{"id":390,"date":"2019-10-01T12:06:51","date_gmt":"2019-10-01T10:06:51","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/pluraleoekonomik\/?p=390"},"modified":"2022-02-22T19:04:16","modified_gmt":"2022-02-22T18:04:16","slug":"wohnraum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/pluraleoekonomik\/wohnraum\/","title":{"rendered":"Wohnraum im globalisierten Finanzmarktkapitalismus"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Die <\/em>Initiative Neue Plurale \u00d6konomik Halle <em>ist eine Gruppe kritischer junger Menschen, die unter anderen aus Studierenden der Wirtschaftswissenschaften besteht und sich f\u00fcr mehr Vielfalt in der \u00f6konomischen Theorie, Methodik und Lehre einsetzt. Momentan wird an den Universit\u00e4ten fast ausschlie\u00dflich die sogenannte Neoklassik gelehrt, welche die soziale Eingebundenheit von (\u00f6konomischen) Akteur*innen und Machtstrukturen fast vollst\u00e4ndig ausblendet. Um dem andere Perspektiven entgegenzusetzen, haben wir uns entschieden, im Folgenden Immobilienm\u00e4rkte aus der marxistischer Tradition heraus n\u00e4her zu beleuchten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Halle ist Teil der Spitzengruppe. Klingt nach einem Grund zum Feiern, ist es aber nicht. Halle an der Saale geh\u00f6rt zu den St\u00e4dten mit der gr\u00f6\u00dften Segregation in Deutschland<sup>1<\/sup>. Das bedeutet, dass die Ungleichheit und die Einkommensunterschiede zwischen den verschiedenen Stadtvierteln besonders ausgepr\u00e4gt sind, womit sich auch soziale Problemlagen versch\u00e4rfen<sup>2<\/sup>. Ein Grund daf\u00fcr ist, dass die Preise f\u00fcr Wohnraum in den letzten Jahren und Jahrzenten kontinuierlich gestiegen sind. Dies f\u00fchrt dazu, dass sich Haushalte mit niedrigen Einkommen Wohnungen oder H\u00e4user in attraktiven Stadtvierteln wie der Innenstadt, dem Paulusviertel, Giebichenstein oder Kr\u00f6llwitz nicht mehr leisten k\u00f6nnen. Auch in vielen anderen St\u00e4dten ist eine verst\u00e4rkte Debatte um Mietpreissteigerungen entbrannt. So wird beispielsweise in Berlin gegen die Immobilienunternehmung <em>Deutsche Wohnen<\/em> protestiert. Doch warum werden diese Unternehmen als Problem gesehen? Was steckt hinter den Mieterh\u00f6hungen?<\/p>\n\n\n\n<p>In der Wirtschaftssoziologie wird zur Beantwortung dieser Fragen zunehmend auf den Begriff der <em>Finanzialisierung<\/em> verwiesen. Mit <em>Finanzialisierung<\/em> ist die Ausweitung der operativen Logik der Finanzm\u00e4rkte<sup>3<\/sup> auf andere gesellschaftliche Bereiche gemeint. F\u00fcr Immobilien bedeutet das, dass der Preis von Wohnungen und H\u00e4usern sich weniger nach ihrem Gebrauchswert, sondern vielmehr nach ihrem Tauschwert auf den Finanzm\u00e4rkten orientiert<sup>4<\/sup>. Immobilienwerden so zu einer Form der Kapitalanlage, die mit anderen Finanzprodukten, wie zum Beispiel Aktien, mithalten m\u00fcssen. Das hei\u00dft nicht zwangsl\u00e4ufig, dass die erwartete Rendite genauso hoch sein muss, aber es m\u00fcssen zumindest vergleichbare Zahlen und Daten geschaffen werden. Dazu werden einzelne Immobilien,&nbsp; Stadtviertel oder auch die Immobilienm\u00e4rkte ganzer St\u00e4dte oder Staaten quantifiziert, also ihr Wert und ihre Eigenschaften zur besseren Vergleichbarkeit in Zahlen gefasst, damit Berechnungen damit durchgef\u00fchrt werden k\u00f6nnen, um Vorhersagen \u00fcber die Wertentwicklungen und die potentiellen Profite zu machen<sup>5<\/sup>.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber warum passiert so etwas \u00fcberhaupt? Warum wird unser Wohnraum <em>finanzialisiert<\/em>?<\/p>\n\n\n\n<p>Wie wohl allgemein bekannt ist, leben wir im Kapitalismus. So weit, so wenig \u00fcberraschend. Im Kapitalismus besteht das Ziel wirtschaftlichen Handelns darin, immer mehr Kapital anzuh\u00e4ufen. Wirtschaftliche Akteur*innen, die \u00fcber Kapital verf\u00fcgen, versuchen, dieses m\u00f6glichst so anzulegen, dass sich das Kapital \u201evermehrt\u201c. Durch diesen andauernden Prozess kann es gerade nach Phasen der <em>materiellen Expansion<\/em>, also der Ausweitung der Produktion, zu einer sogenannten <em>\u00dcberakkumulation<\/em> kommen<sup>6<\/sup>. Es gibt zu wenig profitable Anlagem\u00f6glichkeiten: die Kapitalist*innen wissen nicht, wohin mit ihrem Geld. Deshalb wird sich auf die Suche nach neuen Anlageformen gemacht, es kommt zur Erschlie\u00dfung von neuen M\u00e4rkten f\u00fcr Finanzkapital<sup>7<\/sup>.