{"id":344,"date":"2021-07-04T17:13:49","date_gmt":"2021-07-04T15:13:49","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/waldecker\/?p=344"},"modified":"2021-07-04T17:13:50","modified_gmt":"2021-07-04T15:13:50","slug":"30-sekunden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/waldecker\/2021\/07\/30-sekunden\/","title":{"rendered":"30 Sekunden"},"content":{"rendered":"\n<p>Hier ist meine Hausaufgabe f\u00fcr eine Weiterbildung:<br>Ich soll mich in 30 Sekunden vorstellen, dabei soll klar werden, wof\u00fcr ich stehe, und ich soll ein Mitbringsel aktiv einbringen (Bild oder Gegenstand). <\/p>\n\n\n\n<p>Was w\u00fcrden Sie mit so einer Hausaufgabe machen? 30 Sekunden sind schnell rum, man kann nur wenige S\u00e4tze sagen. Die einzige \u00dcbung, die ich in der Richtung habe, ist das Vorstellen zu Beginn einer Sitzung oder Veranstaltung oder aber die Interview-Frage, die h\u00e4ufig kommt, n\u00e4mlich &#8222;Wie w\u00fcrden Sie sich in drei Worten beschreiben?&#8220;. Klar k\u00f6nnten die 30 Sekunden also beginnen mit &#8222;Hallo, meine Name ist Rebecca Waldecker, ich bin Mathematikerin.&#8220; Aber was ist gemeint mit &#8222;wof\u00fcr ich stehe&#8220;? Als Mensch? Als Forscherin? Als Lehrperson? Zusammen mit dem aktiv einzubringenden Gegenstand ist die Versuchung gro\u00df, eine Hand- oder Fingerpuppe zu benutzen, um zu demonstrieren, wie ich mich st\u00e4ndig f\u00fcr die Studis zum Obst mache. Oder ein Quietscheentchen?<\/p>\n\n\n\n<p><br>Mit mehr Zeit w\u00e4re es richtig cool, das Spiel zu spielen, das eigentlich den Alltag repr\u00e4sentiert. Wo mitten in der Unterhaltung die Leute fragen &#8222;Und, was machst Du eigentlich beruflich?&#8220; Je nach Kontext kommt dann &#8222;Bist Du auch Yogalehrerin?&#8220; oder &#8222;Du machst doch bestimmt was K\u00fcnstlerisches&#8220; oder auch &#8222;was mit Kindern&#8220;. Ich w\u00fcrde mich wahnsinnig gern als Mensch vorstellen, weil die Erwartungshaltung, die dann normalerweise entsteht hinsichtlich meiner beruflichen Aktivit\u00e4t, eigentlich nie in Richtung Wissenschaftlerin geht (schon gar nicht Mathematik). Dieses Spiel mit Stereotypen, Vorurteilen etc. macht mir Spa\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine andere M\u00f6glichkeit w\u00e4re, andere sprechen zu lassen. &#8222;Hallo, ich bin Rebecca Waldecker, und mein Mann sagt, ich sei nur eingeschr\u00e4nkt alltagstauglich.&#8220; Mein Problem ist hier tats\u00e4chlich die Aufgabenstellung. Wenn die Aufgabe w\u00e4re, in 30 Sekunden zu erz\u00e4hlen, wer ich bin und was ich beruflich mache, w\u00e4re das ok. Mathematikerin, Uni Halle, dann noch zwei S\u00e4tze zu Forschungsinteressen und albernen Liedern f\u00fcr meine Studis, fertig. Aber ist das gemeint? Beantwortet das die Frage, wof\u00fcr ich stehe?<\/p>\n\n\n\n<p>Mal abgesehen davon, dass die Frage schon schwierig genug ist &#8211; mir ist nicht klar, welche Rolle der berufliche Kontext spielt. Geht es haupts\u00e4chlich um mich als Wissenschaftlerin, Forscherin, Lehrperson? Was ist mit der K\u00fcnstlerin, dem B\u00fccherwurm, der verkappten Kinderg\u00e4rtnerin? Wenn Sie jetzt beim Lesen die ganze Zeit denken &#8222;Oh Mann, wo ist eigentlich das Problem? Schreib den Leuten und frag nach, was die genau meinen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, dar\u00fcber habe ich nachgedacht. Aber dann war mir das zu einfach. Ich habe es ausprobiert, die 30 Sekunden sind wahnsinnig schnell vorbei und die Frage ist doch nicht, wie ich die Hausaufgabe &#8222;richtig&#8220; mache und &#8222;m\u00f6glichst viele Punkte bekomme&#8220;. Sondern allein schon das Nachdenken \u00fcber die Frage, wie ich mich selbst in so kurzer Zeit beschreiben w\u00fcrde und ob der Kontext wichtig ist, macht es spannend. Je weiter ich mich von der Frage entferne, ob ich die Hausaufgabe &#8222;richtig&#8220; mache oder &#8222;besonders gut&#8220; oder &#8222;originell&#8220;, desto interessanter wird es.<\/p>\n\n\n\n<p>Was w\u00e4re, wenn ich die 30 Sekunden gar nicht aussch\u00f6pfe, sondern stattdessen selbst noch eine Frage stelle? Die Leute sozusagen neugierig mache, noch mehr herauszufinden? In einem normalen Gespr\u00e4ch l\u00e4uft es schlie\u00dflich auch nicht so, dass ich meinem Gegen\u00fcber Namen, Beruf, Familiensituation, Lieblingsyogapose, aktuelle Lekt\u00fcre und lebensver\u00e4nderndes Zitat um die Ohren schlage. Sondern ich sage ein paar Sachen und warte dann ab, ob es \u00fcberhaupt noch mehr Interesse gibt. Oder ich stelle eine Frage. (Ja, ich wei\u00df, das andere gibt es auch. Das finde ich pers\u00f6nlich aber eher erm\u00fcdend.)<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend ich hier so schreibe, formt sich eine Idee, wie ich mich ganz kurz beschreiben m\u00f6chte. Die werde ich gleich mal ausprobieren und gucken, wie viel von den 30 Sekunden noch \u00fcbrig ist. Und der Gegenstand, den ich benutzen m\u00f6chte, ist wahrscheinlich mein Notizbuch. Schlie\u00dflich sind Worte und Ideen das, was ich im Alltag besonders oft brauche.<\/p>\n\n\n\n<p>Haben Sie beim Lesen auch dar\u00fcber nachgedacht, wie Sie sich kurz beschreiben w\u00fcrden? Und falls Sie einen Gegenstand benutzen oder zeigen d\u00fcrften, welcher w\u00e4re das dann?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hier ist meine Hausaufgabe f\u00fcr eine Weiterbildung:Ich soll mich in 30 Sekunden vorstellen, dabei soll klar werden, wof\u00fcr ich stehe, und ich soll ein Mitbringsel aktiv einbringen (Bild oder Gegenstand). 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