Subversive Weiblichkeit

Weiblichkeit als Subversion bei Hélène Cixous und Herta Müller

klara prautzsch

Und noch etwas spürte Irene: Daß sie in irgendeinem Augenblick, der entscheidend gewesen sein musste, alles versäumt hatte. Irene wusste nicht, wann dieser Augenblick gewesen sein konnte und wie sie ihn hätte erkennen sollen. Auch, was sie versäumt hatte, wusste Irene nicht.[1]


Die fundamentale Verunsicherung und die ungreifbare Ahnung, etwas Wesentliches verpasst zu haben, die sich in dieser kurzen Passage offenbaren, sind zentrale Merkmale für Herta Müllers Sprache in der Erzählung Reisende auf einem Bein(1989). Durch den radikalen Fokus auf die Innerlichkeit der Protagonistin, einen fragmentarischen Erzählaufbau und gleichermaßen bizarre wie poetische sprachliche Bilder schafft Müller ein subtiles Gefühl der Leere und Entfremdung. Diese Form des Erzählens legt einen subjektiv-intuitiven Weltbezug nahe, der mit einer rationalen, logisch strukturierten Wahrnehmung bricht. Die ästhetisch erfahrbare Verunsicherung in Müllers Text verweist auf einen unkonventionellen Umgang mit Sprache, dem ein Anspruch auf Selbstermächtigung und die Dekonstruktion bestehender Strukturen zugrunde liegt. 

Daraus ergibt sich eine auf den ersten Blick womöglich ungewöhnliche Parallele, und zwar zur feministischen Theoretikerin Hélène Cixous, die in ihrem Essay Das Lachen der Medusa (1975) die Idee einer Écriture féminine formuliert. Im Frankreich der 1970er-Jahre gehört Hélène Cixous zu den zentralen Stimmen feministischer Theorie. Im Zuge der studentischen Proteste ab 1968 organisiert die französisch-algerische Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Lektürezirkel und Lehrveranstaltungen an der neu gegründeten Reformuniversität Vincennes in Paris. In diesem Rahmen widmet sie sich der Frage nach einer Écriture féminine, einem Weiblichen Schreiben.[2] Im intellektuellen Klima dieser Zeit entstehen parallel verschiedene theoretische Ausrichtungen. Pazifismus, sexuelle Befreiung oder Autoritätskritik sind gleichermaßen Anliegen der sogenannten 68er-Bewegung. Dieser Zeitgeist begünstigt die Herausbildung feministischer wie poststrukturalistischer Positionen. Einer der wegweisenden poststrukturalistischen Theoretiker, der auch für die Auseinandersetzung mit einer Écriture féminine eine große Rolle spielt, ist der französische Philosoph Jacques Derrida.[3] Insbesondere auf die Konzepte von Dekonstruktion und Logozentrismus nach Derrida wird daher im Rahmen dieses Aufsatzes Bezug genommen. Diese ermöglichen es, die Écriture féminine als eine Suche nach einem neuen Umgang mit Sprache zu verstehen. Literaturwissenschaftlerinnen wie Hélène Cixous, Luce Irigaray, Clarice Lispector oder Julia Kristeva proklamieren mit der Écriture féminine ein Schreiben, das einer weiblichen Perspektive einen Raum gibt, die im patriarchalen Diskurs als untergeordnet marginalisiert wird. Im Zentrum steht das Weibliche, das im patriarchalen Diskurs systematisch verdrängte Andere im Hinblick auf ein dominantes Männliches.

Ein Weibliches Schreiben nimmt daher vor allem die Perspektive und Wahrnehmung von Frauen in den Blick.[4] Dadurch entsteht eine subversive Schreibpraxis, die durch den Fokus auf eine weibliche Körperlichkeit und Intuition konventionelle Bedeutungszuschreibungen zu dekonstruieren versucht. Cixous’ berühmter programmatischer Essay Das Lachen der Medusa bietet ein Beispiel für die konsequente Umsetzung eines Weiblichen Schreibens und dient daher als Ausgangspunkt der vorliegenden Auseinandersetzung.

Im Folgenden sollen die Texte von Müller und Cixous in ein produktives Spannungsverhältnis gesetzt werden. Die Texte sollen sich dabei auf Augenhöhe begegnen und nicht in einem hierarchischen Verhältnis stehen. Letztendlich dient dieses Unterfangen einem tieferen Verständnis beider Texte: Cixous’ Forderungen sollen an einem konkreten literarischen Text nachvollzogen werden, während Müllers Schreiben um eine Perspektivierung erweitert werden soll, die dessen subversives Potential in den Fokus nimmt. Die vorliegende Arbeit verfolgt daher eine Analyse von Reisende auf einem Bein, bei der die Erkenntnisse aus Das Lachen der Medusa sowohl auf extradiegetischer als auch auf intradiegetischer Ebene berücksichtigt werden. Zugleich soll auch die umgekehrte Auslegung erfolgen, die nach einer möglichen Bereicherung für die Lektüre von Cixous’ Essays durch Müllers Erzählung fragt. 

Zunächst wird ein Einblick in Wirkungsweisen und gestalterische Merkmale von Cixous’ Essay gegeben sowie mögliche Ansätze für eine zeitgenössische Problematisierung aufgezeigt. Daran anschließend erfolgt eine erzähltheoretische Analyse von Müllers Erzählung, die Aspekte wie Erzählstruktur, -position, Stil und Figurengestaltung umfasst und dabei zugleich eine Perspektivierung durch das Konzept der Écriture féminine vornimmt. Ziel ist es, durch die zunächst ungewöhnlich erscheinende Zusammenstellung der beiden Texte mögliche Parallelen und Widersprüche herauszuarbeiten, die neue Perspektiven auf ihre Lektüre eröffnen.

