{"id":402,"date":"2021-11-30T16:04:23","date_gmt":"2021-11-30T15:04:23","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/waldecker\/?p=402"},"modified":"2021-11-30T16:04:25","modified_gmt":"2021-11-30T15:04:25","slug":"ein-grosser-blinder-fleck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/waldecker\/2021\/11\/ein-grosser-blinder-fleck\/","title":{"rendered":"Ein gro\u00dfer blinder Fleck"},"content":{"rendered":"\n<p>Eigentlich wollte ich diesen Beitrag mit einem Zitat aus dem Duden beginnen. Ich wollte wissen, wie da &#8222;Bestenauslese&#8220; definiert wird. Lustigerweise kennt der Duden das Wort aber nicht, sondern schl\u00e4gt mir stattdessen &#8222;Beerenauslese&#8220; vor. Auch gut.<br>Dann frage ich halt das digitale W\u00f6rterbuch der deutschen Sprache. Dort hei\u00dft es &#8222;Verwendung im Plural ungebr\u00e4uchlich&#8220; und weiterhin: &#8222;(Grundsatz der) Auswahl der Besten aus einer Bewerbergruppe nach bestimmten Kriterien, vor allem im beruflichen Bereich nach Eignung, Bef\u00e4higung und fachlicher Leistung.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, das passt dazu, wie das Wort oft verwendet wird, denn es liest sich so, als k\u00f6nne man aus einer Menge von Bewerbungen die objektiv am besten geeigneten ausw\u00e4hlen. Innerhalb eines gewissen Rahmens geht das sogar, jedenfalls wenn es harte Kriterien gibt wie einen bestimmten Schulabschluss oder eine abgeschlossene Berufsausbildung. Altersgrenzen k\u00f6nnen hart sein, Sprachkenntnisse, die mit einem Test nachgepr\u00fcft werden, das Vorliegen eines F\u00fchrerscheins, solche Dinge. Ok, in diesem Rahmen komme ich mit dem Wort Bestenauslese klar. Es gibt harte Kriterien, man erf\u00fcllt die oder eben nicht, und dann wird ausgew\u00e4hlt, welche Bewerbungen \u00fcbrigbleiben. Die sind dann von den eingegangenen Bewerbungen am besten geeignet, weil zumindest alle harten Kriterien erf\u00fcllt wurden. \u00dcberall dort, wo etwas quantitaiv erfasst werden kann und wo es auch tats\u00e4chlich Vergleichbarkeit gibt (etwa einschl\u00e4gige Berufserfahrung in Vollzeit), finde ich das Prinzip vertretbar. Und ich habe auch schon Situationen erlebt, wo man am Ende drei Bewerbungen nebeneinander legt und ganz klar sieht, dass eine davon deutlich besser passt als die anderen beiden. Alles in Ordnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Schwierig wird es dann, wenn man es schon eingegrenzt hat. Wann passiert es schon, dass eine Person bei allen relevanten Kriterien objektiv am besten dasteht? Normalerweise ist es doch ein &#8222;So, jetzt haben wir zehn Leute in der engeren Auswahl.&#8220; und dann sind die Leute auf verschiedenen relevanten Gebieten unterschiedlich gut, so dass man abw\u00e4gen muss. Pl\u00f6tzlich ist es nicht mehr so objektiv. Und bei zehn Leuten k\u00f6nnte man sich die Unterlagen noch sehr genau anschauen, man k\u00f6nnte alle zehn pers\u00f6nlich kennenlernen und sich viel Zeit f\u00fcr eine gute Entscheidung nehmen. Bei 50 oder 100 sieht das anders aus. Was macht man, wenn 100 die ersten H\u00fcrden schaffen und man nicht nach eindeutigen objektiven Kriterien vergleichen kann? Dann geht es h\u00e4ufig los mit Kennzahlen und Scheinobjektivit\u00e4t. Scheinvergleichbarkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wahrheit ist oft, dass sehr viele von diesen 100 gleich gut geeignet w\u00e4ren, mit