{"id":368,"date":"2021-09-20T08:24:57","date_gmt":"2021-09-20T06:24:57","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/waldecker\/?p=368"},"modified":"2021-09-20T08:24:58","modified_gmt":"2021-09-20T06:24:58","slug":"glueck-gehabt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/waldecker\/2021\/09\/glueck-gehabt\/","title":{"rendered":"Gl\u00fcck gehabt?"},"content":{"rendered":"\n<p>Bei einer Tagung von &#8222;European Women in Mathematics&#8220; habe ich zum ersten Mal erlebt, dass es auf einer Konferenz nicht nur um mathematische Inhalte ging, sondern dass die Vortragenden zu Beginn ihres Beitrags kurz etwas \u00fcber sich und ihren Werdegang erz\u00e4hlt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen gibt es Formate, die das sogar als Schwerpunkt haben: Die Geschichte hinter dem Lebenslauf. Der Werdegang mit allen H\u00f6hen und Tiefen, mit den Begleitumst\u00e4nden, mit Schl\u00fcsselmomenten und schwierigen Entscheidungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie sieht Ihr Lebenslauf aus?<br>Die professionelle Version, die man auf Ihrer Internetseite findet oder die Sie bei Bewerbungen benutzen?<br>Gibt es Stellen, an denen Sie bewusst etwas weggelassen haben?<br>Kann man irgendwo erkennen, dass etwas nicht wie geplant geklappt hat oder dass mehrere Versuche n\u00f6tig waren?<br>Erweckt Ihre Darstellung den Eindruck, dass alles glatt lief?<br>Kann man erkennen, wo und wie Ihnen andere Menschen geholfen haben?<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist sinnvoll, sich diese Fragen durchaus selbstkritisch zu stellen nach dem Motto &#8222;Welchen Eindruck erweckt das, was da steht?&#8220;. Dabei ist die Intention nicht unbedingt, da etwas zu \u00e4ndern, aber es kann als Nebeneffekt auftreten, dass Sie nach einer solchen Selbstbefragung zus\u00e4tzliche Punkte mit aufnehmen, andere Akzente setzen oder etwas weglassen. Die Frage ist ja, welcher Eindruck entsteht und ob man beim genauen Hinsehen oder Nachfragen einen ganz anderen Eindruck bekommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und da bin ich wieder bei den Formaten, wo man hinter den offiziellen Lebenslauf schaut. Ich war sehr erstaunt, von einer gestandenen Professorin zu erfahren, wie oft Dinge nicht funktioniert haben und dass sie u.a. deswegen oft gro\u00dfe Selbstzweifel hatte. Wenn jemand erst mal Professorin ist, fragt man nicht unbedingt nach, wie viele Bewerbungen daf\u00fcr n\u00f6tig waren. Wie viele Ablehnungen es gab, wie viele dumme Spr\u00fcche man sich unterwegs anh\u00f6ren musste.<\/p>\n\n\n\n<p>Haben Sie das auch schon mal erlebt?<br>Dieses Gef\u00fchl von &#8222;Ach so, das lief gar nicht so glatt?&#8220;<br>&#8222;Der Kollege ist gar nicht so selbstsicher?&#8220;<br>&#8222;F\u00fcr dieses gro\u00dfe Drittmittelprojekt waren drei Anl\u00e4ufe notwendig?&#8220;<br>&#8222;Wie bitte, die Kollegin war 5 Jahre aus dem akademischen Umfeld raus und ist dann noch Professorin geworden?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schein kann tr\u00fcgen. Ich wirke oft selbstsicher, habe aber viele Zweifel. Juniorprofessorin mit 30 Jahren sieht erst mal gut aus, aber wenn ich mehr dar\u00fcber erz\u00e4hle, wie der Weg dahin aussah, wie oft ich an mir und dem eingeschlagenene Weg gezweifelt habe und was da alles gar nicht im Lebenslauf erkennbar ist, dann gucke ich in \u00fcberraschte Gesichter.