbeit nimmt nämlich auch zu, so wächst der Niedriglohnsektor immer mehr und die Zahl der „Aufstocker“ (Menschen, die arbeiten gehen und trotzdem auf Hartz IV-Leistungen angewiesen sind) liegt offiziell bei 1,4 Mio. (Dunkelziffer: 2 Mio. mehr).

Als Erstes definiert die Referentin den Begriff Prekarität. Arbeitsverhältnisse seien dann prekär, wenn sie (kurz gesagt) einen gesellschaftlichen Standard bezüglich Einkommen, Anerkennung und Sinnstiftung unterschreiten. Prekarität sei ein relationaler Begriff, der sich an einem gesellschaftlich definierten Standard misst, und ein multidimensionaler Begriff, der sich sowohl in mangelndem Einkommen, an fehlender Teilhabe in Interessenvertretungen oder subjektiv empfundenem Sinnverlust der Arbeit ausdrücken kann. Danach stellt sie die empirische Prekarisierung des deutschen Arbeitsmarktes umfangreich dar. Der Anteil atypischer Beschäftigungsverhältnisse stieg von 17,5 Prozent (1997) auf 25,5 Prozent (2007), Teilzeitarbeit, die zu ungefähr 40 Prozent unfreiwillig ist, macht gegenwärtig ein Viertel aller Beschäftigungsverhältnisse aus und die die Zahl der Minijobs (geringfügige Beschäftigung) nahm seit Einführung der Hartz-Gesetze um 2 Mio. auf 7,4 Mio. zu. Wichtig war der Referentin zu betonen, dass gerade bei Minijobs und Teilzeitarbeit besonders oft Frauen von Prekarität betroffen sind. Der Niedriglohnsektor, der besonders in Ostdeutschland ein Problem ist, wuchs von 13,5 (1995) auf 20,5 Prozent (2010) und betrifft häufig gut qualifizierte Menschen (mind. Realschulabschluss und Abiturienten).

Nachdem dann noch ein Fallbeispiel aus dem Forschungsprojekt der Referentin vorgestellt wurde, das sehr eindrücklich veranschaulichte, wie die Menschen, die aus den prekären Verhältnissen nicht mehr herauskommen, mit zunehmender Zeit ihren Lebensmut verlieren und krank werden, kam dann der (enttäuschende) Vortragsabschnitt über mögliche Lösungsansätze. Zunächst solle das politische Verständnis für Prekarität und die Aufmerksamkeit der Politiker für prekäre Beschäftigungsverhältnisse erhöht werden – dabei sollte der Fokus nicht allein auf Leiharbeit liegen, da diese nur zwei Prozent aller Beschäftigungsverhältnisse ausmachen. Das ist ein schwacher Vorschlag, denn zumindest von den Sozialpolitikern im Bundestag kann man erwarten, dass sie über die prekären Arbeitsformen Bescheid wissen – zu Recht wurde bei einer Anmerkung aus dem Publikum festgehalten, dass es mächtige gesellschaftliche Gruppen gibt, die ein Interesse an Prekarität von Arbeit haben. Das Grundeinkommen wurde zwar für gut befunden, weil es die prekär arbeitenden Menschen mehr Sicherheit und weniger Zwang zu prekärer Arbeit bieten würde, aber über die Finanzierung wusste die Referentin nichts und daher liege ein Grundeinkommen in ferner Zukunft. Ein gesetzlicher Mindestlohn sei ein guter Zwischenschritt, der vielen prekär Beschäftigten einen erheblichen Einkommenszuwachs bescheren würde und den man nicht mit Argumenten über Abwanderung von Jobs ins Ausland verhindern sollte (in unseren Nachbarländern gab es so was auch nicht).

Insgesamt also eine sehr beeindruckende, informative Analyse der Prekarität von Arbeit in Deutschland, nur die Lösungsansätze waren wenig radikal, wenig überzeugend (neben gesetzlichen Mindestlohn von zehn Euro muss über eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung [35-Stunden-Woche], gesetzliche Begrenzungen von Leiharbeit und Minijobs sowie die Einführung von Kindergrundsicherung und/oder bedingungslosem Grundeinkommen nachgedacht werden) – da wäre von Prof. Dörre sicher mehr zu erwarten gewesen.

No Comments