{"id":190,"date":"2016-11-03T10:25:53","date_gmt":"2016-11-03T09:25:53","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/pluraleoekonomik\/?p=190"},"modified":"2016-11-03T10:25:53","modified_gmt":"2016-11-03T09:25:53","slug":"statuskonsum-ist-nicht-alles","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/pluraleoekonomik\/statuskonsum-ist-nicht-alles\/","title":{"rendered":"Statuskonsum ist nicht alles"},"content":{"rendered":"<p>Relativer Konsum ist ein Begriff, der inzwischen Eingang in die mehr-oder-weniger standard\u00f6konomische Analyse gefunden hat. Doch wird relativer Konsum immer implizit durch die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Thorstein_Veblen\">Veblen<\/a>\u2018sche Brille betrachtet, d. h. als Statuskonsum (bekannt u. a. als Duesenberry-Effekt): ich konsumiere immer mehr, weil ich mehr haben m\u00f6chte als mein Nachbar. Dass die Realit\u00e4t jedoch viel komplexer ist, hat Fred Hirsch in seinem 1976er Buch <em><a href=\"http:\/\/bookstore.iuniverse.com\/Products\/SKU-000002045\/Social-Limits-to-Growth.aspx\" target=\"_blank\">Social Limits to Growth<\/a><\/em> mithilfe des Begriffs des <em>Postionswettbewerbs<\/em> eindrucksvoll gezeigt.<!--more--><\/p>\n<p>Entgegen der Diagnose von Thorstein Veblen, der sich auf Statuskonsum fokussierte, d. h. die Tendenz von Menschen, Konsumg\u00fcter zu erwerben, um zu \u201eprotzen\u201c, unterschied Hirsch zwischen drei Typen von Knappheit, die zu Positionswettbewerb f\u00fchren (von denen nur eine mit Statuskonsum assoziiert werden kann). Zum einen gibt es (Positions-)G\u00fcter, die <em>physisch knapp<\/em> sind und daher zu Positionswettbewerb f\u00fchren \u2013 sie sind begehrenswert, k\u00f6nnen aber nur von einer begrenzten Zahl von Menschen konsumiert werden. Ein Extrembeispiel sind Kunstwerke, insbesondere Bilder gro\u00dfer Maler wie Picasso oder van Gogh, die es eben nur einmal gibt. Nur eine Person kann sie haben \u2013 um sie zu erwerben, muss man in einen Positionswettbewerb treten, in dem nur eine Person \u201esiegen\u201c kann, diejenige, die die h\u00f6chste Zahlungsf\u00e4higkeit aufweist. Ein weniger extremes Beispiel w\u00e4re eine besonders sch\u00f6ne Landschaft \u2013 wenn sie von zu vielen Menschen besucht wird, verliert sie an Qualit\u00e4t (Attraktivit\u00e4t). Bspw. gilt die S\u00e4chsische Schweiz als sehr sch\u00f6n, aber gleichzeitig oft so \u00fcberlaufen durch Touristen, dass man sie nicht mehr richtig genie\u00dfen kann. Man muss auf weniger zug\u00e4ngliche Alternativen ausweichen, und daf\u00fcr tritt man erneut in eine Tretm\u00fchle zwecks Steigerung der eigenen Zahlungsf\u00e4higkeit.<\/p>\n<p>Neben physisch knappen Positionsg\u00fctern unterscheidet Hirsch zwei Typen von <em>sozialer Knappheit<\/em>. Bei direkt sozial knappen G\u00fctern handelt es sich um die klassischen Statusg\u00fcter, also solche, die nur dann Nutzen stiften, wenn Andere sie nicht haben \u2013 ihre Knappheit ist also direkte Quelle von Nutzen. Doch gibt es auch viele indirekt sozial knappe G\u00fcter, bei denen der Nutzen zwar aus ihren intrinsischen Eigenschaften gewonnen wird (d. h., unabh\u00e4ngig davon, ob Andere sie ebenfalls konsumieren oder nicht), die jedoch degradieren, wenn eine gewisse Knappheit nicht gegeben ist. Das klassische Beispiel hierf\u00fcr sind Vorstadtgrundst\u00fccke. Das sch\u00f6ne an Vorst\u00e4dten ist, idealiter, dass man seine Ruhe und vergleichsweise viel Platz hat. Doch das funktioniert nur so lange, wie nicht allzu viele Menschen in der betreffenden Vorstadt leben. Sonst verliert sie sehr schnell an Attraktivit\u00e4t, durch hohes Verkehrsaufkommen, L\u00e4rm etc. Ein anderes Beispiel ist h\u00f6here Bildung als Mittel zur Erlangung gut bezahlter und sonst begehrenswerter Jobs \u2013 je mehr Menschen h\u00f6here Bildung genie\u00dfen, desto mehr Zeit und Ressourcen muss man investieren, um sich in Hinsicht auf die Arbeitsmarktchancen \u201eabzusetzen\u201c.<\/p>\n<p>Im Grunde sind auch indirekt sozial knappe G\u00fcter den Mainstream-\u00d6konomen konzeptionell nicht v\u00f6llig unbekannt \u2013 sie w\u00fcrden den Positionswettbewerb um sie als \u201esoziales Dilemma\u201c bezeichnen, eine Situation, in der die Tatsache, dass jeder Einzelne versucht, seine relative Position zu verbessern, zur Entt\u00e4uschung f\u00fcr alle f\u00fchrt. Doch argumentierte Hirsch, dass dieses Ph\u00e4nomen in Wirklichkeit viel verbreiteter ist als von Mainstream-\u00d6konomen angenommen. Auch stellen Positionsg\u00fcter nach Hirsch eine Gefahr f\u00fcr wohlhabende Gesellschaften dar, deren Wirtschaften auf Wachstum basieren. Denn je reicher Menschen werden, desto mehr verschiebt sich ihr Fokus auf Positionsg\u00fcter (um Nahrungsmittel gibt es \u00fcblicherweise keine Positionswettbewerbe); je mehr sich der Fokus verschiebt, desto entt\u00e4uschter sind jedoch die, die in Positionswettbewerben leer ausgehen (also die meisten); daher der Titel von Hirschs Buch, die sozialen Grenzen des Wachstums.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Relativer Konsum ist ein Begriff, der inzwischen Eingang in die mehr-oder-weniger standard\u00f6konomische Analyse gefunden hat. 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