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor allem die Themen &#8222;Gl\u00fcck&#8220; und &#8222;Pech&#8220; m\u00f6chte ich noch ansprechen, weil Vieles, was man im Lebenslauf nicht hinschreibt, damit zu tun hat. Und das hat mehrere Ebenen. Wann haben Sie in den letzten paar Jahren mal so<br>richtig Pech gehabt oder so richtig Gl\u00fcck? Damit meine ich Gl\u00fcck im Sinne von gutem Timing, einer zuf\u00e4lligen Begegnung oder so. Mit Pech meine ich ungl\u00fcckliche Umst\u00e4nde, z.B. ein verpasstes Bewerbungsgespr\u00e4ch wegen eines Streik oder eines Unfalls, oder eine gute Gelegenheit, die verpasst wurde, weil man sie erst nach dem Bewerbungsschluss gesehen hat. Mir fallen da ein paar Situationen ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab auch Gelegenheiten, bei denen es nicht nur auf meine F\u00e4higkeiten ankam, sondern auch darauf, was andere Leute wollten oder was sie f\u00fcr Vorstellungen hatten. Sowas kann auch Gl\u00fcck oder Pech sein, oder? Schlie\u00dflich kann man den Ausgang der Situation nicht allein durch K\u00f6nnen oder Wissen beeinflussen, da ist aus der eigenen Perspektive ein Zufallselement dabei.<\/p>\n\n\n\n<p>Und darauf m\u00f6chte ich hinaus. Wenn wir Gl\u00fcck haben, dann hei\u00dft das einfach nur, dass mehr im Spiel war als Wissen oder K\u00f6nnen. Aber ohne Wissen, K\u00f6nnen, gute Vorbereitung h\u00e4tte das Gl\u00fcck wahrscheinlich nichts gen\u00fctzt. Wenn Sie sich auf eine PostDoc-Stelle bewerben und &#8222;Gl\u00fcck haben&#8220;, dass da Leute Ihre Papers kennen und Sie gut finden, dann m\u00fcssen Sie immer noch beim Vorstellungsgespr\u00e4ch \u00fcberzeugen. Sonst n\u00fctzt das Gl\u00fcck oder das gute Timing nichts. Auch bei &#8222;Pech&#8220; kann es sein, dass wir etwas daraus lernen k\u00f6nnen und dass es eben nicht nur die Umst\u00e4nde waren. Zug verpasst, Pech gehabt? Naja, war denn ein ausreichender Puffer eingeplant? W\u00fcrde man das beim n\u00e4chsten Mal vorsichtiger planen, so dass man trotz Pech immer noch eine Chance hat?<\/p>\n\n\n\n<p>Interessanterweise gehen wir sehr unterschiedlich mit (vermeintlichem?) Gl\u00fcck oder Pech um, genau wie mit anderen Umst\u00e4nden, die wir nicht beeinflussen k\u00f6nnen. Das pr\u00e4gt massiv unser Selbstbild und die Geschichte, die wir uns selbst und anderen erz\u00e4hlen. Wenn Sie jemand fragt, wie Sie Ihre PostDoc-Stelle bekommen haben, und Sie dann immer wieder sagen &#8222;Ich hatte nur Gl\u00fcck!&#8220;, und wenn Sie den Teil der Geschichte weglassen, bei dem Sie gute Ratschl\u00e4ge f\u00fcr Ihre Bewerbungsunterlagen bekommen haben, Sie auf mehreren Konferenzen sehr gute Vortr\u00e4ge gehalten haben, jemand Sie beim Publizieren des ersten Artikels unterst\u00fctzt hat &#8211; dann erz\u00e4hlen Sie nur die halbe Wahrheit. Genau so umgekehrt &#8211; ich h\u00f6re immer wieder &#8222;Erfolgsgeschichten&#8220;, bei denen der Eindruck erweckt wird, man sei eben besser als alle anderen gewesen und habe besonders hart gearbeitet, und dabei wird unterschlagen, dass man &#8222;Gl\u00fcck&#8220; hatte, weil z.B. die Eltern w\u00e4hrend der Promotion bei der Kinderbetreuung geholfen haben oder der Doktorvater besonders bekannt ist und man daher auf ein paar mehr Konferenzen fahren konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich werde mir jedenfalls vor dem n\u00e4chsten Vortrag, bei dem es um die Geschichten hinter meinem Lebenslauf geht, genau \u00fcberlegen, wie ich \u00fcber Gl\u00fcck, Pech und besondere Begleitumst\u00e4nde spreche. Zumal es auch eine F\u00e4higkeit ist, bei gutem Timing oder Gl\u00fcck vorbereitet zu sein und die Gelegenheit dann beim Schopf zu greifen.<br>Oder?<br>Wie denken Sie jetzt \u00fcber Momente mit Gl\u00fcck oder Pech in Ihrem Leben?<br>Hat sich etwas ver\u00e4ndert?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei einer Tagung von &#8222;European Women in Mathematics&#8220; habe ich zum ersten Mal erlebt, dass es auf einer Konferenz nicht nur um mathematische Inhalte ging, sondern dass die Vortragenden zu Beginn ihres Beitrags kurz etwas \u00fcber sich und ihren Werdegang erz\u00e4hlt haben. 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