{"id":336,"date":"2021-06-15T14:13:55","date_gmt":"2021-06-15T12:13:55","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/waldecker\/?p=336"},"modified":"2021-06-15T14:13:57","modified_gmt":"2021-06-15T12:13:57","slug":"quantitaet-oder-qualitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/waldecker\/2021\/06\/quantitaet-oder-qualitaet\/","title":{"rendered":"Quantit\u00e4t oder Qualit\u00e4t?"},"content":{"rendered":"\n<p>Wann lohnt es sich, sehr viel Arbeit in ein einziges &#8222;Werk&#8220; zu investieren? Eine abzugebende \u00dcbungsserie, ein Vorlesungsskript, einen Vortrag? Wann reicht &#8222;ganz gut&#8220; und es geht eher darum, konsistent ziemlich viel davon zu produzieren?<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich eine besonders originelle, sch\u00f6ne \u00dcbungsaufgabe basteln m\u00f6chte, dann sollte ich doch eine Idee nehmen und die m\u00f6glichst perfekt ausfeilen, oder? Oder vielleicht nicht? Was passiert, wenn ich einen Monat lang jeden Tag eine \u00dcbungsaufgabe entwerfe und einfach gucke, ob am Ende eine ganz tolle dabei ist?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Alternativen sind also:<br>Qualit\u00e4t, Perfektion, Konzentration bei genau einem Versuch, der m\u00f6glichst gut gelingen soll &#8230; oder Masse statt Klasse, weil es in der Masse mehr Ausrei\u00dfer gibt, und zwar nach oben und nach unten.<\/p>\n\n\n\n<p>David Bayles und Ted Orland beschreiben in ihrem Buch \u201eKunst und Angst\u201c ein Experiment, in dem es um Kreativit\u00e4t geht und genau um diese Frage: Kommt etwas Besonderes heraus, wenn wir uns bei wenigen Versuchen auf Perfektion konzentrieren, oder doch eher, wenn wir einfach nur ganz viel produzieren? Gerade dann, wenn es um Kreativit\u00e4t und Originalit\u00e4t geht, kann der Druck, abzuliefern, dazu f\u00fchren, dass man sich selbst ausbremst und in eine Idee verbeisst, statt weiter neue Dinge auszuprobieren. Wenn die Idee, an der man da festh\u00e4lt, nicht besonders gut ist, ist auch eine ausgefeilte Umsetzung davon nur so lala. Die perfektionistische Stimme im Kopf treibt nicht nur an, sondern setzt auch Grenzen nach dem Motto &#8222;Geh lieber auf Nummer sicher, wenn es ganz besonders toll sein soll.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Ansatz &#8222;Masse statt Klasse&#8220; wirkt es so, als k\u00f6nne da nur Mittelm\u00e4\u00dfiges herauskommen. Aber ich glaube nicht, dass das stimmt. Wenn ich jeden Tag ein Lemma beweise, dann sind da ein paar ganz solide dabei, einige langweilige und eben auch ein, zwei richtig sch\u00f6ne. Wenn ich jeden Tag eine \u00dcbungsaufgabe f\u00fcr Lineare Algebra schreibe, dann sind die ersten paar Aufgaben langweilig, die n\u00e4chsten vielleicht originell, aber zu einafch, dann die n\u00e4chsten zu schwierig, und wenn ich lange genug weitermache, sind irgendwann zwischen den vielen langweiligen Aufgaben auch ein paar richtig tolle, originelle Aufgaben dabei. Einfach deshalb, weil durch die Regelm\u00e4\u00dfigkeit der Anspruch weg ist, jedes Mal eine tolle Aufgabe erstellen zu m\u00fcssen und ich dann auch mal mit Quatsch herumspielen kann. Gerade die Befreiung von der Erwartung, eine ganz tolle \u00dcbungsaufgabe schreiben zu m\u00fcssen, f\u00fchrt mittelfristig zu besseren Aufgaben. Man k\u00f6nnte es auch so ausdr\u00fccken:<br>Beim Versuch, es richtig gut zu machen, kommt manchmal nur Mittelma\u00df heraus.<br>Beim Versuch, ganz viel Mittelma\u00df zu produzieren, gibt es ein paar Ausrei\u00dfer nach unten und nach oben, und die Ausrei\u00dfer nach oben sind wahrscheinlich besser als der eine angestrengte Versuch.<\/p>\n\n\n\n<p>Jeden Tag eine \u00dcbungsaufgabe, jeden Tag ein neues Beispiel oder jeden Tag ein Lemma &#8211; das ist ein Ansatz, der manchmal ganz praktisch ist und funktioniert, wenn man gute Ideen braucht. Genau so k\u00f6nnte ich jeden Tag ohne &#8222;Zensur&#8220; Ideen f\u00fcr Blogbeitr\u00e4ge aufschreiben, oder Ideen f\u00fcr neue Forschungsprojekte, und da w\u00e4ren ab und zu mal richtig gute Ideen dabei. Aber manchmal geht es darum, zu einem bestimmten Zeitpunkt so richtig gut abzuliefern. Wenn ich auf einer Konferenz einen Vortrag halte, dann \u00fcbe ich nicht vorher zwei Wochen lang jeden Tag, irgendwie einen Vortrag zu halten, um dann den zu nehmen, der zuf\u00e4llig besonders gut war. Das klappt nicht so richtig. <\/p>\n\n\n\n<p>Die interessante Frage ist also, wie wir ausw\u00e4hlen, wann welche Methode gut passt. Wann geht es um Originalit\u00e4t, und daher brauchen wir die Masse, das Spielerische, und damit auch die Ausrei\u00dfer nach oben? Wann steht es uns im Weg, wenn wir nur wenig ausprobieren und Perfektion erwarten? Und wann geht es um verl\u00e4sslich hohe Qualit\u00e4t, die zu einem bestimmten Zeitpunkt einfach kommen muss? Wie k\u00f6nnen wir sicherstellen, dass die dann auch konsistent kommt?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wann lohnt es sich, sehr viel Arbeit in ein einziges &#8222;Werk&#8220; zu investieren? Eine abzugebende \u00dcbungsserie, ein Vorlesungsskript, einen Vortrag? Wann reicht &#8222;ganz gut&#8220; und es geht eher darum, konsistent ziemlich viel davon zu produzieren? 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