{"id":278,"date":"2025-07-09T13:40:21","date_gmt":"2025-07-09T11:40:21","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zeitschriftstudentischerbeitraege2025\/?page_id=278"},"modified":"2025-12-16T14:37:17","modified_gmt":"2025-12-16T13:37:17","slug":"helene-cixous","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zeitschriftstudentischerbeitraege2025\/helene-cixous\/","title":{"rendered":"Subversive Weiblichkeit"},"content":{"rendered":"\n<h2>Weiblichkeit als Subversion bei H\u00e9l\u00e8ne Cixous und Herta M\u00fcller<\/h2>\n\n\n\n<h6>klara prautzsch<\/h6>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator is-style-dots\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><em>Und noch etwas sp\u00fcrte Irene: Da\u00df sie in irgendeinem Augenblick, der entscheidend gewesen sein musste, alles vers\u00e4umt hatte. Irene wusste nicht, wann dieser Augenblick gewesen sein konnte und wie sie ihn h\u00e4tte erkennen sollen. Auch, was sie vers\u00e4umt hatte, wusste Irene nicht.<\/em><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_edn1\"><sup>[1]<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator is-style-dots\" \/>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Die fundamentale Verunsicherung und die ungreifbare Ahnung, etwas Wesentliches verpasst zu haben, die sich in dieser kurzen Passage offenbaren, sind zentrale Merkmale f\u00fcr Herta M\u00fcllers Sprache in der Erz\u00e4hlung&nbsp;<em>Reisende auf einem Bein<\/em>(1989). Durch den radikalen Fokus auf die Innerlichkeit der Protagonistin, einen fragmentarischen Erz\u00e4hlaufbau und gleicherma\u00dfen bizarre wie poetische sprachliche Bilder schafft M\u00fcller ein subtiles Gef\u00fchl der Leere und Entfremdung.&nbsp;Diese Form des Erz\u00e4hlens legt einen subjektiv-intuitiven Weltbezug nahe, der mit einer rationalen, logisch strukturierten Wahrnehmung bricht. Die \u00e4sthetisch erfahrbare Verunsicherung in M\u00fcllers Text verweist auf einen unkonventionellen Umgang mit Sprache, dem ein Anspruch auf Selbsterm\u00e4chtigung und die Dekonstruktion bestehender Strukturen zugrunde liegt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Daraus ergibt sich eine auf den ersten Blick wom\u00f6glich ungew\u00f6hnliche Parallele, und zwar zur feministischen Theoretikerin H\u00e9l\u00e8ne Cixous, die in ihrem Essay&nbsp;<em>Das Lachen der Medusa<\/em>&nbsp;(1975) die Idee einer&nbsp;<em>\u00c9criture f\u00e9minine&nbsp;<\/em>formuliert. Im Frankreich der 1970er-Jahre geh\u00f6rt H\u00e9l\u00e8ne Cixous zu den zentralen Stimmen feministischer Theorie. Im Zuge der studentischen Proteste ab 1968 organisiert die franz\u00f6sisch-algerische Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Lekt\u00fcrezirkel und Lehrveranstaltungen an der neu gegr\u00fcndeten Reformuniversit\u00e4t Vincennes in Paris. In diesem Rahmen widmet sie sich der Frage nach einer&nbsp;<em>\u00c9criture f\u00e9minine<\/em>, einem Weiblichen Schreiben.<a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_edn2\"><sup>[2]<\/sup><\/a>&nbsp;Im intellektuellen Klima dieser Zeit entstehen parallel verschiedene theoretische Ausrichtungen. Pazifismus, sexuelle Befreiung oder Autorit\u00e4tskritik sind gleicherma\u00dfen Anliegen der sogenannten 68er-Bewegung. Dieser Zeitgeist beg\u00fcnstigt die Herausbildung feministischer wie poststrukturalistischer Positionen. Einer der wegweisenden poststrukturalistischen Theoretiker, der auch f\u00fcr die Auseinandersetzung mit einer&nbsp;<em>\u00c9criture f\u00e9minine&nbsp;<\/em>eine gro\u00dfe Rolle spielt, ist der franz\u00f6sische Philosoph Jacques Derrida.<a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_edn3\"><sup>[3]<\/sup><\/a>&nbsp;Insbesondere auf die Konzepte von Dekonstruktion und Logozentrismus nach Derrida wird daher im Rahmen dieses Aufsatzes Bezug genommen. Diese erm\u00f6glichen es, die&nbsp;<em>\u00c9criture f\u00e9minine<\/em>&nbsp;als eine Suche nach einem neuen Umgang mit Sprache zu verstehen. Literaturwissenschaftlerinnen wie H\u00e9l\u00e8ne Cixous, Luce Irigaray, Clarice Lispector oder Julia Kristeva proklamieren mit der&nbsp;<em>\u00c9criture f\u00e9minine<\/em>&nbsp;ein Schreiben, das einer weiblichen Perspektive einen Raum gibt, die im patriarchalen Diskurs als untergeordnet marginalisiert wird. Im Zentrum steht das Weibliche, das im patriarchalen Diskurs systematisch verdr\u00e4ngte Andere im Hinblick auf ein dominantes M\u00e4nnliches.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Weibliches Schreiben nimmt daher vor allem die Perspektive und Wahrnehmung von Frauen in den Blick.<a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_edn4\"><sup>[4]<\/sup><\/a>&nbsp;Dadurch entsteht eine subversive Schreibpraxis, die durch den Fokus auf eine weibliche K\u00f6rperlichkeit und Intuition konventionelle Bedeutungszuschreibungen zu dekonstruieren versucht. Cixous\u2019 ber\u00fchmter programmatischer Essay&nbsp;<em>Das Lachen der Medusa<\/em>&nbsp;bietet ein Beispiel f\u00fcr die konsequente Umsetzung eines Weiblichen Schreibens und dient daher als Ausgangspunkt der vorliegenden Auseinandersetzung.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Folgenden sollen die Texte von M\u00fcller und Cixous in ein produktives Spannungsverh\u00e4ltnis gesetzt werden.&nbsp;Die Texte sollen sich dabei auf Augenh\u00f6he begegnen und nicht in einem hierarchischen Verh\u00e4ltnis stehen. Letztendlich dient dieses Unterfangen einem tieferen Verst\u00e4ndnis beider Texte: Cixous\u2019 Forderungen sollen an einem konkreten literarischen Text nachvollzogen werden, w\u00e4hrend M\u00fcllers Schreiben um eine Perspektivierung erweitert werden soll, die dessen subversives Potential in den Fokus nimmt.&nbsp;Die vorliegende Arbeit verfolgt daher eine Analyse von&nbsp;<em>Reisende auf einem Bein,&nbsp;<\/em>bei der die Erkenntnisse aus&nbsp;<em>Das Lachen der Medusa<\/em>&nbsp;sowohl auf extradiegetischer als auch auf intradiegetischer Ebene ber\u00fccksichtigt werden. Zugleich soll auch die umgekehrte Auslegung erfolgen, die nach einer m\u00f6glichen Bereicherung f\u00fcr die Lekt\u00fcre von Cixous\u2019 Essays durch M\u00fcllers Erz\u00e4hlung fragt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst wird ein Einblick in Wirkungsweisen und gestalterische Merkmale von Cixous\u2019 Essay gegeben sowie m\u00f6gliche Ans\u00e4tze f\u00fcr eine zeitgen\u00f6ssische Problematisierung aufgezeigt. Daran anschlie\u00dfend erfolgt eine erz\u00e4hltheoretische Analyse von M\u00fcllers Erz\u00e4hlung, die Aspekte wie Erz\u00e4hlstruktur, -position, Stil und Figurengestaltung umfasst und dabei zugleich eine Perspektivierung durch das Konzept der&nbsp;<em>\u00c9criture f\u00e9minine<\/em>&nbsp;vornimmt. Ziel ist es, durch die zun\u00e4chst ungew\u00f6hnlich erscheinende Zusammenstellung der beiden Texte m\u00f6gliche Parallelen und Widerspr\u00fcche herauszuarbeiten, die neue Perspektiven auf ihre Lekt\u00fcre er\u00f6ffnen.