{"id":170,"date":"2016-04-17T21:24:23","date_gmt":"2016-04-17T19:24:23","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/pluraleoekonomik\/?p=170"},"modified":"2016-04-17T21:24:23","modified_gmt":"2016-04-17T19:24:23","slug":"profite-zinsen-wachstum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/pluraleoekonomik\/profite-zinsen-wachstum\/","title":{"rendered":"Profite, Zinsen, Wachstum"},"content":{"rendered":"<p><em>Urspr\u00fcnglich erschienen auf <a href=\"https:\/\/skeptischeoekonomie.wordpress.com\/2016\/04\/17\/profite-zinsen-und-wachstum\/\" target=\"_blank\">Skeptische \u00d6konomie<\/a>.<\/em><\/p>\n<p>Kapitalismus ist die Wurzel alles B\u00f6sen. Dies ist eine altbekannte \u201eWahrheit\u201c, der man im wachstumskritischen Diskurs recht h\u00e4ufig begegnet, <em>nolens volens<\/em>. <a href=\"https:\/\/skeptischeoekonomie.wordpress.com\/2015\/12\/13\/oekonomisch-maerkte-kapitalismus-boese\/\" target=\"_blank\">Alles, was schlecht ist, wird dem Kapitalismus zugeschrieben, und alles, was \u201ekapitalistisch\u201c anmutet, muss schlecht sein.<\/a> Folgerichtig wird auch oft behauptet, man sei innerhalb eines kapitalistischen Systems zum Wachstum verurteilt \u2013 und dauerhaftes Wachstum ist bekanntlich ein Problem. Daher m\u00fcsse man den Kapitalismus \u00fcberwinden. Ob dies im Allgemeinen stimmt, <a href=\"https:\/\/skeptischeoekonomie.wordpress.com\/2015\/01\/02\/kapitalismus-und-postwachstum-ein-widerspruch\/\" target=\"_blank\">habe ich anderswo bereits einmal diskutiert<\/a>. Heute widmen wir uns zwei speziellen Attributen des Kapitalismus, die uns vermeintlich zum Wachstum \u201everdammen\u201c: Profitorientierung und Zinsen.<!--more--><\/p>\n<p>Oft wird unterstellt, dass in einer profit- bzw. gewinnorientierten Wirtschaft Wachstum und damit verbundene \u00dcbel wie Umweltzerst\u00f6rung, soziale Ungerechtigkeit etc. unvermeidlich seien. Die Logik ist recht einfach: dauerhaftes Wachstum gilt als schlecht (wohl zu recht). Und wenn einzelne Firmen gewinnorientiert agieren, hei\u00dfe das, dass sie auf Wachstum hin arbeiteten, und damit m\u00fcsse auch die Volkswirtschaft wachsen. Doch dies ist falsch. \u201eProfite\u201c m\u00fcssen an sich noch nicht b\u00f6se sein, es kommt vielmehr darauf an, ob die Gewinnorientierung in eine Wachstumsorientierung m\u00fcndet.<\/p>\n<p>Was hei\u00dft es, gewinnorientiert zu funktionieren? Das hei\u00dft nichts Anderes, als mehr erwirtschaften zu wollen, als man in ein Unternehmen investiert hat. Und wie macht man das? Indem man seine Produkte\/Dienstleistungen f\u00fcr mehr Geld verkauft, als man vorher ausgeben musste, um die Produktionsfaktoren (Kapital, Arbeitskraft&#8230;) zu erwerben. Sprich, ich investiere <em>X<\/em>, verkaufe das Produzierte f\u00fcr <em>X + y<\/em>, wo <em>y<\/em> der Gewinn ist. Wenn ich das jedes Jahr tue, wachse ich dann zwangsl\u00e4ufig? Mitnichten. Zun\u00e4chst ist <em>y<\/em> das Einkommen der Unternehmerin. Wenn die Unternehmerin es verkonsumiert und im n\u00e4chsten Jahr einfach wieder <em>X<\/em> investiert, kann sie problemlos Jahr f\u00fcr Jahr Gewinn erwirtschaften, ohne wachsen zu m\u00fcssen. Erst wenn sie jedes Jahr einen Teil des Gewinns mitinvestiert, f\u00fchrt das zu Wachstum. Das ist aber keine Gewinnorientierung mehr, sondern Wachstumsorientierung. Mit anderen Worten: auch in einer Postwachstumsgesellschaft k\u00f6nnen Unternehmen grunds\u00e4tzlich gewinnorientiert funktionieren.