Wolfgang Brylla, Der polnische und deutschsprachige Retro-Krimi. ›Detektivische‹ Fallstudien,V&R unipress, Göttingen, 2025, 351 S.
Lukas kagerer
Obwohl Krimis seit vielen Jahren die Belletristik-Bestsellerlisten in Deutschland dominieren, fand und findet Kriminalliteratur in der Literaturwissenschaft nach wie vor nur wenig Beachtung. Lange Zeit wurde die Gattung als ›trivial‹ abgetan und ihre Rolle in der Literaturgeschichte marginalisiert. Erst seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert ist die Kriminalliteratur zunehmend Gegenstand wissenschaftlicher Forschung geworden.[1]
Aufgrund der Offenheit und Vitalität des Krimis ist es schwierig, eine einheitliche Definition der Gattung zu finden. Heutzutage existiert eine Vielzahl von Hybridformen – vom Frauenkrimi über den Regionalkrimi bis hin zum Öko-Thriller –, wodurch eine Einordnung häufig erschwert wird. Einer solchen Sub-Gattung (oder genauer gesagt: Sub-Sub-Gattung) widmet sich die vorliegende Studie von Wolfgang Brylla, die den Retro-Krimi als Unterkategorie des historischen Kriminalromans unter die Lupe nimmt.
Im Zentrum des Buches stehen die zwölf »detektivischen Fallstudien«, wie Brylla sie betitelt, die anhand von Beispielen aus Polen, Deutschland und Österreich einen umfassenden Einblick in diese kaum erforschte Untergattung geben. Begründet wird die Auswahl damit, dass »sich der Krimi in historischer Verkleidung in Ost- und Mitteleuropa am rasantesten weiterentwickelt« (33)[2] – warum gerade diese Länder für eine Betrachtung besonders relevant sind, wird jedoch nicht weiter erläutert. Auch die Zielsetzung der Studie bleibt eher allgemein: Brylla möchte einen »gattungsgeschichtliche[n] Überblick« (33) geben und beweisen, dass der Retro-Krimi ein poetologisch komplexes Genre ist, dass zur ›Enttrivialisierung‹ des Krimis beiträgt.
Positiv hervorzuheben ist die Breite des untersuchten Materials: Neben Genre-Klassikern wie Marek Krajewskis Eberhard-Mock-Reihe, werden auch in der Literaturwissenschaft bis dato kaum behandelte Werke, etwa Robert Hültners Bayern-Krimis, Andrea Maria Schenkels Tannöd und Kalteis oder Max Annas‘ DDR-Krimis, berücksichtigt. Auf diese Weise zeichnet Brylla ein vielschichtiges Porträt des (Retro-)Krimis.
Zu Beginn gibt Brylla eine kurze Einführung in die Gattungsgeschichte des Kriminalromans und verortet seine Studie im aktuellen Forschungskontext. Es folgt ein Abriss zur Geschichte des historischen Kriminalromans, einer Kombination des Kriminalromans mit dem historischen Roman, die sich auch in Deutschland zunehmender Beliebtheit erfreut. Brylla zufolge »werden schon mehr historische Kriminalromane geschrieben als Gegenwartstexte« (33); belegt wird diese Aussage allerdings nicht. Anschließend nähert Brylla sich dem Begriff ›Retro‹ an: Retro bezieht sich auf die »relativ unmittelbare Vergangenheit« (64), reinszeniert diese und versucht »an ihr Spaß [zu] haben« (65), anstatt sie zu idealisieren. Diese Eigenschaften bilden die Grundlage für die darauffolgende Definition des Retro-Krimis.