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier sind gerade Immobilien interessant, denn sie werden meistens \u00fcber Kredite finanziert<sup>8<\/sup>. Das Kapital wird langfristig gebunden, die Aussch\u00fcttung des Mehrwerts wird in die Zukunft verschoben. Au\u00dferdem gelten Investitionen in die <em>gebaute Umwelt, <\/em>unsere Infrastruktur und Geb\u00e4ude, traditionell als risikoarm: Wohnen m\u00fcssen die Leute immer. Immobilieninvestitionen sollen also m\u00f6glichst profitabel sein, aber dabei die Gewinne in die Zukunft verlagern, w\u00e4hrend das Kapital zun\u00e4chst einmal absorbiert wird. Die Investitionsentscheidungen h\u00e4ngen von Erwartungen an die Zukunft ab<sup>9<\/sup>. Diese ist aber nicht vorhersehbar. Die Erwartungen an die Wertsteigerungen sind deshalb voneinander abh\u00e4ngig, weil die Akteur*innen auf den Finanzm\u00e4rkten sich gegenseitig an den Entscheidungen ihrer Mitbewerber*innen orientieren, um ihre Unsicherheit zu verringern. Bei Immobilien ist diese Abh\u00e4ngigkeit besonders stark, weil der Wert eines Objektes durch seine Umgebung mitbestimmt wird. Das gleiche Haus ist in einem hippen, attraktiven Stadtviertel mehr wert, als in einem Randbezirk mit mangelhafter Daseinsvorsorge.<\/p>\n\n\n\n<p>Es entwickeln sich schnell Spiralen, weil die meisten Investitionsentscheidungen mit denselben Zahlen und Daten arbeiten und sich aneinander orientieren<sup>5<\/sup>. Das f\u00fchrt dazu, dass die Preise in einigen attraktiven Gegenden, besonders in Gro\u00dfst\u00e4dten, enorm steigen. Menschen, die sich solche Preise nicht leisten k\u00f6nnen, m\u00fcssen in die Peripherie oder unattraktive Stadtviertel ausweichen. Au\u00dferdem sind die Informationen zu den Zahlen der Immobilienm\u00e4rkte und das Wissen um ihre Interpretation einerseits und die M\u00f6glichkeit, Immobilien zu erwerben andererseits, nicht f\u00fcr alle gleicherma\u00dfen zug\u00e4nglich<sup>5<\/sup>. Deutschland geh\u00f6rt in Europa noch immer zu den L\u00e4ndern mit der h\u00f6chsten Ungleichheit, besonders, was das Verm\u00f6gen betrifft, und der niedrigsten sozialen Mobilit\u00e4t<sup>10<\/sup>. Nur wenige Menschen haben deshalb die Bildung, das Wissen und das Startkapital, um in Immobilien investieren zu k\u00f6nnen. Die wenigen Menschen, die diese M\u00f6glichkeiten haben und nutzen, pumpen derweil exorbitante Summen in den Immobilienmarkt<sup>11<\/sup>. Weil die Preise in einigen Gegenden deshalb schnell nichts mehr mit dem eigentlichen Wert der Geb\u00e4ude zu tun haben, k\u00f6nnen <em>Blasen<\/em> entstehen, die bei Irritationen platzen und manchmal ganze Wirtschaftskrisen ausl\u00f6sen, wie zuletzt 2007 in den USA geschehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch auch von politischer Seite ist derzeit kaum eine Rettung zu erwarten: Die Politik richtet sich im <em>Neoliberalismus<\/em> zunehmend an wirtschaftlichen Interessen aus. In vielen St\u00e4dten formierten sich bereits Proteste und Demonstrationen. Besonders in Berlin geriet die rot-rot-gr\u00fcne Regierung unter Druck. Sie zog nun eine vorl\u00e4ufige Notbremse und k\u00fcndigte einen Mietdeckel an: Ab 2020 sollen die Mieten f\u00fcr f\u00fcnf Jahre nicht erh\u00f6ht werden d\u00fcrfen. Diese Meldung stand bei der <em>Tagesschau<\/em> unter der Schlagzeile \u201e<em>Wird Berlin zum Albtraum f\u00fcr Investoren?<\/em>\u201c<sup>12<\/sup>. Doch k\u00f6nnen derartige Ma\u00dfnahmen die Spiralen wirklich durchbrechen oder handelt es sich eher um oberfl\u00e4chliche Symptombek\u00e4mpfung? Wir fragen daher: Welche Interessen finden Ber\u00fccksichtigung? Welche Personen haben Machtpositionen, aus denen heraus sie die Stadtplanung und Preisentwicklung heraus beeinflussen k\u00f6nnen? Wer hat keinen Einfluss?<\/p>\n\n\n\n<p>Diese und weitere Fragen werden wir in den kommenden Blogbeitr\u00e4gen diskutieren!<\/p>\n\n\n\n<p><sup>1 <\/sup>Helbig, Marcel, und Stefanie J\u00e4hnen. 2018. Wie br\u00fcchig ist die soziale Architektur unserer St\u00e4dte? WZB Discussion Paper.