{"id":1013,"date":"2022-08-02T18:41:47","date_gmt":"2022-08-02T16:41:47","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/weimarerpublizistik\/?p=1013"},"modified":"2022-08-10T10:39:16","modified_gmt":"2022-08-10T08:39:16","slug":"18-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/weimarerpublizistik\/18-2","title":{"rendered":"Die Bilanz des M\u00e4dchenhandels"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-columns\">\n<div class=\"wp-block-column\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/weimarerpublizistik\/files\/2022\/08\/MH.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1015\" width=\"228\" height=\"367\" srcset=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/weimarerpublizistik\/files\/2022\/08\/MH.png 505w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/weimarerpublizistik\/files\/2022\/08\/MH-186x300.png 186w\" sizes=\"(max-width: 228px) 100vw, 228px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Die Bilanz des M\u00e4dchenhandels von Balder Olden<\/p>\n\n\n\n<p>Seit ich lesen kann, betreibt der \u201eVerein zur Verhinderung des M\u00e4dchenhandels\u201c eine mit f\u00fcrstlichem Pomp und allem Komfort der Neuzeit ausgestattete Propaganda. Zu den Aufkl\u00e4rungsschriften und Aufkl\u00e4rungsromanen&nbsp; ist neuerdings der Film gekommen, und wer nicht Augen und Ohren direkt verschlossen hat, kann dank dieser Enth\u00fcllungst\u00e4tigkeit von heut auf morgen M\u00e4dchenh\u00e4ndler werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gesch\u00e4ft ist einfach: man baut eine schlo\u00dfartige Villa in einem tiefen Park irgendwo an der Peripherie jeder beliebigen Gro\u00dfstadt. Dort l\u00e4\u00dft man sich unter der schlichten Firma eines Gro\u00dfindustriellen nieder, was niemals auffallen wird, denn wer fragt schon den Schlo\u00dfbesitzer, wo seine Gro\u00dfindustrie liegt und worin sie besteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Man inseriert um eine Gesellschafterin oder ein Tippm\u00e4dchen \u2013 wer je ein solches Inserat aufgegeben hat, wei\u00df, da\u00df am n\u00e4chsten Tage Hunderte ber\u00fcckender und grazi\u00f6ser, unschuldig-dummer M\u00e4dchen sich vor der T\u00fcr dr\u00e4ngen. Die H\u00fcbscheste sucht man aus, macht sie durch ein paar Wochen \u00fcppigsten Wohllebens zutraulich und er\u00f6ffnet ihr eines Tages, man habe eine Auslandsreise zu machen, an der sie teilnehmen mu\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>In Biarritz oder Nizza treffen zwei Dutzend solcher Transporte zusammen, zwei Dutzend blonder oder brauner Gesellschafterinnen, Privatsekret\u00e4rinnen; man sortiert sie, macht Faktura und telegraphiert an seinen Agenten in Buenos Aires \u201ezw\u00f6lf S\u00e4cke Kaffee, zw\u00f6lf S\u00e4cke Weizen unterwegs\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Da keine Beh\u00f6rde in der Regel nach P\u00e4ssen und dergleichen Dingen fragt, wird das M\u00e4dchen am praktischsten als Ehegattin des betreffenden Agenten ausgegeben. F\u00e4llt das einer von ihnen auf, durchschaut sie gar das Spiel und setzt sich zur Wehr \u2013 nun, es gibt ja in jedem besseren Hotel und auf den gr\u00f6\u00dferen Ueberseedampfern stets ein paar wattierte Folterkammern, in denen der Kaffee- oder Weizensack gef\u00fcgiger gemacht wird. Auf dem Schiff findet ein so h\u00fcbsches und elegantes M\u00e4dchen nat\u00fcrlich keine Gelegenheit, sich irgendeinem Menschen anzuvertrauen, die Einwanderungsbeh\u00f6rde von Brasilien oder Argentinien kennen keinen Verdacht, und eines Tages findet der Transport sich in den H\u00f6hlen des Lasters. In der Regel mu\u00df noch ein bi\u00dfchen gefoltert werden, aber dann wird die Ware \u00fcbernommen, und Preise rollen \u00fcber den Tisch, neben denen die Spesen des Gesch\u00e4fts zur Bagatelle werden. Man wei\u00df ja, welche Unsummen auch eine widerwillige und hysterische Prostituierte da dr\u00fcben &nbsp;verdient. Diese Einnahmen flie\u00dfen jetzt dem Gro\u00dfh\u00e4ndler zu, soda\u00df f\u00fcr ihn auch der sensationelle Kaufpreis keine Rolle spielt.