Der Retro-Krimi zeichnet sich Brylla zufolge dadurch aus, dass er die nahe Vergangenheit aufgreift und neu verarbeitet. Konkret handelt es sich um Romane, die »thematisch und handlungsorientiert auf das 20. Jahrhundert rückführbar sind und deren Handlungsstränge ebenfalls dort lokalisiert werden können.« (66) Brylla versucht, die gattungsdefinierenden Merkmale des Retro-Krimis zu konkretisieren, gelangt dabei jedoch zu keiner eindeutigen Definition. Schlussendlich werden einige Kriterien festgelegt, die Retro-Krimis erfüllen (sollten): Dazu gehören u. a. der zeitliche Rahmen (Ende des 19. Jahrhunderts bis 1990), der örtliche Rahmen (urbaner Raum) und der Umgang mit (realer) Geschichte, die im Retro-Krimi in der Regel zur Authentizität beiträgt, ohne handlungstragend zu sein. Allerdings gibt es auch zu diesen Kriterien teilweise unterschiedliche Auffassungen. Brylla nimmt hier, wie im gesamten Buch, Bezug auf diverse polnische und deutschsprachige Literaturwissenschaftler:innen und Autor:innen, um einen möglichst breit gefächerten Überblick über die Forschung zur Kriminalliteratur zu geben. An dieser Stelle wäre es jedoch wünschenswert gewesen, entweder weniger Stimmen miteinzubeziehen, um die Gattungsgrenzen klarer festzulegen, oder basierend auf den dargelegten Positionen eine eigene Definition zu schaffen. So bleibt der Begriff ›Retro-Krimi‹ bis zuletzt vage.
Im Anschluss folgen die zwölf Fallstudien, die das Herzstück des Buches bilden. Bryllas Beispiele verdeutlichen die enorme Vielfalt des Retro-Krimis mit seinen zahlreichen unterschiedlichen Schauplätzen und Themen: Die vorgestellten polnischen Autor:innen und Werke umfassen den »godfather« (72) des polnischen Retro-Krimis, Marek Krajewski, und dessen im Breslau der Nachkriegszeit angesiedelte Eberhard-Mock-Reihe, Marcin Wronskis Lublin-Krimireihe, die sich mit der polnisch-jüdischen Geschichte in der Zwischen- und Nachkriegszeit beschäftigt, Ryszard Cwirlejs Neo-Milizkrimis, welche in den 1980er-Jahren spielen und die polnischen Milizkrimis parodieren, sowie Maryla Szymiczkowska (hinter dem Pseudonym verbirgt sich das männliche Autorenduo Jacek Dehnel und Piotr Tarczynski) und ihre Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts situierten Krakau-Krimis.
Aus Deutschland stellt Brylla sechs Autor:innen und deren Romane vor: Robert Hültners Bayern-Krimis spielen im Münchner Umland zwischen 1919 und Ende der 1920er-Jahre, Volker Kutschers Gereon-Rath-Reihe lässt das Berlin der Zwischenkriegszeit neu aufleben, Andrea Maria Schenkels Erfolgskrimis Tannöd und Kalteis literarisieren reale Verbrechen in der bayerischen Provinz der 1950er-Jahre, Horst Bosetzkys Doku-Krimis greifen wahre Kriminalfälle wie die Serienmorde Karl Großmanns in Berlin Anfang des 20. Jahrhunderts auf, Christian von Ditfurths Stachelmann-Reihe führt Leser:innen in das Hamburg der NS-Zeit zurück und Max Annas‘ DDR-Krimis spielen in Thüringen Mitte der 1980er-Jahre. Abschließend werden die Werke der beiden österreichischen Autoren Andreas Pittler (Wiener Krimis zwischen 1913 und 1938) und Christof Weigold (Hollywood der 1920er-Jahre) vorgestellt.
Die Fallstudien bieten einen umfassenden Einblick in den Inhalt, die Erzählform sowie die Kombination von realer und fiktionaler Geschichte in den vorgestellten Texten. Abgeschlossen werden die Kapitel meist durch eine kurze Begründung, weshalb die Romane als Retro-Krimis kategorisiert werden können. Im Fokus der Analyse stehen u. a. die zahlreichen intertextuellen Verweise (auf Literatur, Film, Fernsehen, etc.), durch die sich die Retro-Krimis auszeichnen, das serielle Erzählen – handelt es sich doch bei fast allen vorgestellten Werken um Reihen, in denen häufig Motive aus vorherigen Teilen weitergesponnen werden – und die Authentifizierungsverfahren (z. B. angehängte Stadtkarten und Straßenregister), die zur Glaubwürdigkeit der historischen Kulisse beitragen. Wie Brylla anschaulich darlegt, nimmt die reale Geschichte in den Romanen eine unterschiedliche Rolle ein: Mal trägt sie lediglich zur »Vermittlung eines Zeitgefühls« (277, zu: Max Annas) bei, mal fungiert sie als »Parabel für das Heute« (186, zu: Robert Hültner) und mal wird sie selbst zum handlungstragenden Element, wie in Horst Bosetzkys Doku-Krimis.
