{"id":316,"date":"2022-06-24T16:13:35","date_gmt":"2022-06-24T14:13:35","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/weimarerpublizistik\/?p=316"},"modified":"2022-08-07T17:02:20","modified_gmt":"2022-08-07T15:02:20","slug":"24","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/weimarerpublizistik\/24","title":{"rendered":"Wiener Frauen. Ein kleiner Zyklus"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-columns\">\n<div class=\"wp-block-column\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/weimarerpublizistik\/files\/2022\/06\/24-png.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-452\" width=\"321\" height=\"253\" srcset=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/weimarerpublizistik\/files\/2022\/06\/24-png.png 427w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/weimarerpublizistik\/files\/2022\/06\/24-png-300x237.png 300w\" sizes=\"(max-width: 321px) 100vw, 321px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Wiener Frauen. Ein kleiner Zyklus von L. Andro<\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Trafikantin.<\/em> Im Leben des b\u00fcrgerlichen Mannes ist sie eine Art Aspasia; sie stellt die Erotik und die Geistigkeit dar, denn sie ist es. die ihn mit Rauch\u00adwaren und der Zeitung versorgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre gro\u00dfe Stunde hat sie zu einer f\u00fcr Frauen ungew\u00f6hnlichen Zeit: morgens zwischen acht und neun. Da str\u00f6mt die ganze M\u00e4nnlichkeit der Umgebung in ihren kleinen engen Laden und jeder bietet ihr eine Freundlichkeit, da sie die erste Frau ist, die er erblickt, wenn er der h\u00e4uslichen. Dumpfheit, sei sie durch Gattin, Mutter oder Zimmerfrau verk\u00f6rpert, entronnen ist. Nat\u00fcrlich l\u00e4\u00dft sich unberechtigtes Eindringen der weiblichen Elemente nicht ganz vermeiden, von Hausfrauen mit Milchflaschen oder Dienstm\u00e4dchen, welche die Zeitung abholen; doch diese werden nicht weiter regardiert. Sie f\u00fchlen selbst, da\u00df sie nicht hierher geh\u00f6ren und da\u00df ein Klatschst\u00fcndchen wie dr\u00fcben beim \u201eGreisler\u201c hier nicht m\u00f6glich w\u00e4re, darum verschwinden sie rasch mit einem mi\u00dftrauischen Blick auf die Circe, die eben die gew\u00fcnschten \u201ef\u00fcnf Memphis sehr weich\u201c ausw\u00e4hlt. Es kann nat\u00fcrlich auch vor\u00adkommen, da\u00df sie alt und h\u00e4\u00dflich ist, aber die Kriegswitwen und In\u00advaliden, welche die Konzession zur Tabak-Trafik besitzen, wissen gew\u00f6hnlich ganz gut, warum sie sich nicht pers\u00f6nlich zeigen und sich lieber durch eine h\u00fcbsche Verk\u00e4uferin vertreten lassen. Eben weil es eilig hergeht, ist alles intensiv; intensiv die Kur\u00admacherei, intensiv die politischen Streitigkeiten. Zu langen Diskussionen ist keine Zeit. Der Beruf winkt, ausdrucksvolle Blicke vertr\u00f6sten das Fr\u00e4ulein Lintscherl auf sp\u00e4ter. Es gibt ja noch ein Abendblatt . . . . Nachher wird es stiller, was dann kommt, sind Pensionierte oder Ausrangierte. (Ganz Vornehme kaufen nur in der Spezialit\u00e4ten-Trafik.) H\u00f6chstens, da\u00df ein armer Student die Trafik als Lesestube benutzt und die verschiedenen Zeitungen durchbl\u00e4ttert, ohne eine zu kaufen, was die Trafikantin l\u00e4chelnd geschehen l\u00e4\u00dft. (Ich m\u00f6chte niemandem raten, der\u00adgleichen in einem Berliner Zeitungskiosk zu versuchen.) Allerdings kann man sich revanchieren, indem man ihr beim Aufl\u00f6sen