{"id":329,"date":"2021-06-07T18:47:54","date_gmt":"2021-06-07T16:47:54","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/waldecker\/?p=329"},"modified":"2021-06-07T18:47:55","modified_gmt":"2021-06-07T16:47:55","slug":"lernen-in-vier-stufen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/waldecker\/2021\/06\/lernen-in-vier-stufen\/","title":{"rendered":"Lernen in vier Stufen"},"content":{"rendered":"\n<p>Was lernen Sie so?<br>F\u00fcr das Studium oder den Beruf?<br>Oder f\u00fcr ein Hobby?<br>Vielleicht auch einfach so, ohne konkretes Ziel, einfach nur, weil Sie gern Neues lernen?<br>Eine neue (Programmier-)Sprache?<br>Kochen?<br>Malen, Tapezieren, Holzfiguren schnitzen?<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir strukturiert lernen, steht im Hintergrund oft ein didaktisches Konzept. Zum Beispiel lernen wir bei einer Sprache Vokabeln, \u00fcben die richtige Aussprache und \u00fcben dann, sie in verschiedenen Zusammenh\u00e4ngen zu benutzen. Interessant wird es, wenn wir eigenst\u00e4ndig lernen und wenn nicht so klar ist, wie das &#8222;\u00dcben&#8220; aussieht. Und was wird eigentlich noch gebraucht, au\u00dfer dem reinen Lernen und dem \u00dcben? Eine Wissens\u00fcberpr\u00fcfung? Kritische Reflektion, ob wir an der Lernform noch etwas verbessern k\u00f6nnen? Die grunds\u00e4tzliche Frage, ob das, was wir da lernen, wirklich sinnvoll ist? Vielleicht lernen wir auch ohne konkretes Ziel, und es ist wichtig, sich immer wieder daran zu erinnern und gleich gegenzusteuern, wenn sich ein Gef\u00fchl von Leistungsdruck bemerkbar macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin k\u00fcrzlich zum ersten Mal einem Lernkonzept begegnet, das explizit vier Stufen benennt. Ryan Hawk schl\u00e4gt vor, dass wir nicht nur Wissen aufnehmen (Stufe 1) und damit experimentieren (Stufe 2, &#8222;\u00fcben&#8220;), sondern dass wir uns auch ganz bewusst immer wieder Zeit zum Nachdenken nehmen (Stufe 3) und das Gelernte weitergeben (Stufe 4), um uns noch einmal neu damit auseinanderzusetzen. Dabei kann ich mir Stufe 4 auch als Variation von Stufe 2 vorstellen, dass man n\u00e4mlich gemeinsam \u00fcbt und sich dabei mit anderen \u00fcber das Gelernte austauscht. Das funktioniert auch dann, wenn nicht alle auf dem gleichen Wissensstand sind! Interessanterweise passiert es n\u00e4mlich oft, dass Anf\u00e4nger:innen schnell Fortschritte machen und es gar nicht erwarten k\u00f6nnen, zu Fortgeschrittenen zu werden, dabei aber die Reflektion \u00fcber das Gelernte vergessen. Kontakte mit anderen, die noch auf Anf\u00e4nger:innen- oder Mittelstufeniveau sind, helfen bei dieser Reflektion. Der gleiche Effekt macht sich bemerkbar, wenn es in Richtung Meisterschaft geht &#8211; eine Fremdsprache flie\u00dfend sprechen und schreiben, ein Musikinstrument auf sehr hohem Niveau spielen oder eine Sportart sehr gut beherrschen. Diejenigen, die bereits meisterliche F\u00e4higkeiten haben, sind oft die, die ganz bewusst zu den Anf\u00e4ngen zur\u00fcckkehren und mit Hingabe die absoluten Grundbausteine immer und immer wieder \u00fcben und vertiefen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesen Effekt habe ich nun schon mehrmals bei anderen beobachten d\u00fcrfen und bin davon fasziniert! Es ist so etwas wie Demut vor dem Handwerk, vor dem Prozess, in dem Wissen, dass es immer noch etwas zu lernen gibt und dass wir auch beim gleichen Lerngegenstand immer wieder die gleichen Stufen durchlaufen. Mindestens die Stufen 1 bis 3. Ich selbst erlebe Variationen der Stufe 4 stets als