<\/p>\n\n\n\n<p><sup>2<\/sup> Hausmann, Patrick, und Matthias Bernt. 2019. Kleinr\u00e4umliche Untersuchung sozialstrukturellen Ver\u00e4nderungen Halle (Saale). Ergebnisse der Auswertung von Daten der kommunalen Statistik. Erkner: Leibniz-Institut f\u00fcr Raumbezogene Sozialforschung.<\/p>\n\n\n\n<p><sup>3<\/sup> Windolf. 2005. Finanzmarktkapitalismus. Anlysen zum Wandel von Produktionsregimen. K\u00f6lner Zeitschrift f\u00fcr Soziologie und Sozialpsychologie.<\/p>\n\n\n\n<p><sup>4<\/sup> Holm, Andrej. 2011. Wohnung als Ware: zur \u00d6konomie und Politik der Wohnungsversorgung. Widerspr\u00fcche : Zeitschrift f\u00fcr sozialistische Politik im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich 31:9\u201320.<\/p>\n\n\n\n<p><sup>5<\/sup> Bitterer, Nadine, und Susanne Heeg. 2015. Die Macht der Zahlen. Zeitschrift f\u00fcr Wirtschaftsgeographie 59.<\/p>\n\n\n\n<p><sup>6<\/sup> Silver, Beverly J., und Giovanni Arrighi. 2011. Das Ende des langen 20. Jahrhunderts. In VielfachKrise. Im finanzmarktdominierten Kapitalismus, Hrsg. Alex Demirovi\u0107, 211-228. Hamburg: VSA-Verl.<\/p>\n\n\n\n<p><sup>7<\/sup> Harvey, David. 1982. The limits to capital. London: Verso.<\/p>\n\n\n\n<p><sup>8<\/sup> Belina, Bernd. 2018. Wenn Geldkapital eine sichere Bank sucht. PROKLA. Zeitschrift f\u00fcr kritische Sozialwissenschaft 48.<\/p>\n\n\n\n<p><sup>9<\/sup> Beckert, Jens. 1996. Was ist soziologisch an der Wirtschaftssoziologie? Ungewi\u00dfheit und die Einbettung wirtschaftlichen Handelns. Zeitschrift f\u00fcr Soziologie 25:125\u2013146.<\/p>\n\n\n\n<p><sup>10&nbsp; <\/sup>Hans-B\u00f6ckler-Stiftung. 2016. WSI Verteilungsmonitor \u2013 Soziale Ungleichheit: Ausma\u00df, Entwicklung und Folgen. Online verf\u00fcgbar unter <a href=\"https:\/\/www.boeckler.de\/pdf\/wsi_vm_faqs_2016.pdf\">https:\/\/www.boeckler.de\/pdf\/wsi_vm_faqs_2016.pdf<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><sup>11 <\/sup><a href=\"http:\/\/www.cushmanwakefield.de\/de-de\/news\/2017\/04\/globales-investitionsvolumen-in-immobilien-erreicht-2017-rund-14-billionen-us-dollar\">http:\/\/www.cushmanwakefield.de\/de-de\/news\/2017\/04\/globales-investitionsvolumen-in-immobilien-erreicht-2017-rund-14-billionen-us-dollar<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><sup>12 <\/sup><a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/wirtschaft\/boerse\/immobilien-berlin-mieten-deckel-101.html\">https:\/\/www.tagesschau.de\/wirtschaft\/boerse\/immobilien-berlin-mieten-deckel-101.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Initiative Neue Plurale \u00d6konomik Halle ist eine Gruppe kritischer junger Menschen, die unter anderen aus Studierenden der Wirtschaftswissenschaften besteht und sich f\u00fcr mehr Vielfalt in der \u00f6konomischen Theorie, Methodik und Lehre einsetzt. Momentan wird an den Universit\u00e4ten fast ausschlie\u00dflich&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":3383,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/pluraleoekonomik\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/390"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/pluraleoekonomik\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/pluraleoekonomik\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/pluraleoekonomik\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3383"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/pluraleoekonomik\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=390"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/pluraleoekonomik\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/390\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":412,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/pluraleoekonomik\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/390\/revisions\/412"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/pluraleoekonomik\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=390"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/pluraleoekonomik\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=390"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/pluraleoekonomik\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=390"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}