des Kreuzwort\u00adr\u00e4tsels in der von gestern \u00fcbriggebliebenen Zeitung hilft. Ihm macht der \u00e4gyptische Sonnengott weiter keine Schwierigkeiten, der unfehlbar in jedem vorkommt. Man wird die Aufl\u00f6sung gemeinsam einsenden und den Preis gewinnen \u2014 f\u00fcnf Millionen! Ja, Fr\u00e4ul\u2019n Lintscherl, dann . . .! Beide seufzen. Aber nat\u00fcrlich gewinnt man den Preis nie. Ich wei\u00df nicht, ob eine Statistik dar\u00fcber existiert, was aus den Trafikantinnen sp\u00e4ter wird: ob sie gl\u00e4nzende Partien machen oder in die gro\u00dfe Liebeskarriere eingehen. Wenn es ihnen nicht gelingt, ist es jedenfalls ihre Schuld. Keine hat die Tr\u00fcmpfe so in der Hand wie sie. Keine regiert so \u00fcber die Schw\u00e4chen des Mannes: die Zigarre und die Zeitung. In Berlin und anderw\u00e4rts nimmt man Rauchwaren durch einen Mann entgegen und kauft die Zeitung auf der Stra\u00dfe; der frauenfreund\u00adliche \u00d6sterreichische Staat l\u00e4\u00dft beides zusammen durch eine M\u00e4dchen\u00adhand verabreichen. Gibt es eine gr\u00f6\u00dfere weibliche Chance auf Erden? &#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/p>\n\n\n\n<p>Aber sonderbar: so viele Trafikantinnen ich auch beobachtet habe, den Tigerblick des gro\u00dfen Mistviechs, das alles duchsetzt, was es will, habe ich auf all\u2019 diesen freundlichen M\u00e4dchengesichtern nicht gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>*<\/p>\n\n\n\n<p><a>Die Modeschriftstellerin.<\/a> <\/p>\n\n\n\n<p>Sie ist ja nicht durchaus eine wienerische Erscheinung. Aber: hier gedeiht die Art der tapferen Frau besonders gut, die sich und ihre Kinderschar recht m\u00fchsam durchbringt und dabei aussieht, als w\u00e4re sie immer noch die gro\u00dfe Dame von einst. Ihr Lasterchen wurde ihre Rettung: sie liebte sch\u00f6ne Kleider \u00fcber alles und verbrachte viele Stunden in den Salons der gro\u00dfen Schneider. Sie erwarb die schwere Kunst, einen Crepe de Chine von einem Crepe Satin zu unterscheiden und ein Godet von einer gemeinen Hohlfalte. Davon lebt sie jetzt. Man soll seine Laster pflegen. Man wird immer eher von ihnen leben k\u00f6nnen, als von seinen Tugenden. Morgens, wenn sie um halb sieben aus dem Bett st\u00fcrzt, das Fr\u00fch\u00adst\u00fcck f\u00fcr die Schulkinder bereitet, f\u00e4llt ihr der Anfang ihres n\u00e4chsten Artikels ein: \u201eDie elegante Dame verschm\u00e4ht bereits den allzu gew\u00f6hn\u00adlich gewordenen Pyjama und ist reuig zum duftigen Saut-de-lit zur\u00fcck\u00adgekehrt . . . .\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter, wenn sie beim Gemischtwarenh\u00e4ndler und beim \u201eGreisler&#8220; ihren Tagesbedarf deckt, ein Tuch fl\u00fcchtig umgeschlagen, denkt sie weiter: \u201eZum Shopping wird nach wie vor nur der Trotteur getragen. Sehr schick wirkt dazu &#8230;&#8220; Es hei\u00dft rasch mit der Hausarbeit fertig sein, denn nun gilt es, die Modeh\u00e4user zu besichtigen. Selbst besitzt man nicht mehr als <em>ein <\/em>Kleid, <em>ein<\/em> Paar Seidenstr\u00fcmpfe. Aber immer noch sieht man damit so aus, da\u00df die andern vor Neid erblassen. Immer noch so, da\u00df die vor\u00adf\u00fchrende Verk\u00e4uferin sich an die Modeschriftstellerin wendet, welche die Modelle blasiert durch ihr Lorgnon betrachtet, und sagt: \u201eAber wenn Gn\u00e4digste vielleicht selbst . . . Wir w\u00fcrden nat\u00fcrlich einen be\u00adsonderen Preis machen . . .