<\/p>\n<div id=\"attachment_1136\" style=\"width: 233px\" class=\"wp-caption alignright\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1136\" loading=\"lazy\" class=\" size-medium wp-image-1136 alignright\" src=\"https:\/\/skeptischeoekonomie.files.wordpress.com\/2016\/04\/karl_marx_001.jpg?w=223\" alt=\"Karl_Marx_001\" width=\"223\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-1136\" class=\"wp-caption-text\">Was der Gute wohl \u00fcber Postwachstumsideen sagen w\u00fcrde?<\/p><\/div>\n<p>Doch wenn sie nur <em>X<\/em> investiert, wie ist es m\u00f6glich, dass die Unternehmerin <em>X + y<\/em> einnehmen kann? Ist das nicht irgendwie verd\u00e4chtig? Das ist doch schon ein Wachstum um <em>y<\/em>, oder? Ja, es ist \u201eWachstum\u201c, allerdings einmaliges, und damit unproblematisch. Und woher kommt es? Dass ein Unternehmen Gewinn erwirtschaftet, ist die logische Folge der Tatsache, dass es \u00fcberhaupt Unternehmen gibt (oder anders herum, je nach Betrachtungsweise). Unternehmen gibt es, wie Ronald Coase 1937 in seinem ber\u00fchmten Aufsatz zur <em>Theory of the Firm<\/em> erkl\u00e4rt hat, weil derartige Institutionen die Produktion so organisieren k\u00f6nnen, dass sie einen Mehrwert schaffen: jeder von uns k\u00f6nnte sich rein theoretisch, sagen wir mal, selbst seinen Laptop herstellen. Wir m\u00fcssten nur die notwendigen Rohstoffe und Werkzeuge kaufen, im Internet eine Bauanleitung finden und \u201ebasteln\u201c. Doch warum sollten wir es tun, wenn eine Fabrik das viel g\u00fcnstiger, schneller und besser machen kann \u2013 weil sie sich darauf spezialisiert? Und genau weil sie dank Spezialisierung es besser machen kann als wir selbst, sind wir bereit, sie daf\u00fcr zu entlohnen \u2013 und daraus resultiert ihr Gewinn. W\u00e4re der Laptop nicht wertvoller als die Summe der zu seiner Herstellung notwendigen Produktionsfaktoren, w\u00fcrde dies bedeuten, dass man ihn genauso gut selbst herstellen kann.<\/p>\n<p>Wer meine Ausf\u00fchrung zu nicht wachstumsinduzierender Gewinnorientierung aufmerksam verfolgt hat, dem d\u00fcrfte aufgefallen sein, dass es da ein Problem gibt: woher nimmt die Unternehmerin am Anfang des Jahres das Geld f\u00fcr die Produktionsfaktoren, das <em>X<\/em>, noch bevor sie irgendwas produziert hat? \u00dcblicherweise nimmt sie ein Kredit auf. Und Kredite sind in der Regel verzinst. Warum sind sie es? Weil Geld, mithilfe dessen man seine Produktion vorfinanzieren k\u00f6nnte, knapp ist \u2013 wer es besitzt (sprich: Banken und Anleger), m\u00f6chte f\u00fcr die Beteiligung und das Risiko, das er\/sie eingeht, entlohnt werden. Mit den Zinsen ist die Sache wesentlich komplizierter als mit Gewinn. Hier gibt es <a href=\"https:\/\/skeptischeoekonomie.wordpress.com\/2015\/05\/31\/gibt-es-einen-monetaren-wachstumszwang\/\" target=\"_blank\">ernstzunehmende Autoren, die behaupten, teils auf Grundlage von Modellen, dass eine Wirtschaft, in der die Produktion durch verzinste Kredite vorfinanziert wird, wachsen muss<\/a>. Die grobe Logik ist etwa die folgende: wir denken uns eine einfache Wirtschaft mit einem Unternehmen, einem Haushalt (der alle Produktionsfaktoren besitzt) und einer Bank. Am Anfang einer