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Gedanken zum Tag

Antikapitalismus

Gestern war Tag der Deutschen Einheit (historisch korrekt hieße es: Tag des Anschlusses der Ex-DDR an die BRD), wie immer haben in den Festtagsreden und Fernsehprogrammen die positiven Meinungen überwogen. Nichts sei dagegen gesagt, dass einige Misstände der DDR damals behoben wurde und dass es richtig ist, auch daran zu erinnern. Aber wie kann es sein, dass die fast vollständige Deindustrialisierung der DDR, also die Zerstörung von Millionen Arbeitsplätzen, die daraus resultierende Massenabwanderung von Ost nach West und die Entleerung ganzer Landstriche, die Enteignung von Ostvermögen durch die Treunhandanstalt, das Wegnehmen sozialer Sicherheit (Arbeit war ein Grundrecht in der DDR!) etc. so gut wie überhaupt keine Erwähnung fanden? Genau diese einseitig positive Würdigung der Einheit lässt mir keine Möglichkeit, diesen Tag zu feiern – ganz abgesehen davon, dass meine Familie einen großen sozialen Abstieg und auch den Verlust der politischen Heimat der Einheit zu verdanken hat.

Statt weiterer Jubelarien mal andere Gedanken zur Einheits-Geschichte:

„Der schlechteste Sozialismus ist besser als der beste Kapitalismus.“ (Georg Lukacs; gefunden in: Junge Welt)

„Der 3. Oktober 1990 war ein schwarzer Tag für die gesamte Linke in Deutschland und darüber hinaus. […] Deutlich ist heute spürbar, was zu Zeiten der Existenz des realen Sozialismus mancher Gewerkschafter nur hinter vorgehaltener Hand aussprach: Die DDR saß bei Tarifgesprächen als unsichtbarer Verhandlungspartner mit am Tisch. Zu manchem Zugeständnis war das Kapital damals bereit. Denn der BRD kam auch eine Schaufensterfunktion zu: Es sollte ein Land präsentiert werden, das »Wohlstand für alle« garantierte und ein schier unerschöpfliches Warenreservoir zu bieten hatte; ein Land zumal, in dem die Integration der Arbeiterklasse großenteils gelingt und die Sozialstaatsillusion weitgehend verfängt.  […] Alles wurde anders mit dem Datum 3. Oktober 1990. Die Zerschlagung der Industrie in der DDR und eine wachsende Massenarbeitslosigkeit in ganz Deutschland waren geeignete Anknüpfungspunkte für eine Offensive des Kapitals.“ (auch in Junge Welt)

„»Arbeite mit, plane mit, regiere mit!« So stand es auf riesigen Transparenten zum 1. Mai Jahr für Jahr geschrieben. Und im Herbst 1989 fehlte ausgerechnet eine kommunistische Partei, um dieser Losung bei den Subjekten der Geschichte Gewicht zu verschaffen. Dabei wäre diese alte SED-Losung tatsächlich das einzig praktische Überlebensprogramm des Sozialismus im Herbst 1989 gewesen. Die Losung konnte man aber nicht als abstrakte Sache vertreten, sie musste getan werden. Von den Arbeitern und Bauern. Dass dafür kein politisches Bewusstsein vorhanden war, enthüllt einiges über den ideologischen Zustand unserer damaligen Partei und einer Gewerkschaft, die neun Millionen Mitglieder hatte. So konnte die sogenannte Wende nur einen Weg nehmen: zurück.

Viele wissen es noch. Das Volk der DDR suchte 1989/90 vergeblich ein Programm. Am Ende war die Desorientierung so breit, dass man nur noch eines wusste und klarstellen wollte: »Wir sind das Volk. Und nicht du, Staat. Wir sind anders als du.« Das Klassenbewusstsein kann sich nur im praktischen politischen Kampf entwickeln, doch der war nur symbolisch geführt worden, stellvertretend in Form des Staates und der Partei.

Warum hat die Bürokratie die freie Assoziation der Produzenten nicht wenigstens versucht? Es ist nicht die behauptete Unrechtsstaatlichkeit, die das Land DDR kennzeichnete, sondern die vergebene Liebesmüh. Am Ende stand der Mangel an Sozialismus. Und allein dieser Mangel und nichts anderes führte zum Tod.“ (Hagen Bonn in Junge Welt)

Siehe auch: Rotfuchs, Oktober-Ausgabe, u.a. S. 1-4; Ökodepaso-Beitrag zum 3. Oktober 2014

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20 Jahre Srebrenica – Ansichten wider dem Mainstream

Was sonst noch in der Welt passiert

Neben Russland gehört(e) auch Serbien (bzw. das frühere Jugoslawien) zu den Schurkenstaaten in Europa, die in der Presse immer gerne mit abschätzigen und abwertenden Schlagzeilen bedacht werden. Am 11. Juli vor 20 Jahren fand nun das „Massaker von Srebrenica“ statt, bei dem nach gängiger Geschichtserzählung in unserer bürgerlichen Mainstreampresse ein „Völkermord“ (!) an 8000 bosnischen Muslimen stattfand. An diesen Völkermord, eine Bezeichnung, die sonst für massive Verbrechen benutzt wird (Völkermord an den Armeniern, mehr als 1,5 Mio. Opfer; Holocaust mit mehr als 5,5 Mio. Opfern; Völkermord in Burundi, über 100.000 Opfer), sollte in einer von Großbritannien eingebrachten Resolution des UN-Sicherheitsrates erinnert werden. Über den Begriff Völkermord, der durch UN-Gerichte bestätigt wurde, will ich nicht streiten. Doch stimmen die Fakten? Russland ließ die Resolution durch sein Veto scheitern, weil das zur Abstimmung stehende Dokument »unausgewogen« und »destruktiv« sei und der Versöhnung nicht helfe (Vgl. Junge Welt vom 10.07.).

Im hier zitierten Artikel der Jungen Welt heißt es weiter: „In dem britischen Resolutionsentwurf wurden die Ereignisse in und um Srebrenica als »Völkermord« bezeichnet. Außerdem wird ausgeführt, dass 8.000 muslimische Bosnier ums Leben kamen. Sowohl die Klassifizierung als »Genozid« wie auch die Zahl sowie die ethnische Zugehörigkeit der Toten sind strittig, werden aber in den westlichen Darstellungen als unumstößliche Fakten präsentiert. Nicht zuletzt diente Srebrenica als Argument für die militärische Intervention der NATO im Jugoslawien-Krieg und wurde auch 1999 bei der Bombardierung Serbiens als Rechtfertigung angeführt. “

Zum historischen Hintergrund erfährt man selten etwas.