\u201c Die Modeschriftstellerin winkt ab. Der besondere Preis w\u00e4re immer noch weit \u00fcber ihre Verh\u00e4ltnisse. Sie klappt k\u00fchl ihr Lorgnon zu\u00adsammen: \u201eSie verstehen, ich mu\u00df allen Firmen gegen\u00fcber neutral bleiben: ich bin keine Agentin.\u201c Heimgekehrt, erf\u00e4hrt sie, da\u00df der Badeofen l\u00e4uft und repariert werden mu\u00df, Mausis Schuhe sind durch. Der J\u00fcngste kann die br\u00fcder\u00adlichen Schulb\u00fccher \u00e4lterer Auflage nicht mehr benutzen. Franzi scheint Grippe bekommen zu wollen. Das Fieberthermometer ist zerbrochen. Jeder wartet auf sie, jeder will was von ihr, Flickw\u00e4sche liegt in Haufen, die Telephonrechnung mu\u00df morgen bezahlt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie setzt sich nieder und schreibt ihren neuen Artikel: \u201eDie ele\u00adgante Dame <em>kann<\/em> in diesem Jahr nur Krokodillederschuhe mit echten Silberschnallen tragen. Alles andere ist unm\u00f6glich . . . .\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>*<\/p>\n\n\n\n<p><a>Das Lavendelweib.<\/a> <\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man auf der Stra\u00dfe den langgezogenen Gesang h\u00f6rt: \u201eLa\u00advendel \u2014 kaufts an Lavendel \u2014 zwei Kreuzer s\u2019B\u00fcscherl!\u201c dann wei\u00df man, es ist Sommer. Dann wei\u00df man, man ist in Wien. Es ist eine richtige und h\u00fcbsche Melodie und beim \u201eB\u00fcscherl\u201c schnellt die Stimme eine Quart in die H\u00f6he, um gleich wieder in ihre Lage zur\u00fcckzukehren. Sollte Susannens \u201eKomm, ach mein Trauter\u201c im letzten Akt des Figaro einmal von diesem Lavendelruf inspiriert worden sein? Alt genug w\u00e4re er dazu. Er hat auch viele W\u00e4hrungsformen \u00fcber\u00addauert, denn unn\u00f6tig zu sagen, da\u00df die \u201ezwei Kreuzer\u201c nur eine poetische Lizenz sind. Neuerdings wird er von gesch\u00e4ftst\u00fcchtigen H\u00e4nd\u00adlerinnen oft zweistimmig gesungen: dann sind die Lavendelweiber we\u00adniger verhutzelt, sie tragen wei\u00dfe Kopft\u00fccher, gehen Hand in Hand und die musikfreudigen Wiener legen die Ohren um und starren ihnen entz\u00fcckt nach. Nur ob man den S\u00e4ngerinnen auch etwas abkauft, m\u00f6chte ich gern wissen. Wer, um Himmelswillen, kann heutzutage noch etwas mit La\u00advendel anfangen? Die moderne Frau legt besser ein S\u00e4ckchen von Coty zwischen ihre drei Kombinationen und sechs Taschent\u00fccher. Und die alte Frau, in der der Lavendelruf noch Assoziationen von einem reich\u00adgef\u00fcllten W\u00e4schespind hervorruft, besitzt ihn doch l\u00e4ngst nicht mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Sollten die Lavendelweiber von einer Denkmalschutz- und Fremden\u00adverkehrskommission subventioniert werden? Ihr Gesang, untermischt mit dem \u201eFliagenfanger!!\u201c der kleinen Jungen, die um die gleiche Zeit ihre Kegel aus roter Gelatine darbieten, kontrapunktiert von dem \u201eHandle\u201c der \u00f6stlich Eingewanderten und akkompagniert von der Glocke des \u201eMistbauers&#8220; \u2014 das ist die sommerliche Wiener Stra\u00dfensymphonie, die war, ist und sein wird. Frankreich, weit mehr begabt in der Er\u00adkenntnis der Rhytmen des Alltags, hat seine Pariser Stra\u00dfenrufe durch Charpentier in der \u201eLouise\u201c verewigen lassen. Die Wiener Operette, das Wiener Lied pflegt den klebrigsten, magenumdrehendsten Kitsch, aber auf den Gedanken, die wirkliche Musik des kleinen Lebens dar\u00adzustellen, die sich ihnen fertig komponiert darbietet, sind sie noch nicht gekommen.