{"id":482,"date":"2022-11-22T18:23:52","date_gmt":"2022-11-22T17:23:52","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/waldecker\/?p=482"},"modified":"2022-11-22T18:23:53","modified_gmt":"2022-11-22T17:23:53","slug":"meine-phasen-der-trauer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/waldecker\/2022\/11\/meine-phasen-der-trauer\/","title":{"rendered":"Meine Phasen der Trauer"},"content":{"rendered":"\n<p>Warnhinweis: Das wird pers\u00f6nlich.<br>Wenn Sie gerade nichts \u00fcber Schicksalsschl\u00e4ge oder Trauer lesen m\u00f6chten, dann h\u00f6ren Sie hier lieber auf und lesen Sie einen meiner anderen Beitr\u00e4ge. Ich habe auch lange gez\u00f6gert, ob ich das \u00fcberhaupt hier teilen m\u00f6chte. Aber dann hatte ich heute ein langes, tiefes Gespr\u00e4ch mit einer ganz besonderen Person, und dann habe ich entschieden: Heute mache ich es.<\/p>\n\n\n\n<p>Anlass dieses Textes ist, dass mein Mann vor einem guten halben Jahr \u00fcberraschend gestorben ist. Auf so etwas kann man sich nicht vorbereiten. H\u00e4tte mich jemand vorher gefragt, was ich machen oder wie ich mich f\u00fchlen w\u00fcrde, wenn meinem Mann etwas zusto\u00dfen w\u00fcrde, dann h\u00e4tte ich gesagt, dass ich mir ein Leben ohne ihn nicht vorstellen kann. Allein schon der Gedanke daran hat mich so traurig gemacht, dass sich mein ganzer Brustkorb verkrampft hat und ich kaum noch atmen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt ist es so. Ich bin noch da. Ohne ihn.<br>Und ich schreibe jetzt etwas auf \u00fcber meine Trauer.<br>Das ist schmerzhaft, und ich mache es trotzdem.<br>Mir hat es geholfen, Beitr\u00e4ge zu lesen oder anzugucken von anderen Menschen, die recht jung jemanden verloren haben. Wenn ich also mit diesem Text dazu beitragen kann, dass irgend jemand sich getr\u00f6stet, ermutigt oder verstanden f\u00fchlt, dann ist das schon genug.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Phase 1. Schock und K\u00fcmmern.<\/strong><br>&#8222;Sie stehen offensichtlich unter Schock.&#8220;<br>Das sagte mir der zust\u00e4ndige Arzt auf der Intensivstation, mit dem ich telefoniert habe. Im Zug, auf dem Weg zu meinem Mann, auf eben dieser Intensivstation. Ja, ich war sehr ruhig, sehr gefasst, habe Fragen gestellt und genau \u00fcberlegt, was nun zu tun ist. Da war ein Schmerz, den ich nicht in Worte fassen kann, aber eben auch die Gewissheit, dass es jetzt Dinge zu regeln gibt. Die Familie informieren, Fragen kl\u00e4ren, seine W\u00fcnsche f\u00fcr sein Lebensende erf\u00fcllen. Mehrmals habe ich gedacht, dass ich gro\u00dfes Gl\u00fcck hatte, zu wissen, was er am Ende seines Lebens wollte. Zum Beispiel Organe spenden. Diese erste Phase, in der ich mich von ihm verabschiedet habe, seine letzten W\u00fcnsche erf\u00fcllt habe und gemeinsam mit meiner und seiner Familie geregelt habe, was eben zu regeln war, dauerte mehrer Wochen. Bis zur Bestattung. In der Zeit habe ich viel geweint, war aber dabei meistens sehr ruhig, sehr klar, vielleicht dauerhaft ein wenig unter Schock. Von Anfang an habe ich mich psychologisch begleiten lassen und habe alles ganz offen besprochen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Phase 2. Papierkram.