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Neuer Schwung für Italiens radikale Linke?

Wahlen

Italien galt bis in die 1970er Jahren als europäisches Zentrum der radikalen Linken (außerhalb des sowjetkommunistischen Blocks), wofür u. a. die hohe Mitgliederzahl der PCI (der kommunistischen Partei Italiens) sowie deren Wahlerfolge stehen:

Election year # of
overall votes
 % of
overall vote
# of
overall seats won
+/– Leader
1921 304,719 (#7) 4.6
15 / 535
Amedeo Bordiga
1924 268,191 (#5) 3.7
19 / 535
Increase4 Antonio Gramsci
1929 banned
0 / 535
Decrease 19 Palmiro Togliatti
1934 banned
0 / 535
Palmiro Togliatti
1946 4,356,686 (#3) 18.9
104 / 556
Increase 104 Palmiro Togliatti
1948 8,136,637 (#2) 31.0
130 / 574
Increase 26 Palmiro Togliatti
1953 6,120,809 (#2) 22.6
143 / 590
Increase 13 Palmiro Togliatti
1958 6,704,454 (#2) 22.7
140 / 596
Decrease 3 Palmiro Togliatti
1963 7,767,601 (#2) 25.3
166 / 630
Increase 26 Palmiro Togliatti
1968 8,557,404 (#2) 26.9
177 / 630
Increase 11 Luigi Longo
1972 9,072,454 (#2) 27.1
179 / 630
Increase 2 Enrico Berlinguer
1976 12,622,728 (#2) 34.4
228 / 630
Increase 49 Enrico Berlinguer
1979 11,139,231 (#2) 30.4
201 / 630
Decrease 27 Enrico Berlinguer
1983 11,032,318 (#2) 29.9
198 / 630
Decrease 3 Enrico Berlinguer
1987 10,254,591 (#2) 26.6
177 / 630
Decrease 24 Alessandro Natta

Quelle: engl. Wikipedia

Seit der Zeitenwende 1990 und dem Umbruch im italienischen Parteiensystem gab es allerdings einen schmerzhaften Niedergang der radikalen Linken, der mit der Umstrukturierung der PCI in die PDS begann und in eine Zersplitterung in mehrere kommunsitische Parteien sowie Wahlergebnissen unter der Sperrklausel bei den italienischen Parlamentswahlen von 2008 und 2013. Die PDS spaltete sich in eine kommunistische Partei (RC) und eine sozialdemokratische Partei, die später mit der christdemokratischen La Margherita zur Demokratischen Partei (DP) fusionierte.

Während die RC und andere linksradikale Parteien keine Massenbasis mehr besitzen, hat die DP mittlerweile unter dem Premierminister Renzi den Status der größten Partei eingenommen. Bei der Europawahl 2014 stimmten 40,8 Prozent der Wähler für die PD, was für das zersplitterte Parteiensystem Italiens ein sehr beachtlicher Wert ist.

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8. Mai – ein Feiertag?

Was sonst noch in der Welt passiert

Am 8. Mai kapitulierte die deutsche Wehrmacht und der Zweite Weltkrieg war (in Deutschland und Europa) offiziell zu Ende. Seit Richard von Weizsäckers berühmter Rede vom 8. Mai 1985 teilen viele Deutsche die Ansicht, dass dies ein „Tag der Befreiung“ war. Die Bedeutung dieses Tages für die deutsche Geschichte, besonders auch für das Entstehen der BRD und der DDR, kann nicht ernsthaft bestritten werden. Der 8. Mai 1945 ist wohl mindestens genauso bedeutend wie der 3. Oktober – doch im Gegensatz zu Letzterem ist der 8. Mai kein gesetzlicher Feiertag wie in vielen anderen Ländern der Welt (Frankreich, Tschechien, Slowakei; Russland, Ukraine, Montenegro am 9. Mai). Wer sich dafür einsetzen will, dass der 8. Mai ein gesetzlicher Feiertag wird, kann beim Bundestag eine Petition unterstützen: Link zur Petition, Petitionstext als pdf

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In Gedenken an Buchenwald – Nieder mit dem Faschismus!

Antikapitalismus

Gestern vor 70 Jahren wurde das KZ Buchenwald bei Weimar befreit, vor allem dank der illegalen, international besetzten Widerstandsorganisation der KZ-Häftlinge. Heutzutage wird, wenn es um den Widerstand gegen den sog. „Nationalsozialismus“ geht, gerne der kommunistische Widerstand unterschlagen und verschwiegen, so auch im Falle der Befreiung von Buchenwald, wo häufig von einer Befreiung allein durch die amerikanische Armee gesprochen wird. Zur Geschichte der letzten Tage in Buchenwald sagt Ulrich Schneider, Geschäftsführer der Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora/Freundeskreis sowie Herausgeber ihres Mitteilungsblattes Glocke vom Ettersberg:

„Voraussetzung der Rettung war die Existenz einer illegalen Lagerorganisation der Häftlinge. Dieses Internationale Lagerkomitee, ILK, dem nicht allein deutsche Kommunisten angehörten, sondern Vertreter fast aller internationalen Häftlingsgruppen, arbeitete mehrere Jahre abgeschirmt gegenüber der SS und der Gestapo im Lager. In vielen Zeitzeugenberichten wird formuliert, dass man als neu eingelieferter Häftling sehr schnell spürte, dass hier nicht nur die SS das Sagen hatte, sondern es im Untergrund Verbindungslinien gab, die den Mithäftlingen das Überleben erleichterten.

Dieses ILK hatte sich Ende 1943 entschieden – als Selbstverteidigungsstruktur – eine internationale Militärorganisation aufzubauen. Leiter wurde der deutsche Kommunist Otto Roth. Er stützte sich u. a. auf den von der SS eingesetzten Häftlingslagerschutz und die Häftlingsfeuerwehr, die mit zuverlässigen Genossen besetzt waren. Von den ausländischen Häftlingsgruppen wurden militärisch erfahrene Genossen und Kameraden ausgewählt, die in diese Strukturen aufgenommen wurden.

Es klingt unglaublich, aber unter den Augen der SS wurden militärische Übungen durchgeführt, Waffen – insbesondere Handfeuerwaffen, Stichwaffen und Brandflaschen – organisiert bzw. hergestellt. Selbst ein komplettes Maschinengewehr mit Munition gelangte in den Besitz der Häftlinge. Aufgabe dieser Einheiten sollte es sein, sich beim Herannahen der Front gegen alle Versuche der Liquidierung oder andere Greueltaten der SS wehren zu können.

