{"id":76,"date":"2019-11-28T09:07:18","date_gmt":"2019-11-28T08:07:18","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/waldecker\/?p=76"},"modified":"2019-11-28T09:08:10","modified_gmt":"2019-11-28T08:08:10","slug":"wahrnehmung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/waldecker\/2019\/11\/wahrnehmung\/","title":{"rendered":"Wahrnehmung"},"content":{"rendered":"\n<p>Das waren zwei spannende Tage. Eine fach\u00fcbergreifende Konferenz, ausgerichtet von einer Stiftung, und die Idee war, dass alle Projekte aus einem bestimmten Format und einer bestimmten F\u00f6rderrunde dort mit ihren Ergebnissen vorgestellt werden. Ich war mit einem Kollegen dabei, mit dem einzigen mathematischen Projekt. Die meisten anderen Themen waren biologisch oder medizinisch orientiert, teilweise mit Chemie- oder Technikbezug, jedenfalls klar aus einer anderen Fachkultur. Faszinierende Vortr\u00e4ge, mit vielen Bildern, Grafiken und Videos (oft mit Tierversuchen), die Projekte waren h\u00e4ufig aus verschiedenen Quellen finanziert und aufw\u00e4ndig in riesigen Teams bearbeitet worden. Es gab viele Fragen und Diskussionen, jedenfalls meistens, und die Qualit\u00e4t der Vortr\u00e4ge war auch insgesamt recht hoch. Die meisten haben sich bem\u00fcht, ihr Thema gut zu erkl\u00e4ren und zug\u00e4nglich zu machen, deshalb habe ich viel gelernt und fand es hochgradig interessant.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie meistens bei Konferenzen gibt es Hochs und Tiefs. Zu gewissen Zeiten am Nachmittag oder Abend wird es ruhiger, die Leute fragen weniger. Unser Vortrag lag in einer dieser Zeiten, fast am Ende der Konferenz, und au\u00dferdem waren wir auf ein eher unmathematisches Publikum eingestellt. Dementsprechend viel M\u00fche haben wir uns gemacht, alles gut zu motivieren, viele Beispiele zu bringen und auch durch eine ungew\u00f6hnliche Vortragsart die Leute aufmerksam und interessiert zu halten. Die Leute wirkten freundlich, guckten etwas m\u00fcde, aber interessiert, lachten manchmal, es schien ganz gut anzukommen. Nach dem Schlussapplaus gab es aber nur eine Frage und nicht, wie sonst oft, gleich mehrere. Beim Vortrag danach, dem letzten der Konferenz, war es genau so. Seltsam, was war da los? <\/p>\n\n\n\n<p>Was dann in meinem Inneren ablief, ist typisch. (Nicht nur f\u00fcr mich.) Es beginnt ein innerer Film nach dem Motto: Oh, die fanden es langweilig, oder sie haben nichts verstanden, oder das Thema war f\u00fcr sie zu weit weg, oder wir haben es nicht gut erkl\u00e4rt, oder ihnen war die Fragestellung nicht klar, wir h\u00e4tten mehr bunte Bildchen zeigen sollen, oder komplizierte Formeln, oder &#8230; Moooooment. Welche Infos haben wir? Es gab Applaus, eine Frage, noch mehr Applaus, freundliche Gesichter. Keine Buhrufe, niemand sa\u00df schnarchend auf dem Stuhl oder ist weggelaufen. Alles andere ist Interpretation. Kopfkino.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4re es so geblieben, w\u00e4ren wir wohl mit sehr gemischten Gef\u00fchlen nach Hause gefahren. Insgesamt zu dritt, konnten wir das immerhin diskutieren, vielleicht war ja bei dem Vortrag wirklich noch Luft nach oben? Klar, wir h\u00e4tten es bestimmt noch etwas besser machen k\u00f6nnen. Aber der Eindruck inkusive Kopfkino ver\u00e4nderte sich lustigerweise sofort, als die Konferenz zuende war. Gleich mehrere Leute kamen auf uns zu und stellten Fragen oder machten Kommentare. Wir fanden unerwartete Ankn\u00fcpfungspunkte an Forschungsthemen anderer Teilnehmer*innen. Gleich mehrmals wurde ich angesprochen, wie originell unser Vortragskonzept war, dass die Leute richtig viel von den Ideen verstanden haben, aber &#8222;die Energie reichte gerade nicht, um gleich Fragen dazu zu stellen&#8220;. Ach so! Nach etwas Nachdenken und ausf\u00fchrlicher Besprechung auf der Zugfahrt zur\u00fcck nach Halle nehme ich drei Beobachtungen mit:<\/p>\n\n\n\n<ol><li>Wir haben st\u00e4ndig Kopfkino, oft auf der Grundlage nur weniger Infos, und da kann viel schiefgehen. Unsere Wahrnehmung ist meistens verzerrt. Je nach Veranlagung malen wir uns die schlechteste M\u00f6glichkeit aus und beziehen alles auf uns selbst, evtl. \u00fcberkritisch, oder wir malen uns das denkbar beste Bild aus, weil unser Ego dann keinen Schaden nimmt.<\/li><li>Direkte R\u00fcckmeldungen k\u00f6nnen das Kopfkino relativieren. Wenn die nicht von allein kommen, muss man evtl. mal nachfragen.<\/li><li>Selbst R\u00fcckmeldungen zu geben, kann das Kopfkino anderer Leute relativieren! Wenn sich jemand st\u00e4ndig selbst feiert und nicht mitbekommt, dass mal etwas nicht gut gelaufen ist und dass es da noch Luft nach oben gibt, dann kann man (je nach Beziehung) mit vorsichtiger, konstruktiver Kritik etwas zurechtr\u00fccken und der Person damit helfen. Viel wichtiger finde ich aber, zu sagen, wenn man etwas gut fand. Es stimmt eben nicht, dass Leute grunds\u00e4tzlich selbst merken, wenn etwas gut l\u00e4uft, denn vielleicht haben die gerade Selbstzweifel-Kopfkino! Also: \u00d6fter mal den Mund aufmachen und einfach sagen &#8222;Toller Vortrag!&#8220; oder &#8222;Danke f\u00fcr die gute Erkl\u00e4rung, die hat mir geholfen!&#8220; oder so. <\/li><\/ol>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das waren zwei spannende Tage. 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