{"id":359,"date":"2025-10-24T10:39:23","date_gmt":"2025-10-24T08:39:23","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/volkspark\/?p=359"},"modified":"2025-10-24T10:41:06","modified_gmt":"2025-10-24T08:41:06","slug":"scharf-getrennt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/volkspark\/2025\/10\/scharf-getrennt\/","title":{"rendered":"Scharf getrennt"},"content":{"rendered":"\n<p><em><strong>Gastbeitrag von Anselm Weidner; Erstver\u00f6ffentlichung in: Der Freitag, vom 11. September 2025<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>1920: Die Unabh\u00e4ngigen Sozialdemokraten (USPD) spalten sich in Halle \u00fcber die Frage des Beitritts zur III. Internationale. Ihre Tage als eigest\u00e4ndige Partei sind gez\u00e4hlt.<\/strong><br><\/p>\n\n\n\n<p>Die Novemberrevolution ist gescheitert, der Versailler Vertrag in Kraft getreten, der Kapp-Putsch von ultrarechts wird im M\u00e4rz 1920 durch reichsweite Massenstreiks beendet und die Unabh\u00e4ngigen Sozialdemokraten (USPD) werden bei den Reichstagswahlen am 6.Juni mit 81 Mandaten hinter der SPD (112) zweitst\u00e4rkste Partei. Die \u201aWeimarer Koalition\u2018 aus Sozialdemokraten, Linksliberalen und Zentrum ist am Ende.<br><\/p>\n\n\n\n<p>In diesem politisch turbulenten unsicheren Jahr h\u00e4lt die USPD vor gut 105 Jahren im Halleschen Volkspark einen Sonderparteitag ab. Sie gilt als die damals \u201egr\u00f6\u00dfte und bedeutendste revolution\u00e4re Arbeiterorganisation au\u00dferhalb Sowjetru\u00dflands \u2026 seit der Revolution \u2026 fraglos der dynamischste Faktor ihrer Zeit \u201c, so der Historiker Robert F. Wheeler. Der einzige Tagesordnungspunkt dieses Kongresses lautet: Beitritt der USPD zur III. Internationale, die von den Bolschewiki beherrschten Komintern (KI). Am 16. Oktober 1920 sp\u00e4tnachmittags verk\u00fcndet der Parteitagsvorsitzende Otto Bra\u00df das Abstimmungsergebnis: \u201e236 Delegierte stimmten mit Ja, 156 Delegierte mit Nein.\u201c3 Alle im Saal wussten, das bedeutete die Spaltung der USPD. Laut Parteitagsprotokoll verlassen die Delegierten der Rechten unter Zurufen und Pfiffen von der Trib\u00fcne den Saal, die Linke singt die Internationale.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Nach der Abstimmung wird dem Vorsitzenden des Exekutivkomitees der Komintern Gregorij Sinowjew (1883 \u2013 1936) das Wort erteilt: \u201eGenossen, wenn von der Arbeiterklasse ein Teil der b\u00fcrgerlichen Elemente weggeht, so ist eine solche Spaltung n\u00fctzlich f\u00fcr die Arbeiterklasse\u2026 Ihr seid jetzt Mitglieder der gesamten internationalen Arbeiterklasse, ihr seid Teil der Kommunistischen Internationale, und das soll unser allergr\u00f6\u00dfter Stolz sein. Es lebe die USPD, wie sie jetzt in einer wirklich kommunistischen Partei dem Proletariat vorangeht.\u201c Das Protokoll verzeichnet Bravorufe Hoch! Hoch! Hoch!<br><\/p>\n\n\n\n<p>Sinowjew, ein enger Vertrauter Lenins, ist nach Halle geschickt worden, um die von Moskau betriebene Spaltung der USPD zum Abschluss zu bringen. Dadurch sollte die damals noch v\u00f6llig unbedeutende, aber moskautreue Splitterpartei KPD gest\u00e4rkt werden. Das war das Kalk\u00fcl &#8211; und es scheint aufzugehen. \u2013 Vieles spricht daf\u00fcr, dass der sp\u00e4ter sog. Hallenser \u201aSpaltungsparteitag\u2018 eine Inszenierung der Bolschewiki war. In seiner Schrift \u201a12 Tage in Deutschland\u2018, eine Art politisches Tagebuch seiner Reise, schreibt Sinowjew: \u201eIn Stettin empfangen uns deutsche Genossen: der Vorsitzende des Verbandes der Seeleute, ein Anarcho-Kommunist, Genossen aus der Kommunistischen Partei Deutschlands und Kurt Geyer, Vertreter des linken Fl\u00fcgels der Unabh\u00e4ngigen Partei. Die erste Frage, die wir an Kurt Geyer richten, lautet: \u201eWer hat die Mehrheit auf dem Parteitage, wir oder sie, die Linken oder die Rechten? \u201aWir haben die Mehrheit\u2018, antwortet Genosse Geyer, \u201aunsere Fraktion steht felsenfest.