<\/p>\n\n\n\n<h4>\u00bbSchreib!\u00ab \u2013 Das Lachen der Medusa<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><em>Schreib! Und indem er sich sucht erkennt sich DEIN Text f\u00fcr mehr als Fleisch und Blut, als Teig, der sich knetet und aufgeht, aufr\u00fchrerisch, voller klingender und duftender Zutaten, als st\u00fcrmisch bewegte Verbindung von entfliegenden Farben, Bl\u00e4ttern und Fl\u00fcssen die ins Muttermeer m\u00fcnden das wir speisen.<\/em><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_edn5\"><sup>[5]<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Diese eindringlichen Worte H\u00e9l\u00e8ne Cixous\u2019 geben einen richtungsweisenden Einblick in den Gestus ihres ber\u00fchmten Essays&nbsp;<em>Das Lachen der Medusa<\/em>. Der Text entwickelt einen sprachlichen Sog mit ausdrucksstarken Bildern und sehr k\u00f6rperlichen, gegenst\u00e4ndlichen Referenzen. \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit dem bildhaften Titel: Medusa, die griechische Gorgone, die sonst mit Todesangst und Vernichtung assoziiert wird, agiert hier pl\u00f6tzlich sehr menschlich: Sie lacht. Diese Umdeutung der mythologischen Erz\u00e4hlung ist bezeichnend f\u00fcr den gesamten Text. Es geht um eine Umdeutung der Verh\u00e4ltnisse, um eine Aneignung, oder eher: eine Zur\u00fcck-Aneignung. Cixous pl\u00e4diert f\u00fcr eine R\u00fcckbesinnung auf eine genuin weibliche Kraft, auf eine R\u00fcckkehr der Frauen in \u00f6ffentliche Diskurse. Sie impliziert damit einen urspr\u00fcnglichen Zustand, in dem Frauen pr\u00e4senter waren, als sie es heutzutage sind: \u00bbDie Frauen kommen von weither zur\u00fcck: aus dem Immerschon\u00ab.<a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_edn6\"><sup>[6]<\/sup><\/a>&nbsp;Cixous fordert die verdr\u00e4ngten Frauen dazu auf, ihre Stimmen zu erheben und sich durch das Schreiben aktiv in die Welt einzubringen.<a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_edn7\"><sup>[7]<\/sup><\/a>&nbsp;Die Verwehrung der Macht und Entfaltung des Weiblichen interpretiert Cixous als Ausdruck einer m\u00e4nnlichen Angst, die die Subversion patriarchaler Strukturen f\u00fcrchtet. Im Mythos der Medusa und ihrem t\u00f6dlichen Blick manifestiert sich diese Angst vor einem sozialen und politischen Umbruch. Cixous l\u00e4sst in ihrem Text die Medusa deshalb lachen.<a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_edn8\"><sup>[8]<\/sup><\/a>&nbsp;Sie konstruiert damit das Bild einer affirmierenden Frau, die sich \u00fcber ihre m\u00e4nnlichen Zuschreibungen hinwegsetzt und sich an ihrer eigenen Weiblichkeit erfreut. Durch diese Umkehr der Angst spricht sie Frauen das Potential zur Selbsterm\u00e4chtigung zu und bezieht das auf eine sprachliche Ebene.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr eine Analyse des subversiven Potentials von Cixous\u2019 Werk ist das Konzept des&nbsp;<em>Phallogozentrismus<\/em>&nbsp;nach Jacques Derrida als theoretische Grundlage heranzuziehen. Der&nbsp;<em>Phallogozentrismus<\/em>&nbsp;geht auf das sinnstrukturierende System des&nbsp;<em>Logozentrismus<\/em>&nbsp;zur\u00fcck, der die Ausrichtung der gesamten westlichen Denk- und Wissenschaftstradition auf den logischen Verstand beschreibt. Logozentrisches Denken konstruiert ein Zentrum als dominante Norm, w\u00e4hrend alles andere als Abweichung dessen verstanden wird. In Kombination mit dem Begriff&nbsp;<em>Phallus<\/em>&nbsp;wird auf die patriarchalen Konventionen von Bedeutungszuschreibung verwiesen, die sich auf die hierarchisierte Opposition&nbsp;<em>M\u00e4nnlich vs. Weiblich<\/em>&nbsp;berufen. Alles, was sich von der m\u00e4nnlichen Norm unterscheide, gelte phallogozentristisch als das \u203aAndere\u2039.<a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_edn9\"><sup>[9]<\/sup><\/a>&nbsp;Diese Hierarchie zeigt sich in der ungleichen Verteilung gesellschaftlicher Macht, was im Patriarchat als naturgegebener Zustand angenommen wird. Gleichzeitig manifestiert sich der&nbsp;<em>Phallogozentrismus<\/em>&nbsp;auch auf einer sprachlichen Ebene, da auch Schrift und Sprache diesem einverleibt seien. Cixous zufolge m\u00fcssten Frauen daher initiativ werden und sich durch einen dezidiert&nbsp;<em>weiblichen<\/em>&nbsp;Sprachgebrauch die Sprache zur\u00fcckerobern. Wie genau sich diese \u203aweibliche Sprache\u2039 darstelle, sei jedoch nicht genauer zu definieren. In dieser Ungreifbarkeit, diesem Entziehen vor dem Verstehen, zeichnet sich bereits ein zentrales Kriterium des weiblichen Schreibens ab. Hegemoniale, wissenschaftliche Strategien der Theoretisierung k\u00f6nnten dem Konzept nicht gerecht werden, da diese von Cixous ebenfalls als Teil des&nbsp;<em>Phallogozentrismus<\/em>&nbsp;verstanden werden.<a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_edn10\"><sup>[10]<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Die Attribute&nbsp;\u00bbaufr\u00fchrerisch, voller klingender und duftender Zutaten\u00ab<a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_edn11\"><sup>[11]<\/sup><\/a>&nbsp;auf eine konkrete literarische Praxis&nbsp;zu beziehen, erfordert offensichtlich einen anderen Zugang zum Schreiben, als es in den konventionellen Wissenschaften vorgesehen ist. Zentral sei die Einbeziehung des weiblichen K\u00f6rpers und des Unterbewusstseins. Das Unbewusste \u2013 gleichsam verdr\u00e4ngt wie die Frau \u2013 m\u00fcsse beim Schreiben wirksam werden.<a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_edn12\"><sup>[12]<\/sup><\/a>&nbsp;Das Ziel bestehe darin, die Sprache von innen heraus \u00bbaufzubrechen\u00ab und sich dabei aller Konventionen zu entledigen.