unterschiedlichen St\u00e4rken und Schw\u00e4chen, und dass bei der weiteren Auswahl sehr viel Zufall eine Rolle spielt. Das wird dann hinterher gern nachrationalisiert, man hat nat\u00fcrlich soundso entscheiden, weil dasunddas ganz klar absehbar war. Dass das meistens gut ausgeht, liegt daran, dass nach dem ersten Aussieben die Qualit\u00e4t so hoch ist, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass die ausgew\u00e4hlte Person gar nicht passt oder pl\u00f6tzlich doch inkompetent ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Viel spannender finde ich jedoch, was drumherum passiert. Auf dem Weg in die Spitzengruppe, in die man nach objektiven Kriterien geh\u00f6rt, passiert n\u00e4mlich schon sehr viel, was nichts mit Leistungsbereitschaft, Talent oder Flei\u00df zu tun hat. Interessanterweise spielen in der weichen Phase der Auswahl \u00e4hnliche Aspekte eine gro\u00dfe Rolle, aber es wird meistens nicht  thematisiert, und viele von uns nehmen es gar nicht wahr.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser gesamte Auswahlprozess hat viele blinde Flecken. Oder anders gesagt: Um \u00fcberhaupt in den Auswahltopf zu kommen, muss man vorher schon sehr viele Privilegien genossen haben, die l\u00e4ngst nicht alle Menschen haben. Es ist also gut m\u00f6glich, dass im &#8222;Bestenauslese&#8220;-Topf ganz viele gar nicht vorkommen, die es aber verdient h\u00e4tten. Ein Problem dabei ist, dass wir unser Urteil oft aufgrund von Leistungen f\u00e4llen, die in einem relativ kleinen Zeitfenster erbracht wurden. Zum Beispiel die Zeit w\u00e4hrend der Promotion und noch ein paar Jahre danach. Bei einer so kurzen Zeitspanne  spielen die Lebensumst\u00e4nde eine wichtige Rolle, wen man so kennt, gute Startchancen aufgrund eines guten famili\u00e4ren Hintergrunds, Gl\u00fcck oder Pech bei Themen, bei Vortragsm\u00f6glichkeiten, bei Begutachtungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter Umst\u00e4nden geht also sehr viel Potential verloren, weil in den entscheidenden Jahren die Lebensumst\u00e4nde eben nicht so sind, dass die volle Leistungsf\u00e4higkeit zum Tragen kommt. Eine Sensibilisierung daf\u00fcr k\u00f6nnte uns auch dabei helfen, in der weichen Auswahlphase aufmerksamer f\u00fcr Kleinigkeiten zu sein, und gleichzeitig transparenter bei der Frage, worauf wir eigentlich Wert legen. Momentan sehe ich da viel &#8222;mehr vom Gleichen&#8220; und ein Weitertragen von Narrativen, bei denen auch der eigene Werdegang im R\u00fcckblick glorifiziert wird. Dabei ist es zur Erg\u00e4nzung eines vorhandenen Teams oft viel sinnvoller, Menschen mit einem anderen Werdegang, einem anderen famili\u00e4ren Hintergrund oder auch einem anderen Bildungsweg auszuw\u00e4hlen, denn sonst bekommt man nur immer mehr von der gleichen Perspektive.<br>Wie lernt man denn dann Neues?<br><\/p>\n\n\n\n<p>Mir scheint es purer Zufall zu sein, ob Abweichungen von einer gewissen Norm als positiv oder negativ gewertet werden. Ein unbeholfenes Sozialverhalten hat nichts mit wissenschaftlicher Eignung zu tun, aber es reicht, wenn ein, zwei Leute in einer Auswahlkommission das unangenehm finden und Wert auf glatte Umgangsformen legen  (und es oft genug und laut genug sagen), damit die Stimmung kippt und man nicht weiter ber\u00fccksichtigt wird. Gibt es in der Forschung einen Mainstream? Wer beurteilt, ob es gut ist, dem zu folgen, oder ob man lieber etwas frischen Wind haben m\u00f6chte? Wer entscheidet, ob man ein kritischer Geist ist oder<br>eine Querulantin? Sind die innovativen Lehrmethoden ein guter neuer Impuls oder lehnen das Leute ab, weil &#8222;wir das ja hier so noch nie gemacht haben&#8220;?