{"id":5,"date":"2015-05-11T20:35:40","date_gmt":"2015-05-11T18:35:40","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/pluraleoekonomik\/?p=5"},"modified":"2015-06-25T19:43:18","modified_gmt":"2015-06-25T17:43:18","slug":"die-leiden-des-jungen-vwlers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/pluraleoekonomik\/die-leiden-des-jungen-vwlers\/","title":{"rendered":"Die Leiden des jungen VWLers"},"content":{"rendered":"<p>Aus meiner Erfahrung von insgesamt 6 Jahren VWL-Studium (3,5 Jahre Bachelor im Nebenfach, 2,5 Jahre Master im Hauptfach) kann ich nur verstehen, wieso es immer mehr Rufe nach einer <a title=\"Netzwerk Plurale \u00d6konomik\" href=\"https:\/\/www.plurale-oekonomik.de\/home\/\" target=\"_blank\">pluralen<\/a> oder, wie manche es nennen, postautistischen \u00d6konomik gibt. Und auch wenn ich finde, dass die Kritik an der sog. \u201cMainstream-\u00d6konomik\u201d oft verfehlt ist (wie z. B. <a title=\"Der Deckmantel der Objektivit\u00e4t\" href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/oekonomie-debatte-welcher-irrtum-bitte-herr-sinn-1.2231519-2\" target=\"_blank\">in diesem Fall<\/a>), so gehe ich davon aus, dass das Gef\u00fchl, im Studium viel zu wenig Interessantes\/Wichtiges gelernt zu haben, nicht nur mein Problem oder das meiner <a title=\"Martin-Luther-Universit\u00e4t Halle-Wittenberg\" href=\"http:\/\/uni-halle.de\/\" target=\"_blank\"><em>alma mater<\/em><\/a> ist. Daher denke ich, dass mein folgender \u201cLeidensbericht\u201d auch auf WiWi-Institute vieler anderer Unis \u00fcbertragbar ist.<!--more--><span id=\"more-264\"><\/span><\/p>\n<p>Generell lie\u00dfe es sich folgenderma\u00dfen zusammenfassen: das meiste Interessante und Wichtige, was ich \u00fcber die \u00d6konomie gelernt habe, war nicht Bestandteil meines VWL-Studiums. Ich habe es mir vielmehr selbst beibringen m\u00fcssen, w\u00e4hrend des Studiums und danach. Nat\u00fcrlich ist es nicht so, dass man vom Studium erwarten k\u00f6nnte, alles beigebracht zu bekommen. Dazu ist einerseits die \u00d6konomie viel zu umfassend und vielschichtig, andererseits die Interessen der Studierenden zu divers. Daher ist es an sich nichts Schlimmes, wenn man sich interessante Sachen selbst beibringt. Gleichwohl sind mir im Laufe der Zeit massive Ungleichgewichte im Angebot meines WiWi-Instituts aufgefallen, deren Aufhebung durchaus zu fordern w\u00e4re (was mich auch k\u00fcrzlich dazu bewegte, mich der im Entstehen befindlichen lokalen Gruppe des <a href=\"http:\/\/plurale-oekonomik.de\/home\" target=\"_blank\">Netzwerks Plurale \u00d6konomik<\/a> anzuschlie\u00dfen). Dabei lassen sich die Defizite in drei Kategorien unterteilen: zum einen fehlt es an Veranstaltungen zu grundlegenden Fragen, einschlie\u00dflich Perspektiven aus anderen (sozialwissenschaflichen) Disziplinen; zweitens wird \u00d6konomie so gelehrt, als g\u00e4be es praktisch nur noch die Neoklassik, in der alle anderen fr\u00fcheren Schulen und Denkrichtungen aufgegangen w\u00e4ren; und drittens wird auch die Neoklassik sehr eng gelehrt, sodass viele wichtige Subdisziplinen fehlen, w\u00e4hrend andere viel \u201ceinheitlicher\u201d dargestellt werden, als sie es eigentlich sind. Ich werde an dieser Stelle nicht darauf eingehen, dass das VWL-Studium an meiner und vielen anderen Unis auch noch sehr verschult ist und fast nur in Form (\u00fcberf\u00fcllter) Vorlesungen stattfindet, w\u00e4hrend Seminare Mangelware sind. Obwohl auch dies ganz offensichtlich zu den Leiden des jungen VWLers beitr\u00e4gt.