<a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_edn13\"><sup>[13]<\/sup><\/a>&nbsp;Solch ein Aufbruch sei auf der sprachlichen Ebene beispielsweise durch einen&nbsp;\u00bb\u203a\u00dcberfluss\u2039 an Sprache\u00ab<a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_edn14\"><sup>[14]<\/sup><\/a>, einen&nbsp;\u00bb\u203aAbfall\u2039 an Signifikanten\u00ab<a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_edn15\"><sup>[15]<\/sup><\/a>&nbsp;zu erreichen. Cixous betont au\u00dferdem den fundamentalen Zusammenhang zwischen Schreiben, Sprache und&nbsp;<em>gebender Liebe<\/em>. Schreiben stelle f\u00fcr die Frau die M\u00f6glichkeit dar, sich dem Gegen\u00fcber ohne dessen Einverleibung anzun\u00e4hern. W\u00e4hrend m\u00e4nnliche Liebe immer Vereinnahmung und Annexion anstrebe, sei Liebe ohne Aneignung etwas genuin Weibliches.<a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_edn16\"><sup>[16]<\/sup><\/a>Cixous pl\u00e4diert in diesem Sinne f\u00fcr eine&nbsp;\u00bbANDERE LIEBE\u00ab<a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_edn17\"><sup>[17]<\/sup><\/a>, die gewisserma\u00dfen das \u00dcberwinden der eigenen Identit\u00e4t durch das Geben an Andere erm\u00f6glicht. Eine solche Liebe wird in diesem Szenario zur Antriebskraft des Weiblichen Schreibens erhoben.&nbsp;<em>Das Lachen der Medusa<\/em>&nbsp;tr\u00e4gt all diese Forderungen bereits in sich und demonstriert damit ein Beispiel des Weiblichen Schreibens. Cixous pr\u00e4sentiert einen sinnlichen, sprachlich \u00fcberbordenden und \u00e4u\u00dferst dynamischen Text, der einen besonderen Leseeindruck hinterl\u00e4sst. Diese Gleichzeitigkeit von Beschreibung und Umsetzung stellt eine der gro\u00dfen St\u00e4rken des Essays dar. Die direkte Du-Anrede impliziert eine pers\u00f6nliche N\u00e4he zu den Rezipierenden und transportiert eine pochende Dringlichkeit. Der Essay gilt als einer der zentralen Texte der&nbsp;<em>\u00c9criture f\u00e9minine&nbsp;<\/em>und verortet sich damit selbst im Kontext anderer Vertreterinnen der Bewegung. Dennoch bietet der Text einigen Anlass zu berechtigter Kritik, die im Folgenden ber\u00fccksichtigt werden soll.<\/p>\n\n\n\n<h4>Problematisierungen<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><em>\u00bbVorsicht, ich versuche nicht, eine weibliche Schreibweise zu schaffen, sondern in die Schreibweise das einflie\u00dfen zu lassen, was bisher immer verboten gewesen ist, n\u00e4mlich Wirkungen von Weiblichkeit.\u00ab<\/em><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_edn18\"><sup>[18]<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Diese Aussage Cixous\u2019 erm\u00f6glicht R\u00fcckschl\u00fcsse auf ihr Verst\u00e4ndnis von&nbsp;<em>\u00c9criture f\u00e9minine<\/em>&nbsp;und stellt zugleich den Versuch dar, eine potenzielle Kritik daran zu entkr\u00e4ften. Einerseits offenbart sich darin ihre Ablehnung einer allgemeing\u00fcltigen Definition und Beschreibung der&nbsp;<em>\u00c9criture f\u00e9minine<\/em>. Andererseits impliziert sie die Idee einer archaisch urspr\u00fcnglichen Weiblichkeit, wodurch sie die deutliche Trennung&nbsp;<em>Weiblich vs. M\u00e4nnlich<\/em>&nbsp;selbst aufrechterh\u00e4lt. Eine heutige wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der&nbsp;<em>\u00c9criture f\u00e9minine&nbsp;<\/em>nach Cixous kann daher nicht ohne die Problematisierung einiger ihrer zentralen Aussagen auskommen. Vor allem das Verharren innerhalb der Binarit\u00e4t&nbsp;<em>Mann vs. Frau<\/em>&nbsp;ist aus einer zeitgem\u00e4\u00df intersektionalen Perspektive \u00fcberholt. Jedoch ist Cixous auch nicht g\u00e4nzlich abzusprechen, dass sie versucht, diese teilweise zu untergraben. Ihre Definition des Begriffs&nbsp;<em>Frau<\/em>&nbsp;zu Beginn des Essays k\u00f6nnte einen solchen Versuch darstellen: Einerseits bezieht sie den Begriff auf ein \u00bbuniversales Subjekt\u00ab,<a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_edn19\"><sup>[19]<\/sup><\/a>&nbsp;andererseits wehrt sie sich gegen eine Verallgemeinerung von Frauen.<a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_edn20\"><sup>[20]<\/sup><\/a>&nbsp;Wirklich greifbar wird ihre Positionierung durch diese widerspr\u00fcchlichen Aussagen allerdings nicht. Vorherrschend bleiben ihre Charakterisierungen einer bin\u00e4r gedachten Weiblichkeit, die sich als Gegensatz zum M\u00e4nnlichen konstituiert. Besonders deutlich wird das durch die Betonung der&nbsp;<em>Mutter<\/em>&nbsp;als&nbsp;\u00bbUrsprung des Guten\u00ab.<a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_edn21\"><sup>[21]<\/sup><\/a>&nbsp;Damit bedient sie ein traditionelles Bild der Frau, wenngleich ihr Verst\u00e4ndnis von Mutterschaft durchaus komplexer ist. Sie versteht darunter eine allgemeine weibliche Sch\u00f6pfungskraft, die sich&nbsp;<em>auch<\/em>&nbsp;im k\u00f6rperlichen Sinne des Geb\u00e4rens von Leben manifestiere.<a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_edn22\"><sup>[22]<\/sup><\/a>&nbsp;Dennoch bezeichnet sie den Wunsch zur Schwangerschaft als ein weibliches, triebhaftes Begehren und setzt es dem Schreiben gleich. Beide Begehren entspr\u00e4ngen dem&nbsp;\u00bbBed\u00fcrfnis sich innerlich zu erleben\u00ab<a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_edn23\"><sup>[23]<\/sup><\/a>&nbsp;und dem Wunsch zum Geben. Sie hebt damit die gebende Rolle von Frauen derart hervor, dass sie einer m\u00e4rtyrerischen Selbstaufgabe gleicht, was im Kontrast zu ihrem Aufruf nach Selbsterm\u00e4chtigung steht. Dass Cixous den Akt des Schreibens auf einer k\u00f6rperlichen Ebene verortet, macht den Essay fruchtbar f\u00fcr eine biologistische Auslegung. Allerdings wird diese Idee einer naturgegebenen k\u00f6rperlichen Weiblichkeit in dem Essay nicht konsequent verfolgt und an einigen Stellen sogar entkr\u00e4ftet. Beispielsweise bewertet sie die meisten von Frauen geschriebenen Texte als zu m\u00e4nnlich, wobei sie sich hier dezidiert auf&nbsp;\u00bbm\u00e4nnliche Schrift\u00ab<a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_edn24\"><sup>[24]<\/sup><\/a>&nbsp;bezieht. Dass sie hier mit ihrer zuvor archaisch betonten Solidarit\u00e4t unter Frauen bricht, k\u00f6nnte ihr als erneuter Widerspruch ausgelegt werden. Indem sie jedoch sowohl Weibliches als auch M\u00e4nnliches Schreiben als kulturell gelernte Praxis charakterisiert, stellt sie sich gegen die essentialistische Verbindung von Frauen und Weiblichem Schreiben. In diesem Sinne formuliert ihr oben zitierter Ausdruck&nbsp;\u00bbWirkungen von Weiblichkeit\u00ab<a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_edn25\"><sup>[25]<\/sup><\/a>&nbsp;weniger eine biologisch determinierte Weiblichkeit, sondern betont die kulturellen Effekte einer weiblichen Sozialisierung, die im Schreiben sichtbar gemacht werden sollen. Cixous verwendet daher \u2013 wenn auch nicht konsequent \u2013 den Begriff der&nbsp;\u00bb\u00d6konomie\u00ab,<a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_edn26\"><sup>[26]<\/sup><\/a>&nbsp;um die gesellschaftliche Konstruiertheit der Geschlechterdifferenzen zu verdeutlichen. Der Begriff kn\u00fcpft auch an die kapitalismuskritischen Tendenzen an, die der Text nahelegt, und die den Kapitalismus als Folge des Patriarchats bewerten.