{"id":575,"date":"2023-07-24T07:46:15","date_gmt":"2023-07-24T05:46:15","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/waldecker\/?p=575"},"modified":"2023-07-24T07:47:41","modified_gmt":"2023-07-24T05:47:41","slug":"ein-jahr-spaeter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/waldecker\/2023\/07\/ein-jahr-spaeter\/","title":{"rendered":"Ein Jahr sp\u00e4ter"},"content":{"rendered":"\n<p>In diesem Text geht es um Erwartungen, speziell dann, wenn wir uns vor einem Termin oder einem bestimmten Tag Sorgen machen oder sogar Angst haben. Es geht um die Bef\u00fcrchtung, schwierige Gef\u00fchle noch einmal zu erleben. Sich an Schmerz nicht nur zu erinnern, sondern ihn noch einmal intensiv zu f\u00fchlen. Im schlimmsten Fall retraumatisiert zu werden. Wenn Sie da einen wunden Punkt haben, dann ist das hier ein freundlicher Warnhinweis.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn es geht mir hier darum, vorbereitet zu sein f\u00fcr den Ernstfall, aber sich nicht schon vorher komplett verr\u00fcckt zu machen. Was ich in den letzten Monaten dar\u00fcber gelernt habe, empfinde ich als so wertvoll, dass ich es teilen m\u00f6chte. Mir wird das in Zukunft noch oft helfen, und ich werde mir M\u00fche geben, verschiedene Beispiele aufzuz\u00e4hlen, in denen ich mir vorstellen kann, dass da \u00e4hnliche Strategien wirken k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Todestag meines Mannes hat sich vor einer Weile zum ersten Mal gej\u00e4hrt. Ich hatte richtig viel Angst davor, vor den Erinnerungen. Dabei erinnere ich mich sowieso st\u00e4ndig daran. Aber meine Bef\u00fcrchtung war, dass ich ein Jahr sp\u00e4ter quasi alles noch einmal durchlebe, den ganzen Schmerz. Darauf wollte ich vorbereitet sein und habe \u00fcberlegt &#8211; mit wem kann ich sprechen? Wer hat \u00e4hnliche Erfahrungen gemacht? Dabei habe ich vernachl\u00e4ssigt, dass es das erste Mal war und ich daher \u00fcberhaupt keine Erfahrungswerte hatte. Da andere Menschen anders trauern, da wir alle individuelle Erfahrungen machen, ist gar nicht klar, dass mir weiterhilft, was anderen weitergeholfen hat. Und warum genau sollte es ausgerechnet ein Jahr sp\u00e4ter besonders schlimm sein? Rede ich mir vielleicht nur ein, dass gewisse Daten gewisse Erinnerungen automatisch ausl\u00f6sen und sie gr\u00f6\u00dfer machen, deutlicher?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe mich abgesichert. Meine Entscheidung war, allein zu sein, nicht zu verreisen oder Besuch zu bekommen. Aber ich war dankbar f\u00fcr die Menschen, die gesagt haben, dass ich sie anrufen kann. Oder dass sie sich auf den Weg zu mir machen w\u00fcrden, falls es doch noch nicht allein geht. Es gab also ein festes Sicherheitsnetz. So wie die ganze Zeit. Kurz vorher bekam ich dann noch den vielleicht wichtigsten Hinweis: Ja, es kann sein, dass es ganz schlimm wird. Vielleicht aber auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Wie geht es mir mit dem Gedanken, dass es nicht so schlimm wird wie bef\u00fcrchtet? W\u00e4re das ok? W\u00fcrde ich mich schuldig f\u00fchlen? Bin ich offen f\u00fcr die Erfahrung, f\u00fcr diesen ersten Jahrestag, unabh\u00e4ngig davon, wie schlimm es wird? M\u00f6chte ich ein Ritual etablieren? Oder lieber gerade nicht?<\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich war die Angst fast weg. Viele liebe Menschen haben an mich gedacht und haben mich kontaktiert, weil sie wussten, was kommt. Es waren noch mehr Menschen von diesem Tag betroffen, von der Trauer. Wir konnten getrennt voneinander gemeinsam mit dem Tag umgehen. Es kamen weitere Jahrestage. Die Bestattung. Sein Geburtstag. F\u00fcr alle Menschen au\u00dfer mir ist es damit geschafft, alles hat sich einmal gej\u00e4hrt, wir wissen jetzt, wie sich das anf\u00fchlt. F\u00fcr mich gibt es noch andere signifikante Tage, die ich jetzt ohne ihn verbringe. Ich werde lernen, damit umzugehen. Und ich werde nicht mehr wochenlang vorher Angst haben davor, wie es sich anf\u00fchlen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war ein sehr wertvoller Rat, sich zwar abzusichern, aber nicht zu glauben, dass man genau wisse, was da jetzt kommt. Dass es auf jeden Fall ganz schrecklich wird. Sondern offen zu sein f\u00fcr die Erfahrung. An welche Situationen denken Sie jetzt, wo das noch Anwendung finden k\u00f6nnte?