{"id":476,"date":"2022-11-01T14:48:18","date_gmt":"2022-11-01T13:48:18","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/waldecker\/?p=476"},"modified":"2022-11-01T14:48:19","modified_gmt":"2022-11-01T13:48:19","slug":"es-gibt-kein-recht-auf-publikum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/waldecker\/2022\/11\/es-gibt-kein-recht-auf-publikum\/","title":{"rendered":"Es gibt kein Recht auf Publikum"},"content":{"rendered":"\n<p>Kommt Ihnen das bekannt vor?<br>Es f\u00e4ngt als Unterhaltung an, in der zun\u00e4chst beide reden, beide auch mal zuh\u00f6ren oder sogar nachfragen. Aber irgendwann ufert es in einen langen, oft lauten Monolog aus, bei dem eine Seite sich intensiv ausl\u00e4sst und die andere Seite weder zu Wort kommt noch wichtig zu sein scheint &#8211; man k\u00f6nnte auch mit einer Wand reden. Aber anscheinend wird ein Gesicht gebraucht, ein Gegen\u00fcber, ein Publikum.<\/p>\n\n\n\n<p>In den letzten Jahren habe ich oft geh\u00f6rt, dass man &#8222;das ja wohl noch sagen darf&#8220; und dass Meinungsfreiheit so wichtig sei und dass alle geh\u00f6rt werden m\u00fcssen. Stimmt alles.<\/p>\n\n\n\n<p>Man darf sehr viel sagen, man darf Leute beleidigen, schimpfen, sich aufregen, sogar Dinge sagen, die verfassungsfeindlich sind &#8211; man darf das. Eventuell bekommt man Widerspruch, eine Anzeige, hat unangenehme Konsequenzen. Aber man darf es, in dem Sinne, dass man nicht von der Seite des Staates aus um sein Leben f\u00fcrchten muss. Man darf laut seine Meinung sagen, widersprechen, immer wieder zum Ausdruck bringen, dass man unzufrieden ist. Das ist sehr viel Freiheit. Wenn viele Menschen laut sind und unzufrieden und irgendwie \u00e4hnlich ticken, wird daraus vielleicht eine Bewegung, der zugeh\u00f6rt wird. Dann kann man daraus etwas machen. Man sollte aber nicht damit rechnen, dass man automatisch Zustimmung bekommt oder dass das Gesagte unwidersprochen bleibt oder auch nur, dass \u00fcberhaupt jemand zuh\u00f6ren m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt kein Recht auf Publikum, und Meinungsfreiheit hei\u00dft nicht Widerspruchsfreiheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu einem Gespr\u00e4ch geh\u00f6ren zwei, mindestens. Wer keine Lust auf ein Gespr\u00e4ch hat, sollte also nicht mit &#8222;K\u00f6nnen wir uns mal unterhalten?&#8220; anfangen, um dann zu predigen. Ich habe es so satt, die Wand zu sein, gegen die gesprochen wird. Ich habe es satt, einer gesellschaftlichen Konvention zu folgen, die ich so verstehe, dass man ein Gespr\u00e4ch nicht einfach durch Weggehen beendet. Dass man den lauten Kollegen nicht einfach per Handgreiflichkeit aus dem B\u00fcro schiebt. Und wenn dieses &#8222;Predigen&#8220; in meinem B\u00fcro oder in einer entsprechend geregelten sozialen Situation passiert, kann ich nicht mal weglaufen. Dabei m\u00f6chte ich genau das machen. Ich m\u00f6chte sagen &#8222;Das Leben ist zu kurz!&#8220; und einfach weggehen. Oder &#8222;Stop!&#8220; rufen, so wie Kinder in der Kita, wenn es ihnen beim Spielen zu viel wird. Wenn es weh tut, zu laut ist, zu wild, wie auch immer unangenehm.<\/p>\n\n\n\n<p>Kennen Sie das?<br>Haben Sie Ideen, wie man da sozial akzeptabel rauskommt?<br>Ich werde damit experimentieren, wie ich solchen Situationen entkommen kann, und falls Sie das auch machen, dann bin ich gespannt auf Ihre Erfahrungen. Und falls Sie sich jetzt ertappt gef\u00fchlt haben, weil Sie manchmal predigen: gut.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kommt Ihnen das bekannt vor?Es f\u00e4ngt als Unterhaltung an, in der zun\u00e4chst beide reden, beide auch mal zuh\u00f6ren oder sogar nachfragen. 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