<\/p>\n<p><strong>Grundlegendes:<\/strong><\/p>\n<p>Es fehlte in meinem VWL-Studium der Blick in die anderen Sozialwissenschaften. Im Master hatte man immerhin die M\u00f6glichkeit, einen Schwerpunkt zu w\u00e4hlen, in dessen Rahmen einige Veranstaltungen bei den Politologen vorgesehen waren. Hatte man einen anderen Schwerpunkt gew\u00e4hlt, konnte man da h\u00f6chstens \u2013 wie ich \u2013 \u201caus Spa\u00df an der Freude\u201d hingehen, ohne dass man sich aber irgendwas h\u00e4tte anrechnen lassen k\u00f6nnen. Was bspw. Soziologie anbetrifft, beschr\u00e4nkte sich hier ihre Einbringung ins VWL-Studium auf gelegentliche zusammenhangslose und oberfl\u00e4chliche Verweise auf die \u201cprotestantische Ethik\u201d von Weber.<\/p>\n<p>Besonders schmerzhaft vermisste ich Einblicke aus der Philosophie. Immerhin geh\u00f6rte ich zu den wenigen Privilegierten, die ein one-off-Modul zu \u201cWissenschaftstheoretischen Grundlagen empirischer Wirtschaftsforschung\u201d mitmachen konnten und durften, das bezeichnenderweise vom Pr\u00fcfungsamt aus Mangel an Alternativen als das normalerweise vorgesehene Modul \u201cSch\u00e4tzen und Testen\u201d angerechnet wurde. Diesen Einblick in die Epistemologie verdankten wir jedoch lediglich der pers\u00f6nlichen Initiative eines wissenschaftlichen Mitarbeiters des \u00d6konometrie-Lehrstuhls. Von der anderen wichtigen S\u00e4ule der Philosophie, die f\u00fcr die \u00d6konomie durchaus relevant ist, der Ethik, bekam man in meinem VWL-Studium praktisch nichts zu h\u00f6ren. Dies ist besonders bezeichnend, weil die MLU einen der wenigen Lehrst\u00fchle \u201cWirtschaftsethik\u201d, die es in Deutschland gibt, beherbergt. Dummerweise hat der zust\u00e4ndige Prof ein Verst\u00e4ndnis seines Fachs, das kaum etwas mit der philosophischen Disziplin der Ethik zu tun hat und sich eher an der <a title=\"Positive Economics and Psychology\" href=\"https:\/\/zielonygrzyb.wordpress.com\/2014\/04\/01\/positive-economics-and-psychology\/\" target=\"_blank\">Friedman\u2019schen \u201cpositiven \u00d6konomik\u201d<\/a> orientiert. Wollte man zumindest ein bisschen Ethik (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/John_Rawls\" target=\"_blank\">Rawls<\/a>, um genau zu sein) mitkriegen, musste man zu einer formal finanzwissenschaftlichen Veranstaltung \u00fcber \u201c\u00d6ffentliche Wirtschaft\u201d gehen.<\/p>\n<p>Auch kam im reichhaltigen Lehrangebot meines Instituts keine Veranstaltung zur \u00f6konomischen Theoriegeschichte vor \u2013 obwohl man meinen k\u00f6nnte, dass dies ein zentrales Modul f\u00fcr VWL-Einsteiger sein sollte. Hier und da, insbesondere in den Vorlesungen zu Makro\u00f6konomik, bekam man einen sehr oberfl\u00e4chlichen \u00dcberblick \u00fcber die simplfizierte Entwicklung Keynes-Monetarismus-Neoklassische Synthese-Neokeynesianismus, und es gab ein zweiteiliges Modul \u201cWirtschaftsgeschichte\u201d, das sich aber eben mit der Geschichte der Wirtschaft, nicht der Wirtschafts<em>wissenschaft<\/em>, befasste. Die \u201cInformationen\u201d zur Theoriegeschichte beschr\u00e4nkten sich also meistens auf vulgarisierte Berufungen auf Adam Smith (deren einzige Leistungen nach vielen \u00d6konomen das B\u00e4cker-Gleichnis und das Konzept der unsichtbaren Hand zu sein scheinen).