Diese Situation entstand Anfang April 1945, als zum einen die US-Truppen von Westen kommend sich Thüringen näherten, worauf Tausende Häftlinge aus den Außenlagern auf den Ettersberg transportiert wurden. Gleichzeitig versuchte die SS, das hoffnungslos überfüllte Lager mit Evakuierungstransporten ins Ungewisse wieder zu leeren. In den ersten Apriltagen gingen täglich Todestransporte auf den Weg. Das Lagerkomitee arbeitete darauf hin, diese Transporte durch hinhaltenden Widerstand und andere Maßnahmen zu blockieren. Als beispielsweise nach einem Morgenappell die jüdischen Häftlinge sich zum Transport wahrscheinlich in das Lager Bergen-Belsen aufstellen sollten, wurde die Parole ausgegeben, dass die Häftlinge ihren gelben Winkel entfernen und nicht zum Transport antreten.

Als nun in den folgenden Tagen die Front immer näher rückte und große Teile der SS-Wachmannschaft und Lagerverwaltung die Flucht ergriffen und im Nahbereich des Lagers bereits US-Panzerspitzen auftauchten, entschied sich das ILK am 11. April 1945 um 14.30 Uhr, den Befehl zum Losschlagen zu geben. Die militärisch organisierten Häftlinge holten die Waffen aus den Verstecken, schalteten den Strom im Zaun aus, besetzten die Türme und überwältigten die verbliebenen Wachen. Um 15.15 Uhr konnte der damalige Lagerälteste Hans Eiden über Lautsprecher verkünden: »Kameraden, wir sind frei!« Zwei Aufklärer der amerikanischen Armee waren völlig verblüfft, auf bewaffnete Häftlinge zu stoßen, die die Kontrolle über das Lager übernommen hatten, wie sie in einer Militärzeitung berichteten.

Am 13. April, als auch die Kämpfe in der Umgebung der Stadt Weimar beendet waren, übernahm ein US-Offizier das Kommando in dem ehemaligen Lager.

Alle diese Fakten sind bekannt, aber dennoch werden reaktionäre Kreise nicht müde, allein von einer »Befreiung durch die Amerikaner« zu sprechen. Die größte Provokation leistete sich vor 20 Jahren in diesem Zusammenhang der damalige thüringische Ministerpräsident Bernhard Vogel, der glaubte, bei der Gedenkfeier auf dem Appellplatz in Anwesenheit der ehemaligen Häftlinge allein der US-Armee für die Befreiung danken zu müssen – und deren Kampf völlig ignorierte.“ (Junge Welt vom 11./12.04.2015)


Den Überlebenden des Faschismus sind wir Nachkommen von heute verpflichtet, solche Greueltaten nicht wieder zuzulassen und jeder Form von Rassismus, wie sie sich z. B. auch in dem Brandanschlag auf die Flüchtlingsunterkunft in Tröglitz zeigt, zu widersetzen. Die Wurzel des Faschismus muss beseitigt werden, nämlich das kapitalistische Gesellschaftssystem, dessen Rationalität auf Profitstreben, Egoismus und Unterdrückung der menschlichen Bedürfnisse beruht. Der Schwur von Buchenwald sollte uns daher ewige Mahnung sein (zitiert nach jW):

Kameraden! Wir Buchenwalder Antifaschisten sind heute angetreten zu Ehren der in Buchenwald und seinen Außenkommandos von der Nazibestie und ihrer Helfershelfer ermordeten 51.000 Gefangenen! 51.000 erschossen, gehenkt, zertrampelt, erschlagen, erstickt, ersäuft, verhungert, vergiftet, abgespritzt – 51.000 Väter, Brüder, Söhne starben einen qualvollen Tod, weil sie Kämpfer gegen das faschistische Mordregime waren. 51.000 Mütter und Frauen und Hunderttausende Kinder klagen an!

Wir lebend Gebliebenen, wir Zeugen der nazistischen Bestialitäten sahen in ohnmächtiger Wut unsere Kameraden fallen. Wenn uns eins am Leben hielt, dann war es der Gedanke: Es kommt der Tag der Rache!

Heute sind wir frei!

Wir danken den verbündeten Armeen der Amerikaner, Engländer, Sowjets und allen Freiheitsarmeen, die uns und der gesamten Welt Frieden und das Leben erkämpfen. Wir gedenken an dieser Stelle des großen Freundes der Antifaschisten aller Länder, eines Organisatoren und Initiatoren des Kampfes um eine neue demokratische, friedliche Welt, Franklin Delanoe Roosevelt. Ehre seinem Andenken!

Wir Buchenwalder, Russen, Franzosen, Polen, Tschechen, Slowaken und Deutsche, Spanier, Italiener und Österreicher, Belgier und Holländer, Engländer, Luxemburger, Rumänen, Jugoslawen und Ungarn kämpften gemeinsam gegen die SS, gegen die nazistischen Verbrecher, für unsere eigene Befreiung. Uns beseelte eine Idee: Unsere Sache ist gerecht – der Sieg muss unser sein! Wir führten in vielen Sprachen den gleichen, harten, erbarmungslosen, opferreichen Kampf, und dieser Kampf ist noch nicht zu Ende. Noch wehen Hitlerfahnen! Noch leben die Mörder unserer Kameraden! Noch laufen unsere sadistischen Peiniger frei herum!

Wir schwören deshalb vor aller Welt auf diesem Appellplatz, an dieser Stätte des faschistischen Grauens: Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht! Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel. Das sind wir unseren gemordeten Kameraden, ihren Angehörigen schuldig. Zum Zeichen Eurer Bereitschaft für diesen Kampf erhebt die Hand zum Schwur und sprecht mir nach: Wir schwören!


Zur Neuverfilmung des Romans »Nackt unter Wölfen« durch die ARD: Nackt unter Menschen (jW)

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Griechen stehen Reparationszahlungen zu!

Was sonst noch in der Welt passiert

Wie folgende Meldung von kommunisten.de einmal mehr zeigt, hat Deutschland noch immer die moralische und wohl auch rechtliche Pflicht, Griechenland für die im Zweiten Weltkrieg angerichteten Schäden zu entschädigen:

Teltschik bestätigt: Griechenland wurde übers Ohr gehauen

 

Im Regierungsprogramm von Thessaloniki hat SYRIZA angekündigt, “dass die Frage der von den Nazis der Bank von Griechenland abgepressten Zwangsanleihe für uns nicht gelöst ist. Das ist unseren Partnern bekannt und wird vom Tag unseres Regierungsantritts an die offizielle Position unseres Landes sein.“ Jetzt hat das griechische Parlament einen parlamentarischen Ausschuss zur Einforderung der Verpflichtungen Deutschlands gegenüber Griechenland eingerichtet.