sehr bereichernd! Speziell in Grundlagenvorlesungen fallen mir immer wieder neue Wege ein, die gleichen Konzepte zu vermitteln, und dabei sind es h\u00e4ufig Fragen oder Beispiele von Studis, die mich auf diese neuen Ideen bringen. Sie sind es auch, die mir durch ihre Fragen oder durch kleine Denkfehler aufzeigen, wo meine Erkl\u00e4rungen noch nicht gut genug sind. Oft sind es subtile Details &#8211; scheinbar klar, aber durch eine Nachfrage oder eine falsche Antwort wird pl\u00f6tzlich sichtbar, dass es unter dem &#8222;scheinbar klar&#8220; noch eine Ebene gibt, auf der etwas erkl\u00e4rt oder begr\u00fcndet werden muss und eben doch nicht so offensichtlich ist, wie es auf den ersten Blick aussieht. Daher verwende ich auch grunds\u00e4tzlich in den Grundlagenvorlesungen keine Formulierungen wie &#8222;Das ist offensichtlich.&#8220; oder &#8222;Das sieht doch jeder.&#8220;. Manchmal, und nur dann, wenn alle Studis einverstanden sind, schreiben wir so etwas wie &#8222;Das folgt sofort aus der Definition&#8220;. Oder so. Und wenn dann auch nur eine kleine Nachfrage kommt, schreibe ich sofort doch noch eine Begr\u00fcndung hin (und habe wieder etwas gelernt).<\/p>\n\n\n\n<p>Stufe 3 finde ich deshalb so spannend, weil es sinnvoll ist, die Art der Wissensaufnahme und die Art des \u00dcbens zu hinterfragen. Bezogen auf eine Mathe-Vorlesung: Schreibe ich mit, und wenn ja, wie viel? Denke ich mit und antworte auf Fragen? M\u00f6chte ich lieber l\u00e4nger nachdenken und nicht spontan antworten? Habe ich selbst Fragen und wenn ja, stelle ich die sofort oder denke ich erst dar\u00fcber nach? Was bedeutet es, wenn ich selbst keine Fragen habe? Arbeite ich gern allein an \u00dcbungsaufgaben oder in einer Gruppe? Wie pr\u00fcfe ich nach, ob ich etwas wirklich gut verstanden habe und es auch allein anwenden kann? Kann ich besser m\u00fcndlich erkl\u00e4ren oder besser durch Aufschreiben? Was f\u00fcr R\u00fcckfragen verunsichern mich?<\/p>\n\n\n\n<p>Wie immer sind meine Studis eine Quelle unz\u00e4hliger Aha-Erlebnisse &#8211; etwa die Art und Weise, wie sie sich auf Pr\u00fcfungen vorbereiten. Die Corona-Pandemie hat viele Studis mit sich selbst und ihren Lerngewohnheiten konfrontiert, und da haben einige grunds\u00e4tzlich in Frage gestellt, wie sie bisher gelernt haben und sich auf Pr\u00fcfungen vorbereitet haben. Solche Krisen sind nicht notwendig: Wir k\u00f6nnen uns angew\u00f6hnen, regelm\u00e4\u00dfig Stufe 3 im Lernprozess zu ber\u00fccksichtigen und immer wieder mal zu hinterfragen, was und wie wir lernen und wie wir \u00fcben.<\/p>\n\n\n\n<p>Was beobachten Sie bei sich, wenn Sie etwas Neues lernen?<br>Kommen die vier Stufen vor?<br>Falls nicht, welche fehlen?<br>Warum ist das so?<br>Oder sind sie unterschiedlich stark ausgepr\u00e4gt?<br>Finden manche vielleicht unbewusst statt?<br>F\u00e4llt es Ihnen leicht, etwas Neues zu lernen und wieder die Geduld aufzubringen, die man am Anfang braucht?<br>Trauen Sie sich, mit dem Gelernten zu experimentieren?<br>Was \u00fcben Sie und wie?<br>Woran merken Sie, welchen Effekt das neu Gelernte auf Sie und Ihr Leben hat?<br>Und wie entscheiden Sie, was Sie als N\u00e4chstes lernen m\u00f6chten?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was lernen Sie so?F\u00fcr das Studium oder den Beruf?Oder f\u00fcr ein Hobby?Vielleicht auch einfach so, ohne konkretes Ziel, einfach nur, weil Sie gern Neues lernen?Eine neue (Programmier-)Sprache?Kochen?Malen, Tapezieren, Holzfiguren schnitzen? 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