<a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_edn27\"><sup>[27]<\/sup><\/a>&nbsp;Eher vage erw\u00e4hnt sie an einigen Stellen zudem den Kolonialismus<a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_edn28\"><sup>[28]<\/sup><\/a>, w\u00e4hrend ihr Bekenntnis zum Klassenkampf wesentlich deutlicher ausf\u00e4llt.<a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_edn29\"><sup>[29]<\/sup><\/a>&nbsp;Sie definiert es als weibliche Eigenschaft,&nbsp;\u00bballen Befreiungsbewegungen k\u00f6rperlich verbunden\u00ab<a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_edn30\"><sup>[30]<\/sup><\/a>&nbsp;zu sein. Damit ist Cixous zwar durchaus eine gewisse intersektionale Perspektive zuzuschreiben, allerdings bleibt diese durch die st\u00e4ndige R\u00fcckf\u00fchrung auf das Weibliche eher schwach.<\/p>\n\n\n\n<p>Offenbar l\u00e4sst sich&nbsp;<em>Das Lachen der Medusa<\/em>&nbsp;nicht eindeutig einer bestimmten feministischen Haltung zuordnen, was auch den textimmanenten Widerspr\u00fcchen geschuldet ist. Die bin\u00e4re Rhetorik ist offensichtlich, wobei sie teilweise komplexere Interpretationen zul\u00e4sst, als auf den ersten Blick sichtbar sein mag. An dieser Stelle soll ein grundlegendes Argument gegen eine simple, biologistisch essentialistische Auslegung des Textes betont werden: Der Essay ist als Appell zum Schreiben und zur sprachlichen Revolution zu verstehen. Dieser Fokus verdeutlicht die weltkonstruierende Macht, die Cixous der Sprache und der Schrift zuschreibt. Durch die Betonung des&nbsp;<em>Phallogozentrismus<\/em>&nbsp;f\u00fchrt sie Geschlechterdifferenzen auf patriarchale Strukturen zur\u00fcck und legt damit deren Konstruiertheit offen. Bereits der Schreibanlass \u2013 die Etablierung eines Weiblichen Schreibens \u2013 ist damit als Pl\u00e4doyer gegen eine Naturalisierung von Herrschaftsverh\u00e4ltnissen zu deuten. In diesem Sinne kann die Idee der&nbsp;<em>\u00c9criture f\u00e9minine&nbsp;<\/em>auch heutzutage als eine produktive Schablone zur Ann\u00e4herung an andere Texte dienen, sofern die genannten Problematisierungen mitgedacht werden.<\/p>\n\n\n\n<h4>Vom Reisen und Schreiben auf einem Bein \u2013 Erz\u00e4hltheoretische Ann\u00e4herung an Herta M\u00fcller<\/h4>\n\n\n\n<p><em>Reisende auf einem Bein<\/em>&nbsp;wurde zwei Jahre nach Herta M\u00fcllers \u00dcbersiedlung nach Deutschland ver\u00f6ffentlicht. Nachdem die Banatschw\u00e4bin ins Visier des rum\u00e4nischen Geheimdienstes&nbsp;<em>Securitate<\/em>&nbsp;geraten war, emigrierte sie mit 34 Jahren nach Deutschland. Dort setzte sie ihr literarisches Schaffen mit zahlreichen Ver\u00f6ffentlichungen fort, wof\u00fcr sie 2009 den Nobelpreis f\u00fcr Literatur erhielt. Viele ihrer Werke verhandeln das Aufwachsen in einer Diktatur und ihre kulturelle Pr\u00e4gung als Teil einer deutschsprachigen Minderheit in Rum\u00e4nien.<a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_edn31\"><sup>[31]<\/sup><\/a>&nbsp;M\u00fcllers Erfahrungen mit Prozessen der psychologischen und b\u00fcrokratischen Eingliederung in ein fremdes Land spiegeln sich auch in der Lebensrealit\u00e4t der Protagonistin Irene aus&nbsp;<em>Reisende auf einem Bein<\/em>&nbsp;wider.&nbsp;Die Erz\u00e4hlung setzt unmittelbar vor Irenes \u00dcbersiedlung nach Deutschland ein und schildert ihre folgende Suche nach einem neuen Zuhause, ihre Beh\u00f6rdeng\u00e4nge zur Einb\u00fcrgerung sowie erste Ann\u00e4herungen mit neuen Bekanntschaften. Gef\u00fchle der Fremdheit, Einsamkeit und existenziellen Unsicherheit pr\u00e4gen diese Lebensphase.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Text begleitet Irene durch einen Alltag, der kaum als solcher zu bezeichnen ist, sondern vielmehr eine lose verkn\u00fcpfte Abfolge unterschiedlicher Begebenheiten und Eindr\u00fccke darstellt: fl\u00fcchtige bis tiefgr\u00fcndige M\u00e4nnerbekanntschaften, Zugreisen quer durch Deutschland und die allm\u00e4hliche M\u00f6blierung ihres Zimmers. Irene wirkt dabei stets in sich gekehrt und introvertiert. Ihre Gedanken werden von wiederkehrenden Erinnerungen an ihre Heimat dominiert, zu der sie nur \u00fcber eine sporadische Brieffreundschaft Verbindung h\u00e4lt.&nbsp;In dieser Erz\u00e4hlstruktur zeigt sich bereits ein Merkmal von M\u00fcllers Erz\u00e4hlweise, dass die Erz\u00e4hlung einer Lesart im Sinne der&nbsp;<em>\u00c9criture f\u00e9minine&nbsp;<\/em>n\u00e4herbringt. Die Rezeption von&nbsp;<em>Reisende auf einem Bein<\/em>&nbsp;scheint mehr als rein rationalen&nbsp;<em>Logos<\/em>&nbsp;zu erfordern, wie im Folgenden erl\u00e4utert wird.<\/p>\n\n\n\n<p>In Bezug auf M\u00fcllers Erz\u00e4hlstruktur ist der collagenhafte Aufbau hervorzuheben. Es l\u00e4sst sich zwar eine Chronologie erkennen, jedoch wird kein stringenter Handlungsablauf verfolgt. Stattdessen findet eine Aneinanderreihung einzelner Szenen statt, die sich selten direkt aufeinander beziehen und sich meist erst im weiteren Verlauf des Textes durch andere Fragmente erschlie\u00dfen. Die Erz\u00e4hlstruktur und die inhaltliche Ebene scheinen sich hier zu bedingen: So wenig wie Irenes Alltag einem eingespielten Rhythmus folgt, tut es auch der erz\u00e4hlerische Aufbau. Ihr Zustand zwischen Ankommen und Loslassen, ihre rechtlich nur tempor\u00e4re Existenzberechtigung sowie ihr Mangel an Arbeit und sozialem Netzwerk markieren Irenes Situation als eine struktur- und rastlose \u00dcbergangsphase, die sich auch auf der sprachlichen Ebene manifestiert. Gleichzeitig kann diese Eigenschaft des fragmentarischen Erz\u00e4hlens auch im Sinne eines Weiblichen Schreibens nach Cixous bewertet werden. M\u00fcllers Erz\u00e4hlweise str\u00e4ubt sich gewisserma\u00dfen gegen einen phallogozentristischen linearen Aufbau, der als Verweis auf das m\u00e4nnliche,&nbsp;\u00bbknechtende Verh\u00e4ltnis zur Kontrollnahme\u00ab<a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_edn32\"><sup>[32]<\/sup><\/a>&nbsp;zu verstehen w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Auch die Gestaltung der Erz\u00e4hlinstanz l\u00e4sst sich sinnvoll mit den Visionen der&nbsp;<em>\u00c9criture f\u00e9minine&nbsp;<\/em>verbinden. Die Wahl der internen Fokalisierung in&nbsp;<em>Reisende auf einem Bein<\/em>&nbsp;offenbart sich als ein geeignetes Mittel, um Cixous\u2019 Aufforderung nachzukommen, sich als Frau durch das Schreiben in die Welt einzubringen. Die interne Fokalisierung erlaubt die Fokussierung auf Irenes pers\u00f6nlichen, intimen Wahrnehmungshorizont. Gleichzeitig wird durch die subjektive Perspektive dem Unbewussten viel Raum zugestanden, welches Cixous zufolge dem Weiblichen durch die Erfahrung von Verdr\u00e4ngung und Unterdr\u00fcckung sehr nahestehe.