»Schreib!« – Das Lachen der Medusa

Schreib! Und indem er sich sucht erkennt sich DEIN Text für mehr als Fleisch und Blut, als Teig, der sich knetet und aufgeht, aufrührerisch, voller klingender und duftender Zutaten, als stürmisch bewegte Verbindung von entfliegenden Farben, Blättern und Flüssen die ins Muttermeer münden das wir speisen.[5]

Diese eindringlichen Worte Hélène Cixous’ geben einen richtungsweisenden Einblick in den Gestus ihres berühmten Essays Das Lachen der Medusa. Der Text entwickelt einen sprachlichen Sog mit ausdrucksstarken Bildern und sehr körperlichen, gegenständlichen Referenzen. Ähnlich verhält es sich mit dem bildhaften Titel: Medusa, die griechische Gorgone, die sonst mit Todesangst und Vernichtung assoziiert wird, agiert hier plötzlich sehr menschlich: Sie lacht. Diese Umdeutung der mythologischen Erzählung ist bezeichnend für den gesamten Text. Es geht um eine Umdeutung der Verhältnisse, um eine Aneignung, oder eher: eine Zurück-Aneignung. Cixous plädiert für eine Rückbesinnung auf eine genuin weibliche Kraft, auf eine Rückkehr der Frauen in öffentliche Diskurse. Sie impliziert damit einen ursprünglichen Zustand, in dem Frauen präsenter waren, als sie es heutzutage sind: »Die Frauen kommen von weither zurück: aus dem Immerschon«.[6] Cixous fordert die verdrängten Frauen dazu auf, ihre Stimmen zu erheben und sich durch das Schreiben aktiv in die Welt einzubringen.[7] Die Verwehrung der Macht und Entfaltung des Weiblichen interpretiert Cixous als Ausdruck einer männlichen Angst, die die Subversion patriarchaler Strukturen fürchtet. Im Mythos der Medusa und ihrem tödlichen Blick manifestiert sich diese Angst vor einem sozialen und politischen Umbruch. Cixous lässt in ihrem Text die Medusa deshalb lachen.[8] Sie konstruiert damit das Bild einer affirmierenden Frau, die sich über ihre männlichen Zuschreibungen hinwegsetzt und sich an ihrer eigenen Weiblichkeit erfreut. Durch diese Umkehr der Angst spricht sie Frauen das Potential zur Selbstermächtigung zu und bezieht das auf eine sprachliche Ebene.

Für eine Analyse des subversiven Potentials von Cixous’ Werk ist das Konzept des Phallogozentrismus nach Jacques Derrida als theoretische Grundlage heranzuziehen. Der Phallogozentrismus geht auf das sinnstrukturierende System des Logozentrismus zurück, der die Ausrichtung der gesamten westlichen Denk- und Wissenschaftstradition auf den logischen Verstand beschreibt. Logozentrisches Denken konstruiert ein Zentrum als dominante Norm, während alles andere als Abweichung dessen verstanden wird. In Kombination mit dem Begriff Phallus wird auf die patriarchalen Konventionen von Bedeutungszuschreibung verwiesen, die sich auf die hierarchisierte Opposition Männlich vs. Weiblich berufen. Alles, was sich von der männlichen Norm unterscheide, gelte phallogozentristisch als das ›Andere‹.[9] Diese Hierarchie zeigt sich in der ungleichen Verteilung gesellschaftlicher Macht, was im Patriarchat als naturgegebener Zustand angenommen wird. Gleichzeitig manifestiert sich der Phallogozentrismus auch auf einer sprachlichen Ebene, da auch Schrift und Sprache diesem einverleibt seien. Cixous zufolge müssten Frauen daher initiativ werden und sich durch einen dezidiert weiblichen Sprachgebrauch die Sprache zurückerobern. Wie genau sich diese ›weibliche Sprache‹ darstelle, sei jedoch nicht genauer zu definieren. In dieser Ungreifbarkeit, diesem Entziehen vor dem Verstehen, zeichnet sich bereits ein zentrales Kriterium des weiblichen Schreibens ab. Hegemoniale, wissenschaftliche Strategien der Theoretisierung könnten dem Konzept nicht gerecht werden, da diese von Cixous ebenfalls als Teil des Phallogozentrismus verstanden werden.[10]

