{"id":479,"date":"2022-11-14T09:10:27","date_gmt":"2022-11-14T08:10:27","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/waldecker\/?p=479"},"modified":"2022-11-14T09:10:50","modified_gmt":"2022-11-14T08:10:50","slug":"was-zu-beweisen-war","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/waldecker\/2022\/11\/was-zu-beweisen-war\/","title":{"rendered":"Was zu beweisen war"},"content":{"rendered":"\n<p>QED oder auch q.e.d., so enden oft Beweise in der Mathematik.<br>Dabei hat so ein Beweis mindestens zwei Funktionen, jedenfalls in meiner Wahrnehmung, denn er beantwortet u.a. die folgenden beiden Fragen:<\/p>\n\n\n\n<ol><li>Stimmt das wirklich, was wir da behaupten?<\/li><li>Warum stimmt es? Wie ist die neue Erkenntnis mit<br>unserem bereits vorhandenen Wissen verkn\u00fcpft?<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Eigentlich komme ich aber auf anderem Wege auf das Thema &#8222;beweisen&#8220;. Denn mir ist aufgefallen, dass einige Menschen, die ich sehr angenehm finde, die eine entspannte, ruhige Gelassenheit an sich haben, etwas gemeinsam haben:<br>Sie m\u00fcssen nichts mehr beweisen.<br>Oder, vielleicht wichtiger, sie haben das Gef\u00fchl, nichts (mehr?) beweisen zu m\u00fcssen. Menschen, die mich irritieren und irgendwie ratlos zur\u00fccklassen, haben oft eine Aura von Geltungsdrang, von sich-wichtig-machen, und das empfinde ich als ziemlich entgegengesetzt zu dieser L\u00e4ssigkeit des &#8222;Ich muss nichts mehr beweisen.&#8220;. Fallen Ihnen Leute aus diesen beiden Kategorien ein? F\u00fchlen Sie sich da beschrieben, auf der einen oder anderen Seite, oder erkennen Sie sich in Facetten wieder oder in gewissen Lebensphasen?<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich beneide ich Menschen, die aufwachsen mit dem Gef\u00fchl, einfach ok zu sein, liebenswert, interessant, wertvoll. Auch die haben vielleicht phasenweise das Gef\u00fchl, etwas beweisen zu m\u00fcssen, aber dann ist es eher konkret, nach dem Motto &#8222;Ich schaffe das Studium, obwohl etwas fr\u00fcher als geplant das erste Kind gekommen ist&#8220; oder &#8222;Ich beende die Schule mit einem Abschluss, obwohl meine beiden Eltern das nicht geschafft haben und beide keine Arbeit haben&#8220;. Das Gef\u00fchl, etwas beweisen zu m\u00fcssen oder zu wollen, kann eine starke Triebfeder sein und richtig viel Energie freisetzen. So, wie manche Menschen auf Niederlagen oder Widerst\u00e4nde mit Trotz reagieren und nicht mit Ausreden oder Resignation. Das gibt ihnen dann die Energie, die sie brauchen, und ich war schon mehrfach von solchen Menschen schwer beeindruckt. Wer f\u00e4llt Ihnen dazu ein? Haben Sie da Leute vor Ihrem inneren Auge? Passt etwas davon auf Sie selbst?<\/p>\n\n\n\n<p>Die grunds\u00e4tzliche &#8222;Ich muss etwas beweisen&#8220;-Ausstrahlung ist anders. Etwas ist anders an diesen Menschen, es irritiert mich und ich finde es auf Dauer auch anstrengend. Sie wirken oft nicht authentisch, um eine gewisse Fassade bem\u00fcht, scheinen ein klar umrissenes Bild von sich erzeugen zu wollen. Man merkt ihnen an, dass das m\u00fchsam ist, und ich sp\u00fcre oft die feinen Risse in der Fassade. Manche gehen souver\u00e4n damit um, sind sich dessen bewusst, dass es da eine noch zu erledigende innere Aufgabe gibt oder dass sie das Gef\u00fchl haben, etwas kompensieren zu m\u00fcssen, und dass sie sich damit auch manchmal selbst im Weg stehen. Solche Leute habe ich schon kennengelernt. Da hat sich dann oft Bewunderung f\u00fcr den gro\u00dfen Einsatz auf dem Weg zum Ziel vermischt mit etwas Bedauern dar\u00fcber, dass sie selbst (noch) nicht erkennen, wie wertvoll sie auch ohne diese konkreten Erfolge oder Besitzt\u00fcmer sind. Mit solchen Leuten komme ich besser klar als mit denen, die das selbst nicht (oder nicht bewusst, nicht offen) wahrnehmen, die aber ein gewisses Bild von sich projizieren wollen, mit \u00e4u\u00dferlichen Erfolgsattributen, und bei denen alles irgendwie &#8222;dr\u00fcber&#8220; ist. Zu viel Gerede \u00fcber die fantastischen und ach so au\u00dfergew\u00f6hnlichen Kinder, oder dar\u00fcber, wie toll man von allen bei der Arbeit gefunden wird und dass man dort jede Woche f\u00fcr die unglaublich guten selbstgebackenen Muffins gefeiert wird. Alles ist irgendwie zu viel, zu toll, es wirkt aufgesetzt oder sogar affektiert, und es kommt oft mit einer Aura von &#8222;Best\u00e4tige mir, wie toll ich bin!&#8220; daher.<br>Anstrengend.<br>(Na, wer f\u00e4llt Ihnen hier ein?)<\/p>\n\n\n\n<p>Umso krasser, wenn man bei einer Person ein solches Verhalten als Phase miterlebt (und sich denkt, dass die Person toll ist und so etwas gar nicht n\u00f6tig hat) und man dann dabei ist, wie sich etwas \u00e4ndert. Es kann pl\u00f6tzlich kommen, mit einem konkreten Anlass, oder nach und nach,  durch \u00c4lterwerden, durch Vorbilder, durch einen neuen Freundeskreis, durch mehr Reflektion \u00fcber das Bild, das man von sich selbst hat und wo man eigentlich hinm\u00f6chte. Und dann haben die Leute es irgendwann nicht mehr n\u00f6tig, so dick aufzutragen. Sie wirken gelassener. Wie angekommen. Weil sie nichts (mehr) beweisen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich m\u00f6chte Sie einladen, eine ehrliche Liste zu machen mit den Lebensbereichen, in denen Sie das Gef\u00fchl haben, noch etwas beweisen zu m\u00fcssen. Was genau ist das, und warum?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>QED oder auch q.e.d., so enden oft Beweise in der Mathematik.Dabei hat so ein Beweis mindestens zwei Funktionen, jedenfalls in meiner Wahrnehmung, denn er beantwortet u.a. die folgenden beiden Fragen: Stimmt das wirklich, was wir da behaupten? Warum stimmt es? Wie ist die neue Erkenntnis mitunserem bereits vorhandenen Wissen verkn\u00fcpft? 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