<\/p>\n<p><strong>Denkschulen:<\/strong><\/p>\n<p>Aus der oben erw\u00e4hnten Nichtbeachtung \u00f6konomischer Theoriegeschichte folgt logischerweise ein eklatanter Mangel an Erw\u00e4hnung von zum Mainstream alternativen Denkschulen. Auch hier hatte ich zwar das mehr oder minder zuf\u00e4llige Gl\u00fcck, das in einer wenig popul\u00e4ren Vorlesung zu <em>Economics of Nonprofit Organizations<\/em> (im Master-Studium) der Dozent seine Vorliebe f\u00fcr heterodoxe Konzepte durchscheinen lie\u00df, sodass dort z. B. die \u00d6sterreichische Schule oder die (alte) Institutionen\u00f6konomik angesprochen wurden, wie auch die Systemtheorie. Bezeichnenderweise ist der betreffende Dozent kein Mitarbeiter der Uni, sondern ein Privatdozent, der normalerweise an einem<a title=\"Leibniz-Institut f\u00fcr Agrarentwicklung in Transformationsl\u00e4ndern\" href=\"http:\/\/iamo.de\/\" target=\"_blank\">agrar\u00f6konomischen Forschungsinstitut<\/a> in Halle arbeitet. Aber auch wenn man zu den wenigen Studenten geh\u00f6rte, die diese Veranstaltung besuchten, bekam man dennoch mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit \u00fcber sein gesamtes Studium hinweg nichts \u00fcber die Post-Keynesianische Schule, Marxistische \u00d6konomik, die Physiokraten, \u00d6kologische \u00d6konomik, Public Choice Theory oder die Sozialwahltheorie zu h\u00f6ren, um nur ein paar Beispiele zu nennen.<\/p>\n<p><strong>Eingeengter Mainstream:<\/strong><\/p>\n<p>Paradoxerweise geht die scheuklappenm\u00e4\u00dfige \u201cEnge\u201d der VWL-Lehre so weit, dass man oft sogar vom neoklassischen Mainstream nur einen nicht unbedingt repr\u00e4sentativen Ausschnitt pr\u00e4sentiert bekommt. Da h\u00f6rt man in drei verschiedenen Modulen zur Makro\u00f6konomik (plus einem Modul zur Monet\u00e4ren \u00d6konomik) immer wieder mehr oder weniger dasselbe \u2013 was sich vorrangig \u00e4ndert, ist die mathematische Komplexit\u00e4t der Modelle, nicht aber ihre Herkunft und Bedeutung. \u00c4hnlich gibt es drei verschiedene Module zur Mikro\u00f6konomik (hier hat man an der MLU immerhin das Gl\u00fcck, dass zwei davon von einem Lehrstuhl angeboten werden, der sich mit relativ unkonventionellen Sachen wie Verhandlungstheorie und experimentelle \u00d6konomik befasst). Einige andere wichtige Bereiche der \u00f6konomischen Forschung bleiben auf der Strecke. Wo bleibt z. B. die Wohlfahrts\u00f6konomik, einer der wichtigsten und sehr umfassenden Teile auch der Mainstream-\u00d6konomik? (ich kann mich an eine Bemerkung der bereits erw\u00e4hnten Mikro-Professorin erinnern, dass eine Veranstaltung zu dem Thema eigentlich ganz gut w\u00e4re, aber derzeit von ihrem Lehrstuhl nicht zu stemmen sei \u2013 leider) Oder die Entwicklungs\u00f6konomik? Arbeitsmarktanalyse? Politische \u00d6konomik?<\/p>\n<p>Hinzu kam, dass, wie ich z. T. erst sp\u00e4ter feststellte, das, was entsprechend den \u00fcblichen Lehrbuchinhalten in vielen F\u00e4chern gelehrt wird, diesen F\u00e4chern gar nicht gerecht wird. So ist z. B. der Unterschied zwischen der Darstellung des Zusammenhangs von monet\u00e4ren und realen Variablen im Lehrbuch-Studium und seiner Betrachtung in der entsprechenden Mainstream-Fachliteratur riesig (dazu siehe <a title=\"Is there a monetary growth imperative?\" href=\"http:\/\/www.ufz.de\/export\/data\/global\/67091_DP_05_2015_Strunzetal.pdf\" target=\"_blank\">hier<\/a>). Die gelehrte Neoklassik ist noch viel enger als die eigentliche Neoklassik, die an sich schon nur einen Ausschnitt der \u00f6konomischen Theorie(n) darstellt.