Die Attribute »aufrührerisch, voller klingender und duftender Zutaten«[11] auf eine konkrete literarische Praxis zu beziehen, erfordert offensichtlich einen anderen Zugang zum Schreiben, als es in den konventionellen Wissenschaften vorgesehen ist. Zentral sei die Einbeziehung des weiblichen Körpers und des Unterbewusstseins. Das Unbewusste – gleichsam verdrängt wie die Frau – müsse beim Schreiben wirksam werden.[12] Das Ziel bestehe darin, die Sprache von innen heraus »aufzubrechen« und sich dabei aller Konventionen zu entledigen.[13] Solch ein Aufbruch sei auf der sprachlichen Ebene beispielsweise durch einen »›Überfluss‹ an Sprache«[14], einen »›Abfall‹ an Signifikanten«[15] zu erreichen. Cixous betont außerdem den fundamentalen Zusammenhang zwischen Schreiben, Sprache und gebender Liebe. Schreiben stelle für die Frau die Möglichkeit dar, sich dem Gegenüber ohne dessen Einverleibung anzunähern. Während männliche Liebe immer Vereinnahmung und Annexion anstrebe, sei Liebe ohne Aneignung etwas genuin Weibliches.[16]Cixous plädiert in diesem Sinne für eine »ANDERE LIEBE«[17], die gewissermaßen das Überwinden der eigenen Identität durch das Geben an Andere ermöglicht. Eine solche Liebe wird in diesem Szenario zur Antriebskraft des Weiblichen Schreibens erhoben. Das Lachen der Medusa trägt all diese Forderungen bereits in sich und demonstriert damit ein Beispiel des Weiblichen Schreibens. Cixous präsentiert einen sinnlichen, sprachlich überbordenden und äußerst dynamischen Text, der einen besonderen Leseeindruck hinterlässt. Diese Gleichzeitigkeit von Beschreibung und Umsetzung stellt eine der großen Stärken des Essays dar. Die direkte Du-Anrede impliziert eine persönliche Nähe zu den Rezipierenden und transportiert eine pochende Dringlichkeit. Der Essay gilt als einer der zentralen Texte der Écriture féminine und verortet sich damit selbst im Kontext anderer Vertreterinnen der Bewegung. Dennoch bietet der Text einigen Anlass zu berechtigter Kritik, die im Folgenden berücksichtigt werden soll.

Problematisierungen

»Vorsicht, ich versuche nicht, eine weibliche Schreibweise zu schaffen, sondern in die Schreibweise das einfließen zu lassen, was bisher immer verboten gewesen ist, nämlich Wirkungen von Weiblichkeit.«[18]

Diese Aussage Cixous’ ermöglicht Rückschlüsse auf ihr Verständnis von Écriture féminine und stellt zugleich den Versuch dar, eine potenzielle Kritik daran zu entkräften. Einerseits offenbart sich darin ihre Ablehnung einer allgemeingültigen Definition und Beschreibung der Écriture féminine. Andererseits impliziert sie die Idee einer archaisch ursprünglichen Weiblichkeit, wodurch sie die deutliche Trennung Weiblich vs. Männlich selbst aufrechterhält. Eine heutige wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Écriture féminine nach Cixous kann daher nicht ohne die Problematisierung einiger ihrer zentralen Aussagen auskommen. Vor allem das Verharren innerhalb der Binarität Mann vs. Frau ist aus einer zeitgemäß intersektionalen Perspektive überholt. Jedoch ist Cixous auch nicht gänzlich abzusprechen, dass sie versucht, diese teilweise zu untergraben. Ihre Definition des Begriffs Frau zu Beginn des Essays könnte einen solchen Versuch darstellen: Einerseits bezieht sie den Begriff auf ein »universales Subjekt«,[19] andererseits wehrt sie sich gegen eine Verallgemeinerung von Frauen.[20] Wirklich greifbar wird ihre Positionierung durch diese widersprüchlichen Aussagen allerdings nicht. Vorherrschend bleiben ihre Charakterisierungen einer binär gedachten Weiblichkeit, die sich als Gegensatz zum Männlichen konstituiert. Besonders deutlich wird das durch die Betonung der Mutter als »Ursprung des Guten«.[21] Damit bedient sie ein traditionelles Bild der Frau, wenngleich ihr Verständnis von Mutterschaft durchaus komplexer ist. Sie versteht darunter eine allgemeine weibliche Schöpfungskraft, die sich auch im körperlichen Sinne des Gebärens von Leben manifestiere.[22] Dennoch bezeichnet sie den Wunsch zur Schwangerschaft als ein weibliches, triebhaftes Begehren und setzt es dem Schreiben gleich. Beide Begehren entsprängen dem »Bedürfnis sich innerlich zu erleben«[23] und dem Wunsch zum Geben. Sie hebt damit die gebende Rolle von Frauen derart hervor, dass sie einer märtyrerischen Selbstaufgabe gleicht, was im Kontrast zu ihrem Aufruf nach Selbstermächtigung steht. Dass Cixous den Akt des Schreibens auf einer körperlichen Ebene verortet, macht den Essay fruchtbar für eine biologistische Auslegung. Allerdings wird diese Idee einer naturgegebenen körperlichen Weiblichkeit in dem Essay nicht konsequent verfolgt und an einigen Stellen sogar entkräftet. Beispielsweise bewertet sie die meisten von Frauen geschriebenen Texte als zu männlich, wobei sie sich hier dezidiert auf »männliche Schrift«[24] bezieht. Dass sie hier mit ihrer zuvor archaisch betonten Solidarität unter Frauen bricht, könnte ihr als erneuter Widerspruch ausgelegt werden. Indem sie jedoch sowohl Weibliches als auch Männliches Schreiben als kulturell gelernte Praxis charakterisiert, stellt sie sich gegen die essentialistische Verbindung von Frauen und Weiblichem Schreiben. In diesem Sinne formuliert ihr oben zitierter Ausdruck »Wirkungen von Weiblichkeit«[25] weniger eine biologisch determinierte Weiblichkeit, sondern betont die kulturellen Effekte einer weiblichen Sozialisierung, die im Schreiben sichtbar gemacht werden sollen. Cixous verwendet daher – wenn auch nicht konsequent – den Begriff der »Ökonomie«,[26] um die gesellschaftliche Konstruiertheit der Geschlechterdifferenzen zu verdeutlichen. Der Begriff knüpft auch an die kapitalismuskritischen Tendenzen an, die der Text nahelegt, und die den Kapitalismus als Folge des Patriarchats bewerten.[27] Eher vage erwähnt sie an einigen Stellen zudem den Kolonialismus[28], während ihr Bekenntnis zum Klassenkampf wesentlich deutlicher ausfällt.[29] Sie definiert es als weibliche Eigenschaft, »allen Befreiungsbewegungen körperlich verbunden«[30] zu sein. Damit ist Cixous zwar durchaus eine gewisse intersektionale Perspektive zuzuschreiben, allerdings bleibt diese durch die ständige Rückführung auf das Weibliche eher schwach.