<a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_edn33\"><sup>[33]<\/sup><\/a>&nbsp;Die Wahl einer nullfokalisierten, heterodiegetisch gestalteten Erz\u00e4hlperspektive w\u00fcrde beispielsweise eine hierarchisch \u00fcbergeordnete Instanz suggerieren, was kontr\u00e4r zu den anti-autorit\u00e4ren Bestrebungen Cixous w\u00e4re.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fokus auf das Unbewusste und Abweichende l\u00e4sst sich ebenso in M\u00fcllers sehr bildhafter Sprache finden, die oft absurde oder leicht \u203averdreht\u2039 erscheinende Assoziationen hervorruft. Dieser Eindruck wird durch ungew\u00f6hnliche Kombinationen von Objekten oder Eindr\u00fccken erzeugt, wie beispielweise an folgender Stelle:<\/p>\n\n\n\n<p>Und es war eine fremde Hand auf der Haut, als Irene sich ins Gesicht griff. Und das Ged\u00e4rm, Irene sah fast ihr Ged\u00e4rm. Trug es wie im Einweckglas im Bauch. Und das Herz und die Zunge wie tiefgefrornes Obst. Schnittblumen, dachte Irene. Ich kauf mir jetzt Schnittblumen.<a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_edn34\"><sup>[34]<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Bereits das Bild von einem sich im Bauch befindlichen Einweckglas, gef\u00fcllt mit Ged\u00e4rm, ist befremdlich und dabei \u00e4u\u00dferst spezifisch. Die Gleichsetzung vom Herzen und der Zunge mit tiefgefrorenem Obst ist ungew\u00f6hnlich, aber gleichzeitig auf einer intuitiven Verst\u00e4ndnisebene sehr zug\u00e4nglich. Der pl\u00f6tzlich folgende \u00dcbergang zu Irenes Entschluss, Schnittblumen zu kaufen, ist hingegen sehr abrupt, der kausale Zusammenhang bleibt unklar. Es entsteht der Eindruck, Irenes ungefilterte Empfindungen zu verfolgen, was eine emotionale N\u00e4he zu der Protagonistin entstehen l\u00e4sst. Gleichzeitig k\u00f6nnen solche etwas \u203aschiefen\u2039 Bilder zu einer Distanz f\u00fchren, da sie sich einem rationalen Verst\u00e4ndnis entziehen. Der Text spricht damit eine Lesart an, die nicht nur \u00fcber reine Logik funktioniert, sondern eine intuitive, assoziative Ebene einschlie\u00dft. Zugleich offenbart sich in diesem Zitat eine verst\u00e4rkte Einbeziehung des (weiblichen) K\u00f6rpers, die auch ein erkl\u00e4rtes Ziel von Cixous\u2019 Weiblichem Schreiben darstellt.<a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_edn35\"><sup>[35]<\/sup><\/a>&nbsp;Es l\u00e4sst sich daher erneut der Bezug zur&nbsp;<em>\u00c9criture f\u00e9minine&nbsp;<\/em>herstellen. Derartige sprachliche Bilder hinterfragen konventionelle Bedeutungszuschreibungen und f\u00fchren zu einer Umdeutung sprachlicher Zeichen. Der&nbsp;\u00bb\u203aAbfall\u2039 an Signifikanten\u00ab,<a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_edn36\"><sup>[36]<\/sup><\/a>&nbsp;den die&nbsp;<em>\u00c9criture f\u00e9minine&nbsp;<\/em>anstrebt, manifestiert sich bei M\u00fcller in solchen sprachlichen Konstrukten. M\u00fcller bricht mit sprachlichen Konventionen und f\u00fchrt eine Verschiebung von Normalit\u00e4t herbei. Ihr Schreiben lie\u00dfe sich damit Cixous\u2019 Verst\u00e4ndnis nach als&nbsp;<em>weiblich<\/em>&nbsp;einordnen. Um jedoch eine biologistische Verh\u00e4rtung des Konzepts zu dekonstruieren, soll f\u00fcr diese Deutung die Zuschreibung&nbsp;<em>weiblich<\/em>&nbsp;erweitert werden. Anstatt die Besonderheit des Textes auf eine geschlechtliche Identit\u00e4t zur\u00fcckzuf\u00fchren, soll das generelle Potential zur Ver\u00e4nderung bestehender Verh\u00e4ltnisse betont werden, das mit diesem unkonventionellen Umgang mit Sprache einhergeht.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr eine Untersuchung der Figurengestaltung bei M\u00fcller soll im Folgenden der Versuch unternommen werden, die Protagonistin Irene in ein Verh\u00e4ltnis zur&nbsp;<em>\u00c9criture f\u00e9minine<\/em>&nbsp;zu setzen. Durch eine zun\u00e4chst intradiegetische Betrachtung wird die Figur dadurch selbst als Akteurin innerhalb des Spannungsfeldes verstanden, das die Praxis des Weiblichen Schreibens er\u00f6ffnet. Es ist daher von besonderem Interesse, inwiefern Irenes Verhalten und Charakter Elemente Weiblichen Schreibens aufweisen. Die Visionen aus&nbsp;<em>Das Lachen der Medusa<\/em>&nbsp;k\u00f6nnen dabei als diskursiver Horizont verstanden werden, der Irene ein emanzipatorisches Potential bietet. Eine derartige Ann\u00e4herung an die Figur bietet sich an, da in die Figur Konflikte und Themen eingeschrieben sind, die sich auch in der Rhetorik des Essays von Cixous wiederfinden. Allerdings stellt es sich als schwierig heraus, eindeutige Aussagen \u00fcber Irenes Charakter zu treffen. Ihr Verhalten ist von Ambivalenz gepr\u00e4gt und changiert zwischen ausgesprochener Passivit\u00e4t und energischer Selbstbestimmung. Bereits die \u00dcbersiedlung nach Deutschland offenbart dieses Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen Passivit\u00e4t und Aktivit\u00e4t. Durch die Entscheidung zur \u00dcbersiedlung ergreift Irene zwar die Kontrolle \u00fcber ihr eigenes Schicksal, allerdings begibt sie sich gleichzeitig in eine Situation gro\u00dfer Unsicherheit und Verletzlichkeit. Sie liefert sich selbst an etwas aus, das au\u00dferhalb ihrer Einflusskraft liegt. Sie entscheidet sich&nbsp;<em>aktiv<\/em>&nbsp;daf\u00fcr, eine&nbsp;<em>passive<\/em>&nbsp;Rolle einzunehmen. Diese aktive Entscheidung zur \u00dcbersiedlung, die ihrem Leben in Deutschland vorausgeht, ist bei der Beurteilung ihres Charakters mitzudenken. Passivit\u00e4t entpuppt sich damit als ein Symptom ihrer transnationalen Position und somit wiederum als Ausdruck von Marginalisierung und Unterdr\u00fcckung. Dieser Mechanismus spiegelt sich auch in Irenes zwischenmenschlichen Interaktionen wider.