{"id":217,"date":"2020-12-01T10:49:57","date_gmt":"2020-12-01T09:49:57","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/waldecker\/?p=217"},"modified":"2020-12-01T10:49:58","modified_gmt":"2020-12-01T09:49:58","slug":"schweigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/waldecker\/2020\/12\/schweigen\/","title":{"rendered":"Schweigen"},"content":{"rendered":"\n<p>Oder: Einfach mal die Klappe halten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sprechen aus sehr unterschiedlichen Gr\u00fcnden, l\u00e4ngst nicht immer nur dann, wenn wir etwas mitzuteilen haben. Manche Menschen reden aus Nervosit\u00e4t, weil sie sich unbehaglich f\u00fchlen, weil sie es nicht gern m\u00f6gen, wenn es ruhig ist. Bei den Menschen, die nicht viel reden, nehme ich verschiedene Schwingungen wahr: Manche sind einfach ruhig und zur\u00fcckhaltend, h\u00f6ren gern zu und beteiligen sich ganz bewusst und nur aus sehr guten Gr\u00fcnden aktiv am Gespr\u00e4ch. Bei manchen sp\u00fcre ich aber auch den Drang, etwas zu sagen, und gleichzeitig etwas, das sie zur\u00fcckh\u00e4lt. Unsicherheit? Als w\u00e4re der Klang der eigenen Stimme erschreckend, und dann ist man ja auch den Reaktionen der anderen ausgeliefert. Wenn ich nur still dasitze und nicke oder l\u00e4chle, dann bin ich irgendwie mit dabei, liefere mich aber nicht den Urteilen der anderen aus. Sobald ich etwas sage, werde ich angeh\u00f6rt, vielleicht beurteilt, mache mich vielleicht angreifbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Verlassen wir den Kontext des ganz normalen Gespr\u00e4chs in sozialen Situationen, so wird es erst richtig lustig. Mein Lieblingsbeispiel sind Sitzungen. Da spielt auf einmal Status eine Rolle, wer welchen Hut auf hat, was der formale Rahmen ist etc. Pl\u00f6tzlich ist nicht nur wichtig, was gesagt wird, sondern auch, wer es sagt. Dar\u00fcber habe ich mich schon oft ge\u00e4rgert, und zwar unabh\u00e4ngig davon, ob ich diejenige war, die \u00fcberh\u00f6rt wurde (und kurz danach wurde jemand f\u00fcr den gleichen inhaltlichen Beitrag gefeiert) oder ob vor mir jemand \u00fcberh\u00f6rt wurde und das gleiche Argument dann bei mir auf einmal Relevanz bekam. \u00c4hnlich irritiert bin ich, wenn es Codes gibt, die ich nicht kenne, und dann mein Redebeitrag v\u00f6llig anders verstanden wird, als ich ihn gemeint habe. Oder wenn ich drei Mal sage &#8222;Vorsicht, ich halte jetzt eine Sarkasmuskarte hoch!&#8220; und trotzdem der Sarkasmus nicht verstanden wird. Ich habe schon dar\u00fcber nachgedacht, Sarkasmus aus meinem Stilrepertoire f\u00fcr Sitzungen zu streichen und den Ironiedetektor grunds\u00e4tzlich auszuschalten, weil der sowieso irgendwann \u00fcberfordert aufgibt. Manchmal sind die ungeschriebenen Regeln in Sitzungen kompliziert, und dann wird alles schwieriger: Was man sagt, wie man es sagt, wann, vor wem und nach wem, wessen Standpunkt man unterst\u00fctzt und wem man widerspricht. Und auch Schweigen ist dann pl\u00f6tzlich eine richtig schwierige \u00dcbung. <\/p>\n\n\n\n<p>Dabei ist das so sch\u00f6n: Man geht in eine Sitzung, h\u00f6rt zu, macht sich Notizen und sagt: nichts. Es gibt Uneinigkeit und pers\u00f6nlich ist mir egal, wie die Sache ausgeht und worauf wir uns einigen, also sage ich: nichts. Oder nach f\u00fcnf Minuten ist klar, dass sich alle einig sind, und trotzdem wollen ganz viele Leute noch ihren Senf dazugeben. Die Entscheidung ist schon klar, man k\u00f6nnte jetzt auch einfach aufh\u00f6ren zu reden und die Sitzung (oder den Tagesordnungspunkt) beenden. Also sage ich: nichts. Ich \u00fcbe, einfach mal die Klappe zu halten.<\/p>\n\n\n\n<p>Umso interessanter sind die Situationen, in denen es wirklich wichtig ist, nicht die Klappe zu halten. Diese erscheinen mir umso klarer, je mehr ich ansonsten \u00fcbe, nichts zu sagen. Manchmal wird ein Argument nicht geh\u00f6rt und ich denke &#8222;Wird es vielleicht geh\u00f6rt, wenn ich es auch noch einmal anspreche? In anderen Worten?&#8220; Wenn ich es wichtig finde, dann ist das der Moment, die Stimme zu erheben. Entweder ist das dann der entscheidende Beitrag, oder das Argument wird wirklich nicht geh\u00f6rt, und dann habe ich es wenigstens versucht. Wenn ich Fragen habe, dann warte ich auch h\u00e4ufig ab, und oft haben dann andere \u00e4hnliche Fragen. Oder meine Fragen werden im Lauf der Zeit automatisch beantwortet. Und wenn nicht, dann kann ich immer noch \u00fcberlegen, wie wichtig die jetzt gerade sind. Es gibt halt auch Sachen, die sonst vergessen werden! Manchmal sitze ich da und denke: Wenn ich das jetzt nicht sage oder frage, dann tut es niemand, und dann wird etwas Wichtiges \u00fcbersehen oder vergessen. Insofern funktioniert die Standardeinstellung &#8222;Klappe halten&#8220; vielleicht am besten, wenn im Zweifel folgende Fragen innerlich gestellt werden: Muss das gesagt werden? Von mir? Jetzt? Ist das so ein Fall von &#8222;Wenn ich das jetzt nicht sage\/frage, tut es niemand.&#8220;?<\/p>\n\n\n\n<p>Wie entscheiden Sie, wann es Zeit ist, die Klappe zu halten, und wann es Zeit ist, die Stimme zu erheben?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oder: Einfach mal die Klappe halten. Wir sprechen aus sehr unterschiedlichen Gr\u00fcnden, l\u00e4ngst nicht immer nur dann, wenn wir etwas mitzuteilen haben. Manche Menschen reden aus Nervosit\u00e4t, weil sie sich unbehaglich f\u00fchlen, weil sie es nicht gern m\u00f6gen, wenn es ruhig ist. 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