<\/strong><br>Ich habe sehr viele Beileidsbekundungen bekommen &#8211; per Anruf oder SMS, per E-Mail, und auch ganz viel \u00fcber Trauerpost. Das ist sch\u00f6n, tr\u00f6stend und sehr schmerzhaft zugleich. Auf Anrufe, Mails etc. habe ich oft sofort reagiert, oder sobald ich die Kraft hatte. Bei den vielen Briefen war es anders. Da habe ich zwar alles sofort gelesen, aber es war klar, dass es Wochen dauern w\u00fcrde, das nach und nach zu beantworten. In Phase 2 habe ich viel Zeit mit Trauerpost und \u00e4hnlichen Nachrichten verbracht, und auch mit organisatorischen Aufgaben. Erbschein beantragen, Konten aufl\u00f6sen, Vertr\u00e4ge pr\u00fcfen und ggf. umschreiben. \u00dcber Wochen. Immer wieder Briefe, Telefonate, Formulare, Termine. Sehr viel davon hat mich sehr zum Weinen gebracht. Auch die ersten Familienbesuche und Dienstreisen waren schwierig, also habe ich mir mit allem viel Zeit gelassen und engen Kontakt zu lieben Menschen gehalten, mit denen ich reden konnte. Ich habe es nur selten gebraucht, aber es war gut, von einigen Leuten zu wissen, dass ich sie auch sp\u00e4t abends anrufen kann, wenn ich weinend auf meiner Yogamatte liege und einfach nur eine Person am anderen Ende der Leitung brauche, die mich tr\u00f6stet. In Phase 2 etablierten sich langsam neue Rituale in meinem Tagesablauf. Was ganz tief verankert ist, hat mich am Laufen und halbwegs stabil gehalten (Essen, Trinken, Schlafen, Yoga), aber der Rest muss sich immer noch finden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Phase 3. So f\u00fchlt sich Alleinsein an.<\/strong><br>In dieser Phase bin ich jetzt.<br>Ich habe mich an die leere Wohnung gew\u00f6hnt, so gut es geht.<br>An die Post, die ab und zu noch f\u00fcr ihn kommt.<br>Manchmal gibt es eben doch noch etwas zu regeln.<br>Je nachdem, was da so kommt, sind das auch Anl\u00e4sse, die mich immer noch zum Weinen bringen. Allein einschlafen und aufwachen. Niemand wartet zuhause auf mich. Das ist eigentlich ok, ich habe oft und lange allein gelebt, zuletzt mehr als sechs Jahre lang in unserer Fernbeziehung. Es ist ein vertrautes Programm, das da l\u00e4uft, aber mit einem kleinen St\u00f6rger\u00e4usch. Denn bei der Fernbeziehung gab es immer irgendwo am Horizont das n\u00e4chste Wiedersehen, und wir haben zwischendurch st\u00e4ndig miteinander kommuniziert. Das ist jetzt anders.<br>Es gab einen Plan, einen gemeinsamen, endlich, nach der langen Zeit der  Fernbeziehung. Und der ist jetzt nicht mehr umsetzbar. Ein Teil meiner  Trauer ist auch Trauer um diesen Plan, diese gemeinsame Zukunft, die jetzt unm\u00f6glich ist. Ich brauche einen neuen Plan, und vielleicht ist ja die aktuelle Phase die, in der so ein neuer Plan langsam wachsen kann. Oder ich lerne, dass es auch ohne Plan geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein halbes Jahr.<br>Ohne Zeitgef\u00fchl, alles f\u00fchlt sich falsch an.<br>Die wichtigste Entscheidung war wohl, gleich nach psychologischem Beistand zu fragen.<br>Ich bin sehr dankbar f\u00fcr die Unterst\u00fctzung.<br>Viele Menschen haben dazu beigetragen, dass ich dieses halbe Jahr \u00fcberstanden habe und irgendwie weitermachen kann.<br>Familie, Kolleg*innen, Studis, Freund*innen, Bekannte.<br>Danke.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warnhinweis: Das wird pers\u00f6nlich.Wenn Sie gerade nichts \u00fcber Schicksalsschl\u00e4ge oder Trauer lesen m\u00f6chten, dann h\u00f6ren Sie hier lieber auf und lesen Sie einen meiner anderen Beitr\u00e4ge. Ich habe auch lange gez\u00f6gert, ob ich das \u00fcberhaupt hier teilen m\u00f6chte. 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