<\/p>\n\n\n\n<p>Irenes menschliches Umfeld ist ausgesprochen m\u00e4nnlich. Ihre einzige weibliche Bezugsperson ist eine rum\u00e4nische Brieffreundin, in Deutschland umgibt sie sich jedoch nur mit M\u00e4nnern. Durch diese narrative Entscheidung Herta M\u00fcllers kommen gewisse Machtstrukturen mehr zum Tragen, sodass sich in Irene gesamtgesellschaftliche, patriarchale Dynamiken herauskristallisieren. Bezeichnend daf\u00fcr ist das scheinbare Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis, das zwischen Irene und ihren Bekannten besteht. Dieses gr\u00fcndet zum einen in ihrer Rolle als Neuank\u00f6mmling im Land, zum anderen wird es durch patriarchale Hierarchien verst\u00e4rkt. Die durchaus hilfreiche Unterst\u00fctzung, die Irene durch ihre Bekannten erf\u00e4hrt, soll nicht als&nbsp;<em>patriarchale Machtaus\u00fcbung<\/em>&nbsp;eingeordnet werden, dennoch bildet sie die Grundlage f\u00fcr deren Verh\u00e4ltnis.<\/p>\n\n\n\n<p>Irenes erste Bezugsperson, die sie bereits vor ihrer \u00dcbersiedlung kennenlernt, ist Franz. Irene erhofft sich zu Franz daher einen besonders engen Kontakt. Diese Erwartung bleibt jedoch unerf\u00fcllt. Franz erweist sich als kaum pr\u00e4sent, die Kontaktaufnahme scheint meistens von Irene auszugehen. In einer Karte, die sie an ihn schreibt, wird das unausgeglichene Verh\u00e4ltnis sichtbar:&nbsp;\u00bbFranz, ich hab dich angerufen. Einen Tag am Morgen, einen Tag am Mittag, einen Tag am Abend. Wozu. [\u2026] Ich will dich sehen.\u00ab<a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_edn37\"><sup>[37]<\/sup><\/a>&nbsp;Diese unterschiedlichen Bed\u00fcrfnisse lassen eine Hierarchie in ihrer Beziehung entstehen. Beispielsweise erscheint Franz nicht wie versprochen am Flughafen, um Irene abzuholen, sondern schickt stattdessen Stefan. Irene und Stefan beginnen im Laufe der Erz\u00e4hlung ein Verh\u00e4ltnis, \u00fcber das Irene an einer Stelle folgenderma\u00dfen denkt:&nbsp;\u00bbHatte Irene sich Stefan ausgesucht. Franz. Sie wusste es nicht.\u00ab<a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_edn38\"><sup>[38]<\/sup><\/a>&nbsp;Diese \u00dcberlegung veranschaulicht eine Passivit\u00e4t, beziehungsweise Irenes ausgesprochene F\u00e4higkeit, sich ihren Umst\u00e4nden gen\u00fcgsam hinzugeben. Irene wirkt in der Situation fast unbeteiligt, da sie ihren eigenen Bed\u00fcrfnissen keinen Raum gibt. Andererseits wird es der Komplexit\u00e4t der Figur nicht gerecht, diese Passivit\u00e4t als reine F\u00fcgung in ihre untergeordnete hierarchische Position zu verstehen. Stattdessen kann ihre Haltung auch als eine bewusste Gleichg\u00fcltigkeit gelesen werden, die tats\u00e4chlich Einfluss auf ihre Umgebung aus\u00fcbt. Irene geht zwar scheinbar willk\u00fcrlich eine Beziehung zu Stefan ein, jedoch vermeidet sie dadurch auch eine emotionale Abh\u00e4ngigkeit und erh\u00e4lt ihre Freiheit und Selbstbestimmung aufrecht. \u00c4hnlich entwickelt es sich wider Erwarten auch in Bezug auf Franz. Einerseits scheint Irene eine emotional engere Verbindung zu Franz zu haben, da seine Abwesenheit schmerzhaft f\u00fcr sie ist. Andererseits f\u00fchrt das Zusammensein mit Franz letztlich nicht zu der erwarteten Erf\u00fcllung:&nbsp;\u00bbOffensichtlich, hatte Franz gesagt, wolltest du mehr. Du wolltest Sehnsucht, denn du hattest deine. Jetzt bist du hier. Und ich bin da, in diesem Zimmer. Und deine Sehnsucht ist die gleiche, als ob du nicht hier w\u00e4rst und ich nicht da.\u00ab<a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_edn39\"><sup>[39]<\/sup><\/a>&nbsp;Damit wird suggeriert, dass f\u00fcr Irene weniger Franz selbst von gro\u00dfer Bedeutung ist, als die Projektionsfl\u00e4che, die er ihr bietet. Dem Sehnen nach Franz liegt scheinbar eine tiefere Sehnsucht zugrunde, die die Anwesenheit von Franz nicht stillen kann. Vermutlich geht der Sehnsucht ein Gef\u00fchl der Unvollkommenheit voraus, das durch ihre doppelt marginalisierte Position (als Migrantin und als Frau unter M\u00e4nnern) zu erkl\u00e4ren ist. Wenn die Gegenwart keine Erf\u00fcllung der eigenen Bed\u00fcrfnisse erm\u00f6glicht, bleibt die Sehnsucht als Ausweg. Dass diese Sehnsucht zun\u00e4chst auf einen Mann projiziert wird, ist nur ein weiterer Ausdruck patriarchaler Zust\u00e4nde.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zudem l\u00e4sst Irenes Verhalten Tendenzen einer sexuellen Unterw\u00fcrfigkeit erkennen. Daf\u00fcr spricht eine Gewohnheit, der sie in Rum\u00e4nien nachgeht: Auf ihren Spazierg\u00e4ngen an der erdrutschgef\u00e4hrdeten Steilk\u00fcste sucht sie stets die Begegnung mit dem gleichen fremden Mann. W\u00e4hrend der Mann sich zu Irenes Anblick selbst befriedigt, verweilt Irene bewusst in der Situation. Diese verst\u00f6rende Handlung ist ein weiteres Beispiel f\u00fcr die patriarchalen Dynamiken, die Irene umgeben und mit denen sie ihren ganz eigenen Umgang findet. Auch an dieser Stelle k\u00f6nnte ihr Verhalten als eine extreme Passivit\u00e4t gedeutet werden. Allerdings findet in der Situation eine Art der Selbsterm\u00e4chtigung statt. Indem Irene immer wieder bewusst den Kontakt sucht, ergreift sie die Kontrolle \u00fcber die Situation zur\u00fcck. Das Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis wird dadurch umgedreht, dass sie den fremden Mann jeden Abend auf sich warten l\u00e4sst. Das subversive Potential dieser Handlung ist fraglich, da sich Irene nichtsdestotrotz zum Objekt der Begierde degradieren l\u00e4sst. Allerdings l\u00e4sst ihr Umgang damit einen gewissen Willen zur Umdeutung der Verh\u00e4ltnisse erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Irenes Verhalten, insbesondere ihre zwischenmenschlichen Interaktionen, sind also eindeutig durch die Handlungsspielr\u00e4ume determiniert, die ihr zugesprochen werden. Gleichzeitig ist ihr Verhalten automatisch als Positionierung zu diesem System der Machtverteilung zu verstehen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr Changieren zwischen Passivit\u00e4t und Selbsterm\u00e4chtigung stellt dabei keinen Widerspruch dar, sondern ein Symptom ihrer Unterdr\u00fcckung.