Biologischer Hintergrund

Das Falke-Taube-Modell ist ein theoretisches Modell der evolutionären Spieltheorie und dient formal der Analyse von Konkurrenzverhalten um limitierte Ressourcen unter Individuen einer Population derselben Art. Eine evolutionär stabile Strategie (ESS) ist definiert als eine Strategie, die nicht durch das Eindringen einer seltenen alternativen Strategie (Mutantenstrategie) unter natürlichen Selektionsbedingungen verdrängt werden kann. [1] Der biologische Hintergrund des Modells liegt darin, dass Verhalten evolvierend ist und nur im Kontext sozialer Interaktionen verstanden werden kann. Insbesondere bei agonistischen Interaktionen hängt die Fitness eines Individuums nicht ausschließlich von der Umwelt, sondern von den Strategien der Interaktionspartner und deren relativen Häufigkeiten in der Population ab. 

Im Falke-Taube-Modell konkurrieren Individuen um eine Ressource, der ein bestimmter Wert zugeschrieben wird. Eskalierende Aggression kennzeichnet die Falkenstrategie, wohingegen die Taubenstrategie Konflikte vermeidet oder ritualisiert austrägt. Treffen zwei Falken aufeinander, eskaliert der Konflikt bis zu körperlichen Verletzungen, sodass neben einem potenziellen Gewinn hohe Kosten entstehen, wobei angenommen wird, dass die Kosten größer als der Wert der Ressource sind. Treffen zwei Tauben aufeinander, wird die Ressource ohne Eskalation geteilt, was zu einem moderaten, aber sicheren Fitnessgewinn führt. In asymmetrischen Begegnungen zwischen Falke und Taube erhält der Falke die gesamte Ressource, während die Taube kostenfrei, aber ohne Gewinn ausweicht.

Diese Struktur impliziert, dass keine der beiden reinen Strategien evolutionär stabil ist. In einer Population ausschließlich aus Tauben besitzt ein aggressiver Mutant einen deutlichen Fitnessvorteil, da er stets die volle Ressource erlangt. Umgekehrt wird in einer Population ausschließlich aus Falken eine defensive Strategie selektiert, da sie hohe Verletzungskosten vermeidet. Die ESS besteht folglich nicht aus einer reinen Strategie, sondern aus einem gemischten evolutionär stabilen Gleichgewicht, in dem beide Strategien mit bestimmten Häufigkeiten koexistieren. Gleichzeitig kann über das Modell erklärt werden, warum in natürlichen Populationen häufig ritualisierte Konflikte, Drohgebärden oder abgestufte Aggressionsformen beobachtet werden. Etwaige Verhaltensweisen reduzieren die Kosten direkter Eskalation und ermöglichen stabile Koexistenz unterschiedlicher Aggressionsniveaus. 

[1] Kappeler, P. (2012). Verhaltensbiologie. Springer Verlag. (S. 31).