{"id":1018,"date":"2022-08-02T18:51:47","date_gmt":"2022-08-02T16:51:47","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/weimarerpublizistik\/?p=1018"},"modified":"2022-08-10T10:37:14","modified_gmt":"2022-08-10T08:37:14","slug":"26-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/weimarerpublizistik\/26-2","title":{"rendered":"Kehren wir zu den Kriminalromanen zur\u00fcck!"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-columns\">\n<div class=\"wp-block-column\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/weimarerpublizistik\/files\/2022\/08\/KR-785x693.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1020\" width=\"245\" height=\"215\" srcset=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/weimarerpublizistik\/files\/2022\/08\/KR-785x693.png 785w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/weimarerpublizistik\/files\/2022\/08\/KR-300x265.png 300w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/weimarerpublizistik\/files\/2022\/08\/KR-768x678.png 768w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/weimarerpublizistik\/files\/2022\/08\/KR.png 879w\" sizes=\"(max-width: 245px) 100vw, 245px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Kehren wir zu den Kriminalromanen zur\u00fcck! von Bert Brecht<\/p>\n\n\n\n<p>Zweierlei Dramen.<\/p>\n\n\n\n<p>In meinen Augen ist es ein Vorteil der nordischen Literatur, da\u00df man einfach schon durch Lekt\u00fcre herausbringen kann, ob ein Buch von einem Mann oder einer Frau geschrieben ist. Ist es nicht angenehm, da\u00df man, wenn man nach der Lekt\u00fcre von \u201eJerusalem\u201c und \u201eBuddenbrooks\u201c feststellt, diese B\u00fccher seien von Frauen geschrieben, bei \u201eJerusalem\u201c recht beh\u00e4lt und bei den \u201eBuddenbrooks\u201c nicht? Selbst dort, wo man bei deutschen B\u00fcchern der letzten Jahrzehnte auf m\u00e4nnliche Erz\u00e4hler schlie\u00dft, passiert es einem, da\u00df man dann auch absolut \u00e4hnlich geschriebene B\u00fccher f\u00fcr von M\u00e4nnern geschrieben h\u00e4lt, nehmen wir an den \u201eKopf\u201c und \u201edie Kegelschnitte Gottes\u201c. Die Geschlechtsbestimmung des Verfassers ist in Deutschland nur durch Beilegen einer Photographie m\u00f6glich. Wenden wir uns den Kriminalromanen zu.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcbelwollender Vorschlag.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich f\u00fcrchte, es ist eine unfreundliche Regung von mir, den Lesern zu empfehlen, die Haltung zu studieren, in der einer ein Buch schreibt. Nehmen wir ein Beispiel, das die Tragweite dieses Gedankens durchaus nicht erkennen l\u00e4\u00dft: mit keinem Detail und mit keinem sonstigen Dreh wird mir Thomas Mann vort\u00e4uschen k\u00f6nnen, da\u00df er z.B. in seinem \u201eZauberberg\u201c (als Stoff betrachtet) zu Hause ist. Darum ist mir diese billige Ironie so verd\u00e4chtigt. Da erfindet einer im Schwei\u00dfe unseres Angesichts lauter Dinge, \u00fcber die er ironisch l\u00e4cheln kann. Vor irgend etwas anderes auf dem Papier steht, ist dieser Herr schon f\u00fcr alle F\u00e4lle einmal ironisch. Ich habe einen Sinn f\u00fcr Methoden. Ich w\u00fcrde mit Vergn\u00fcgen betrachten, wie einer von unsern Leuten, um z.B. eine Sterbeszene herzustellen, um ein Sterbebett einige klein Apparate aufstellte, einen phonetischen, eine optischen usw. und dann seine Aufnahmen ironisch zusammenstellt, aber ich sehe es mit aufsteigendem Unwillen, wenn einer f\u00fcr seine Apparate etwas Ironisches braucht und dann glaubt, seine K\u00fchnheit, daf\u00fcr eine Sterbeszene zu benutzen, verschaffe ihm allein schon einen Platz in der Literaturgeschichte (wo seine Apparate \u00fcbrigens unbedingt hingeh\u00f6ren). Kehren wir ruhig zu den Kriminalromanen zur\u00fcck!<\/p>\n\n\n\n<p>Ovation f\u00fcr alle \u00fcbrigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Fast immer, wenn einige M\u00e4nner beisammensitzen, entsteht, durch Alkohol und Tabak \u00fcbrigens sehr beg\u00fcnstigt, Literatur. So auch, wenn z.B. Elvestad und Heller zusammensitzen. Ich denke mir da \u00fcbrigens nichts Schlimmes dabei. Vor allem deswegen, weil sehr gute Literatur dabei herauskommt. Es ist Literatur f\u00fcr Erwachsene. Als Autor habe ich ersch\u00fcttert die au\u00dferordentlichen Ehrungen und die noch au\u00dferordentlicheren Vorsichtsma\u00dfregeln beobachtet, die die Hauptstadt eines 60-Millionen-Volkes f\u00fcr gegeben erachtete, als sie einen sehr alten Mann f\u00fcr die h\u00f6chste W\u00fcrde des Reiches heranholte, dessen Behauptung, er habe seit seiner Schulzeit kein Buch mehr gelesen, jedermann glauben durfte. Ich schlie\u00dfe mich der Ehrung dieses Greises durchaus an: es d\u00fcrfte weniger B\u00fccher bei uns geben, die man nicht bis zum Ende seiner Schulzeit lesen k\u00f6nnte. Vom zwanzigsten bis zum achtzigsten Lebensjahr ist ein Mann in unseren Breitegraden auf jene Literatur angewiesen, die, wenn zwei M\u00e4nner zusammensitzen, durch Alkohol und Tabak \u00fcbrigens sehr beg\u00fcnstigt, entsteht. Wenden wir uns also endlich den Kriminalromanen zu!