Offenbar lässt sich Das Lachen der Medusa nicht eindeutig einer bestimmten feministischen Haltung zuordnen, was auch den textimmanenten Widersprüchen geschuldet ist. Die binäre Rhetorik ist offensichtlich, wobei sie teilweise komplexere Interpretationen zulässt, als auf den ersten Blick sichtbar sein mag. An dieser Stelle soll ein grundlegendes Argument gegen eine simple, biologistisch essentialistische Auslegung des Textes betont werden: Der Essay ist als Appell zum Schreiben und zur sprachlichen Revolution zu verstehen. Dieser Fokus verdeutlicht die weltkonstruierende Macht, die Cixous der Sprache und der Schrift zuschreibt. Durch die Betonung des Phallogozentrismus führt sie Geschlechterdifferenzen auf patriarchale Strukturen zurück und legt damit deren Konstruiertheit offen. Bereits der Schreibanlass – die Etablierung eines Weiblichen Schreibens – ist damit als Plädoyer gegen eine Naturalisierung von Herrschaftsverhältnissen zu deuten. In diesem Sinne kann die Idee der Écriture féminine auch heutzutage als eine produktive Schablone zur Annäherung an andere Texte dienen, sofern die genannten Problematisierungen mitgedacht werden.

Vom Reisen und Schreiben auf einem Bein – Erzähltheoretische Annäherung an Herta Müller

Reisende auf einem Bein wurde zwei Jahre nach Herta Müllers Übersiedlung nach Deutschland veröffentlicht. Nachdem die Banatschwäbin ins Visier des rumänischen Geheimdienstes Securitate geraten war, emigrierte sie mit 34 Jahren nach Deutschland. Dort setzte sie ihr literarisches Schaffen mit zahlreichen Veröffentlichungen fort, wofür sie 2009 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Viele ihrer Werke verhandeln das Aufwachsen in einer Diktatur und ihre kulturelle Prägung als Teil einer deutschsprachigen Minderheit in Rumänien.[31] Müllers Erfahrungen mit Prozessen der psychologischen und bürokratischen Eingliederung in ein fremdes Land spiegeln sich auch in der Lebensrealität der Protagonistin Irene aus Reisende auf einem Bein wider. Die Erzählung setzt unmittelbar vor Irenes Übersiedlung nach Deutschland ein und schildert ihre folgende Suche nach einem neuen Zuhause, ihre Behördengänge zur Einbürgerung sowie erste Annäherungen mit neuen Bekanntschaften. Gefühle der Fremdheit, Einsamkeit und existenziellen Unsicherheit prägen diese Lebensphase.

Der Text begleitet Irene durch einen Alltag, der kaum als solcher zu bezeichnen ist, sondern vielmehr eine lose verknüpfte Abfolge unterschiedlicher Begebenheiten und Eindrücke darstellt: flüchtige bis tiefgründige Männerbekanntschaften, Zugreisen quer durch Deutschland und die allmähliche Möblierung ihres Zimmers. Irene wirkt dabei stets in sich gekehrt und introvertiert. Ihre Gedanken werden von wiederkehrenden Erinnerungen an ihre Heimat dominiert, zu der sie nur über eine sporadische Brieffreundschaft Verbindung hält. In dieser Erzählstruktur zeigt sich bereits ein Merkmal von Müllers Erzählweise, dass die Erzählung einer Lesart im Sinne der Écriture féminine näherbringt. Die Rezeption von Reisende auf einem Bein scheint mehr als rein rationalen Logos zu erfordern, wie im Folgenden erläutert wird.

In Bezug auf Müllers Erzählstruktur ist der collagenhafte Aufbau hervorzuheben. Es lässt sich zwar eine Chronologie erkennen, jedoch wird kein stringenter Handlungsablauf verfolgt. Stattdessen findet eine Aneinanderreihung einzelner Szenen statt, die sich selten direkt aufeinander beziehen und sich meist erst im weiteren Verlauf des Textes durch andere Fragmente erschließen. Die Erzählstruktur und die inhaltliche Ebene scheinen sich hier zu bedingen: So wenig wie Irenes Alltag einem eingespielten Rhythmus folgt, tut es auch der erzählerische Aufbau. Ihr Zustand zwischen Ankommen und Loslassen, ihre rechtlich nur temporäre Existenzberechtigung sowie ihr Mangel an Arbeit und sozialem Netzwerk markieren Irenes Situation als eine struktur- und rastlose Übergangsphase, die sich auch auf der sprachlichen Ebene manifestiert. Gleichzeitig kann diese Eigenschaft des fragmentarischen Erzählens auch im Sinne eines Weiblichen Schreibens nach Cixous bewertet werden. Müllers Erzählweise sträubt sich gewissermaßen gegen einen phallogozentristischen linearen Aufbau, der als Verweis auf das männliche, »knechtende Verhältnis zur Kontrollnahme«[32] zu verstehen wäre.