<\/p>\n\n\n\n<p>In sein Schlo\u00df&nbsp; im Park kann der Agent jetzt nicht zur\u00fcckkehren, denn vielleicht w\u00fcrde man ihn fragen, wo die h\u00fcbsche Privatsekret\u00e4rin geblieben ist. Das Schl\u00f6\u00dfchen l\u00e4\u00dft man also verfallen und baut sich an der Peripherie einer anderen Gro\u00dfstadt ein anderes Schlo\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit ich lesen kann, kenne ich diesen Betrieb, als wenn ich selbst M\u00e4dchenhandel gelernt h\u00e4tte. Aber merkw\u00fcrdig, da\u00df dieser \u00fcppige Kommerz nicht einmal zur Entdeckung gef\u00fchrt wird! Einen Proze\u00df gegen M\u00e4dchenh\u00e4ndler habe ich in drei\u00dfig Jahren unabl\u00e4ssiger Zeitungslekt\u00fcre nie gefunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis heute! Der erste beglaubigte Fall ist vor ein paar Wochen in Buenos Aires zur Kenntnis der Beh\u00f6rde gekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich hat die vierundzwanzigj\u00e4hrige Polin Maria Zimmermann ein achtzehnj\u00e4hriges polnisches M\u00e4dchen aus ihrer Heimat nach Buenos Aires verschleppt, in ein \u00f6ffentliches Haus, zu dessen Bemannung sie selbst geh\u00f6rte, eingef\u00fchrt, und dort wurde das arme Kind mit Drohungen zur Prostitution gezwungen. Da es nur Polnisch sprach, vergingen fast drei Wochen voll Jammer, bis sie das Herz eines polnisch sprechenden Klienten bewegen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Am anderen Tag freilich sa\u00df die gesamte Bewohnerschaft jener Lasterh\u00f6hle, Monsieur, Madame und Marie Zimmermann, auf dem Kommissariat und wird unter f\u00fcnfzehn Jahre Zuchthaus pro Kopf kaum davonkommen. Man kann dem emsigen Verein gegen M\u00e4dchenhandel, den Buch- und Filmfabriken, die unsere Phantasie so lebhaft und gewinnbringend durch ihre Propaganda kitzeln, zu diesem Fall gratulieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber ihrem gutgl\u00e4ubigen Publikum, soweit es von den Millionen, die der M\u00e4dchenhandel abwirft, geblendet ist, und die mit der Absicht umgehen, dieser Industrie n\u00e4herzutreten, m\u00fc\u00dfte der Seifensieder aufgeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Gesch\u00e4ftsreise von Buenos Aires nach Warschau und zur\u00fcck f\u00fcr Fr\u00e4ulein Zimmermann, die Kosten der Reise f\u00fcr ihr Opfer, f\u00fcnfzehn Jahre Zuchthaus f\u00fcr die ganze Firma \u2013 das sind Spesen, die durch drei Wochen lange Prostituierung eines kleinen Durchschnittsm\u00e4dchens doch kaum gedeckt werden. Zumal die Preise auf dem Gebiet im teueren S\u00fcdamerika unglaublich niedrig sind. Denn der gro\u00dfen Nachfrage steht ein ungeheures Angebot freiwilliger Liebesproduzenten gegen\u00fcber, die sich f\u00fcrs Brot au\u00dferordentlich viel mehr M\u00fche geben, als man von einem verschleppten und gefolterten M\u00e4dchen erwarten darf.<\/p>\n\n\n\n<p>So schlecht kalkulieren kann man gar nicht ohne suggestive Beihilfe. Wenn ich mir alles n\u00fcchtern und zahlenm\u00e4\u00dfig \u00fcberlege, komme ich von dem Gedanken nicht los: Maria Zimmermann und ihre Auftraggeber sind ein Opfer der Propaganda des \u201eVereins zur Verhinderung des M\u00e4dchenhandels\u201c geworden.