<\/p>\n\n\n\n<p>Was ist ein Schriftsteller?<\/p>\n\n\n\n<p>Ist es pervers, wenn man bei B\u00fcchern den Geruch von Leim und Druckerschw\u00e4rze liebt? Wer diesen Geruch herstellen kann, der ist ein Schriftsteller. Und was die Haltung beim Schrieben betrifft: ist es nicht bewunderungsw\u00fcrdig, wenn ein Mann soviel Alkohol vertragen kann, da\u00df &nbsp;so N\u00fcchternes und Nachpr\u00fcfbares aus ihm herauskommt, wenn er betrunken ist? Kehren wir ganz einfach zu den Kriminalromanen zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Man mu\u00df Gl\u00fcck haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur in einem anderen Sinne kann einer eben nur machen, wenn er Gl\u00fcck hat. Stendhal zum Beispiel. Er fand ein Sprachschema vor, das haltbarer war als mach anderes. Es war die Sprache Napoleons. Es dauerte nur zehn Jahre. Die Steine, mit der er seine Stra\u00dfe pflasterte, und die unzerst\u00f6rbar sind, waren nur zehn Jahre lang&nbsp; zu haben. Die gro\u00dfen Zeiten, in der Literaten herrschten (und vom Schlage Napoleons!) sind ziemlich selten. Kehren wir zu den Kriminalromanen zur\u00fcck!<\/p>\n\n\n\n<p>Gyn\u00e4kologie.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein Beweis von schlechtem sprachlichem Material, wenn ein Bau, je mehr Schliff er hat, desto schlechter wird. Es ist ein Beweis von gutem Material, wenn ein Bau desto lebendiger wird, he mehr Schliff er hat. Jeder Gedanke, den man in dieser durch hundert Jahre Charakterschw\u00e4che und Lakaientum verpfuschten deutschen Sprache niederschreibt. Es ist im Sprachlichen bei uns so wie in der Gyn\u00e4kologie (Landpraxis). Wenn man mit der Zange das Kind nicht gleich beim ersten Ansetzen bringt, dann bohrt man ihm besser gleich den Kopf durch. Und es ist eben doch besser, einen Gedanken zu gestalten als alle Gedankenarbeit in Gestalten zu investieren. Kehren wir zu den Kriminalromanen zur\u00fcck!<\/p>\n\n\n\n<p>Ewige Lekt\u00fcre.<\/p>\n\n\n\n<p>Kriminalromane sind die einzige Gelegenheit, bei der ich gegen Literatur ausf\u00e4llig werde. Kehren wir zu ihnen zur\u00fcck!<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<p class=\"has-background\" style=\"background-color:#1e92bc\"><span class=\"has-inline-color has-white-color\">Die Literarische Welt, Heft 14, S. 4, 02.04.1926<\/span><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-background\" style=\"background-color:#dce1e3\"><strong>Kommentar:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-background\" style=\"background-color:#dce1e3\">Frank Heller (1886-1947) war der erste erfolgreiche Krimiautor Schwedens. Ihm gleichgesetzt wird Sven Elvestad (1884-1934), welcher als der Begr\u00fcnder des norwegischen Kriminalromans gilt. Interessant ist, dass beide Autoren in jungen Jahren wegen finanziellem Betrug strafrechtlich verfolgt wurden und daraufhin ihren Namen \u00e4nderten. Diese Erfahrung machte sie zu Krimiautoren.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons aligncenter\">\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link has-text-color has-background\" href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/weimarerpublizistik\/2\" style=\"border-radius:50px;background-color:#1e92bc;color:#fffffa\">&lt;<\/a><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link has-text-color has-background\" href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/weimarerpublizistik\/die-literarische-welt\" style=\"border-radius:50px;background-color:#1e92bc;color:#fffffa\">Artikel in dieser Zeitschrift<\/a><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link has-text-color has-background\" href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/weimarerpublizistik\/28\" style=\"border-radius:50px;background-color:#1e92bc;color:#fffffa\">&gt;<\/a><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons aligncenter\">\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link has-text-color has-background\" href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/weimarerpublizistik\/1-2\" style=\"border-radius:50px;background-color:#1e92bc;color:#fffffa\">&lt;<\/a><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link has-text-color has-background\" href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/weimarerpublizistik\/frauen-in-literatur-und-kunst\" style=\"border-radius:50px;background-color:#1e92bc;color:#fffffa\">Artikel im gleichen Thema<\/a><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link has-text-color has-background\" href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/weimarerpublizistik\/23\" style=\"border-radius:50px;background-color:#1e92bc;color:#fffffa\">&gt;<\/a><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kehren wir zu den Kriminalromanen zur\u00fcck! von Bert Brecht Zweierlei Dramen. 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