Auch die Gestaltung der Erzählinstanz lässt sich sinnvoll mit den Visionen der Écriture féminine verbinden. Die Wahl der internen Fokalisierung in Reisende auf einem Bein offenbart sich als ein geeignetes Mittel, um Cixous’ Aufforderung nachzukommen, sich als Frau durch das Schreiben in die Welt einzubringen. Die interne Fokalisierung erlaubt die Fokussierung auf Irenes persönlichen, intimen Wahrnehmungshorizont. Gleichzeitig wird durch die subjektive Perspektive dem Unbewussten viel Raum zugestanden, welches Cixous zufolge dem Weiblichen durch die Erfahrung von Verdrängung und Unterdrückung sehr nahestehe.[33] Die Wahl einer nullfokalisierten, heterodiegetisch gestalteten Erzählperspektive würde beispielsweise eine hierarchisch übergeordnete Instanz suggerieren, was konträr zu den anti-autoritären Bestrebungen Cixous wäre. 

Der Fokus auf das Unbewusste und Abweichende lässt sich ebenso in Müllers sehr bildhafter Sprache finden, die oft absurde oder leicht ›verdreht‹ erscheinende Assoziationen hervorruft. Dieser Eindruck wird durch ungewöhnliche Kombinationen von Objekten oder Eindrücken erzeugt, wie beispielweise an folgender Stelle:

Und es war eine fremde Hand auf der Haut, als Irene sich ins Gesicht griff. Und das Gedärm, Irene sah fast ihr Gedärm. Trug es wie im Einweckglas im Bauch. Und das Herz und die Zunge wie tiefgefrornes Obst. Schnittblumen, dachte Irene. Ich kauf mir jetzt Schnittblumen.[34]

Bereits das Bild von einem sich im Bauch befindlichen Einweckglas, gefüllt mit Gedärm, ist befremdlich und dabei äußerst spezifisch. Die Gleichsetzung vom Herzen und der Zunge mit tiefgefrorenem Obst ist ungewöhnlich, aber gleichzeitig auf einer intuitiven Verständnisebene sehr zugänglich. Der plötzlich folgende Übergang zu Irenes Entschluss, Schnittblumen zu kaufen, ist hingegen sehr abrupt, der kausale Zusammenhang bleibt unklar. Es entsteht der Eindruck, Irenes ungefilterte Empfindungen zu verfolgen, was eine emotionale Nähe zu der Protagonistin entstehen lässt. Gleichzeitig können solche etwas ›schiefen‹ Bilder zu einer Distanz führen, da sie sich einem rationalen Verständnis entziehen. Der Text spricht damit eine Lesart an, die nicht nur über reine Logik funktioniert, sondern eine intuitive, assoziative Ebene einschließt. Zugleich offenbart sich in diesem Zitat eine verstärkte Einbeziehung des (weiblichen) Körpers, die auch ein erklärtes Ziel von Cixous’ Weiblichem Schreiben darstellt.[35] Es lässt sich daher erneut der Bezug zur Écriture féminine herstellen. Derartige sprachliche Bilder hinterfragen konventionelle Bedeutungszuschreibungen und führen zu einer Umdeutung sprachlicher Zeichen. Der »›Abfall‹ an Signifikanten«,[36] den die Écriture féminine anstrebt, manifestiert sich bei Müller in solchen sprachlichen Konstrukten. Müller bricht mit sprachlichen Konventionen und führt eine Verschiebung von Normalität herbei. Ihr Schreiben ließe sich damit Cixous’ Verständnis nach als weiblich einordnen. Um jedoch eine biologistische Verhärtung des Konzepts zu dekonstruieren, soll für diese Deutung die Zuschreibung weiblich erweitert werden. Anstatt die Besonderheit des Textes auf eine geschlechtliche Identität zurückzuführen, soll das generelle Potential zur Veränderung bestehender Verhältnisse betont werden, das mit diesem unkonventionellen Umgang mit Sprache einhergeht.

Für eine Untersuchung der Figurengestaltung bei Müller soll im Folgenden der Versuch unternommen werden, die Protagonistin Irene in ein Verhältnis zur Écriture féminine zu setzen. Durch eine zunächst intradiegetische Betrachtung wird die Figur dadurch selbst als Akteurin innerhalb des Spannungsfeldes verstanden, das die Praxis des Weiblichen Schreibens eröffnet. Es ist daher von besonderem Interesse, inwiefern Irenes Verhalten und Charakter Elemente Weiblichen Schreibens aufweisen. Die Visionen aus Das Lachen der Medusa können dabei als diskursiver Horizont verstanden werden, der Irene ein emanzipatorisches Potential bietet. Eine derartige Annäherung an die Figur bietet sich an, da in die Figur Konflikte und Themen eingeschrieben sind, die sich auch in der Rhetorik des Essays von Cixous wiederfinden. Allerdings stellt es sich als schwierig heraus, eindeutige Aussagen über Irenes Charakter zu treffen. Ihr Verhalten ist von Ambivalenz geprägt und changiert zwischen ausgesprochener Passivität und energischer Selbstbestimmung. Bereits die Übersiedlung nach Deutschland offenbart dieses Spannungsverhältnis zwischen Passivität und Aktivität. Durch die Entscheidung zur Übersiedlung ergreift Irene zwar die Kontrolle über ihr eigenes Schicksal, allerdings begibt sie sich gleichzeitig in eine Situation großer Unsicherheit und Verletzlichkeit. Sie liefert sich selbst an etwas aus, das außerhalb ihrer Einflusskraft liegt. Sie entscheidet sich aktiv dafür, eine passive Rolle einzunehmen. Diese aktive Entscheidung zur Übersiedlung, die ihrem Leben in Deutschland vorausgeht, ist bei der Beurteilung ihres Charakters mitzudenken. Passivität entpuppt sich damit als ein Symptom ihrer transnationalen Position und somit wiederum als Ausdruck von Marginalisierung und Unterdrückung. Dieser Mechanismus spiegelt sich auch in Irenes zwischenmenschlichen Interaktionen wider.