<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<p class=\"has-background\" style=\"background-color:#1e92bc\"><span class=\"has-inline-color has-white-color\">Das Tage-Buch, Heft 26, S. 923-926, 26.06.1926.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-background\" style=\"background-color:#dce1e3\"><strong>Kommentar:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-background\" style=\"background-color:#dce1e3\">L. Andro ist das Pseudonym der \u00f6sterreichischen Journalistin, \u00dcbersetzerin und Schriftstellerin Therese Rie (1878-1934). Sie schrieb Theater- und Opernkritiken f\u00fcr \u00f6sterreichische Zeitungen. Zwischen 1905-1928 ver\u00f6ffentlichte sie eigene belletristische Arbeiten, Essays, Novellen, Romane und ein Drama. Im kleinen Zyklus der Wiener Frauen zeichnet sie ein dreier Frauentypen, die das Leben in der Stadt Wien pr\u00e4gen. Die verf\u00fchrerische Trafikantin, die in Bezug zu Aspasia von Milet (470-420 v.Chr.) gesetzt wird. Die als ber\u00fchmte Frau des antiken Athen ambivalent besprochen wird. Eigene Werke von ihr sind nicht erhalten, aber in Platons Menexenos soll eine ihrer Reden wiedergegeben sein. Sie unterhielt einen eigenen philosophischen Salon. In Antiken Kom\u00f6dien wird sie allerdings, durch ihre Ehe zu Perikles als Het\u00e4re, als gebildete T\u00e4nzerin, S\u00e4ngerin und Prostituierte dargestellt. Andro verweist auf die Zufluchtsm\u00f6glichkeit in der Modeschriftstellerei f\u00fcr Hausfrauen und beschreibt den operettenhaften Klang der Verkaufsrufe von Lavendelweibern.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons aligncenter\">\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link has-text-color has-background\" href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/weimarerpublizistik\/40\" style=\"border-radius:50px;background-color:#1e92bc;color:#fffffa\">&lt;<\/a><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link has-text-color has-background\" href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/weimarerpublizistik\/das-tage-buch\" style=\"border-radius:50px;background-color:#1e92bc;color:#fffffa\">Artikel in dieser Zeitschrift<\/a><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link has-text-color has-background\" href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/weimarerpublizistik\/3\" style=\"border-radius:50px;background-color:#1e92bc;color:#fffffa\">&gt;<\/a><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons aligncenter\">\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link has-text-color has-background\" href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/weimarerpublizistik\/38\" style=\"border-radius:50px;background-color:#1e92bc;color:#fffffa\">&lt;<\/a><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link has-text-color has-background\" href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/weimarerpublizistik\/rollenbilder\" style=\"border-radius:50px;background-color:#1e92bc;color:#fffffa\">Artikel im gleichen Thema<\/a><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link has-text-color has-background\" href=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/weimarerpublizistik\/9\" style=\"border-radius:50px;background-color:#1e92bc;color:#fffffa\">&gt;<\/a><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wiener Frauen. 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