Neben Entschädigung für die Zerstörungen geht es um einen Zwangskredit, den die deutsche Besatzungsmacht im Jahr 1942 der griechischen Zentralbank abgepresst hatte. Eine Rückzahlung war vertraglich vereinbart worden, doch Griechenland bekam das Geld nie zurück. Der wissenschaftliche Dienst des Bundestages schrieb 2014 in einem Gutachten: „Die Höhe der Zwangsanleihe betrug ursprünglich 476 Mio. Reichsmark.“ Das wären in heutiger Währung ca. elf Milliarden Euro. Laut der Athener Zeitung To Vima werden die Gesamtforderungen für zerstörte Infrastruktur und Kriegsverbrechen sowie die Rückzahlung des Darlehens in einer Höhe zwischen 269 und 332 Milliarden Euro beziffert.

Die Bundesregierung lehnt sowohl Entschädigungszahlungen wie die Rückzahlung des Kredits ab. Für Berlin sind die Forderungen 70 Jahre nach Kriegsende verjährt. „Die Frage von Reparationen und Entschädigungszahlungen ist rechtlich und politisch abgeschlossen“, erklärte Regierungssprecher Steffen Seibert. Fakt ist, dass mit dem Londoner Schuldenabkommen im Jahr 1953 vereinbart wurde, dass die Frage der Entschädigungszahlungen abschließend in einem Friedensvertrag zu regeln sei.

„kluger Kniff“: Friedensvertrag bewusst abgelehnt
Jetzt hat der damalige Kanzlerberater Horst Teltschik in einem Interview mit dem Deutschlandfunk bestätigt, dass die deutsche Regierung mit dem Zwei-plus-vier-Vertrag einen „klugen Kniff“ gemacht habe, um Reparationsforderungen zu entgehen. Ein Friedensvertrag wurde bewusst abgelehnt. Teltschik: “ ..wir wollten ja keinen Friedensvertrag. .. Wir haben einen Friedensvertrag von vornherein abgelehnt – nicht zuletzt wegen der Gefahr von Reparationsforderungen. Und da wäre ja nicht nur Griechenland ein Fall gewesen, sondern bekanntlich war das Nazi-Regime mit über 50 Ländern dieser Welt im Kriegszustand. Und stellen Sie sich vor, wir hätten im Rahmen eines Friedensvertrages Reparationsforderungen von über 50 Staaten auf dem Tisch gehabt.“

Auf die Feststellung, dass die „Zwei-Plus-Vier zulasten Dritter, also auch Griechenlands, diesen Vertrag miteinander geschlossen“ haben und „die Griechen ja nun keiner gefragt“ hat, entgegnet Teltschik: „Ja, wir haben auch die anderen 50 nicht gefragt. Umgekehrt haben die Griechen ja auch nicht sich bei den Zwei-Plus-Vier-Verhandlungen gemeldet und gesagt, Hallo, wir wollen aber eine Vereinbarung über Reparationen haben.“

Teltschik muss allerdings einräumen, dass der Trick der deutschen Regierung  umstritten ist: „Wissen Sie, Sie können ja überall jetzt auch lesen, Juristen, Völkerrechtler sind sich in dieser Frage auch nicht einig.“

Gysi: Forderungen gerechtfertigt
Der Oppositionsführer der Linkspartei im Bundestag, Gregor Gysi, sieht einen berechtigten Anspruch Griechenlands auf Reparationszahlungen. Für die Zwangsanleihe sei eine Forderung in Höhe von acht bis elf Milliarden Euro Euro gerechtfertigt, sagte er. Er kritisierte die Verweigerungshaltung der Bundesregierung und forderte sie zu Verhandlungen mit Athen auf. Gysi: „Wie will man jetzt von Griechenland die Rückzahlung von Darlehen verlangen, wenn man eigene niemals zurückgezahlt hat?“

Berlin hat nicht nur die Kredite an Griechenland nicht zurückgezahlt, sondern von Athen 360 Millionen Euro an Zinsen eingenommen; Zinsen für Kredite, die Deutschland im Zuge der „Euro-Rettung“ an Griechenland gab, die dort aber nie angekommen sind, sondern gleich auf den Konten französischer und deutscher Banken zu deren Rettung landeten. Das Programm der griechischen Regierung zur Bekämpfung der humanitären Katastrophe kostet ca. 200 Mio. Euro.

„Wir Griechen erinnern uns“
Auch in Bezug auf die Vorwürfe, dass Griechenland korrupt sei, kam eine Retourkutsche aus Athen. Der griechische Verteidigungsminister Panos Kammenos hielt Bundesfinanzminister Schäuble dessen Verwicklung in die CDU-Parteispendenaffäre vor. Wörtlich sagte er: „Wir Griechen erinnern uns genau, dass Herr Schäuble sein Amt als Parteivorsitzender aufgeben musste, weil er in einen Fall von Bestechung verwickelt war.“ Schäuble war im Jahr 2000 zurücktreten, weil er 1994 eine Bar-Spende von 100.000 Mark (umgerechnet rund 51.000 Euro) für die CDU angenommen hatte, die nicht ordnungsgemäß verbucht worden war.

txt: lm

siehe auch

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Der 9. November ist endlich überstanden

Was sonst noch in der Welt passiert

Ich weiß nicht, wie es diejenigen empfunden haben, die sich mit großer Freude an den Fall der Mauer vor 25 Jahren erinnern. Aber mir, der aus Altersgründen diesen historischen Moment nicht mit Bewusstsein selbst erlebt hat, ging die fast Rund-um-die-Uhr-Beschallung auf allen Kanälen mit dem Gedenken an den Mauerfall gehörig auf die Nerven. Selbst sonst völlig unpolitische Sendungen wie die Sportschau konnten nicht an diesem Thema vorbeigehen und einfach den normalen Sendebtrieb durchführen. Nun ist hoffentlich mal Schluss, damit wir uns wieder (in begrenzter Dosis natürlich) dem Elend der Gegenwart zuwenden, denn von den „Siegen“ der Vergangenheit können wir nicht ewig zehren. Was ist z. B. mit der Ebola-Epidemie, seit Tagen nichts gehört, ob die Fallzahlen dort sinken, ob es mehr Tote und Erkrankte gibt, ob unsere Hilfe nun mal angekommen ist. Wie steht es um Kobane oder den Ukraine-Konflikt und die Regierungsbildung der antirussischen Parteien dort?