Je nach Autor:in und Text sind die Kapitel verschieden aufgebaut und die einzelnen Abschnitte unterschiedlich gewichtet, wobei der Fokus der Analysen sowie die Relevanz des untersuchten Materials nicht immer nachvollziehbar begründet wird. Beispielsweise widmet Brylla der Rezeption von Marek Krajewskis Eberhard-Mock-Reihe ein eigenes Unterkapitel, während im Kapitel zu Andrea Maria Schenkels Romanen – mit zwölf Seiten das kürzeste des Buches – in erster Linie der Inhalt der Krimis nacherzählt wird. Hier wären eine einheitlichere Strukturierung der Kapitel sowie eine erkennbare durchgängige Argumentationslinie wünschenswert gewesen.
Besonders problematisch ist, dass fraglich bleibt, inwieweit überhaupt alle vorgestellten Romane Retro-Krimis im engeren Sinne sind – ohne dass die Studie selbst diese Schwierigkeit thematisiert. So verstoßen manche der Texte gegen die eingangs definierten gattungsspezifischen Merkmale. Dies betrifft die Regionalkrimis von Robert Hültner und Andrea Maria Schenkel, die nicht im urbanen Raum spielen, oder Horst Bosetzkys Doku-Krimis, die reale Verbrechen dokumentarisch wiedergeben und damit auf eine exakte Geschichtsschreibung abzielen. Bryllas Erklärung, Bosetzky gehe es um ein »Geschichtsverständnis […], in dem sich die Geschichte einerseits als etwas Gegebenes, andererseits als etwas Erst-zu-Erzählendes bzw. Erst-zu-Dokumentierendes im Sinne des Retro offenbart« (243), erscheint hier argumentativ wenig überzeugend und birgt die Gefahr, alle in der entsprechenden Zeitspanne situierten historischen Kriminalromane als Retro-Krimis einzuordnen.
Brylla schließt seine Ausführungen mit einem Fazit sowie einem Ausblick auf die Zukunft der Sub-Gattung. Wie die Auswahl der in der Studie untersuchten historischen Kriminalromane verdeutlicht, sind die Möglichkeiten, Kriminalliteratur und Retro miteinander zu kombinieren, äußerst vielfältig. Der Retro-Krimi ist dementsprechend grundsätzlich nicht auserzählt. Allerdings bemerkt Brylla eine tendenzielle Rückentwicklung der Sub-Gattung in Polen, die er auf die »veränderten Leseerwartungen« (320) zurückführt.
Zuletzt entwickelt Brylla induktiv einen »Merkmalskatalog des Retro-Krimis« (317), basierend auf den zuvor in der Studie durchgeführten Textanalysen. Neben den eingangs genannten Kriterien (Zeitraum, Handlungsort, Verhandlung realer Geschichte) werden weitere Punkte angeführt, die aus den einzelnen Beispielen hervorgegangen sind, so z. B. die Verwendung intertextueller Verweise, das serielle Erzählen oder das »Spiel mit der Geschichtlichkeit mit Bezügen zur Gegenwart« (317). Die festgelegten Kriterien sind jedoch so unspezifisch gehalten, dass sie auf einen großen Teil der Gegenwartsliteratur zutreffen. Darüber hinaus werden viele der Merkmale direkt durch Formulierungen wie »meistens« relativiert, sodass sie eher als Kann- denn als Muss-Kriterien erscheinen.
Angesichts dieser vagen Gattungsgrenzen wirkt die Auswahl der Autor:innen und Texte teilweise willkürlich und es stellt sich die Frage, warum Brylla nur eine Schriftstellerin berücksichtigt hat. Letztlich funktioniert das Buch als Gattungsüberblick, lässt in den einzelnen Analysen jedoch mitunter einen klaren Fokus vermissen, sodass die Zielsetzung der Untersuchung nicht immer nachvollziehbar ist. Besonders die nur unzureichend begründete Textauswahl wirft Fragen auf. Trotz der genannten Schwächen erschließt die Studie mit ihrem breiten Material einen bislang wenig beachteten Bereich der Kriminalliteratur und setzt damit wichtige Impulse für die weitere Forschung.

[1] Vgl. Düwell, Susanne, et al. Handbuch Kriminalliteratur: Theorien – Geschichte – Medien. J.B. Metzler Verlag, 2018, S. VII.
[2] Brylla, Wolfgang. Der polnische und deutschsprachige Retro-Krimi: ›Detektivische‹ Fallstudien. V&R unipress, 2025.