Irenes menschliches Umfeld ist ausgesprochen männlich. Ihre einzige weibliche Bezugsperson ist eine rumänische Brieffreundin, in Deutschland umgibt sie sich jedoch nur mit Männern. Durch diese narrative Entscheidung Herta Müllers kommen gewisse Machtstrukturen mehr zum Tragen, sodass sich in Irene gesamtgesellschaftliche, patriarchale Dynamiken herauskristallisieren. Bezeichnend dafür ist das scheinbare Abhängigkeitsverhältnis, das zwischen Irene und ihren Bekannten besteht. Dieses gründet zum einen in ihrer Rolle als Neuankömmling im Land, zum anderen wird es durch patriarchale Hierarchien verstärkt. Die durchaus hilfreiche Unterstützung, die Irene durch ihre Bekannten erfährt, soll nicht als patriarchale Machtausübung eingeordnet werden, dennoch bildet sie die Grundlage für deren Verhältnis.

Irenes erste Bezugsperson, die sie bereits vor ihrer Übersiedlung kennenlernt, ist Franz. Irene erhofft sich zu Franz daher einen besonders engen Kontakt. Diese Erwartung bleibt jedoch unerfüllt. Franz erweist sich als kaum präsent, die Kontaktaufnahme scheint meistens von Irene auszugehen. In einer Karte, die sie an ihn schreibt, wird das unausgeglichene Verhältnis sichtbar: »Franz, ich hab dich angerufen. Einen Tag am Morgen, einen Tag am Mittag, einen Tag am Abend. Wozu. […] Ich will dich sehen.«[37] Diese unterschiedlichen Bedürfnisse lassen eine Hierarchie in ihrer Beziehung entstehen. Beispielsweise erscheint Franz nicht wie versprochen am Flughafen, um Irene abzuholen, sondern schickt stattdessen Stefan. Irene und Stefan beginnen im Laufe der Erzählung ein Verhältnis, über das Irene an einer Stelle folgendermaßen denkt: »Hatte Irene sich Stefan ausgesucht. Franz. Sie wusste es nicht.«[38] Diese Überlegung veranschaulicht eine Passivität, beziehungsweise Irenes ausgesprochene Fähigkeit, sich ihren Umständen genügsam hinzugeben. Irene wirkt in der Situation fast unbeteiligt, da sie ihren eigenen Bedürfnissen keinen Raum gibt. Andererseits wird es der Komplexität der Figur nicht gerecht, diese Passivität als reine Fügung in ihre untergeordnete hierarchische Position zu verstehen. Stattdessen kann ihre Haltung auch als eine bewusste Gleichgültigkeit gelesen werden, die tatsächlich Einfluss auf ihre Umgebung ausübt. Irene geht zwar scheinbar willkürlich eine Beziehung zu Stefan ein, jedoch vermeidet sie dadurch auch eine emotionale Abhängigkeit und erhält ihre Freiheit und Selbstbestimmung aufrecht. Ähnlich entwickelt es sich wider Erwarten auch in Bezug auf Franz. Einerseits scheint Irene eine emotional engere Verbindung zu Franz zu haben, da seine Abwesenheit schmerzhaft für sie ist. Andererseits führt das Zusammensein mit Franz letztlich nicht zu der erwarteten Erfüllung: »Offensichtlich, hatte Franz gesagt, wolltest du mehr. Du wolltest Sehnsucht, denn du hattest deine. Jetzt bist du hier. Und ich bin da, in diesem Zimmer. Und deine Sehnsucht ist die gleiche, als ob du nicht hier wärst und ich nicht da.«[39] Damit wird suggeriert, dass für Irene weniger Franz selbst von großer Bedeutung ist, als die Projektionsfläche, die er ihr bietet. Dem Sehnen nach Franz liegt scheinbar eine tiefere Sehnsucht zugrunde, die die Anwesenheit von Franz nicht stillen kann. Vermutlich geht der Sehnsucht ein Gefühl der Unvollkommenheit voraus, das durch ihre doppelt marginalisierte Position (als Migrantin und als Frau unter Männern) zu erklären ist. Wenn die Gegenwart keine Erfüllung der eigenen Bedürfnisse ermöglicht, bleibt die Sehnsucht als Ausweg. Dass diese Sehnsucht zunächst auf einen Mann projiziert wird, ist nur ein weiterer Ausdruck patriarchaler Zustände. 