Das Gedenken an den Mauerfall in den Medien war sehr einseitig, soweit ich es mitbekommen habe. Es dominierte die Sicht der jubelnden Ostdeutschen, denen es scheinbar auch heute noch gut geht und die insgesamt sehr profitiert haben vom Ende der DDR. Was fehlte im Gedenken? Die Sicht der Ostdeutschen, die mit dem Untergang der DDR auch die sichere Perspektive eines sozial abgesicherten Lebens und ihr gewohntes Lebensumfeld verloren haben und heute ärmer (an Arbeit, an Freunden, an sozialer Teilhabe) sind als damals. Und vor allen Dingen die Sicht der Westdeutschen – oder war die Einehit ein alleiniges Erlebnis der Ostdeutschen? Wie haben die Westdeutschen (v. a. die, die bis heute nie einen Fuß auf ostdeutschen Boden setzten) die Einheit erlebt? Wie hat sich deren Leben zum Guten oder Schlechteren in den letzten 25 Jahren entwickelt? Wenn man den Bildern der Medien glauben darf, war die Einheitsgeschichte 1989-2014 eine Erfolgsgeschichte. Zu einer differenzierteren Sicht beitragen kann mal wieder die Junge Welt:

9. November Mythos des Kalten Krieges

Bei allem Jubel über den Fall der Berliner Mauer sollte nicht vergessen werden – ihr Bau 1961 war eine Antwort auf Wirtschaftssabotage und Subversion »Made by USA«

Die Regel – nicht die Ausnahme

Warum die DDR eine glückliche Phase der deutschen Geschichte war
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Eine alternative Bibliografie zur DDR-Geschichte

Was sonst noch in der Welt passiert

Pünktlich zum Tag der Deutschen Einheit wird in den Medien wieder mal über die DDR-Geschichte bzw. über den schlechten Charakter des DDR-„Unrechtsstaates“ diskutiert. Zu verdanken haben wir das den Sondierungsgesprächen in Thüringen, bei denen Grüne und SPD der Thüringer LINKEN-Führung versuchen, ein Bekenntnis zum Unrechtsstaat DDR abzutrotzen, mit guten Erfolgsaussichten. Dass Gregor Gysi zurecht darauf hinweist, dass die DDR nicht als Unrechtsstaat bezeichnet werden kann, weil es für diesen politischen Kampfbegriff keine wissenschaftliche, völkerrechtliche Definition gibt, facht die Debatte erst richtig an. Genauso wie die DDR kann jeder Bürger auch jeden anderen Staat, wie wär’s mit der USA?, als Unrechtsstaat bezeichnen, weil sich jeder seine eigenen Kriterien eines solchen Unrechtsstaates ausdenken kann.

Aber lassen wir das. Zum Tag der Deutschen Einheit will ich heute eine (unvollständige) Bibliographie mit Büchern und Links zur DDR-Geschichte präsentieren, die sich nicht dem herrschenden Geschichtsbild anpassen, sondern eine ausgewogene oder positive Geschichte der DDR zu erzählen versuchen:

 

Erich Buchholz: Unrechtsstaat DDR? Rechtsstaat BRD? Ein Jurist antwortet. edition ost 2006, 185 Seiten.

Vladimiro Giacché: Anschluss – Die deutsche Vereinigung und die Zukunft Europas. LAIKA, 2014.

Wolfgang Engler: Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land. Aufbau-Verlag, Berlin 1999, 384 Seiten.

Stefan Bollinger / Fritz Vilmar (Hrsg.): Die DDR war anders. Eine kritische Würdigung ihrer soziokulturellen Einrichtungen, edition ost im Verlag Das neue Berlin, 2002

Hierzu: Internetseite zum Buch „Die DDR war anders!“

Evamarie Badstübner: Befremdlich anders. Leben in der DDR. Beiträge zur Sozial- und Kulturgeschichte in der Geschichtsschreibung. Karl Dietz Verlag Berlin, 704 Seiten.

Detlef Joseph: Hammer, Zirkel, Hakenkreuz. Wie antifaschistisch war die DDR? edition ost 2006, 288 Seiten.

Günter Gaus: Wo Deutschland liegt. Eine Ortsbestimmung. Beobachtungen im DDR-Lebensalltag. Hoffmann und Campe, Hamburg 1983.

Junge Welt-Serie zur Geschichte des Jahres 1989 (Autor:): Teil 1: »Weiter so« unmöglich, Teil 2: Warten auf Honecker, Teil 3: DDR ungeschminkt

Jörg Roesler: Der 17. Juni 1953 (Broschüre mit jW-Artikeln)

Roesler, Jörg: Geschichte der DDR. Papyrossa, 2012.

Schwanitz, Wolfgang: Unbequeme Zeitzeugen: Erinnerungen von MfS-Angehörigen. edition ost, 2014.

 

Für den DDR-kritischen Diskurs über die DDR-Geschichte gibt es einen reichhaltigen Fundus, mit der Recherche beginnen könnte man da bei der Bundeszentrale für politische Bildung (z. B.: http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-einheit/ oder Suchwort DDR eingeben) oder beim Forschungsverbund SED-Staat.

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Geschichtslektion: Über die Gewinner der Wiedervereinigung

Was sonst noch in der Welt passiert

Einen interessanten Blick auf die Geschichte der deutschen Wiedervereinigung liefert ein ausführlicher Artikel eines italienischen Ökonomen – Vladimiro Giacché – in der Junge Welt von gestern. Er betrachtet die wirtschaftlichen Folgen der Annexion der DDR für die Bundesrepublik, vor allem die enormen Gewinne der westdeutschen Unternehmen, die das jahrelange Lamentieren der Westdeutschen über die untragbaren Kosten für die armen Brüder und Schwestern im Osten als großen Irrtum darstellen. Nur ein Zitat aus dem Text:

„Das starke Wachstum in den alten Bundesländern trug wesentlich dazu bei, daß sich die Anzahl der Erwerbstätigen in Westdeutschland im Zeitraum 1990–1992 um fast 1,8 Millionen erhöhte. Die deutsche Vereinigung führte damit in den alten Bundesländern infolge der Wachstumsgewinne zu erheblichen Steuermehreinnahmen und Minderausgaben, die den vereinigungsbedingten Lasten gegenzurechnen sind.« […] Wenn wir das Wachstum vor der Einheit mit dem während der Vereinigungsjahre vergleichen, werden der Bruch des Trends und die Beschleunigung der westdeutschen Wirtschaftsentwicklung offenkundig. Von 1980 bis 1989 wuchs das westdeutsche BIP um insgesamt 18,1 Prozent (also um durchschnittlich 1,8 Prozent pro Jahr), 1990 um 4,5 Prozent (das höchste seit 1976) und im Jahr danach um 3,2 Prozent.“

Der Text ist übrigens das leicht gekürzte siebte Kapitel des neuen, im LAIKA Verlag erscheinenden Buches von Giacché mit dem Titel „Anschluss – Die deutsche Vereinigung und die Zukunft Europas„.

