{"id":661,"date":"2025-03-10T11:13:51","date_gmt":"2025-03-10T10:13:51","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/waldecker\/?p=661"},"modified":"2025-03-10T11:15:45","modified_gmt":"2025-03-10T10:15:45","slug":"aus-halten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/waldecker\/2025\/03\/aus-halten\/","title":{"rendered":"(Aus-)Halten"},"content":{"rendered":"\n<p>Bevor es losgeht:<br>Was f\u00fcr Assoziationen haben Sie jeweils zu den W\u00f6rtern &#8222;Halten&#8220; und &#8222;Aushalten&#8220;?<br>Und sind die dann jeweils positiv konnotiert, negativ, neutral?<\/p>\n\n\n\n<p>Bei mir bewirkt &#8222;Aushalten&#8220; sofort eine Aktivierung. Aushalten, ertragen, sich hilflos f\u00fchlen. Unz\u00e4hlige Erinnerungen an unangenehme soziale Situationen, unfreundliches oder manipulatives Verhalten, endloser Smalltalk, aber auch Beleidigungen und Aggression.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Halten&#8220; hat ganz viele verschiedene Bedeutungen, ich assoziiere das zum Beispiel mit Tanz, wo eine Pose gehalten wird. Ich halte Spannung im K\u00f6rper, wenn ich singe oder spreche. Ich halte Aufmerksamkeit und Fokus, wenn ich jemandem zuh\u00f6re. Halten im Sinne von &#8222;Anhalten&#8220; f\u00e4llt mir auch ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt geht es mir um den Unterschied zwischen &#8222;Aushalten&#8220; und &#8222;Halten&#8220; und die Frage, wie der Weg von &#8222;Ich kann das nicht (oder kaum) aushalten!&#8220; hin zu &#8222;Ich kann das halten.&#8220; aussehen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht geht es nur um ein unangenehmes K\u00f6rpergef\u00fchl wie M\u00fcdigkeit oder eine leichte Verspannung. Vielleicht geht es um eine unangenehme soziale Situation. Vielleicht geht es um Gef\u00fchle, die kaum auszuhalten sind, wie etwa Liebeskummer, Wut oder Trauer.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich besteht dann der erste Schritt weg vom reinen Aushalten darin, mich zu fragen, ob ich gerade etwas an der Situation \u00e4ndern kann. Kann ich sofort etwas tun, so dass da gar nichts mehr zum Aushalten ist? Oder weniger? Falls ja, m\u00f6chte ich das? Gibt es Nachteile dadurch, zum Beispiel soziale Kosten? Falls ich nichts \u00e4ndern kann oder m\u00f6chte, dann hei\u00dft das, dass ich die Situation erst mal so akzeptiere, wie sie ist. Dann geht es weiter: Was w\u00e4re, wenn ich gar nichts weiter tun muss und es v\u00f6llig in Ordnung ist, das f\u00fcr eine Weile auszuhalten? Wenn ich zum Beispiel auf einer Konferenz bei einer Wine Reception so rumstehe, den Smalltalk langweilig finde und (noch) keine Person f\u00fcr ein interessantes Gespr\u00e4ch gefunden habe, dann wird das schnell unangenehm. K\u00f6rperlich unangenehm, ich m\u00f6chte dann einfach nur weggehen. Viele Jahre lang habe ich dann gel\u00e4chelt, mich h\u00f6flich am Gespr\u00e4ch beteiligt und ausgehalten, dass das eigentlich schrecklich ist. Aber nun probiere ich aus, das zu halten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn es ganz schlimm ist, kann ich weggehen, aber ich kann auch eine Weile da stehen, mein Unwohlsein wahrnehmen, nichts sagen und denken &#8222;Ich f\u00fchle mich unwohl, ich w\u00e4re gern woanders, aber f\u00fcr den Moment ist das ok.&#8220; Vielleicht ergibt sich die Gelegenheit f\u00fcr eine Frage, mit der das Gespr\u00e4ch interessanter wird. Vielleicht nicht. Aber es f\u00fchlt sich dann nicht mehr wie &#8222;Aushalten&#8220; an, sondern wie &#8222;Halten&#8220;. Ich halte die Spannung, das Unwohlsein, das Gef\u00fchl, nicht so leicht ein authentisches und sozialvertr\u00e4gliches Verhalten finden zu k\u00f6nnen, und es ist in Ordnung. In Wirklichkeit passiert ja nichts Schlimmes, und zwischendurch h\u00e4nge ich vielleicht meinen eigenen Gedanken nach.<\/p>\n\n\n\n<p>K\u00fcrzlich hatte ich einen ganzen sehr langen Abend mit genau diesem Wechselspiel aus Unwohlsein, Halten und ab und zu der Frage, ob ich in eine angenehmere Situation kommen kann. So hatte ich mehrmals tiefere, interessante Gespr\u00e4che mit jeweils einer oder zwei Personen, und den Rest der Zeit sa\u00df oder stand ich etwas ungl\u00fccklich herum und habe das gehalten. Es w\u00e4re extrem unh\u00f6flich gewesen, immer wegzugehen, wenn ich mich l\u00e4nger unwohl gef\u00fchlt habe, und ich hatte oft keinen Einfluss darauf, wer die anderen Leute sind und wie genau sich die soziale Situation gestaltet. (Lesezeichen: Vor- und Nachteile von Tischordnungen.)<\/p>\n\n\n\n<p>Und hier ist die Pointe: Indem ich selbst \u00fcbe, solche Situationen zu halten, werde ich auch besser darin, das f\u00fcr andere Menschen zu tun. Im normalen sozialen Kontext, aber zum Beispiel auch im H\u00f6rsaal oder Seminarraum. Wenn da schwierige Gef\u00fchle aufkommen, jemand unsicher ist oder sich im Ton vergreift, dann kann ich die Spannung, die da entsteht (bei mir und bei den anderen), besser halten und kann hoffentlich ruhig reagieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Halten unangenehmer Gef\u00fchle bei anderen Menschen ist eine Kategorie f\u00fcr sich &#8211; zu gro\u00df ist die Versuchung, das gleich heilen oder das Problem l\u00f6sen zu wollen. Manchmal ist das gar nicht hilfreich. <\/p>\n\n\n\n<p>Was denken Sie? Wo halten Sie aus, wo halten Sie? <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bevor es losgeht:Was f\u00fcr Assoziationen haben Sie jeweils zu den W\u00f6rtern &#8222;Halten&#8220; und &#8222;Aushalten&#8220;?Und sind die dann jeweils positiv konnotiert, negativ, neutral? Bei mir bewirkt &#8222;Aushalten&#8220; sofort eine Aktivierung. Aushalten, ertragen, sich hilflos f\u00fchlen. 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