{"id":181,"date":"2020-10-21T07:59:53","date_gmt":"2020-10-21T05:59:53","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/waldecker\/?p=181"},"modified":"2020-10-21T07:59:54","modified_gmt":"2020-10-21T05:59:54","slug":"ehrgeiz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/waldecker\/2020\/10\/ehrgeiz\/","title":{"rendered":"Ehrgeiz"},"content":{"rendered":"\n<p>Nach einem l\u00e4ngeren E-Mail-Austausch, u.a. zu den Themen Ehrgeiz und Perfektionismus, hatte ich pl\u00f6tzlich Lust, etwas zum Thema Ehrgeiz zu schreiben. Haupts\u00e4chlich deshalb, weil mir mein eigenes Verh\u00e4ltnis<br>dazu nicht klar ist und ich beim Schreiben gut nachdenken kann.<br>Au\u00dferdem ist das mal ein Thema, bei dem man einsteigen kann mit<br>&#8222;Der Duden definiert \u2026&#8220;, das wollte ich schon immer mal machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Duden definiert Ehrgeiz als &#8222;starkes oder \u00fcbertriebenes Streben nach Erfolg und Ehren&#8220;. Bevor wir gleich zu Synonymen kommen, m\u00f6chte ich meine \u00dcberraschung ausdr\u00fccken &#8211; die Beschreibung hat f\u00fcr mich einen leicht negativen Beiklang (&#8222;\u00fcbertrieben&#8220;), wohingegen ich das Wort Ehrgeiz bisher als wertneutral aufgefasst hatte. Mein Gef\u00fchl wird durch &#8222;starkes Streben nach Erfolg&#8220; gut getroffen. Nat\u00fcrlich stellt sich bei dieser Definition die Frage, was Erfolg ist. Streben nach Ehren klingt f\u00fcr mich wie Streben nach Anerkennung, so dass das Ziel, das ein ehrgeiziger Mensch hat, nicht zuletzt davon abh\u00e4ngt, was andere Menschen f\u00fcr Erfolg halten.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Synonyme nennt der Duden die W\u00f6rter Bestrebung, Ehrsucht, Eifer, Flei\u00df, Geltungsbed\u00fcrfnis, Geltungsdrang, Ruhmsucht, Streben und Strebsamkeit. Einige davon empfinde ich auch wieder als negativ konnotiert, so dass ich verst\u00e4ndlich finde, dass Ehrgeiz nicht nur als positiver Charakterzug gesehen wird. Interessant eigentlich, wo wir doch in einer recht leistungsbezogenen Gesellschaft leben und man denken k\u00f6nnte, dass das Streben nach Erfolg grunds\u00e4tzlich positiv konnotiert ist. Bisher habe ich beobachtet, dass Menschen, die selbst nach Anerkennung streben und sich f\u00fcr sehr leistungsf\u00e4hig halten, Ehrgeiz positiv bewerten und sich schnell abf\u00e4llig \u00e4u\u00dfern, wenn sie Menschen als unf\u00e4hig oder faul wahrnehmen. Besonders entlarvend fand ich da mal den Ausspruch &#8222;Ehrgeiz kann man nicht lernen.&#8220;, der bei mir sofort Widerstand ausl\u00f6ste. Ich dachte &#8222;Warum eigentlich nicht? Und was m\u00f6chtest Du lernen? Empathie? Bescheidenheit?&#8220; Solche Ausspr\u00fcche machen mich w\u00fctend, weil da Menschen in Schubladen gesteckt werden. Aber gucken wir mal inhaltlich genauer hin! Manche Menschen entwickeln erst im Laufe ihres Lebens Ehrgeiz, oder sie verlieren ihn. Das spricht dagegen, das man mit einer festen, unver\u00e4nderlichen Portion Ehrgeiz auf die Welt kommt, sondern es spricht eher daf\u00fcr, dass wir da etwas lernen oder auch verlernen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schauen wir mal, was der Duden noch sagt &#8211; immerhin zeigt sich hier auch etwas dar\u00fcber, was wir als Gesellschaft mit dem Wort verbinden. Als gehobenes Synonym f\u00fcr Ehrgeiz wird &#8222;Ruhmbegier(de)&#8220; vorgeschlagen, als bildungssprachliche Synonyme werden &#8222;Ambition&#8220; und &#8222;Aspiration&#8220; genant und dann kommt noch das abwertende Synonym &#8222;Strebertum&#8220;. Ja, das kennen einige von uns aus der Schule. Wer sich anstrengt und gute oder sehr gute Leistungen bringt, ist ein*<em>e Streber<\/em>*in. Wenn man sich nicht anstrengt und es trotzdem gut klappt, kann das noch sozial akzeptiert sein, bei sehr guten Leistungen ohne sichtbare Anstrengung wird es schwierig. Ist ja auch irgendwie unfair, oder? Naja, im Sport oder bei Musikinstrumenten gibt es auch Naturtalente, und manche Menschen sind von Natur aus extrem empathisch, oder sie k\u00f6nnen toll zeichnen, oder sie schreiben spannende Geschichten,\u2026.