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Sind meine Erfahrungen f\u00fcr das VWL-Studium in Deutschland repr\u00e4sentativ? Nach dem, was ich von anderen VWL-Absolventen mitbekommen habe: ja. Und wenn es vom Mittel abweicht, dann eher im positiven Sinne \u2013 durch die ungew\u00f6hnliche Anzahl von Forschungsinstituten in und um Halle (\u201cmein\u201d UFZ, das bereits erw\u00e4hnte IAMO, das <a title=\"Institut f\u00fcr Wirtschaftsforschung Halle\" href=\"http:\/\/iwh-halle.de\/\" target=\"_blank\">IWH<\/a>) konnte unser WiWi-Institut immer wieder auf externe Dozenten zur\u00fcckgreifen, die durch ihre spezifische Forschungsausrichtung vergleichsweise interessante Themen anbieten konnten. Die Situation d\u00fcrfte an vielen Unis, die an weniger \u201cgesegneten\u201d Standorten lokalisiert sind, noch viel eklatanter sein.<\/p>\n<p>Die Defizite im VWL-Studium in Halle, und meines Wissens auch an den meisten anderen Universit\u00e4ten Deutschlands, sind riesig. Es fehlt an Blicken von au\u00dfen, aus anderen verwandten Disziplinen; es fehlt an Vielfalt innerhalb der gelehrten \u00d6konomie, sowohl was den Mainstream anbetrifft als auch, vor allem, was sich au\u00dferhalb des Mainstreams tummelt. Selbst wenn man hier und da etwas Anderes mitbekommt, ein bisschen \u201cPluralit\u00e4t schnuppert\u201d, geschieht dies meist zuf\u00e4llig, durch die Initiativen einzelner Dozenten, ohne systematische Unterst\u00fctzung und Verankerung im Curriculum der WiWi-Institute. Nat\u00fcrlich kann man sich als Student selbst weiterbilden, ja man sollte dies tun. Aber das hei\u00dft nicht, dass die derzeitige Situation akzeptabel w\u00e4re. Erstens gibt es gen\u00fcgend Leute, die mit selbstst\u00e4ndigem Selbststudium nicht so gut klarkommen und Anreize von au\u00dfen brauchen. Zweitens sollte das VWL-Studium einen Sinn haben \u2013 wenn ich mir die wichtigen Sachen selbst beibringen muss, wozu studiere ich dann \u00fcberhaupt? (das Zeugnis kann ja nicht das wesentliche Ziel eines Universit\u00e4tsstudiums sein!)<\/p>\n<p><strong>Lekt\u00fcreempfehlungen (solange Selbststudium unausweichlich ist):<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Julian Reiss <a href=\"http:\/\/www.routledge.com\/books\/details\/9780415881173\/\" target=\"_blank\"><em>Philosophy of Economics: A Contemporary Introduction<\/em><\/a><\/li>\n<li>Heinz Kurz <a href=\"http:\/\/www.chbeck.de\/Kurz-D-Geschichte-oekonomischen-Denkens\/productview.aspx?product=12400624\" target=\"_blank\"><em>Geschichte des \u00f6konomischen Denkens<\/em><\/a><\/li>\n<li>Fritz S\u00f6llner <a href=\"http:\/\/link.springer.com\/book\/10.1007%2F978-3-642-28178-5\" target=\"_blank\"><em>Die Geschichte des \u00f6konomischen Denkens<\/em><\/a><\/li>\n<li>Mark Blaug <a href=\"http:\/\/www.cambridge.org\/ve\/academic\/subjects\/economics\/history-economic-thought-and-methodology\/methodology-economics-or-how-economists-explain-2nd-edition\" target=\"_blank\"><em>The Methodology of Economics: Or, How Economists Explain<\/em><\/a><\/li>\n<li>Tim Jackson <a href=\"http:\/\/www.oekom.de\/nc\/buecher\/gesamtprogramm\/buch\/wohlstand-ohne-wachstum.html\" target=\"_blank\"><em>Wohlstand ohne Wachstum<\/em><\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus meiner Erfahrung von insgesamt 6 Jahren VWL-Studium (3,5 Jahre Bachelor im Nebenfach, 2,5 Jahre Master im Hauptfach) kann ich nur verstehen, wieso es immer mehr Rufe nach einer pluralen oder, wie manche es nennen, postautistischen \u00d6konomik gibt. 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