In den folgenden Beiträgen möchte ich euch meine Auswahl an didaktischen, pädagogischen und psychologischen Theorien vorstellen, die ich meiner Arbeit zu Grunde legen möchte. Die meisten davon sind eine Kombination der drei Bereiche. Alle Theorien wurden für bzw. in Bezug auf den Schulbereich entwickelt. Einige Theorien stammen aus unterschiedlichen Jahrzehnten (teilweise sogar Jahrhunderten!). Gerade deshalb kann man an ihnen wunderbar „ablesen“, was es für eine gute Lehrer*innenbildung braucht und welche Ansätze sie dafür bieten. Aber allen gemeinsam ist, dass sie ein besonderes Augenmerk auf die Selbsttätigkeit der SuS legen.

Mein erster Kandidat ist niemand geringeres als Johann Amos Comenius! Der/die ein oder andere wird nun vielleicht sagen: Comenius, muss das sein? Meine Antwort: Unbedingt. Denn Dank seiner Didactica Magna (Erstveröffentlichung: 1657) kann er durchaus als Vater der modernen Didaktik verstanden werden. Somit stehen alle Didaktiker*innen praktisch in seinen Fußstapfen! Mit seinem Werk hat er erstmals den Unterricht aus Sicht der SuS betrachtet und konkrete Handlungsanweisungen und Anregungen für die Lehrer*innen formuliert. Eine Revolution für seine Zeit. Zuvor wurden Kinder lange Zeit wie kleine Erwachsene betrachtet. Ihre Bedürfnisse fanden keinerlei Eingang in die Art und Weise, wie unterrichtet wurde. (In diesem Beitrag beziehe ich mich auf eine Ausgabe von Wilhelm Altemöller (1905). Ich zitiere aber dennoch Comenius, da seine Gedanken hier im Vordergrund stehen.)

Besonders hervorzuheben ist das „Motto“ seiner Theorie: Omnes omnia omnino! Allen soll alles auf eine ganzheitliche Weise beigebracht werden. Im Übrigen meint, allen hier wirklich allen: Auch Mädchen! Das mag in der heutigen Zeit eher trivial klingen, war damals aber ebenfalls eine kleine Revolution. Zumal Comenius für den Unterricht der Mädchen nicht zwangsweise gesonderte Klassen vorsah.

Comenius Didaktik steht für Ganzheitlichkeit, für ein Denken vom Kind aus und für ein Lernen durch Handeln und Erfahrungen sammeln.

So schreibt er unter anderem:

[…] [S]ie [die Kinder] müssen die Dinge selbst kennen lernen und durchforschen, nicht bloß fremde Beobachtungen und Zeugnisse über die Dinge.

Comenius 1905, S. 77.

Die individuelle und direkte Auseinandersetzung mit dem Lerngegenstand ist bis heute ein wichtiger Bestandteil vieler Unterrichtskonzepte. Sie spricht in gewisser Weise die ursprünglichsten Formen des Lernens an. Durch „Ausprobieren“ haben schon die Vorfahren des modernen Menschen erlernt, ob eine Frucht essbar ist oder ein Material sich für bestimmte Aufgaben eignet. Natürlich meint Comenius mit seiner Forderung nicht ein willkürliches „Loslassen“ der SuS auf Lerngegenstände. Die Aufgabe der Lehrkräfte ist es, die Gegenstände bewusst auszuwählen und den Erkenntnisprozess zu ermöglichen. Hinzu kommt, dass der Anwendungsbezug des Gelernten immer deutlich sein muss (Comenius 1905, S. 80). Bei allem, was gelernt wird, sollte eine direkte Verbindung zum lebensweltlichen Nutzen für die SuS stehen. Hier lässt sich die beliebte Frage „Wozu brauchen wir das eigentlich?“ deutlich erkennen.

Wie passt Comenius nun zum fachdidaktischen Handeln? Betrachtet man die SuS als Lernende, so können die von Comenius erstellten Leitlinien und Gedanken auch für andere Lernende jeden Alters gelten. Auch oder vielleicht insbesondere, wenn wir älter werden, wollen wir beim Lernen den „Zweck“ wissen. Wir wollen nicht nur über die Dinge reden, sondern sie praktisch erforschen. Wenn also zukünftige Lehrer*innen kompetent fachdidaktisch handeln sollen, reicht es nicht, mit ihnen über diverse Theorien zu reden oder diese an filmischen Beispielen zu erläutern. Sie müssen es tun! Erst durch das Sammeln praktischer Erfahrungen, durch das Erforschen mit allen Sinnen und die individuelle Sinnzuweisung kann fachdidaktisches Handeln ganzheitlich geübt werden. Dieses Ziel kann über ganz unterschiedliche Bausteine in der Ausbildung erreicht werden (Praktika, Übungen, Simulationen etc.). Wichtig ist nur, dass es in einem ausreichenden und regelmäßig wiederkehrendem Maße geschieht. Dies bedeutet für mich im Übrigen auch, dass mit dem Abschluss des Referendariats nicht Schluss sein kann. Auch für ausgebildete Lehrkräfte sollte die regelmäßige Möglichkeit bestehen, das eigene Handeln mit Kolleg*innen und Fachleuten zu reflektieren und zu verbessern.

Comenius Ideen können wir auch heute noch in vielen didaktischen Modellen wiederentdecken. So simpel sie uns auch erscheinen mögen, so wichtig sind sie dennoch für unser Verständnis vom Lehren und Lernen. Diesen Kern seiner Arbeit möchte ich auch für mein Modell aufgreifen. Denn: Gelegentlich ist man so in vielschichtigen Theorien und Methoden gefangen, dass man die einfachsten Grundsätze nicht genügend beachtet.

Literatur:

Comenius, J.A. (1905): Johann Amos Comenius‘ Didactica magna oder Große Unterrichtslehre, Für den Schulgebrauch und das Privatstudium, bearbeitet und mit einer Einleitung und erläuternden Anmerkungen versehen von Wilhelm Altemöller, Parderborn: Ferdinand Schöningh.

Comenius – back to the roots?!

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