{"id":192,"date":"2016-10-23T10:50:09","date_gmt":"2016-10-23T08:50:09","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/pluraleoekonomik\/?p=192"},"modified":"2016-10-23T10:50:09","modified_gmt":"2016-10-23T08:50:09","slug":"warum-oeffentliche-dienstleistungen-so-teuer-erscheinen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/pluraleoekonomik\/warum-oeffentliche-dienstleistungen-so-teuer-erscheinen\/","title":{"rendered":"Warum \u00f6ffentliche Dienstleistungen so teuer erscheinen"},"content":{"rendered":"<p>St\u00e4ndig h\u00f6rt man Politiker, Verb\u00e4nde und Medienvertreter, die sich dar\u00fcber beschweren, dass die Kosten \u00f6ffentlicher Dienstleistungssysteme (insb. Gesundheitssystem, aber auch Polizei, Bildung etc.) explodieren. Die typische Schlussfolgerung: entweder privatisieren oder zumindest \u201eeffizienter machen\u201c, sprich: Mittel k\u00fcrzen. Dabei ist die Erkl\u00e4rung dieses Ph\u00e4nomens schon lange bekannt und hat nichts damit zu tun, dass die betreffenden Dienstleistungen vom Staat angeboten werden. Gestatten: die Baumol\u2019sche Kostenkrankheit.<!--more--><\/p>\n<p>Bereits <a href=\"http:\/\/www.jstor.org\/stable\/1812111?seq=1#page_scan_tab_contents\">1967 wies der bekannte \u00d6konom William Baumol<\/a> auf einen Mechanismus hin, der inzwischen als die Baumol\u2019sche Kostenkrankheit bekannt ist. Seine \u00dcberlegung: Die meisten Dienstleistungen sind recht arbeitsintensiv. Ja, ihre Qualit\u00e4t h\u00e4ngt oft von ihrer Arbeitsintensit\u00e4t ab \u2013 man kann die Qualit\u00e4t der Bildung oder der Gesundheitsversorgung kaum aufrechterhalten, wenn man zwecks Steigerung der Arbeitsproduktivit\u00e4t und Effizienz Schulklassen vergr\u00f6\u00dfert oder \u00c4rzte mehr Patienten pro Zeiteinheit untersuchen l\u00e4sst. Die relativ niedrige Produktivit\u00e4t von Dienstleistungen geh\u00f6rt also sozusagen zu ihrem Wesen.<\/p>\n<p>Nun f\u00fchrt dies zu einem (scheinbaren) Problem, denn es bedeutet, dass der Dienstleistungssektor systematisch ein niedrigeres Produktivit\u00e4tswachstum aufweist als andere Sektoren. Produktivit\u00e4t wird als das Verh\u00e4ltnis der Menge an Inputs zur Outputmenge gemessen \u2013 und bei Dienstleistungen ist Arbeit nun mal der wichtigste Input. Dies bedeutet allerdings nicht, dass die Produktivit\u00e4t im Dienstleistungssektor gar nicht w\u00e4chst \u2013 doch w\u00e4chst sie in aller Regel langsamer als in anderen Sektoren. Dies bedeutet, dass ein Arzt oder Lehrer \u00fcber die Zeit betrachtet <em>relativ<\/em> zu anderen Berufen immer unproduktiver wird. Und da Geh\u00e4lter und L\u00f6hne der Idee nach die Produktivit\u00e4t widerspiegeln sollten, m\u00fcsste dies dazu f\u00fchren, dass Lehrer und \u00c4rzte <em>relativ<\/em> immer \u00e4rmer w\u00fcrden. Da die von ihnen erbrachten und viele andere Dienstleistungen jedoch essentiell sind, d. h. die Nachfrage nach ihnen relativ konstant und preisunelastisch ist (=sie sinkt nur schwach bei Preisanstiegen), muss Lehrern, \u00c4rzten und anderen ein Einkommen angeboten werden, das in seinem Wachstum mit anderen Einkommen mith\u00e4lt. Sonst w\u00fcrden sich die potentiellen \u00c4rzte und Lehrer andere Jobs suchen. Nicht alle nat\u00fcrlich, aber zumindest der weniger intrinsisch motivierte Teil von ihnen. Um die Qualit\u00e4t des Dienstleistungssektors aufrechtzuerhalten, muss man die dort verrichtete Arbeit also st\u00e4rker entlohnen, als ihre Produktivit\u00e4t es diktieren w\u00fcrde. Und dies bedeutet im Umkehrschluss, dass die betreffenden Dienstleistungen <em>relativ<\/em> immer teurer werden \u2013 der Anteil der Ausgaben f\u00fcrs Gesundheits-, Bildungssystem oder f\u00fcr die Polizei an den Gesamtausgaben der Gesellschaft steigt. Zwangsl\u00e4ufig. Und das unabh\u00e4ngig davon, ob diese Dienstleistungen vom Staat oder privat erbracht werden, denn der Grund f\u00fcr die Baumol\u2019sche Kostenkrankheit ist die Natur von Dienstleistungen, nicht die Art ihrer Finanzierung.<\/p>\n<p>Was l\u00e4sst sich aus all dem schlussfolgern? Erstens, <em>relativ<\/em> steigende Kosten von Dienstleistungen sind weitgehend unvermeidlich. Zweitens, dies bedeutet <em>nicht<\/em>, dass sie absolut betrachtet immer teurer werden, d. h., dass wir sie uns irgendwann nicht mehr werden leisten k\u00f6nnen. Sie erscheinen uns lediglich immer teurer, weil andere G\u00fcter relativ immer g\u00fcnstiger werden. Solange ihre Produktivit\u00e4t <em>nicht zur\u00fcckgeht<\/em>, brauchen wir uns keine Sorgen um sie zu machen. Drittens, Behauptungen, dass der Staat an Ineffizienzen und der geringen Produktivit\u00e4t im Sektor \u00f6ffentlicher Dienstleistungen schuld sei, trifft den Kern des Problems nicht; Privatisierung ist demzufolge keine L\u00f6sung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>St\u00e4ndig h\u00f6rt man Politiker, Verb\u00e4nde und Medienvertreter, die sich dar\u00fcber beschweren, dass die Kosten \u00f6ffentlicher Dienstleistungssysteme (insb. Gesundheitssystem, aber auch Polizei, Bildung etc.) explodieren. Die typische Schlussfolgerung: entweder privatisieren oder zumindest \u201eeffizienter machen\u201c, sprich: Mittel k\u00fcrzen. 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