{"id":399,"date":"2021-11-27T16:10:29","date_gmt":"2021-11-27T15:10:29","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/waldecker\/?p=399"},"modified":"2021-11-27T16:10:30","modified_gmt":"2021-11-27T15:10:30","slug":"toleranz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/waldecker\/2021\/11\/toleranz\/","title":{"rendered":"Toleranz"},"content":{"rendered":"\n<p>Es ist leicht, tolerant zu sein, wenn man sich mit lauter Menschen umgibt, die sowieso genau so ticken wie man selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor wir aber dazu kommen, wie man seine eigene Toleranz wirklich testen kann, um zu sp\u00fcren, wie weit sie tr\u00e4gt, ist doch die Frage, was wir unter Toleranz verstehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Was bedeutet der Begriff f\u00fcr Sie?<br>Verst\u00e4ndnis?<br>Respekt gegen\u00fcber anderen Meinungen?<br>Alle Menschen gleich zu behandeln?<\/p>\n\n\n\n<p>Das digitale W\u00f6rterbuch der deutschen Sprache listet drei Bedeutungen des Wortes Toleranz:<\/p>\n\n\n\n<ol><li>Duldsamkeit. Hier geht es also darum, geduldig damit umzugehen, wenn etwas oder jemand st\u00f6rt oder von der Norm abweicht.<\/li><li>Zul\u00e4ssige Abweichung von einem verbindlichen, vorgeschriebenen Ma\u00df oder Wert. Hier hatte ich sofort die industrielle Fertigung von Gegenst\u00e4nden im Kopf und die Qualit\u00e4tskontrolle. Au\u00dferdem kam mir das Wort Fehlertoleranz in den Sinn.<\/li><li>Physische Widerstandsf\u00e4higkeit, besonders gegen Arzneimittel. Das ist eine medizinische Perspektive, die mich etwas erstaunt, weil ich Toleranz nicht mit Widerstandsf\u00e4higkeit assoziiere. Gleichzeitig klingt eine Aussage wie &#8222;Mein K\u00f6rper toleriert gro\u00dfe Mengen der Substanz \u2026  ohne Vergiftungserscheinungen.&#8220; einigerma\u00dfen stimmig.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>So, da haben wir drei sehr verschiedene Sichtweisen auf den Begriff der Toleranz, und mich besch\u00e4ftigt gerade am ehesten die erste. Tats\u00e4chlich f\u00fchlt sich gelebte Toleranz n\u00e4mlich so an, als ob st\u00e4ndig, jeden Tag, meine Geduld und Selbstbeherrschung auf die Probe gestellt werden. Vielleicht geht es um die grunds\u00e4tzliche politische Haltung, vielleicht um den Umgang mit Sexismus oder Vorurteilen, vielleicht darum, ob und wie wir Regeln befolgen sollten, oder wie wir mit Autorit\u00e4t umgehen. Der Umgang mit der Pandemie, die Ma\u00dfnahmen, das Verhalten verschiedener Personengruppen &#8211; all das hat vielen von uns auch Geduld und Toleranz abverlangt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist sehr leicht, von Toleranz zu sprechen, wenn sie nie auf die Probe gestellt wird. Es ist leicht, sich f\u00fcr vorurteilsfrei und tolerant zu halten, wenn die eigene Haltung nie herausgefordert wird. Seit Beginn der Pandemie sp\u00fcre ich st\u00e4rker als vielleicht jemals zuvor, wo Gr\u00e4ben verlaufen und wo es auch in meinem unmittelbaen Umfeld Menschen gibt, die zumindest bei einzelnen Themen komplett anders ticken als ich. Damit jeden Tag umzugehen ist wahnsinnig anstrengend. Es erfordert ein hohes Ma\u00df an Geduld und an Beherrschung. Immer wieder halte ich inne, atme tief durch und reagiere nicht spontan, denn die spontane Reaktion w\u00e4re manchmal einfach ein &#8222;Geht&#8217;s noch?&#8220;<br>Manchmal sage ich gar nichts.<br>Manchmal stelle ich eine Frage.<br>Manchmal wechsle ich das Thema.<br>Gehe bei n\u00e4chster Gelegenheit aus der Situation raus, denn eine unbedachte \u00c4u\u00dferung k\u00f6nnte einen Gespr\u00e4chskanal f\u00fcr lange Zeit schlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir ist klar, dass manchmal offener Widerspruch n\u00f6tig ist. Aber wenn beide Seiten wissen, wo sie stehen, dann kann man auch die Klappe halten.<br>Dann m\u00fcsste schon eine echte Einladung zum Gespr\u00e4ch kommen, mit der Bereitschaft, wirklich zuzuh\u00f6ren und den eigenen Standpunkt zu hinterfragen. Sonst wird daraus schnell eine Diskussion, bei der beide Seiten einfach nur Recht haben wollen, aber nicht bereit sind, die eigene Haltung zu hinterfragen. Toleranz hei\u00dft, auszuhalten, dass andere eben nicht die eigene Meinung annehmen. Egal, wie oft, wie eloquent, wie laut man sie \u00e4u\u00dfert. Es hei\u00dft, geduldig abzuwarten, ob es Bewegung gibt. Ob man Neugier sp\u00fcrt, die andere Position besser zu verstehen. Ob man sich ann\u00e4hern kann. Es hei\u00dft, die andere Person nicht ver\u00e4ndern zu wollen. Und wenn man mit der Haltung der anderen Person \u00fcberhaupt nicht einverstanden ist und sie gar nicht nachvollziehen kann, dann ist das eben schwierig. Jeden Tag.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin dankbar daf\u00fcr, solche Menschen um mich herum zu haben. Klar fluche ich auch manchmal und \u00e4rgere mich, aber wir m\u00fcssen doch auch ab und zu mal unsere Charakterst\u00e4rke testen, oder? Und wie geht das besser als mit Menschen, die uns zeigen, ob wir so tolerant sind, wie wir denken?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist leicht, tolerant zu sein, wenn man sich mit lauter Menschen umgibt, die sowieso genau so ticken wie man selbst. Bevor wir aber dazu kommen, wie man seine eigene Toleranz wirklich testen kann, um zu sp\u00fcren, wie weit sie tr\u00e4gt, ist doch die Frage, was wir unter Toleranz verstehen. 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