\u2018 Diese Nachricht stimmte uns von vornherein optimistisch\u201c, so der Autor.<br><\/p>\n\n\n\n<p>Zur Sitzordnung im Gro\u00dfen Saal des Volksparks notiert der Emiss\u00e4r der Bolschewiki: \u201eAlso, wir sind auf dem Schlachtfelde. Der Sitzungssaal ist in zwei scharf getrennte H\u00e4lften geteilt, als wenn ihn jemand mit einem scharfen Messer entzweigeschnitten h\u00e4tte. In einem Raum sind zwei Parteien\u2026 auf der Konferenz selbst gibt es nur noch zwei unvers\u00f6hnliche Feinde \u2026\u201c \u201aDie Linke\u2018, die f\u00fcr den Anschluss und \u201adie Rechte\u2018, die dagegen ist, sitzen strikt getrennt. Die USPD war l\u00e4ngst gespalten. Und genau darauf hatte Moskau seit Monaten hingearbeitet. In Halle ging es nur noch darum, dies formal zu besiegeln.<br><\/p>\n\n\n\n<p>Der USPD-Parteivorsitzende Artur Crispien (1875 \u2013 1946) hatte den Parteitag mit den Worten er\u00f6ffnet: \u201eGenossinnen und Genossen! \u2026 Es muss die Aufgabe des klassenbewussten Proletariats aller L\u00e4nder sein, dem Kapitalismus die politische Macht zu entrei\u00dfen und eine starke internationale proletarische Macht zu errichten, um die Menschheit durch die Verwirklichung des Sozialismus zu einer h\u00f6heren Kulturstufe zu f\u00fchren. Daran erkennen wir, dass die Notwendigkeit einer proletarischen Internationale w\u00e4chst und wir m\u00fcssen zu dieser Frage Stellung nehmen.\u201c<br>Vier Tage lang streiten die gut 400 Delegierten &#8211; sie haben sich zuvor in einer Urwahl als Bef\u00fcrworter oder Gegner eines Beitritts zur Komintern festgelegt &#8211; in Halle \u00fcber nichts anderes. In Grundsatzfragen wie Parlament und R\u00e4te, Demokratie und Diktatur, Vergesellschaftung und Enteignung von Banken und Schwerindustrie oder Putsch und Gewalt lassen sich in der USPD trotz oft kontr\u00e4rer Positionen Kompromisse finden, \u00fcber den Beitritt zur III. Internationale offenbar nicht. Die Weltrevolution und deren organisatorische Voraussetzung, eine Internationale des Klassenkampfes, hatte f\u00fcr die USPD seit der niedergeschlagenen Revolution in Deutschland oberste Priorit\u00e4t. \u201aProletarier aller L\u00e4nder vereinigt Euch!\u2018, das war der dr\u00e4ngende praktische Imperativ f\u00fcr die gesamte Partei. Der Streit ging darum, ob die Komintern diese Internationale w\u00e4re.<br><\/p>\n\n\n\n<p>In Leipzig, auf dem \u201aParteitag der Kl\u00e4rung\u2018, hatte man sich im Dezember 1919 mit der Formulierung \u201eDie USPD \u2026 erstrebt die Schaffung einer revolution\u00e4ren aktionsf\u00e4higen Internationale der Arbeiter aller L\u00e4nder\u201c noch auf eine Kompromissformel geeinigt, ohne dass damit zwingend die Moskauer Internationale gemeint war. Genau auf die Festlegung aber dr\u00e4ngten die Bolschewiki. Vor dem Hallenser Parteitag hatte der II. Weltkongress der Komintern auf Betreiben Wladimir Iljitsch Lenins (1870 \u2013 1924) am 6.August 1920 den Beschluss \u00fcber die \u201e21 Aufnahmebedingungen\u201c zur Internationale angenommen. Unter Punkt 1 wurde verlangt, dass die tagt\u00e4gliche Propaganda und Agitation \u201ewirklich kommunistischen Charakter\u201c tragen m\u00fcsse. Bedingung 14 reklamierte \u201eperiodische S\u00e4uberungen\u201c der KI-Parteien, Punkt 17 sah vor, \u201ealle Resolutionen der Kommunistischen Internationale als bindend anzuerkennen.