{"id":259,"date":"2021-01-23T11:47:43","date_gmt":"2021-01-23T10:47:43","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/waldecker\/?p=259"},"modified":"2021-01-23T11:47:45","modified_gmt":"2021-01-23T10:47:45","slug":"balance-oder-rhythmus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/waldecker\/2021\/01\/balance-oder-rhythmus\/","title":{"rendered":"Balance oder Rhythmus?"},"content":{"rendered":"\n<p>Was bedeutet eigentlich Work-Life-Balance? Allein schon die Wortsch\u00f6pfung irritiert mich. Die Gegen\u00fcberstellung von Arbeit und Leben erscheint mir nicht ganz passend, weil ich ja auch w\u00e4hrend der Arbeit lebe. Und die Vorstellung, dass das Leben etwas ist, was nur au\u00dferhalb der Arbeitszeit stattfindet, finde ich sogar richtig traurig. Je nach Arbeit haben wir da vielleicht wenig Gestaltungsspielraum und sind sehr fremdbestimmt, aber auch au\u00dferhalb der Arbeitszeit gibt es bei vielen Menschen Bereiche, in denen sie nicht allein \u00fcber ihre Zeit bestimmen k\u00f6nnen. Das ist zumindst mein Eindruck, wenn ich mir Familien mit Kindern anschaue. Oder?<\/p>\n\n\n\n<p><br>Was soll da bei der sogenannten &#8222;Work-Life-Balance&#8220; ausbalanciert werden? Was denken Sie, welche Assoziationen haben Sie bei dieser Balance? Geht es um Energie? Nach dem Motto: Damit ich au\u00dferhalb der Arbeitszeit noch Energie f\u00fcr mich selbst, meine Freund*innen, Familie, Hobbys etc. habe, muss ich mir gut \u00fcberlegen, wie viele Energie ich bei der Arbeit investiere und wof\u00fcr. Ok.<br>Kann man aber auch einfacher haben. Schlie\u00dflich beginnt jeder Tag mit einem gewissen Energieniveau und der Frage: Wie werde ich heute diese Energie einsetzen, wof\u00fcr, und was kann ich tun, um Energie zu bekommen? Warum muss ich da zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit unterscheiden? Irgendwie \u00fcberzeugt mich das nicht. Vielleicht funktioniert das Konzept f\u00fcr Leute, die ihre Arbeit \u00fcberhaupt nicht m\u00f6gen.<\/p>\n\n\n\n<p>In meiner Wahrnehmung gibt es eher Rhythmen, so \u00e4hnlich wie die Jahreszeiten oder auch Ebbe und Flut. Mal ist das eine wichtiger und nimmt mehr Raum ein, mal das andere. Und dann geht es eben nicht um ein k\u00fcnstliches Ausbalancieren, sondern darum, genau dem Raum zu geben, was gerade dran ist. Allein schon der Wechsel zwischen Vorlesungszeit und vorlesungsfreier Zeit ist daf\u00fcr verantwortlich, dass die verschiedenen Aspekte meiner Arbeit nicht immer gleich wichtig sind. Lehre und daher regelm\u00e4\u00dfiger Kontakt zu Studis, Organisation, Sitzungen &#8211; das passiert komplett oder haupts\u00e4chlich in der Vorlesungszeit. Da muss der Raum f\u00fcr strategische \u00dcberlegungen oder tiefes Nachdenken (f\u00fcr die Forschung) wirklich erk\u00e4mpft und verteidigt werden. Pr\u00fcfungen finden meistens geb\u00fcndelt statt, an ein paar Terminen oder auf einige Wochen verteilt. Da ist dann f\u00fcr fast nichts Anderes Raum. Wenn das aber vorbei ist, gibt es mit Gl\u00fcck ein paar Wochen mit wenigen Sitzungen, unregelm\u00e4\u00dfigem Studikontakt und daf\u00fcr mehr Zeit zum Nachdenken. Da kann ich dann mal zwei, drei Tage am St\u00fcck oder sogar ein, zwei Wochen lang einfach nur \u00fcber ein Problem nachdenken, vielleicht dar\u00fcber reden, auf jeden Fall schreiben. Oder eine Vorlesung \u00fcberarbeiten, ein Skript komplett neu schreiben, neue \u00dcbungsaufgaben entwerfen. Aus der Perspektive der Vorlesungszeit, wo es oft um Erreichbarkeit und schnelle Reaktionen geht, sehen ein paar Stunden ohne Unterbrechung wie der reinste Luxus aus. In der vorlesungsfreien Zeit ist das aber die Default-Einstellung. Oder auf Konferenzen: Von morgens bis abends nur Mathe, ganz viel Input, Gespr\u00e4che mit Kolleg*innen, da wird richtig tief abgetaucht f\u00fcr ein paar Tage, und der Rest der Welt ist weit weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Phasen f\u00fchlen sich sehr unterschiedlich an, und das wechselt mehrmals im Jahr. Klar k\u00f6nnte ich versuchen, das auszubalancieren und die Bereiche Forschung, Lehre, Organisation, Betreuung und was sonst noch so anliegt immer zu etwa gleichen Teilen zu ber\u00fccksichtigen, aber das ergibt gar keinen Sinn. Wenn ich stattdessen die &#8222;Jahreszeiten&#8220; akzeptiere, kann ich ohne Krampf dem, was gerade dran ist, meine volle Aufmerksamkeit schenken. Vier Wochen m\u00fcndliche Pr\u00fcfungen Lineare Algebra: Ist es da sinnvoll, nebenbei an einem schwierigen Forschungsprojekt zu arbeiten oder jeden Abend noch zwei Stunden in anstrengenden Sitzungen zu verbringen? Nein.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Oder w\u00fcrden Sie am gleichen Tag einen Marathon laufen, ein Schachturnier spielen und eine Latein-Klausur schreiben?<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade wenn es um geistige Arbeit geht, untersch\u00e4tzen wir h\u00e4ufig, wie viel Energie und Konzentration das kostet und dass, genau wie bei k\u00f6rperlicher Arbeit, nicht beliebig viel davon zur Verf\u00fcgung steht. Ab und zu ist Pause angesagt, Ausruhen, Schlafen. Die schwierigste Aufgabe ist vielleicht die, zu akzeptieren, dass nicht alles gleichzeitig geht, dass unsere Ressourcen endlich sind und dass wir entscheiden m\u00fcssen, wo die Priorit\u00e4ten liegen. Und genau wie bei k\u00f6rperlicher Leistungsf\u00e4higkeit, wo uns allen klar ist, dass man sich &#8222;fit halten&#8220; muss, ben\u00f6tigt auch geistige Fitness ein Bewusstsein daf\u00fcr, was wir tun m\u00fcssen, um zum richtigen Zeitpunkt genug Energie und Konzentration zu haben. Welche Rhythmen gibt es bei Ihnen? Welche ber\u00fccksichtigen Sie schon, welche nicht? Spricht Sie eher das Konzept der Balance an oder eher das von verschiedenen Phasen mit verschiedenen Priorit\u00e4ten?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was bedeutet eigentlich Work-Life-Balance? Allein schon die Wortsch\u00f6pfung irritiert mich. Die Gegen\u00fcberstellung von Arbeit und Leben erscheint mir nicht ganz passend, weil ich ja auch w\u00e4hrend der Arbeit lebe. Und die Vorstellung, dass das Leben etwas ist, was nur au\u00dferhalb der Arbeitszeit stattfindet, finde ich sogar richtig traurig. 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