{"id":7606,"date":"2020-04-02T12:27:16","date_gmt":"2020-04-02T10:27:16","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/politikwissenschaft\/?p=7606"},"modified":"2020-04-02T13:18:46","modified_gmt":"2020-04-02T11:18:46","slug":"forschungsaufenthalt-in-washington-dc-ein-erlebnisbericht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/politikwissenschaft\/2020\/04\/forschungsaufenthalt-in-washington-dc-ein-erlebnisbericht\/","title":{"rendered":"Forschungsaufenthalt vor Ort in Washington D.C.: ein Erlebnisbericht"},"content":{"rendered":"\n<p>Der U. S. Kongress z\u00e4hlt zu den am besten erforschten Parlamenten der Welt. Und auch in unseren Lehrveranstaltungen im Lehrbereich Regierungslehre und Policyforschung an der MLU stehen Senat und Repr\u00e4sentantenhaus der Vereinigten Staaten h\u00e4ufig im Mittelpunkt des Interesses. Mein Kollege Sebastian H\u00fcnermund ist &#8211; Corona-bedingt &#8211; vor wenigen Tagen vorzeitig von einem mehrw\u00f6chigen Forschungsaufenthalt in Washington D.C. zur\u00fcckgekehrt. In den n\u00e4chsten Abs\u00e4tzen berichtet er von seinen Erfahrungen w\u00e4hrend seines Aufenthaltes. <\/p>\n\n\n\n<!--more Weiterlesen.-->\n\n\n\n<p>&#8222;Hauptst\u00e4dte strahlen f\u00fcr viele Politikwissenschaftler und insbesondere f\u00fcr Parlamentsforscher eine ganz besondere Anziehungskraft aus. Sie gelten nicht nur als &#8218;Zentren der Macht&#8216;, sondern sie sind in aller Regel auch Orte, an denen periodisch gew\u00e4hlte Volksvertreter in Parlamenten zusammenkommen und allgemeinverbindliche Entscheidungen f\u00fcr die gesamte Bev\u00f6lkerung treffen. Der U.S. Kongress kann dabei ohne Frage als eines der einflussreichsten Parlamente weltweit beschrieben werden. Studierende der Politikwissenschaft an der Martin-Luther-Universit\u00e4t Halle-Wittenberg erfahren bereits im ersten Semester ihres Studiums \u00fcberblickshaft worauf die Machtf\u00fclle des U.S. Kongresses im Wesentlichen zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Grundlage hierf\u00fcr bildet die auf Winfried Steffani zur\u00fcckgehende Unterscheidung zwischen dem pr\u00e4sidentiellen und dem parlamentarischen Regierungssystem: Die fehlende Abh\u00e4ngigkeit des Pr\u00e4sidenten vom Vertrauen des U.S. Kongresses f\u00fchrt zu einer sehr viel eigenst\u00e4ndigeren Arbeit der Legislative als dies beim Deutschen Bundestag aufgrund der Gewaltenverschr\u00e4nkung zwischen Parlamentsmehrheit und Regierung der Fall ist. Die Arbeitsf\u00e4higkeit des U.S. Kongresses wird dabei vor allem durch ein ausdifferenziertes und flexibles System st\u00e4ndiger Aussch\u00fcsse und Unteraussch\u00fcsse sichergestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend meines Forschungsaufenthalts habe ich mich n\u00e4her mit der Arbeitsweise des U.S. Kongresses und seiner Aussch\u00fcsse besch\u00e4ftigt. Mein Fokus lag dabei auf den &#8218;congressional hearings&#8216; \u2013 dem traditionellen Instrument der Aussch\u00fcsse zur selbstst\u00e4ndigen Informationsbeschaffung. Interessanterweise dienten die Hearings im U.S. Kongress als Vorbild f\u00fcr den Deutschen Bundestag. Seit 1951 kennt die Gesch\u00e4ftsordnung des Deutschen Bundestages &#8218;\u00f6ffentliche Tatsachenfeststellungen&#8216;. Diese umst\u00e4ndliche Formulierung hat sich gl\u00fccklicherweise nicht durchgesetzt. Heutzutage sprechen sowohl die Gesch\u00e4ftsordnung als auch die Praktiker im Bundestag ganz \u00fcberwiegend von \u00f6ffentlichen Anh\u00f6rungen oder schlicht Anh\u00f6rungen. <\/p>\n\n\n\n<p>Drei\nFragen waren w\u00e4hrend meines Aufenthalts in Washington D.C. forschungsleitend:\nWie werden Hearings im U.S. Kongress organisiert und durchgef\u00fchrt und welche\nFunktionen erf\u00fcllen sie im politischen Prozess? Welche Erkenntnisse k\u00f6nnen\nhieraus f\u00fcr die Entwicklung und die Nutzung von \u00f6ffentlichen Anh\u00f6rungen im\nDeutschen Bundestag geschlossen werden? <\/p>\n\n\n\n<p>Mit\nBlick auf die letzte Frage muss erw\u00e4hnt werden, dass Anh\u00f6rungen im Deutschen\nBundestag keinen leichten Start hatten. Zwischen 1951 und 1965 wurden gerade\neinmal acht Anh\u00f6rungen durchgef\u00fchrt. Seit der 10. Wahlperiode geh\u00f6ren sie\njedoch zum politischen Tagesgesch\u00e4ft und sind aus der heutigen Praxis kaum\nwegzudenken. In der 18. Wahlperiode (2013-2017) haben s\u00e4mtliche\nBundestagsaussch\u00fcsse insgesamt 548 \u00f6ffentliche Anh\u00f6rungen durchgef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Methodisch\nhabe ich mich den Forschungsfragen aus drei verschiedenen Richtungen\nangen\u00e4hert. Zum einen war ich w\u00e4hrend