Produktionsperiode nimmt das Unternehmen einen Kredit in H\u00f6he von <em>F<\/em> auf. Dieses Geld wird vollst\u00e4ndig f\u00fcr Produktionsfaktoren aufgewendet, d. h., <em>F<\/em> wandert von der Bank zum Unternehmen und gleich danach vom Unternehmen zum Haushalt. Nun m\u00f6chte die Bank aber nicht einfach nur <em>F<\/em> zur\u00fcck haben, sondern einen Zins <em>z<\/em> oben drauf. Das bedeutet, dass das Unternehmen, um keine Verluste zu machen, seine Produkte f\u00fcr <em>F + z<\/em> verkaufen muss. Problem? Der Haushalt, der einzige Abnehmer der Produktion, verf\u00fcgt nur \u00fcber <em>F<\/em>, das er f\u00fcr die Produktionsfaktoren bekommen hat. Das Unternehmen muss also einen neuen Kredit aufnehmen, diesmal in H\u00f6he von mindestens <em>F + z<\/em>, um den Haushalten neues Geld zu geben, damit sie die Produkte aus der ersten Periode f\u00fcr <em>F + z<\/em> kaufen k\u00f6nnen und das Unternehmen somit den ersten Kredit zur\u00fcckzahlen kann. Leider entsteht diese \u201eL\u00fccke\u201c zwischen dem Geld, \u00fcber das der Haushalt verf\u00fcgt, und dem Wert der Produktion, der notwendig ist, damit das Unternehmen seinen Kredit zur\u00fcckzahlen muss, in jeder Periode aufs Neue. Das bedeutet, dass das Unternehmen immer mehr investieren und immer mehr produzieren, wodurch der Haushalt immer mehr konsumieren muss. Fertig ist die <a href=\"http:\/\/www.metropolis-verlag.de\/Die-Wachstumsspirale\/554\/book.do\" target=\"_blank\"><em>Wachstumsspirale<\/em><\/a>.<\/p>\n<p>Klingt \u00fcberzeugend, oder? Und es best\u00e4tigt die Intuition, die viele haben: um verzinste Kredite zur\u00fcckzahlen zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen Unternehmen noch mehr Profit erwirtschaften, als sowieso schon (damit auch die b\u00f6sen Banken ihrerseits Profite haben), also m\u00fcssen sie wachsen. Stimmt\u2019s? Doch leider unterliegt sowohl die Intuition als auch das oben skizzierte Modell einem Denkfehler. Denn das Modell \u00fcbersieht einen essentiellen Aspekt: was passiert mit dem <em>z<\/em>? Wird es verbrannt? Verschwindet es in einem schwarzen Loch? Nein. \u00dcblicherweise geh\u00f6rt die Bank n\u00e4mlich dem Haushalt. Das <em>z<\/em> ist der Gewinn der Bank, der als Einkommen an den Haushalt ausgesch\u00fcttet wird. Womit die vermeintliche L\u00fccke verschwindet. Das Unternehmen kann getrost in jeder Periode einen gleich hohen Kredit aufnehmen, gleich viel produzieren und einen konstanten Gewinn erwirtschaften (siehe oben).<\/p>\n<p>Was ich mit dem Ganzen sagen m\u00f6chte, ist nicht, dass das moderne Banken- oder gar das Finanzsystem unproblematisch w\u00e4ren. Oder dass gewinnorientierte Unternehmen nicht oft auch wachstumsorientiert w\u00e4ren. Oder dass andere Zw\u00e4nge auf vielen M\u00e4rkten eine gewisse Wachstumsorientierung nicht erzwingen k\u00f6nnten. All dies sind reale Probleme, die man angehen muss, wenn man sich eine nachhaltige Wirtschaftsordnung herbeiw\u00fcnscht. Doch hoffe ich einleuchtend gezeigt zu haben, dass sowohl Gewinnorientierung als auch Zinsen nicht <em>grunds\u00e4tzlich<\/em> postwachstumsinkompatibel sind. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Urspr\u00fcnglich erschienen auf Skeptische \u00d6konomie. Kapitalismus ist die Wurzel alles B\u00f6sen. 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