<br>Wenn jemandem etwas m\u00fchelos gelingt, wof\u00fcr andere sich sehr anstrengen m\u00fcssen, zeigt das einfach nur, wie unterschiedlich wir sind. Erst wenn das Leistungsniveau nicht mehr m\u00fchelos gehalten werden kann, wie es zahlreiche Menschen beim \u00dcbergang von der Schule zur Uni erleben, dann spielt auf einmal unsere innere Einstellung eine Rolle. Sind wir bereit, zu arbeiten? Zeit zu investieren? Uns anzustrengen? Kritik anzunehmen? Fragen zu stellen? Zuzugeben, wenn wir etwas noch nicht k\u00f6nnen oder wissen?<\/p>\n\n\n\n<p>Der erw\u00e4hnte E-Mail-Austausch brachte den Begriff des &#8222;funktionalen Ehrgeizes&#8220; auf. Was, wenn vielleicht eine gewisse Neigung zu Ehrgeiz, also Streben nach Erfolg, Veranlagung ist, wir aber auch lernen k\u00f6nnen, Ehrgeiz quasi ein- und auszuschalten? Wenn etwas wichtig genug ist, dann schalten wir quasi eine extra Portion Ehrgeiz dazu und aktivieren damit zus\u00e4tzliche Energie und Motivation, um uns anzustrengen. Mir gef\u00e4llt an dem Konzept, dass die negativen Konnotationen dabei keine so gro\u00dfe Rolle spielen. Ich strenge mich umso mehr an, je wichtiger mir ist, wie es ausgeht. Klar liegt dahinter die Frage, warum mir das so wichtig ist. Geht es da um Wirkung, um Ruhm und Anerkennung, um einen neuen Job und daher vielleicht mehr Zufriedenheit, um Geld, um sozialen Aufstieg, \u2026.?<\/p>\n\n\n\n<p>Bei mir entsteht Ehrgeiz auch noch auf andere Weise, n\u00e4mlich im Wettbewerb mit mir selbst. Besonders beim Sport beobachte ich das: Schaffe ich heute mehr Liegest\u00fctze als gestern? Ich fange ein neues krasses Trainingsprogramm an, muss nach der H\u00e4lfte aufgeben und sage mir sofort &#8222;N\u00e4chstes Mal schaffe ich es 5 Minuten l\u00e4nger!&#8220; Es geht also nicht nur um Anerkennung von au\u00dfen, sondern manchmal einfach darum, sich anzustrengen und besser zu werden. Da passt dann die Wendung &#8222;Mein Ehrgeiz wird geweckt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Nach diesem Ausflug komme ich zur\u00fcck zum Duden. Es trifft mein Komikzentrum, dass da steht, dass der Plural von &#8222;Ehrgeiz&#8220; selten gebraucht wird. Der Duden macht auch keinen Vorschlag f\u00fcr den Plural. \u00dcbrigens kommt das &#8222;geiz&#8220; in Ehrgeiz von &#8222;Gier&#8220;, so dass also zu Recht eine  &#8222;Gier nach Anerkennung&#8220; mitschwingt. Irgendwo habe ich auch gelesen &#8222;starker Wunsch, sich vor anderen auszuzeichnen, Streben nach Ehren&#8220;,  und meistens wird es als Charakterzug oder Veranlagung beschrieben. Damit kommen wir zu h\u00e4ufigen Assoziationen zum Wort &#8222;Ehrgeiz&#8220;, wieder laut Duden und teilweise von mir erg\u00e4nzt, so wie es oft sprachlich verwendet wird. Selbstbewusstsein, Intelligenz. Ehrgeiz anstacheln, \u00fcbertriebenes Streben, unb\u00e4ndiger Ehrgeiz, krankhafter Ehrgeiz, Talent, sportlicher Ehrgeiz, man wird von Ehrgeiz gepackt, pers\u00f6nlicher oder beruflicher Ehrgeiz, man l\u00e4sst sich vom Ehrgeiz treiben, Flei\u00df, Disziplin, der Ehrgeiz wird geweckt, falscher Ehrgeiz. (Spannend, was ist das?) Ehrgeiz kann brennen, zerfressen, kann befriedigt werden. Stolz, Eitelkeit, Ausdauer.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Gedanke zum Schluss ist, dass Ehrgeiz etwas mit Vergleichen zu tun hat. Selbst wenn nur mein pers\u00f6nlicher sportlicher Ehrgeiz auf die B\u00fchne kommt, so meldet er sich, weil ich meine Leistung verbessern m\u00f6chte und etwas messe oder z\u00e4hle, um zu gucken, ob ich heute besser bin als gestern.<br>Beim Vergleich mit anderen geht es auch um Messen oder Z\u00e4hlen. Wenn egal ist, wer gewinnt, wieso z\u00e4hlen wir dann die Punkte? Der Frage, ob ich eigentlich selbst besonders ehrgeizig bin, bin ich nicht viel n\u00e4her gekommen. Stattdessen haben sich neue Fragen ergeben:<br>Gibt es Ehrgeiz unabh\u00e4ngig vom Messen und Bewerten? Und wie ver\u00e4ndert das Messen und Bewerten, was wir als Erfolg sehen, als Leistung, und wie beeinflusst das wiederum das Streben nach Erfolg und Anerkennung?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach einem l\u00e4ngeren E-Mail-Austausch, u.a. zu den Themen Ehrgeiz und Perfektionismus, hatte ich pl\u00f6tzlich Lust, etwas zum Thema Ehrgeiz zu schreiben. 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