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im Hinblick auf&nbsp;<em>Das Lachen der Medusa<\/em>&nbsp;kann Irene als eine jener Frauen verstanden werden, die Cixous zum Schreiben und zum Bruch mit ihrem Schweigen auffordert. Die von Cixous thematisierte weltstrukturierende, m\u00e4nnliche Dominanz spiegelt sich auch in Irenes Lebensrealit\u00e4t und ihrer Art zu lieben wider. Irenes Liebe ist eine sehr&nbsp;<em>gebende<\/em>, was Cixous als zentrale Beschaffenheit \u203aweiblicher Liebe\u2039 proklamiert. Irenes subtile Versuche der Untergrabung der m\u00e4nnlichen Dominanz k\u00f6nnen deshalb als \u203aweibliche\u2039 Dekonstruktion gedeutet werden, da Irenes Verhalten unmittelbar an ihre&nbsp;<em>gesellschaftlich konstruierte<\/em>&nbsp;Weiblichkeit gebunden ist. Inwieweit Cixous Irenes Verhalten als gelungene \u00dcberwindung patriarchaler Machtverh\u00e4ltnisse einordnen w\u00fcrde, bleibt jedoch fraglich. Irenes Wahrnehmung scheint sich weiterhin um m\u00e4nnliche Zentren zu drehen und ihr Verhalten kann eher als reaktiv denn als proaktiv eingestuft werden. Dennoch manifestiert sich auf inhaltlicher Ebene in der Figur Irene ein Aspekt Weiblichen Schreibens in der Erz\u00e4hlung von Herta M\u00fcller. Gleichzeitig sind vor allem auf der sprachlichen Ebene dekonstruktive Tendenzen zu erkennen, die eine solche \u00dcbertragung untermauern.<\/p>\n\n\n\n<h4>Fazit<\/h4>\n\n\n\n<p>Ein abschlie\u00dfendes Urteil dar\u00fcber, inwiefern sich die Texte&nbsp;<em>Reisende auf einem Bein<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>Das Lachen der Medusa<\/em>&nbsp;durch eine gegenseitige Perspektivierung bereichern k\u00f6nnen, funktioniert nur unter Ber\u00fccksichtigung der Komplexit\u00e4t des Vorhabens. An dieser Stelle sollen daher auch Aspekte erw\u00e4hnt werden, die einer Deutung von&nbsp;<em>Reisende auf einem Bein<\/em>als Ausdruck eines Weiblichen Schreibens sowohl auf extra- als auch intradiegetischer Ebene widersprechen. Besonders auff\u00e4llig ist, dass sich die Texte stark in ihrem sprachlichen Stil unterscheiden. W\u00e4hrend Cixous einen leidenschaftlich dynamischen Ton anschl\u00e4gt und einen \u00bb\u203a\u00dcberfluss\u2039&nbsp;an Sprache\u00ab<a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_edn40\"><sup>[40]<\/sup><\/a>&nbsp;produziert, wirkt M\u00fcllers Sprache hingegen eher sparsam und reduziert. Ihre Wirkung entfaltet sich vor allem durch ungew\u00f6hnliche sprachliche Bilder, die eine starke Eindringlichkeit besitzen.&nbsp;Zwar besteht Cixous nicht auf einen einheitlichen Weiblichen Schreibstil, allerdings gibt sie mit ihrem Essay ein prominentes Beispiel f\u00fcr eine Art zu schreiben vor. Ihr Text stellt sprachlich das zur Schau, was er inhaltlich verlangt und kann daher als Orientierung f\u00fcr weiteres Weibliches Schreiben dienen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In Bezug auf die Figurengestaltung der Protagonistin Irene ergibt sich ein ambivalenteres Verh\u00e4ltnis zur&nbsp;<em>\u00c9criture f\u00e9minine<\/em>. Irenes Passivit\u00e4t und Unterw\u00fcrfigkeit scheinen den Forderungen Cixous&#8216; zun\u00e4chst zu widersprechen. Gleichzeitig er\u00f6ffnet sich jedoch die M\u00f6glichkeit einer dekonstruktiven Lesart ihres Verhaltens, das als subversiver Akt der Unterwanderung patriarchaler Strukturen interpretiert werden kann. So l\u00e4sst sich Irenes scheinbar passive Haltung auch als emanzipatorischer Umgang mit m\u00e4nnlicher Dominanz verstehen \u2013 als bewusste Abgrenzung von den Erwartungen, die an&nbsp;ihre Rolle als immigrierte Frau gestellt werden. In diesem Sinne wird ihr Verhalten zu einer Form der Ablehnung&nbsp;<em>phallogozentristischer&nbsp;<\/em>Verh\u00e4ltnisse. Damit bietet M\u00fcllers Text durchaus intradiegetische Ankn\u00fcpfungspunkte, die eine Auslegung im Sinne eines Weiblichen Schreibens nach Cixous valide machen.&nbsp;Die extradiegetischen Parameter der Erz\u00e4hlstruktur und Erz\u00e4hlposition f\u00fcgen sich stimmig in dieses Bild ein und verst\u00e4rken den Eindruck. Zwar bilden sie keine Voraussetzung f\u00fcr eine Lesart im Sinne der&nbsp;<em>\u00c9criture f\u00e9minine<\/em>, doch r\u00fccken die Texte dadurch gewisserma\u00dfen n\u00e4her zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr eine produktive Auseinandersetzung mit Cixous&#8216; Essay gilt es, eine&nbsp;biologistische Auslegung zu vermeiden, die patriarchale Machtverh\u00e4ltnisse reproduziert und nicht-bin\u00e4re Geschlechtsidentit\u00e4ten durch Auslassung diskriminiert. Eine zeitgem\u00e4\u00dfe \u00dcbertragung auf andere Texte kann dann erfolgen, wenn der Fokus auf der fruchtbaren Essenz von Cixous&#8216; Forderungen liegt: die Selbsterm\u00e4chtigung unterdr\u00fcckter Gruppen, das Erkennen und Zerschlagen patriarchaler Strukturen, der unmittelbare Zusammenhang von Sprache und Wirklichkeit. Die Verbindung mit M\u00fcllers Erz\u00e4hlung er\u00f6ffnet genau diesen Blick auf zentrale Themen bei Cixous und demonstriert, wie eine solche Perspektive die Lekt\u00fcre anderer Texte bereichern kann. Gleichzeitig bietet auch der umgekehrte Blick \u2013 von M\u00fcller auf Cixous \u2013 wertvolle Erkenntnisse. So demonstriert M\u00fcller mit&nbsp;<em>Reisende auf einem Bein<\/em>&nbsp;eine M\u00f6glichkeit, einen subversiven Umgang mit Sprache auf einen prosaischen Text zu \u00fcbertragen, wodurch sich Potentiale der Verschiebungen von normativen Setzungen und Weltbildern er\u00f6ffnen.&nbsp;<em>Das Lachen der Medusa<\/em>&nbsp;gewinnt zudem in der Konfrontation mit Irenes konkreter Geschichte an lebensweltlicher Plausibilit\u00e4t. Zugleich werden m\u00f6gliche Grenzen von Cixous\u2019 Forderungen offenbart. So ersch\u00f6pft sich Irenes Kampf um Selbsterm\u00e4chtigung nicht allein in ihrer R\u00fcckbesinnung auf eine archaische Weiblichkeit oder M\u00fctterlichkeit, die sie nicht verk\u00f6rpert.&nbsp;F\u00fcr die Figur Irene kann das subversive Potential aus Cixous\u2019 Essay nur eingel\u00f6st werden,&nbsp;wenn es intersektional weitergedacht und u.a. um ihre migrantische Position erg\u00e4nzt wird. Die von Cixous entworfene bin\u00e4re Opposition von&nbsp;<em>M\u00e4nnlich vs. Weiblich<\/em>&nbsp;kann dabei als Ausdruck des wirklichkeitskonstituierenden Potentials von Schrift und Sprache verstanden werden.&nbsp;In diesem Sinne tr\u00e4gt&nbsp;<em>Das Lachen der Medusa<\/em>&nbsp;die \u00dcberwindung seiner eigenen Grenzen bereits in sich. In der von Cixous formulierten Dichotomie ist gleichzeitig deren Aufl\u00f6sung enthalten, die z.B. in Texten wie&nbsp;<em>Reisende auf einem Bein<\/em>&nbsp;und in Figuren wie Irene eingel\u00f6st werden kann.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator is-style-dots\" \/>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-rounded\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zeitschriftstudentischerbeitraege2025\/files\/2025\/12\/photo_2025-12-11-13.04.48-1.