{"id":174,"date":"2025-09-05T09:36:26","date_gmt":"2025-09-05T07:36:26","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/ortederzukunft\/?p=174"},"modified":"2025-09-09T10:02:11","modified_gmt":"2025-09-09T08:02:11","slug":"zwischen-vergangenheit-und-zukunft-leuna-literatur-und-kulturgeschichtlich-teil-v","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/ortederzukunft\/2025\/09\/zwischen-vergangenheit-und-zukunft-leuna-literatur-und-kulturgeschichtlich-teil-v\/","title":{"rendered":"Zwischen Vergangenheit und Zukunft: Leuna literatur- und kulturgeschichtlich (Teil V)"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Exemplarische Lesarten zu raumzeitlichen Konstruktionen in der DDR-Literatur<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Autor: Tim Preu\u00df<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Fazit \u2013 Ans\u00e4tze zu einer Kartografie kulturellen Wissens zwischen Gestern, Heute und Morgen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber mehrere Jahrzehnte hinweg wird der Ort Leuna in Texten der DDR-Literatur als raumzeitliche Schnittstelle konstruiert, an der Vorstellungen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verhandelt werden. Die Art und Weise, wie diese verhandelt werden, vermittelt in den Texten wiederum Haltungen zum jeweiligen gesellschaftlichen Entwicklungsstand in der DDR. Dabei ist ein sukzessiver Wandel festzustellen: Zun\u00e4chst die Abgrenzung von der Vergangenheit vor 1945 oder die selektive Fortsetzung ihrer sozialistischen Traditionen herausstellend, erfolgt eine Legitimation des je aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungsstandes als Legitimation des Heute im Gestern. Relevant gesetzt sind dabei neben den globalen Z\u00e4suren 1917\/18, 1933 und 1945 insbesondere die regional bedeutsamen Z\u00e4suren der 1920er, die die narrativen Raumleitbilder in der fr\u00fchen DDR erg\u00e4nzen. Bereits in den ersten hier ausgewerteten Texten l\u00e4sst sich ebenso die Legitimation des Heute in der projizierten Zukunft feststellen, die an Bedeutung gewinnt und Vergangenheitsbez\u00fcge auf die Zeit vor 1945 zusehends verdr\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Indem diese fr\u00fchen Jahre der Aufbauzeit, sp\u00e4terhin auch der Ankunftszeit, selbst historisiert werden, wird die jeweilige Gegenwart jedoch zunehmend als \u2013 inklusive ihrer Zukunftsprojektionen \u2013 arretierte Vergangenheit modelliert. Wird Leuna bzw. die Werksbaustelle zun\u00e4chst noch unumwunden als Ort gekennzeichnet, an dem die versprochene bessere Zukunft akut geschaffen wird, der neue Mensch und neue Arbeitsweisen entstehen, kommen immer mehr kritische Aspekte bei der Verwirklichung dieser Utopie in den Blick. Zuletzt stehen Hindernisse und Entt\u00e4uschungen auf dem Weg in die projizierte Zukunft am exemplarischen Ort im Fokus. Bei zunehmender Sch\u00e4rfe der Kritik bleibt es allerdings eine je adaptierte kritische Solidarit\u00e4t der exemplarisch untersuchten Texte, die gegen den Offizialdiskurs weiterhin darum ringen, ihre Ideale zu verwirklichen oder nur bewusst zu halten. In diesem Sinn sind sie als systemimmanent kritische, aber nichtsdestoweniger sozialistisch engagierte Literatur zu lesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auff\u00e4llig ist, dass die konkrete Topografie \u201aMitteldeutschland\u2018 abseits spezifischer historischer Ereignisse kaum eine Rolle spielt, sondern stets die (real-)sozialistische Gesellschaft insgesamt diskutiert wird. Je adaptiert ist auch die zeitliche Selbstverortung in einem \u2013 mehr oder weniger blockierten \u2013 \u00dcbergangszustand ein kontinuierliches Merkmal der ausgewerteten Texte. Damit verbunden ist Auseinandersetzung mit der Darstellbarkeit dieses \u00dcbergangs als neuem Sujet einer im Selbstanspruch neuen Gesellschaft erkennbar, in der \u2013 nach kulturpolitischer Leitlinie \u2013 alle Konflikte nicht-antagonistische, l\u00f6sbare seien. Anhand der raumzeitlichen Modellierungen \u201aLeunas\u2018 in Texten der DDR-Literatur l\u00e4sst sich somit auch die Frage stellen, die zahlreiche Texte kennzeichnet, die am Vorhaben eines Sozialistischen Realismus teilnehmen wollen oder m\u00fcssen: Wie dieses Neue, den permanenten \u00dcbergang, das neue Sujet, den Nicht-Antagonismus erz\u00e4hlen oder Erz\u00e4hlungen entsprechen konzipieren?<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Antwort auf dieses delikate programmatische Problem einer bisher singul\u00e4ren, gro\u00df angelegten politischen \u00c4sthetik oder blo\u00df seine Darstellung am literarischen Zeugnis m\u00fcssen hier offenbleiben. Ein Versuch h\u00e4tte auch abseits ausf\u00fchrlicherer Einzelanalysen der hier aufgerufenen Texte noch umfangreiches Material zu heben: Die Ergebnisse des Zirkels schreibender Arbeiter in den Leunawerken,<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> die Romane Steinmanns<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> oder das monumentale Fernsehdrama Geboren unter schwarzen Himmeln (DDR 1962, R.: Achim H\u00fcbner\/Jutta Bartus). Unter Einbezug von Texten aus der Zeit vor<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a> oder