<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<p class=\"has-background\" style=\"background-color:#1e92bc\"><span class=\"has-inline-color has-white-color\">Das Tage-Buch, Heft 16, S. 630-632, 17.04.1926.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-background\" style=\"background-color:#dce1e3\"><strong>Kommentar:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-background\" style=\"background-color:#dce1e3\">Die Angst vor dem internationalen M\u00e4dchenhandel, auch \u201ewhite slavery\u201c genannt, war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein gro\u00dfes soziales Problem. Es wurden weltweit Gremien zur Bek\u00e4mpfung gegr\u00fcndet, so auch in Deutschland das \u201cDeutsche Nationalkomitee zur Bek\u00e4mpfung des internationalen M\u00e4dchenhandels\u201d in 1899. Die Verschleppung von wei\u00dfen jungen M\u00e4dchen nach vor allem Buenos Aires war in allen Medien gro\u00dfes Thema. Doch die heutige Forschung ist sich einig, dass es die \u201ewhite slavery\u201c nicht gab und es sich um reine soziale Hysterie handelte. Gr\u00fcnde daf\u00fcr gab es viele. Zum einen wird die steigende Globalisierung als Ausl\u00f6ser der Angst vor dem Fremden gesehen. Zum anderen wird als Grund ein grundlegender Sexismus genannt, welcher auch die Ablehnung der Sexarbeit als Profession beinhaltet. Besonders auff\u00e4llig wird dieser Anti-Feminismus in der Literatur, die sich mit dem internationalen M\u00e4dchenhandel besch\u00e4ftigt. So werden immer wieder junge Frauen beschrieben, die sich gegen klassische Rollengef\u00fcge entschieden haben und statt Hausfrau zu werden ihren Traumberuf erreichen wollten.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons aligncenter\">\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link has-text-color has-background\" href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/weimarerpublizistik\/17\" style=\"border-radius:50px;background-color:#1e92bc;color:#fffffa\">&lt;<\/a><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link has-text-color has-background\" href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/weimarerpublizistik\/das-tage-buch\" style=\"border-radius:50px;background-color:#1e92bc;color:#fffffa\">Artikel in dieser Zeitschrift<\/a><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link has-text-color has-background\" href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/weimarerpublizistik\/19\" style=\"border-radius:50px;background-color:#1e92bc;color:#fffffa\">&gt;<\/a><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons aligncenter\">\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link has-text-color has-background\" href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/weimarerpublizistik\/14\" style=\"border-radius:50px;background-color:#1e92bc;color:#fffffa\">&lt;<\/a><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link has-text-color has-background\" href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/weimarerpublizistik\/sexualitaet\" style=\"border-radius:50px;background-color:#1e92bc;color:#fffffa\">Artikel im gleichen Thema<\/a><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link has-text-color has-background\" href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/weimarerpublizistik\/29\" style=\"border-radius:50px;background-color:#1e92bc;color:#fffffa\">&gt;<\/a><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bilanz des M\u00e4dchenhandels von Balder Olden Seit ich lesen kann, betreibt der \u201eVerein zur Verhinderung des M\u00e4dchenhandels\u201c eine mit f\u00fcrstlichem Pomp und allem Komfort der Neuzeit ausgestattete Propaganda. 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