\u201c Das leninsche Prinzip des demokratischen Zentralismus hielt sich an autorit\u00e4re Vorstellungen von Partei und Revolution, die der r\u00e4tedemokratischen Tradition eines Gro\u00dfteils der USPD-Mitglieder widersprachen. Warum sich die USPD \u2013 seit ihrer Gr\u00fcndung 1917 mehr eine dezentrale freiheitliche sozialevolution\u00e4re Bewegung unterschiedlicher politischer Str\u00f6mungen als eine disziplinierte ideologisch festgelegte Partei &#8211; in Halle doch f\u00fcr einen Beitritt zur Komintern entschloss, bleibt historisch letztendlich ungekl\u00e4rt. Offenbar galt drei Jahre nach der Oktoberrevolution immer noch der, auch unter vielen linken Intellektuellen verbreitete Glaube \u201avon der Oktoberrevolution und den Bolschewiki lernen, hei\u00dft \u00fcber den Kapitalismus siegen lernen\u2018. Zudem gab es die \u00dcberzeugung, dass die Weltrevolution unmittelbar bevorstehe.<br><\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Entscheidung von Halle vereinigt sich Anfang Dezember 1920 der gr\u00f6\u00dfere Teil des linken Fl\u00fcgels der USPD mit der KPD zur VKPD, was dazu f\u00fchrt, dass deren Mitgliederzahl von 78 715 auf ca. 450.000 steigt. Die Fraktion der Verweigerer besteht noch zwei Jahre als USPD und geht 1922 wieder in der SPD auf. Durch die Spaltung verlor die revolution\u00e4re Arbeiterbewegung aus KPD und USPD mindestens 180.000 Personen oder ein F\u00fcnftel ihrer Anh\u00e4nger. Sinowjew dagegen triumphiert: \u201eDer Vorsto\u00df der Kommunistischen Internationale in Westeuropa ist vollst\u00e4ndig gegl\u00fcckt. Der Zweikampf zwischen den Vertretern des Kommunismus und des Reformismus ist zu unseren Gunsten ausgelaufen.\u201c Die letzten Mohikaner des Opportunismus seien im Kampf der Geister erlegen\u2026. Noch immer gehe durch \u201cdie ganze europ\u00e4ische b\u00fcrgerlich-wei\u00dfgardistische und sozialdemokratische Presse das heisere Gebell der b\u00fcrgerlichen K\u00f6ter gegen die Kommunistische Internationale. M\u00f6gen sie bellen!\u201c Unter den Fahnen der Internationale werde die Arbeiterklasse der ganzen Welt siegen.<br><\/p>\n\n\n\n<p>Sinowjews ver\u00e4chtlicher Sarkasmus erlaubte einen Vorgeschmack auf die Jahre ab 1928, in denen Sozialdemokraten f\u00fcr die mit Moskau gleichgeschalteten Kommunisten nur noch \u201aSozialfaschisten\u2018 sind, die es zu bek\u00e4mpfen gilt &#8211; h\u00e4rter als den Klassenfeind. Die sich in Halle spaltende deutsche Arbeiterbewegung macht den Sieg des Faschismus wahrscheinlicher. Die Vorgeschichte beginnt 1914 mit dem Ja der SPD zu den Kriegskrediten und ihrer Burgfriedenspolitik, die den Boden bereitet f\u00fcr die Gr\u00fcndung der USPD drei Jahre sp\u00e4ter. 1920 schlie\u00dflich f\u00fchrt der Parteitag in Halle dazu, dass die Arbeiterbewegung an Schlagkraft verliert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gastbeitrag von Anselm Weidner; Erstver\u00f6ffentlichung in: Der Freitag, vom 11. September 2025 1920: Die Unabh\u00e4ngigen Sozialdemokraten (USPD) spalten sich in Halle \u00fcber die Frage des Beitritts zur III. Internationale. Ihre Tage als eigest\u00e4ndige Partei sind gez\u00e4hlt. 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