meines Aufenthalts an das BMW Center for\nGerman and European Studies an der Georgetown University assoziiert. Als\nVisiting Researcher hatte ich somit Zugriff auf verschiedene Ressourcen, die\nmir von der Universit\u00e4t bereitgestellt wurden. Hierzu z\u00e4hlten beispielsweise\ndie Universit\u00e4tsbibliothek (Lauinger Library), aber auch pers\u00f6nliche Kontakte\nzu Mitarbeitern am Department of Government wie die Professorin Michele Swers,\neine langj\u00e4hrige Expertin f\u00fcr das Thema U.S. Kongress. Der Gedankenaustausch\nhat mir vor allem dabei geholfen die relevante Literatur zu identifizieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Des Weiteren hatte ich die Gelegenheit in der Library of Congress zu meinem Thema zu recherchieren. Mit mehr als 168 Millionen Artikeln, darunter mehr als 24 Millionen B\u00fccher, z\u00e4hlt sie zur gr\u00f6\u00dften Bibliothek der Welt. Sowohl die Erstellung des Bibliotheksausweises als auch die Nutzung des gigantischen Angebots der Bibliothek sind kostenlos und f\u00fcr jeden zug\u00e4nglich. Auf diese Weise konnte ich mir auch Zeit f\u00fcr die Lekt\u00fcre von Klassikern der Politikwissenschaft wie Wodrow Wilsons \u201eCongressional Government\u201c nehmen. Bis zu diesem Zeitpunkt waren mir lediglich jene zwei S\u00e4tze des Buches bekannt, die sich gef\u00fchlt in jedem zweiten Buch oder Aufsatz zum U.S. Kongress befinden: &#8218;&#8230; Congress in session is Congress on public exhibition, whilst Congress in its committee-rooms is Congress at work.&#8216; (S. 69)<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich\nstellten teilnehmende Beobachtungen der Hearings einen weiteren Bestandteil\nmeiner Datenerhebung dar. \u00c4hnlich dem Deutschen Bundestag finden die meisten\nAnh\u00f6rungen nicht im Kapitol selbst statt, sondern in den drei House\nbeziehungsweise Senate Office Buildings in unmittelbarer N\u00e4he zum Kongress (In\ndiesen Geb\u00e4uden befindet sich auch ein Teil der Abgeordnetenb\u00fcros). Hierbei hat\nmich vor allem der unmittelbare Zugang zu den Ausschusssitzungen und zu den\nAbgeordneten selbst \u00fcberrascht. Nach einer kurzen Sicherheitskontrolle am\nEingang kann man sich ohne Probleme im gesamten Geb\u00e4ude aufhalten und ohne\nvorherige Anmeldung als Zuschauer an den entsprechenden Hearings teilnehmen und\ndiese auch jederzeit wieder verlassen. Der sogenannte Feldzugang war also\nproblemlos herzustellen. Allerdings ist vorstellbar, dass hiervon einige\nBereiche bzw. Aussch\u00fcsse wie der Geheimdienstausschuss ausgeschlossen sein\nd\u00fcrften. Mit zunehmender Ausbreitung des sogenannten Corona-Virus\u2019 in den USA\nwar jedoch sowohl der Zugang zur Library of Congress als auch zu den\nKongressgeb\u00e4uden nicht mehr m\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch meine Anbindung an die Georgetown University hatte ich jedoch weiterhin die M\u00f6glichkeit an zahlreichen politikrelevanten Angeboten teilzunehmen, die au\u00dferhalb meines Forschungsgebietes lagen. Hierzu z\u00e4hlten unter anderem die Diskussionsveranstaltung mit der aktuellen Speakerin des Repr\u00e4sentantenhauses, Nancy Pelosi oder die Veranstaltung mit den Washington Post Journalisten Philip Rucker und Carol Leonnig \u2013 beide Autoren des Buches &#8218;A Very Stable Genius \u2013 Donald J. Trump\u2019s Testing of America&#8216;. <\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber hinaus konnte ich w\u00e4hrend meines Aufenthalts an sogenannten discussion groups am Institute of Politics and Public Service teilnehmen. Die Gruppen sind fester Bestandteil des &#8218;Fellows Program&#8216;. Ziel des Programms ist es die Studierenden mit Praktikern aus Politik und Medien in einer lockeren Atmosph\u00e4re zusammenzuf\u00fchren, um somit zum Erfahrungsaustausch zwischen Wissenschaft und Praxis beizutragen. Die Fellows, zumeist Journalisten, ehemalige Kongressabgeordnete und Gouverneure oder Vertreter der beiden gro\u00dfen Parteien, wechseln jedes Semester. Am spannendsten f\u00fcr meine eigene Forschung waren die Veranstaltungen mit dem ehemaligen Kongressabgeordneten aus New York, Joe Crowley, und dem ehemaligen Direktor des &#8218;National Republican Congressional Committee&#8216; (kurz NRCC, eine Parteiorganisation zur Wahlkampfunterst\u00fctzung republikanischer Abgeordneter im Repr\u00e4sentantenhaus). \u00dcber diesen Weg konnte ich schlie\u00dflich direkt mit Joe Crowley in Kontakt treten und ihn zu seinen Erfahrungen und Einsch\u00e4tzung hinsichtlich der Hearings im Repr\u00e4sentantenhaus befragen.