Zur Geschichte der Wiedervereinigung siehe auch Jörg Roesler, „Warten auf Honecker – Kopflos trotz Stellvertreter: Die Unbeweglichkeit der SED-Führung im Sommer 1989″

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Vortrag zu Ursachen bzw. Verursachern des Ersten Weltkrieges

Was sonst noch in der Welt passiert

Das Jahr 2014 ist ein Gedenkjahr, das besonders mit dem Thema Krieg und Frieden verbunden ist. 100 Jahre nach Beginn des Ersten und 75 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkrieges will sich der Fachschaftsrat der Philosophischen Fakultät I der MLU kritisch mit Vergangenheit und Gegenwart von Kriegen auseinandersetzen.
Am 29. April, 18 Uhr c.t. spricht Gerd Fesser über sein neues Buch „Deutschland und der Erste Weltkrieg“. Dabei geht es um die Schuldfrage, die mit C. Clarks „Die Schlafwandler“ seit einigen Monaten die mediale Debatte um die Verursacher des Ersten Weltkrieges befeuert hat. Fesser wird die von vielen Historikern infrage gestellte These der Hauptverantwortung Deutschlands verteidigen.

Zum Referenten:
Geb. 1941 in Sömmerda, Historiker; 1973-91 wiss. Mitarbeiter an der Akademie der Wissenschaften der DDR, 1993-96 am Historischen Institut der Universität Jena;
Autor zahlreicher Bücher zur deutschen Geschichte von 1789-1917; aktuell: „Deutschland und der Erste Weltkrieg“, Köln: PapyRossa Verlag, 2014.

Zeit: 18 Uhr c.t.
Ort: HS XIV a/b (Löwengebäude)
Veranstalter: Fachschaftsrat der Philosophischen Fakultät I; Homepage: http://fachschaft.philfak1.uni-halle.de/, E-Mail: fachschaft@philfak1.uni-halle.de

Alle Interessierten sind herzlich eingeladen! Wir freuen uns auf einen spannenden Vortrag und eine gute Diskussion.
Veranstaltung bei Facebook: https://www.facebook.com/events/221834578026780/?ref_newsfeed_story_type=regular

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Lesetipp des Tages: Anlässlich Willy Brandts Tod

Was sonst noch in der Welt passiert

Willy Brandt wird gerade allerorten als eine Art Säulenheiliger der SPD gefeiert. Klar, vieles, was unter Brandt geschehen ist, war besser als die Politik seiner SPD- (und CDU-) Nachfolger. Aber gerade die linken Bewunderer von Brandt sollten sich des Radikalenerlasses und seiner Unterstützung der Bindung an die NATO-Politik und der atomaren Rüstung (in den 1960er Jahren) erinnern. Dazu sei folgender Text empfohlen:

Arno Klönne: »Wir alle lieben ihn« – Ein Zwischenruf zum denkmalpflegenden Umgang mit Willy Brandt.

 

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Abderhalden-Straße behält vorerst ihren Namen

Hochschulpolitik, Was sonst noch in der Welt passiert

Der Kulturausschuss des halleschen Stadtrates hat sich gestern mit der Problematik Abderhalden-Straße beschäftigt. Die Grünen hatten die Beratung nach dreijähriger Vertagung wieder auf die Tagesordnung gesetzt, wohl auch aufgrund der Professoreninitiative um den Politikwissenschaftler Prof. Varwick, die in einer Resolution die Umbenennung fordert. Der Fakultätsrat der Philosophischen Fakultät I hat sich ebenfalls für eine Umbenennung ausgesprochen und als neue Namensvorschläge Noether- (nach Emmy Noether) und Amostraße (nach Anton-Wilhelm Amo) vorgetragen. Im Kulturausschuss sollte der Rektor diese Vorschläge als Meinung der Universität vortragen – doch dazu kam es gar nicht.

Denn zunächst musste überhaupt Verständnis bei den Ausschussmitgliedern für die Position, dass die Beibehaltung der Anschrift Abderhalden-Straße für das neue GSZ (Geistes- und Sozialwissenschaftliches Zentrum) nicht tragbar ist, geworben werden. Das Hauptargument Sträters war, dass trotz der unbestreitbaren Verdienste Abderhaldens dessen Persönlichkeit international umstritten ist und die Forscher und Lehrerenden des GSZ gegenüber Kollegen anderer Hochschulen und Instituten in eine ständige Rechtfertigungshaltung geraten werden, wie es sein kann, dass in Halle eine nach dieser umstrittenen Persönlichkeit benannte Straße gäbe.

Für die Leopoldina, deren Präsident Abderhalden während der NS-Zeit war, stellte Frau Prof. Schnitzer-Ungefug die bisherigen Ergebnisse aus der Forschergruppe, die das Gutachten zur Geschichte der Leopoldina erstellen soll, vor. „Innerhalb der Leopoldina gebe es keine Akten, dass der Anstoß zur Umbenennung von dort ausging. “Die Leopoldina vermutet, dass die Initiative von der Stadt ausging, um die Leopoldina zum 300-jährigen Bestehen zu ehren”, meinte Schnitzer-Ungefug. Sie hob Abderhaldens vielseitige Tätigkeit als Professor der Uni und dessen Schaffung sozialer Einrichtung wie des Kinderheims in Kröllwitz. Bereits 1994 habe die Leopoldina eine Veranstaltung zur Forschung des Verhältnisses der Akademie zum nationalsozialistischen Regime durchgeführt. Auch der damalige Leopoldina-Präsident habe sich für die erfolgte Streichung jüdischer Mitglieder aus den Matrikeln entschuldigt […] Abderhalden sei ein international anerkannter Forscher gewesen, sei Anfang der 30er von nationalsozialistischen Studenten angegriffen worden, weil er jüdische und ausländische Mitarbeiter beschäftigte. Schnitzer-Ungefug sagte auch, es gebe keine direkte Verbindung zwischen Abderhalden und KZ-Arzt Mengele, wohl aber einen Kontakt zu einem der Lehrer Mengeles. Sie warb dafür, Personen aus ihrer Zeit heraus zu sehen. Die Eugenik sei damals nicht negativ besetzt gewesen. Schnitzer-Ungefug hob seine Maßnahmen gegen Kindersterblichkeit und die Einrichtung von Hebammenschulen hervor. “Die Forderung nach Verhütung erbkranken Nachwuchses wurde nicht nur von Abderhalden erhoben”, so Schnitzer-Ungefug. Er habe immer die Auswirkungen der positiven Eugenik zur Verbesserung der Lebensbedingungen, sagte sie. Die Streichung jüdischer Mitglieder habe er mit Bleistift vorgenommen. […] Abderhalden sei weder ein überzeugter Nationalsozialist noch ein Antisemit gewesen, meinte Schnitzer-Ungefug“ (Hallespektrum).