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-625\" width=\"249\" height=\"375\" srcset=\"https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zeitschriftstudentischerbeitraege2025\/files\/2025\/12\/photo_2025-12-11-13.04.48-1.jpeg 498w, https:\/\/blogs.urz.uni-halle.de\/zeitschriftstudentischerbeitraege2025\/files\/2025\/12\/photo_2025-12-11-13.04.48-1-199x300.jpeg 199w\" sizes=\"(max-width: 249px) 100vw, 249px\" \/><figcaption><strong><span class=\"has-inline-color has-primary-color\"> Klara Prautzsch<\/span><\/strong><\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator is-style-dots\" \/>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_ednref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a>Herta M\u00fcller,&nbsp;<em>Reisende auf einem Bein<\/em>, Hamburg 1995, 112.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_ednref2\"><sup>[2]<\/sup><\/a>Im Rahmen dieser Arbeit wird die Schreibweise \u00bbWeibliches Schreiben\u00ab verwendet, um die Konstruiertheit des Konzepts von Weiblichkeit zu verdeutlichen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_ednref3\"><sup>[3]<\/sup><\/a>Vgl. Johanna Bossinade,&nbsp;<em>Poststrukturalistische Literaturtheorie<\/em>, Stuttgart 2000, 7 ff.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_ednref4\"><sup>[4]<\/sup><\/a>Vgl. Lena Lindhoff,&nbsp;<em>Einf\u00fchrung in die feministische Literaturtheorie<\/em>, Stuttgart 2003, 113 ff.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_ednref5\"><sup>[5]<\/sup><\/a>H\u00e9l\u00e8ne Cixous,&nbsp;<em>Das Lachen der Medusa<\/em>, in: Esther Hutfless u. a.,&nbsp;<em>H\u00e9l\u00e8ne Cixous. Das Lachen der Medusa zusammen mit aktuellen Beitr\u00e4gen<\/em>, Wien: 2013, 55, Schreibweise \u00fcbernommen.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_ednref6\"><sup>[6]<\/sup><\/a>Ebd., 41.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_ednref7\"><sup>[7]<\/sup><\/a>Vgl. ebd., 39 ff.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_ednref8\"><sup>[8]<\/sup><\/a>Vgl.&nbsp;ebd., 50.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_ednref9\"><sup>[9]<\/sup><\/a>Vgl. Lindhoff,&nbsp;<em>Einf\u00fchrung in die feministische Literaturtheorie<\/em>,&nbsp;90 ff.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_ednref10\"><sup>[10]<\/sup><\/a>Vgl. Cixous,&nbsp;<em>Das Lachen der Medusa<\/em>, 47.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_ednref11\"><sup>[11]<\/sup><\/a>Ebd., 55.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_ednref12\"><sup>[12]<\/sup><\/a>Vgl. ebd., 44.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_ednref13\"><sup>[13]<\/sup><\/a>Vgl. ebd., 52.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_ednref14\"><sup>[14]<\/sup><\/a>Lindhoff,&nbsp;<em>Einf\u00fchrung in die feministische Literaturtheorie<\/em>, 115.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_ednref15\"><sup>[15]<\/sup><\/a>Ebd.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_ednref16\"><sup>[16]<\/sup><\/a>Vgl. Cixous,&nbsp;<em>Das Lachen der Medusa<\/em>, 54 ff.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_ednref17\"><sup>[17]<\/sup><\/a>Ebd., 59, Schreibweise \u00fcbernommen.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_ednref18\"><sup>[18]<\/sup><\/a>H\u00e9l\u00e8ne Cixous,&nbsp;<em>Die unendliche Zirkulation des Begehrens<\/em>, Berlin 1977, 8.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_ednref19\"><sup>[19]<\/sup><\/a>Cixous,&nbsp;<em>Das Lachen der Medusa<\/em>, 39.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_ednref20\"><sup>[20]<\/sup><\/a>Vgl. ebd., 39 f.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_ednref21\"><sup>[21]<\/sup><\/a>Ebd., 46.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_ednref22\"><sup>[22]<\/sup><\/a>Vgl. ebd., 46 f.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_ednref23\"><sup>[23]<\/sup><\/a>Ebd., 57.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_ednref24\"><sup>[24]<\/sup><\/a>Ebd., 43.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_ednref25\"><sup>[25]<\/sup><\/a>Cixous,&nbsp;<em>Die unendliche Zirkulation des Begehrens<\/em>,&nbsp;8.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_ednref26\"><sup>[26]<\/sup><\/a>Cixous,&nbsp;<em>Das Lachen der Medusa<\/em>, 43.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_ednref27\"><sup>[27]<\/sup><\/a>Vgl. ebd.,&nbsp;52.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_ednref28\"><sup>[28]<\/sup><\/a>Vgl. ebd., 53.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_ednref29\"><sup>[29]<\/sup><\/a>Vgl. ebd., 47.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_ednref30\"><sup>[30]<\/sup><\/a>Ebd., 47.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_ednref31\"><sup>[31]<\/sup><\/a><em>Bibliographische Notiz<\/em>, https:\/\/www.nobelprize.org\/prizes\/literature\/2009\/8543-biobibliographische-notiz-2009\/ [Letzter Zugriff 18.03.2025].<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_ednref32\"><sup>[32]<\/sup><\/a>Cixous,&nbsp;<em>Das Lachen der Medusa<\/em>, 45.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_ednref33\"><sup>[33]<\/sup><\/a>Vgl. ebd., 44.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_ednref34\"><sup>[34]<\/sup><\/a>M\u00fcller,&nbsp;<em>Reisende auf einem Bein<\/em>, 122.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_ednref35\"><sup>[35]<\/sup><\/a>Vgl.&nbsp;Cixous,&nbsp;<em>Das Lachen der Medusa<\/em>,&nbsp;44.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_ednref36\"><sup>[36]<\/sup><\/a>Lindhoff,&nbsp;<em>Einf\u00fchrung in die feministische Literaturtheorie<\/em>,&nbsp;115.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_ednref37\"><sup>[37]<\/sup><\/a>M\u00fcller,&nbsp;<em>Reisende auf einem Bein<\/em>, 32.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_ednref38\"><sup>[38]<\/sup><\/a>Ebd., 116.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_ednref39\"><sup>[39]<\/sup><\/a>Ebd., 142.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"\/\/7A58F25A-71D6-441F-8384-2E12AAA8DBA0#_ednref40\"><sup>[40]<\/sup><\/a>Lindhoff,&nbsp;<em>Einf\u00fchrung in die feministische Literaturtheorie<\/em>,&nbsp;115.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weiblichkeit als Subversion bei H\u00e9l\u00e8ne Cixous und Herta M\u00fcller klara prautzsch Und noch etwas sp\u00fcrte Irene: Da\u00df sie in irgendeinem Augenblick, der entscheidend gewesen sein musste, alles vers\u00e4umt hatte. Irene wusste nicht, wann dieser Augenblick gewesen sein konnte und wie sie ihn h\u00e4tte erkennen sollen. 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