nach<a href=\"#_ftn4\">[4]<\/a> dem hier betrachteten Zeitraum lie\u00dfe sich vielleicht gar eine Literaturgeschichte als Kulturgeschichte einer oft \u00fcbersehenen arbeiterlichen Industrieregion am Knotenpunkt Leuna schreiben. Sie k\u00f6nnte nicht zuletzt Aufschluss dar\u00fcber geben, warum wir heute an welcher Stelle stehen und welche Handlungsm\u00f6glichkeiten da bestehen. Die eingangs angef\u00fchrten Beispiele des Regional-Marketings machen klar: In Leuna liegt die Zukunft. Die hier beispielhaft ausgewerteten Texte der DDR-Literatur hingegen werfen die Frage auf, ob nicht auch kritischen Stimmen zu den heutigen Zukunftsversprechen von stetem Wachstum und fortschreitender Industrialisierung, dem Insistieren auf Einl\u00f6sung der mit ihnen einhergehenden Hoffnungen und dem Protest, wo sie regelm\u00e4\u00dfig entt\u00e4uscht werden, mehr Raum gegeben werden sollte. Diese Frage allerdings \u00fcberschreitet nicht nur die Kompetenzen der Standort-Werbung, sondern vor allem den hiesigen Gegenstandsbereich. Bei aller Wandlung der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse kann allerdings auch diese Frage ein Resultat der literatur- und kulturgeschichtlichen Auseinandersetzung mit einem Nest zwischen Halle (Saale) und Leipzig sein.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Vgl. etwa F\u00fcr Leuna unterwegs. Geschichten um das Dederon. Red. R\u00fcdiger Bernhardt. Leuna: Werksdruckerei der VEB Leuna-Werke \u201eWalter Ulbricht\u201c 1974.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Vgl. hier nur Hans-J\u00fcrgen Steinmann: Tr\u00e4ume und Tage. Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag 1970. Zwischen der fr\u00fchen o.g. Reportage und den Romanen stehen etwa die ebenfalls relevanten Skizzen aus Leuna. In: neue deutsche literatur 10 (1962), H. 7, S. 121\u2013138.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Vgl. hier neben den o.g. Lask und Bauer Zeugnisse wie das Leuna-Lied (vgl. Wolfgang Steinitz: Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten. Gek\u00fcrzte Ausgabe in einem Bd. hg. v. Hermann Strobach. Berlin: Akademie 1972, S. 35\u201341 und S- 278\u2013292), daneben zeitgen\u00f6ssische Reportagen wie Joseph Roth: Der Merseburger Zauberspruch. In: Ders.: Das journalistische Werk. 1929\u20131939. Hg. v. Klaus Westermann. K\u00f6ln: Kiepenheuer &amp; Witsch 1991, S. 275\u2013281. [=Werke 3] Abseits einer sozialistisch oder liberal engagierten Tradition w\u00e4ren allerdings auch die weiteren bei Gibas: Industrielandschaften Mitteldeutschlands angef\u00fchrten Rezeptionszeugnisse insbesondere der NS-Zeit, aber auch popul\u00e4rkulturell relevante Texte von Interesse, vgl. etwa Paul Burg [i.e. Paul Schaumburg]: Was wollen die Frauen von Flink? Ein Spionageroman um Leuna. Leipzig: Weise 1932.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> Vgl. Wolfram Adolphi: Hartenstein oder Die unerh\u00f6rte Arbeit des Erinnerns. Durchges. u. gek\u00fcrzte Neuausg. Gransee: Edition Schwarzdruck 2024 und J\u00fcrgen Jankofsky: Graureiherzeit. Berlin: Tykve 1996. Vgl. nicht zuletzt eklektische Bezugnahmen bei Lutz Seiler, vgl. hier nur das Gedicht dreiundachtzig. In: Ders.: vierzig kilometer nacht. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2003.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Exemplarische Lesarten zu raumzeitlichen Konstruktionen in der DDR-Literatur Autor: Tim Preu\u00df Fazit \u2013 Ans\u00e4tze zu einer Kartografie kulturellen Wissens zwischen Gestern, Heute und Morgen \u00dcber mehrere Jahrzehnte hinweg wird der Ort Leuna in Texten der DDR-Literatur als raumzeitliche Schnittstelle konstruiert, an der Vorstellungen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verhandelt werden. &hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":6274,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[6],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/ortederzukunft\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/174"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/ortederzukunft\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/ortederzukunft\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/ortederzukunft\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6274"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/ortederzukunft\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=174"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/ortederzukunft\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/174\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":207,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/ortederzukunft\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/174\/revisions\/207"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/ortederzukunft\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=174"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/ortederzukunft\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=174"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/ortederzukunft\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=174"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}