Nach den Redebeiträgen von Schnitzer-Ungefug und Sträter erhielt Prof. Gläßer das Wort, der schon vor drei Jahren Abderhalden gegen Nazi-Vorwürfe verteidigt hatte, und nun wieder die vielseitigen Verdienste für die Stadt Halle aufzählte. Außerdem kritisierte er die Initiative um Prof. Varwick heftig: „Er sprach von ungeheuerlichen und blödsinnigen Behauptungen gegenüber der Initiative, warf dem Mitinitiator Prof. Johannes Varwick Inkompetenz vor. Dieser habe es unterlassen, den Unterschied zwischen Nazi-Eugenik und Abderhalden-Eugenik zu erklären. Abderhalden habe Erbkrankheiten verhindern wollen. Die von Varwick “initiierte Schmähschrift” erinnere an Pamphlete aus vergangenen Diktaturen. Das hier auch noch 40 Uni-Professoren unterschrieben hätten, sei ein Skandal. Abderhalden sei nie NSDAP-Mitglied gewesen. Zwar habe er Hitler gelobt, aber nur für dessen Gesundheitsstil und habe für seine Gesundheitspolitik Hoffnungen gehabt. Man solle die außerordentlichen Leistungen Abderhaldens würdigen, so Prof. Gläßer. “Distanzieren Sie sich von diesem Pamphlet”, sagte er in Richtung der Professoren-Initiative“ (Hallespektrum).

Die Mehrheit des Kulturausschusses (7 Stimmen gegen 4) hat sich nach einer längeren Diskussion um mögliche Kompromisse bzw. „salomonische Lösungen“ für eine Vertagung der Umbenennung entschieden, bis das Gutachten der Leopoldina Mitte nächsten Jahres erscheinen wird. Herrn Sträter ist es in mehreren Rede-Beiträgen nicht gelungen, die (v. a. konservativen, aber auch LINKEN) Räte davon zu überzeugen, dass vor dem Einzug der Institute ins GSZ eine Entscheidung gefällt werden muss, ob Aderhalden unsere Anschrift wird. Auch die Vertreterin der Leopoldina hatte mit ihrer Mitteilung, dass im Gutachten „keine Überraschungen“ bzgl. der Biografie Abderhaldens zu erwarten sind, ja zu verstehen gegeben, dass eine Vertagung eher weniger sinnvoll ist. Die Mehrheit um Pfarrer Bartl (parteilos auf CDU-Ticket) ist nicht einmal auf die zahlreichen Kompromissvorschläge eingegangen.
Es wurde z. B. vorgeschlagen (und Herr Sträter hätte dies akzeptiert) die Straße zu halbieren und nur den Abschnitt des GSZ umzubenennen. Ein anderer Vorschlag war, bei der zuständigen Stelle der Stadtverwaltung anzufragen, ob man das GSZ nicht doch nach einer anderen Anrainer-Straße (z. B. Wucherer-Straße) adressieren könnte oder den Campus selbst als Postanschrift zu nehmen. Das wären gute Kompromisse gewesen, doch die feige Mehrheit ist einem „schnellen“ Beschluss (das Thema ist über drei Jahre alt) wieder ausgewichen.

Nach Anhörung aller Argumente muss ich aber auch eingestehen, erhebliche Zweifel habe, ob eine Umbenennung wirklich gerechtfertigt ist. Abderhalden war kein Nazi, kein Rassist, kein Antisemit und hat wohl auch nicht wissenschaftlich unsauber gearbeitet. Er hat wohl unter den gegebenen Umständen versucht, das Beste für die Leopoldina, seine Forschung und seine (z. T. jüdischen) Mitarbeiter herauszuholen – er war kein Widerstandskämpfer, sondern wie viele andere in verantwortlichen Positionen ein Mitläufer des Systems, der in den Grenzen des Möglichen sich mit dem Regime angelegt hat. Ob dies zusammen mit seinem großen sozialpolitischen Engagement vor 1933 ausreicht, ihn mit einer Straßenbenennung zu ehren, müssen die Stadträte nun bald entscheiden. Wenn sie sich dagegen aussprechen und der Straße einen neuen Namen geben, müssen sie aber konsequent sein und andere zwielichtige Straßennamen (z. B. Kurt Mothes, Wolfgang Langenbeck) überdenken.

Siehe auch: MZ mit weiteren Berichten

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Den 17. Juni etwas objektiver betrachten

Was sonst noch in der Welt passiert

An diesem Montag wurde von führenden Vertretern der bundesrepublikanischen Bürgerlichkeit an verschiedenen Orten, vor allem im östlichen Teil der Republik, wieder einmal der 17. Juni als Gedenktag bzw. genauer als antikommunistischer Feiertag begangen. Erinnert wird alljährlich an diesem ehemaligen Nationalfeiertag (in der BRD war der 17. Juni seit 1954 der Nationalfeiertag, bevor es nach der Konterrevolution 1989/90 der 03. Oktober wurde) an den „Arbeiteraufstand“ 1953. Dieses Jahr waren wieder einmal Stimmen, z. B. vom Chef der Stasiunterlagenbehörde Jahn, zu hören, die forderten, den 17. Juni wieder zum Feiertag zu machen. Um es gleich zu sagen: Diese Idee lehne ich ab. Doch die viel spannendere Frage ist, ob die Mystifizierung dieses Aufstandes zu einem „Volksaufstand“ (Süddeutsche Zeitung vom 18. Juni 1953) und zu einem Aufbegehren der DDR-Arbeiter „gegen die bolschewistischen Ausbeuter“ und für Freiheit und deutsche Einheit gerechtfertigt ist. Dieser Frage ging im dritten Teil einer jW-Serie von Beiträgen zum 17. Juni der emeritierte Prof. für Wirtschaftsgeschichte Jörg Roesler nach. Der erste Teil erschien am 28. Januar („Strategiewechsel“), der zweite am 06. März („Zweifelnde Entschlossenheit“).