<\/p>\n\n\n\n<p>Der blinde Fleck greift bei der eigenen Privilegierung und bei der Beurteilung derjenigen Personen, die wir am Ende f\u00fcr am besten geeignet halten. Das Aufwachsen auf dem Land, vielleicht noch mit wenig Geld, kann schon reichen als Grund daf\u00fcr, gewisse M\u00f6glichkeiten und Angebote nicht zu haben, vielleicht gar nicht erst den Sprung auf ein Gymnasium zu schaffen. Ein starker Dialekt im Elternhaus kann dazu f\u00fchren, dass man f\u00fcr dumm gehalten oder nicht ernst genommen wird, wenn man sich m\u00fcndlich \u00e4u\u00dfert. Eine eingeschr\u00e4nkte Mobilit\u00e4t, evtl. unsichtbar oder zumindest nicht als k\u00f6rperliche Behinderung wahrnehmbar, kann schon reichen, damit alles etwas langsamer geht, man nicht so gesund und sportlich wirkt<br>wie die Konkurrenz. Ein zur\u00fcckhaltendes Wesen kann missverstanden werden, so als h\u00e4tte man nichts zu sagen, keine Ambitionen, wolle sich nicht einbringen. Ob Unordentlichkeit und Unp\u00fcnktlichkeit als Ausschlusskriterium eingesch\u00e4tzt werden oder ob es dann hei\u00dft &#8222;Ist halt ein Genie!&#8220;, ist Gl\u00fcckssache. Die Ratschl\u00e4ge, die man bekommt beim Coaching zum &#8222;Vorsingen&#8220;, sind in dieser Hinsicht oft widerspr\u00fcchlich.<br>Ist ja auch klar, denn die Erwartungen sind widerspr\u00fcchlich!<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem langen Weg hin zu einem Studienabschluss, einer Promotion, evtl. noch einer erfolgreichen PostDoc-Phase, spielt so viel mehr eine Rolle als wissenschaftliche Eignung! Klugheit, Flei\u00df, Zielstrebigkeit, Kreativit\u00e4t allein machen es nicht, es stimmt einfach nicht, dass es alle schaffen k\u00f6nnen, wenn sie nur Talent haben und sich anstrengen. Nicht mal bis in den Pool derer, aus denen dann die Besten ausgew\u00e4hlt werden, schafft man es damit.<br>Nat\u00fcrlich spielt Gl\u00fcck eine Rolle.<br>Timing.<br>Das Elternhaus.<br>Die Schule.<br>Geld.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht bleibt es einfach so, dass auf dem Weg in den Pool f\u00fcr die Bestenauslese schon ganz viel Potential verloren geht. Vielleicht haben wir nicht genug gute Ideen, um da etwas zu ver\u00e4ndern. Aber dann sollten wir wenigstens ehrlich sein und mal auf die blinden Flecken in unserem eigenen Erfolgsnarrativ schauen, und wir sollten mit mehr Sensibilit\u00e4t und Ehrlichkeit argumentieren, wenn wir im kleinen Pool der am besten geeigneten Personen angekommen sind und es wirklich nicht mehr um objektive Kriterien geht. Statt &#8222;best fit&#8220; pl\u00e4diere ich f\u00fcr Mut und &#8222;best add&#8220;.<br><a href=\"https:\/\/www.forschung-und-lehre.de\/karriere\/scheitern-als-normalfall-4187\">Und hier ist noch mehr Lesestoff dazu.<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich wollte ich diesen Beitrag mit einem Zitat aus dem Duden beginnen. Ich wollte wissen, wie da &#8222;Bestenauslese&#8220; definiert wird. Lustigerweise kennt der Duden das Wort aber nicht, sondern schl\u00e4gt mir stattdessen &#8222;Beerenauslese&#8220; vor. 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