Zudem lässt Irenes Verhalten Tendenzen einer sexuellen Unterwürfigkeit erkennen. Dafür spricht eine Gewohnheit, der sie in Rumänien nachgeht: Auf ihren Spaziergängen an der erdrutschgefährdeten Steilküste sucht sie stets die Begegnung mit dem gleichen fremden Mann. Während der Mann sich zu Irenes Anblick selbst befriedigt, verweilt Irene bewusst in der Situation. Diese verstörende Handlung ist ein weiteres Beispiel für die patriarchalen Dynamiken, die Irene umgeben und mit denen sie ihren ganz eigenen Umgang findet. Auch an dieser Stelle könnte ihr Verhalten als eine extreme Passivität gedeutet werden. Allerdings findet in der Situation eine Art der Selbstermächtigung statt. Indem Irene immer wieder bewusst den Kontakt sucht, ergreift sie die Kontrolle über die Situation zurück. Das Abhängigkeitsverhältnis wird dadurch umgedreht, dass sie den fremden Mann jeden Abend auf sich warten lässt. Das subversive Potential dieser Handlung ist fraglich, da sich Irene nichtsdestotrotz zum Objekt der Begierde degradieren lässt. Allerdings lässt ihr Umgang damit einen gewissen Willen zur Umdeutung der Verhältnisse erkennen.

Irenes Verhalten, insbesondere ihre zwischenmenschlichen Interaktionen, sind also eindeutig durch die Handlungsspielräume determiniert, die ihr zugesprochen werden. Gleichzeitig ist ihr Verhalten automatisch als Positionierung zu diesem System der Machtverteilung zu verstehen. 

Ihr Changieren zwischen Passivität und Selbstermächtigung stellt dabei keinen Widerspruch dar, sondern ein Symptom ihrer Unterdrückung. 

Im Hinblick auf Das Lachen der Medusa kann Irene als eine jener Frauen verstanden werden, die Cixous zum Schreiben und zum Bruch mit ihrem Schweigen auffordert. Die von Cixous thematisierte weltstrukturierende, männliche Dominanz spiegelt sich auch in Irenes Lebensrealität und ihrer Art zu lieben wider. Irenes Liebe ist eine sehr gebende, was Cixous als zentrale Beschaffenheit ›weiblicher Liebe‹ proklamiert. Irenes subtile Versuche der Untergrabung der männlichen Dominanz können deshalb als ›weibliche‹ Dekonstruktion gedeutet werden, da Irenes Verhalten unmittelbar an ihre gesellschaftlich konstruierte Weiblichkeit gebunden ist. Inwieweit Cixous Irenes Verhalten als gelungene Überwindung patriarchaler Machtverhältnisse einordnen würde, bleibt jedoch fraglich. Irenes Wahrnehmung scheint sich weiterhin um männliche Zentren zu drehen und ihr Verhalten kann eher als reaktiv denn als proaktiv eingestuft werden. Dennoch manifestiert sich auf inhaltlicher Ebene in der Figur Irene ein Aspekt Weiblichen Schreibens in der Erzählung von Herta Müller. Gleichzeitig sind vor allem auf der sprachlichen Ebene dekonstruktive Tendenzen zu erkennen, die eine solche Übertragung untermauern.

Fazit

Ein abschließendes Urteil darüber, inwiefern sich die Texte Reisende auf einem Bein und Das Lachen der Medusa durch eine gegenseitige Perspektivierung bereichern können, funktioniert nur unter Berücksichtigung der Komplexität des Vorhabens. An dieser Stelle sollen daher auch Aspekte erwähnt werden, die einer Deutung von Reisende auf einem Beinals Ausdruck eines Weiblichen Schreibens sowohl auf extra- als auch intradiegetischer Ebene widersprechen. Besonders auffällig ist, dass sich die Texte stark in ihrem sprachlichen Stil unterscheiden. Während Cixous einen leidenschaftlich dynamischen Ton anschlägt und einen »›Überfluss‹ an Sprache«[40] produziert, wirkt Müllers Sprache hingegen eher sparsam und reduziert. Ihre Wirkung entfaltet sich vor allem durch ungewöhnliche sprachliche Bilder, die eine starke Eindringlichkeit besitzen. Zwar besteht Cixous nicht auf einen einheitlichen Weiblichen Schreibstil, allerdings gibt sie mit ihrem Essay ein prominentes Beispiel für eine Art zu schreiben vor. Ihr Text stellt sprachlich das zur Schau, was er inhaltlich verlangt und kann daher als Orientierung für weiteres Weibliches Schreiben dienen. 

In Bezug auf die Figurengestaltung der Protagonistin Irene ergibt sich ein ambivalenteres Verhältnis zur Écriture féminine. Irenes Passivität und Unterwürfigkeit scheinen den Forderungen Cixous‘ zunächst zu widersprechen. Gleichzeitig eröffnet sich jedoch die Möglichkeit einer dekonstruktiven Lesart ihres Verhaltens, das als subversiver Akt der Unterwanderung patriarchaler Strukturen interpretiert werden kann. So lässt sich Irenes scheinbar passive Haltung auch als emanzipatorischer Umgang mit männlicher Dominanz verstehen – als bewusste Abgrenzung von den Erwartungen, die an ihre Rolle als immigrierte Frau gestellt werden. In diesem Sinne wird ihr Verhalten zu einer Form der Ablehnung phallogozentristischer Verhältnisse. Damit bietet Müllers Text durchaus intradiegetische Anknüpfungspunkte, die eine Auslegung im Sinne eines Weiblichen Schreibens nach Cixous valide machen. Die extradiegetischen Parameter der Erzählstruktur und Erzählposition fügen sich stimmig in dieses Bild ein und verstärken den Eindruck. Zwar bilden sie keine Voraussetzung für eine Lesart im Sinne der Écriture féminine, doch rücken die Texte dadurch gewissermaßen näher zusammen.

