{"id":61,"date":"2019-11-20T15:57:00","date_gmt":"2019-11-20T14:57:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/waldecker\/?p=61"},"modified":"2019-11-20T15:57:13","modified_gmt":"2019-11-20T14:57:13","slug":"erwartungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/waldecker\/2019\/11\/erwartungen\/","title":{"rendered":"Erwartungen"},"content":{"rendered":"\n<p>Das Thema wurde f\u00fcr einen Workshop vorgeschlagen, und zus\u00e4tzlich zu einer Podcastfolge gibt es hier noch ein paar Gedanken dazu. Im Workshop haben wir \u00fcbrigens kein gutes oder schlechtes Wortspiel rund um Erwartungen ausgelassen, und auch hier kann ich es mir bestimmt nicht ganz verkneifen! Mehrmals musste ich an das Buch &#8222;Great expectations&#8220; von Charles Dickens denken. Als ich in England gelebt habe, gab es eine Phase, in der ich ganz viele Klassiker der englischsprachigen Literatur gelesen habe, und da war Dickens dabei. Das Buch &#8222;Great expectations&#8220; war eine gro\u00dfe Entt\u00e4uschung f\u00fcr mich. Ich \u00fcberlege schon l\u00e4nger, es noch einmal zu lesen und ihm eine zweite Chance zu geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ist das die Logik? Entt\u00e4uschung=unerf\u00fcllte Erwartungen? Im Workshop kam die Frage auf, was es bedeutet, keine Erwartungen zu haben. Geht das? Und woran merken wir, dass wir wirklich ohne Erwartungen, ganz ergebnisoffen unterwegs sind? Meine Theorie ist, dass wir das oft erst im Nachhinein wissen, und zwar dann, wenn es nicht gut l\u00e4uft. Nehmen wir als Beispiel die Evaluation einer Lehrveranstaltung. Wenn man da vorher sagt, dass man das ganz entspannt nimmt und keine Erwartungen hat, sich dann aber hinterher \u00fcber Kommentare \u00e4rgert, dann zeigt dieser \u00c4rger, dass man eben doch Erwartungen hatte. Oder bei einer Pr\u00fcfung: Wenn jemand durchf\u00e4llt, mich dann entspannt anl\u00e4chelt und sagt &#8222;Ich hab gar nicht gelernt, ich hatte auch gar keine Erwartungen, wollte nur mal sehen, wie das ist!&#8220;, dann denke ich mir zwar, dass wir die Zeit ach anders h\u00e4tten nutzen k\u00f6nnen, aber irgendwie imponiert mir diese entspannte Haltung auch. Kann ich beim Wiederholungstermin leider auf keinen Fall empfehlen!<\/p>\n\n\n\n<p>Im Workshop kam auch die Frage auf, ob man Erwartungen und W\u00fcnsche daran unterscheiden kann, dass man in dem einen Fall bei Nichterf\u00fcllung entt\u00e4uscht ist und in dem anderen Fall nicht. Ich bin mir nicht so sicher! Und was ist mit Hoffnung? Die kann auch entt\u00e4uscht werden! Wo ist der Unterschied zwischen &#8222;Ich erwarte, dass es klappt.&#8220;, &#8222;Ich hoffe, dass es klappt.&#8220; und &#8222;Ich w\u00fcnsche mir, dass es klappt.&#8220;?<\/p>\n\n\n\n<p>Zm Schluss m\u00f6chte ich noch ein Thema ansprechen, das mehrmals aufkam und das mich auch manchmal besch\u00e4ftigt. Todd Henry nennt das &#8222;expectation escalation&#8220;: Nach ein paar Erfolgen wird erwartet, dass es immer nur noch super l\u00e4uft, der Einfluss von Gl\u00fcck oder Pech wird verdr\u00e4ngt und es werden weder Sorgen oder \u00c4ngste ernstgenommen. Das erzeugt gro\u00dfen Druck und das Gef\u00fchl, dass nichts jemals gut genug ist. Jedes Mal m\u00fcssen noch mal 10% mehr als beim letzten Mal abgeliefert werden. Ein kleiner Trost ist, dass dieses Gef\u00fchl manchmal hausgemacht ist, dass es diese Erwartungshaltung also von au\u00dfen gar nicht wirklich gibt, sondern wir das nur denken! Die Schwierigkeit, zwischen den eigenen Erwartungen und denen von anderen zu unterscheiden, war einer der Hauptbeweggr\u00fcnde, dieses Workshopthema zu bearbeiten. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht ist das auch eine gute Gelegenheit, \u00fcber meine Erwartungen zu sprechen. Manchmal denken Studis n\u00e4mlich, dass meine Erwartungen nach ein, zwei guten Noten durch die Decke gehen und dass sie dann jedes Mal wieder Spitzenleistungen abliefern m\u00fcssen. Das ist aber gar nicht so! Ich freue mich \u00fcber jede gute Klausur, jede gute m\u00fcndliche Pr\u00fcfung, jeden guten Seminarvortrag. Jeder Erfolg von Studis macht mich froh, ganz ehrlich. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass auch Gl\u00fcck und eine gute Tagesform eine Rolle spielen. Manch eine gute Note ist ein Gl\u00fcckstreffer und spiegelt gar nicht realistisch wider, was die Person gelernt und verstanden hat. Umgekehrt kann man manchmal wegen schlechter Tagesform nicht alles zeigen, was man eigentlich drauf hat. Und wenn eine Person, die mich schon ein paar mal in Pr\u00fcfungen beeindruckt hat, dann auf einmal nur gut oder mittelm\u00e4\u00dfig abschneidet, dann ist das f\u00fcr mich kein Grund, von meinem sehr positiven Eindruck abzur\u00fccken. Wenn jemand sehr oft sehr hilfsbereit ist und mir dadurch positiv auff\u00e4llt, dann aber mal keine Zeit oder Lust zum Mithelfen hat, dann \u00e4ndert das nichts daran, dass ich die Person als grunds\u00e4tzlich sehr hilfsbereit wahrnehme. Ich habe ganz viele solche Beispiele und stelle oft fest, dass Studis sich so viele Gedanken machen, ob sie meine Erwartungen erf\u00fcllen oder nicht, und meistens machen sie sich zu viele Sorgen! So komme ich zu meinen Fragen zum Nachdenken:<\/p>\n\n\n\n<p>Wie unterscheiden wir unsere eigenen Erwartungen von denen anderer? Bei welchen Menschen nehmen wir die Erwartungen an uns besonders ernst und wollen sie nicht entt\u00e4uschen, und warum? Und umgekehrt: An welche Menschen stellen wir hohe Erwartungen und warum? Wie gehen wir mit unerf\u00fcllten Erwartungen um, mit unrealistischen oder auch widerspr\u00fcchlichen Erwartungen? Was erwarten wir von uns selbst, von Beziehungen, von der Arbeit?<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Thema wurde f\u00fcr einen Workshop vorgeschlagen, und zus\u00e4tzlich zu einer Podcastfolge gibt es hier noch ein paar Gedanken dazu. Im Workshop haben wir \u00fcbrigens kein gutes oder schlechtes Wortspiel rund um Erwartungen ausgelassen, und auch hier kann ich es mir bestimmt nicht ganz verkneifen! 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