<br>Machen Sie sich regelm\u00e4\u00dfig vor dem Urlaub verr\u00fcckt und denken daran, was alles auf der Fahrt schiefgehen k\u00f6nnte?<br>Versp\u00e4tete oder \u00fcberf\u00fcllte Z\u00fcge?<br>Stau?<br>Haben Sie Angst vor wichtigen Terminen und malen sich aus, was alles passieren k\u00f6nnte?<br>Bei einem Vorstellungsgespr\u00e4ch, einer Pr\u00fcfung, einer gesundheitlichen Routineuntersuchung? Einer Schwangerschaft? <\/p>\n\n\n\n<p>Falls Sie Pr\u00fcfungsangst haben und schon oft erlebt haben, wie Sie tagelang nicht esssen und schlafen k\u00f6nnen, dann kann ich gut verstehen, wenn Sie nun bef\u00fcrchten, dass es jedes Mal so sein wird. Aber in Wirklichkeit wissen Sie es nicht. Wie sieht ein gutes Sicherheitsnetz aus? Wer kann Sie im Vorfeld unterst\u00fctzen, falls die Angst wirklich wiederkommt? Wie k\u00f6nnen Sie \u00fcben, mit dem aufsteigenden Gef\u00fchl der Angst umzugehen, damit es sich nicht immer weiter verst\u00e4rkt? Was ist alles m\u00f6glich zwischen &#8222;Da kommt es wieder und ist sogar noch schlimmer als beim letzten Mal&#8220; und &#8222;Ach so, diesmal ging es ja.&#8220;? Wie s\u00e4he eine Haltung aus, bei der Sie zwar Angst bekommen und auch darunter leiden, es aber aushalten und den Weg weitergehen, weil Sie wissen, dass Sie heil auf der anderen Seite wieder rauskommen? Weil Sie bisher bei jeder Pr\u00fcfung heil wieder auf der anderen Seite wieder rausgekommen sind? Egal, ob bestanden oder durchgefallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kenne Menschen, die nach einem Autounfall jedes Mal, wenn sie an der Stelle langfahren, wo es passiert ist, Angst haben. Manche fahren dann mehrmals absichtlich da lang, ganz bewusst. Ich durfte da ein paar Mal Beifahrerin sein. Habe mir angeh\u00f6rt, wie der Unfall passiert ist. Habe mir das mulmige Gef\u00fchl beim Vorbeifahren genau beschreiben lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal f\u00fchle ich mich unwohl vor gewissen sozialen Situationen. Anstatt mir einzureden, dass ich schon genau wei\u00df, was passieren wird und wo und wie genau ich mich unwohl f\u00fchlen werde oder was mich nerven\/anstrengen wird, \u00fcbe ich jetzt, auch da offen zu sein f\u00fcr das, was passiert. Manchmal kommt es ganz anders als erwartet. Ich ver\u00e4ndere mich, andere Menschen auch, warum sollte sich alles bei jeder Begegnugn gleich anf\u00fchlen? Eigentlich gibt es keinen Grund, das anzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine gewisse neugierige Offenheit, gepaart mit moderater Vorsicht, hat mich gut durch die letzten Wochen gebracht, besser als bef\u00fcrchtet. Allein schon deshalb m\u00f6chte ich \u00fcben, diese Haltung so oft wie m\u00f6glich einzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sind dran:<br>Wo k\u00f6nnten Sie eine solche Haltung einnehmen?<br>Vor welchen Terminen haben Sie Angst oder machen sich Sorgen?<br>In welche Situationen gehen Sie routinem\u00e4\u00dfig rein mit dem Gef\u00fchl, dass sowieso klar ist, wie das laufen wird?<br>Wo k\u00f6nnte das kontraproduktiv sein?<br>Wo w\u00e4re mehr Offenheit und Neugier hilfreich?<br>Wo f\u00fchlt sich das gef\u00e4hrlich an, wo m\u00f6chten Sie sich absichern?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesem Text geht es um Erwartungen, speziell dann, wenn wir uns vor einem Termin oder einem bestimmten Tag Sorgen machen oder sogar Angst haben. 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