Für eine produktive Auseinandersetzung mit Cixous‘ Essay gilt es, eine biologistische Auslegung zu vermeiden, die patriarchale Machtverhältnisse reproduziert und nicht-binäre Geschlechtsidentitäten durch Auslassung diskriminiert. Eine zeitgemäße Übertragung auf andere Texte kann dann erfolgen, wenn der Fokus auf der fruchtbaren Essenz von Cixous‘ Forderungen liegt: die Selbstermächtigung unterdrückter Gruppen, das Erkennen und Zerschlagen patriarchaler Strukturen, der unmittelbare Zusammenhang von Sprache und Wirklichkeit. Die Verbindung mit Müllers Erzählung eröffnet genau diesen Blick auf zentrale Themen bei Cixous und demonstriert, wie eine solche Perspektive die Lektüre anderer Texte bereichern kann. Gleichzeitig bietet auch der umgekehrte Blick – von Müller auf Cixous – wertvolle Erkenntnisse. So demonstriert Müller mit Reisende auf einem Bein eine Möglichkeit, einen subversiven Umgang mit Sprache auf einen prosaischen Text zu übertragen, wodurch sich Potentiale der Verschiebungen von normativen Setzungen und Weltbildern eröffnen. Das Lachen der Medusa gewinnt zudem in der Konfrontation mit Irenes konkreter Geschichte an lebensweltlicher Plausibilität. Zugleich werden mögliche Grenzen von Cixous’ Forderungen offenbart. So erschöpft sich Irenes Kampf um Selbstermächtigung nicht allein in ihrer Rückbesinnung auf eine archaische Weiblichkeit oder Mütterlichkeit, die sie nicht verkörpert. Für die Figur Irene kann das subversive Potential aus Cixous’ Essay nur eingelöst werden, wenn es intersektional weitergedacht und u.a. um ihre migrantische Position ergänzt wird. Die von Cixous entworfene binäre Opposition von Männlich vs. Weiblich kann dabei als Ausdruck des wirklichkeitskonstituierenden Potentials von Schrift und Sprache verstanden werden. In diesem Sinne trägt Das Lachen der Medusa die Überwindung seiner eigenen Grenzen bereits in sich. In der von Cixous formulierten Dichotomie ist gleichzeitig deren Auflösung enthalten, die z.B. in Texten wie Reisende auf einem Bein und in Figuren wie Irene eingelöst werden kann.


Klara Prautzsch

[1]Herta Müller, Reisende auf einem Bein, Hamburg 1995, 112.

[2]Im Rahmen dieser Arbeit wird die Schreibweise »Weibliches Schreiben« verwendet, um die Konstruiertheit des Konzepts von Weiblichkeit zu verdeutlichen. 

[3]Vgl. Johanna Bossinade, Poststrukturalistische Literaturtheorie, Stuttgart 2000, 7 ff.

[4]Vgl. Lena Lindhoff, Einführung in die feministische Literaturtheorie, Stuttgart 2003, 113 ff.

[5]Hélène Cixous, Das Lachen der Medusa, in: Esther Hutfless u. a., Hélène Cixous. Das Lachen der Medusa zusammen mit aktuellen Beiträgen, Wien: 2013, 55, Schreibweise übernommen.

[6]Ebd., 41.

[7]Vgl. ebd., 39 ff.

[8]Vgl. ebd., 50.

[9]Vgl. Lindhoff, Einführung in die feministische Literaturtheorie, 90 ff.

[10]Vgl. Cixous, Das Lachen der Medusa, 47.

[11]Ebd., 55.

[12]Vgl. ebd., 44.

[13]Vgl. ebd., 52.

[14]Lindhoff, Einführung in die feministische Literaturtheorie, 115.

[15]Ebd.

[16]Vgl. Cixous, Das Lachen der Medusa, 54 ff.

[17]Ebd., 59, Schreibweise übernommen.

[18]Hélène Cixous, Die unendliche Zirkulation des Begehrens, Berlin 1977, 8.

[19]Cixous, Das Lachen der Medusa, 39.

[20]Vgl. ebd., 39 f.

[21]Ebd., 46.

[22]Vgl. ebd., 46 f.

[23]Ebd., 57.

[24]Ebd., 43.

[25]Cixous, Die unendliche Zirkulation des Begehrens, 8.

[26]Cixous, Das Lachen der Medusa, 43.

[27]Vgl. ebd., 52.

[28]Vgl. ebd., 53.

[29]Vgl. ebd., 47.

[30]Ebd., 47.

[31]Bibliographische Notiz, https://www.nobelprize.org/prizes/literature/2009/8543-biobibliographische-notiz-2009/ [Letzter Zugriff 18.03.2025].

[32]Cixous, Das Lachen der Medusa, 45.

[33]Vgl. ebd., 44.

[34]Müller, Reisende auf einem Bein, 122.

[35]Vgl. Cixous, Das Lachen der Medusa, 44.

[36]Lindhoff, Einführung in die feministische Literaturtheorie, 115.

[37]Müller, Reisende auf einem Bein, 32.

[38]Ebd., 116.

[39]Ebd., 142.

[40]Lindhoff, Einführung in die feministische Literaturtheorie, 115.