Die Ausgangsthese ist, dass der 17. Juni als historisches Ereignis extrem gegensätzliche Interpretationen erfuhr. Die Gegensätze könnten kaum größer sein. „Im Osten titelte das Neue Deutschland am 18. Juni ‚Zusammenbruch des Abenteuers ausländischer Agenten in Berlin’“ und sprach wenig später vom „faschistischen Putschversuch“ (Roesler: 10, 1. Spalte). Im Westen dagegen wurde wie bereits erwähnt vom „Volksaufstand“ gesprochen. Danach stellt Roesler die Entwicklung der Geschichtsinterpretationen dar: Während im Osten die These vom Putschversuch aufrechterhalten wurde (weil er „von außen und von der Arbeiterklasse fremden Kräften inszeniert [wurde]“ [ebd.]), dabei aber der Putsch statt als faschistisch zunehmend als konterrevolutionär charakterisiert wurde, veränderte sich die Bewertung des 17. Juni 1953 im Westen praktisch bis heute nicht. Man übernahm die Begründung aus dem „Gesetz über den Tag der deutschen Einheit“ vom August 1953, wonach „das deutsche  Volk in der Sowjetischen Besatzungszone und Ostberlin sich gegen die kommunistische Gewaltherrschaft erhoben und (…) seinen Willen zur Freiheit bekundet“ habe (zit. nach ebd., 2. Spalte).

Beide Interpretationsansätze entsprächen nach Roesler nicht den historischen Tatsachen. Die These vom faschistischen Putschversuch basierte allein auf dem Fakt, dass einige frühere NSDAP-Mitglieder an den Streiks teilgenommen hatten. Von einem allein von Faschisten organisierten Putsch kann aber keine Rede sein. Selbst der Begriff „Aufstand“ ist laut Torsten Diedrich (Historiker, „Waffen gegen das Volk“ [2003]) nicht gerechtfertigt, weil es keine führende Kraft gab, die die Proteste geführt hat. Auch die DDR-Geheimdienste konnten nach monatelanger Suche keinen „Rädelsführer“ des spontanen und eher unorganisierten Protestes ausfindig machen (Roesler: 10f.). Roesler benennt dann die von der Bundesregierung und der gesamten politischen Klasse unterstützten Organisationen, die zwecks gezielter Destabilisierung des DDR-Systems gegründet wurden. Zu diesen Organisationen gehörte zu aller erst der RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor), aber eine „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ oder die Ostbüros von SPD und Gewerkschaften in West-Berlin (Roesler: 10, 3. Spalte). Ohne die Agitation des RIAS (wo damals übrigens der spätere Staatssekretär im Bundeskanzleramt Willy Brandts, Egon Bahr in leitender Position arbeitete) wäre der sog. „Volksaufstand“ einige Nummern kleiner ausgefallen. Der RIAS „war jahrelang bemüht, den ostdeutschen Arbeitern zu vermitteln, daß sie unter dem ‚SED-Regime’ ‚unendlich schuften’ müßten. Von ‚Hetztempo wurde gesprochen und den Arbeitern suggeriert, das sie den ‚brutalsten Ausbeutungsmethoden’ ausgesetzt seien […]“ (Roesler: 11, 2. Spalte). Nach Roeslers Angaben wurden zwischen 02. April und 28. Mai 1953 21 Sendungen zur Frage der Arbeitsnormen in der DDR ausgestrahlt. Die Rede von Ausbeutung aus dem Mund eines Rundfunksenders aus dem kapitalistischen Westberlin ist schlichtweg Propaganda und heuchlerisch, da im Westen nicht (wesentlich) weniger gearbeitet wurde als im Osten.

Roesler hebt abschließend die Distanzierung der DDR-Historiker von der alten DDR-Interpretation des 17. Juni kurz vor der Wiedervereinigung hervor. In einer Publikation ostdeutscher Historiker („Brüche – Krisen – Wendepunkte. Neubefragung der DDR-Geschichte“) wurde eine selbstkritische Auseinandersetzung mit der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der DDR-Geschichte geleistet. Von Selbstkritik ist die kapitalistische Interpretation dagegen weit entfernt. Seit 1990 wird noch immer am Mythos Volksaufstand festgehalten, obwohl es sich offensichtlich vorrangig um einen ökonomisch begründeten Massenprotest gegen die Erhöhung der Arbeitsnormen und nicht gegen die antifaschistisch-sozialistischen Grundsätze der DDR gehandelt hat.

Zum Abschluss ein Zitat von Arnold Schölzel: „Seit 1990 nutzen die offiziellen Redner zu Daten wie dem 17. Juni, dem 13. August oder dem 3. Oktober die Gelegenheit, die DDR als einen Staat darzustellen, der nicht als Resultat des vom imperialistischen Deutschland angezettelten Raub- und Vernichtungskrieges entstand, sondern bösartiger Einfall einer grundlos in Ostdeutschland aufgetauchten Besatzungsmacht und deren kommunistischer Helfershelfer war. […] Wer vom deutschen Faschismus, vom deutschen Imperialismus, wer vom zweiten Griff nach der Weltmacht innerhalb von 25 Jahren zwischen 1914 und 1939 schweigen will, der führt eine permanente Erinnerungsschlacht um die DDR. Die Substanz der offiziellen Reden und das mediale Getöse zu den genannten Daten lassen darauf schließen, daß sich kein großer Erfolg einstellen will“ (Schölzel: 8).

 

Quellen und weitere Literaturhinweise:

Roesler, Jörg: Auf dem Prüfstand, Junge Welt vom 18. Juni 2013, S. 10f.

Roesler, Jörg: Geschichte der DDR. Köln: 2012.

Schölzel, Arnold: Kein großer Erfolg, Junge Welt vom 18. Juni 2013, S. 8.

Černý, Jochen (Hrsg.): Brüche – Krisen – Wendepunkte. Neubefragung der DDR-Geschichte. Leipzig [u.a.]: 1990.

Diedrich, Torsten: Waffen gegen das Volk: der 17. Juni 1953 in der DDR. München 2003.

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