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Wenngleich ich nicht alle urspr\u00fcnglich geplanten Forschungsvorhaben realisieren konnte, bildeten die Mischung aus institutioneller Anbindung an die Georgetown University in Verbindung mit den frei zu Verf\u00fcgung stehenden Ressourcen der Library of Congress sowie die unmittelbaren Zug\u00e4nge zu meinen Untersuchungsobjekten die einzigartige Gelegenheit einen Eindruck von den vielen kleinen &#8218;Zentren der Macht&#8216; in Washington D.C. zu erhalten.&#8220; (Sebastian H\u00fcnermund) <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/politikwissenschaft\/files\/2020\/04\/Washington-2-768x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7611\" srcset=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/politikwissenschaft\/files\/2020\/04\/Washington-2-768x1024.jpeg 768w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/politikwissenschaft\/files\/2020\/04\/Washington-2-225x300.jpeg 225w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/politikwissenschaft\/files\/2020\/04\/Washington-2.jpeg 960w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><figcaption>Das Kapitol w\u00e4hrend der traditionellen Kirschbl\u00fcte im Fr\u00fchjahr 2020.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/politikwissenschaft\/files\/2020\/04\/Washington-1-1024x768.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7612\" srcset=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/politikwissenschaft\/files\/2020\/04\/Washington-1-1024x768.jpeg 1024w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/politikwissenschaft\/files\/2020\/04\/Washington-1-300x225.jpeg 300w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/politikwissenschaft\/files\/2020\/04\/Washington-1-768x576.jpeg 768w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/politikwissenschaft\/files\/2020\/04\/Washington-1.jpeg 1280w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Eine typische Szene in einem der Ausschusss\u00e4le im U.S.-Kongress.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/politikwissenschaft\/files\/2020\/04\/Washington-3-768x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7613\" srcset=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/politikwissenschaft\/files\/2020\/04\/Washington-3-768x1024.jpeg 768w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/politikwissenschaft\/files\/2020\/04\/Washington-3-225x300.jpeg 225w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/politikwissenschaft\/files\/2020\/04\/Washington-3.jpeg 960w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><figcaption>Blick auf das Hauptgeb\u00e4ude der Georgetown University.<\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der U. S. Kongress z\u00e4hlt zu den am besten erforschten Parlamenten der Welt. Und auch in unseren Lehrveranstaltungen im Lehrbereich Regierungslehre und Policyforschung an der MLU stehen Senat und Repr\u00e4sentantenhaus der Vereinigten Staaten h\u00e4ufig im Mittelpunkt des Interesses. Mein Kollege Sebastian H\u00fcnermund ist &#8211; Corona-bedingt &#8211; vor wenigen Tagen vorzeitig von einem mehrw\u00f6chigen Forschungsaufenthalt in [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":36,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0},"categories":[81,45,1,10581],"tags":[9760,10638,9383,9638,9289,208],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/politikwissenschaft\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7606"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/politikwissenschaft\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/politikwissenschaft\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/politikwissenschaft\/wp-json\/wp\/v2\/users\/36"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/politikwissenschaft\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7606"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/politikwissenschaft\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7606\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7617,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/politikwissenschaft\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7606\/revisions\/7617"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/politikwissenschaft\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7606"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/politikwissenschaft\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7606"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/politikwissenschaft\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7606"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}